Blog Café Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, David Blum, Backstein, Leipzig

David Blum | Backstein, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: David Blum, Auszug aus dem Jugendroman „Kollektorgang“ (Beltz & Gelberg, 2023). Erscheint am 08.03.2023!

 

Viele Geschichten beginnen mit einem Haus, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, ich weiß. Nichts dergleichen findet man bei mir. Ich wuchs auf in einem dieser Viertel, die an die Stadtkerne geklebt wurden. Ein Wohnkomplex nennt es Hoffmann, viele würden es wohl als ein Neubaugebiet oder schlicht als Platte bezeichnen. Aber für mich waren es immer nur die Blöcke. Mein Leben, das waren diese Blöcke. Oder besser gesagt: der Hof, der von ihnen umgeben war. Zehn steinerne Stufen führten hinauf zu den Hauseingängen, und wenn wir über jemanden sprachen, dann sagten wir stets seine Nummer dazu, Rajko aus der Vier kommt nachher noch runter, Stefan aus der Drei ist im Urlaub und so weiter. Spät ging die Sonne auf im Hof hinter den Blöcken und früh ging sie unter. Es gab nichts weiter als Wäschestangen, eine Schaukel und den langweiligsten Sandkasten, den man sich vorstellen kann. Und trotzdem waren wir immer dort, immer nur dort.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich? 
David Blum: Erkenntnis. Unterhaltung. Verwirrung. Reihenfolge egal, im besten Fall alles gleichzeitig.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DB: Als Reiseführerautor habe ich viel darüber nachgedacht, was Cafés überhaupt für eine gesellschaftliche Bedeutung haben. Eigentlich sind sie die Nutznießer der notorischen Ungastlichkeit der Großstädte. Oft ja auch die einzige Möglichkeit, sich in einer Innenstadt irgendwo hinzusetzen.

Warum hast du das Backstein ausgewählt?
DB: Weil es kein Café ist, sondern ein Backwarenverkauf unter freiem Himmel. Man kann mit den Kindern hingehen, ohne dass es eine Rolle spielt, dass sie mit dabei sind.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
DB: Arbeiten. Lesen. Schreiben. Bei den Kindern sein. Hoffentlich nicht alles gleichzeitig.

 

BIO

David Blum, geboren 1983 in Potsdam. Studium der Germanistik und Medienwissenschaft sowie Masterstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Neben literarischen Texten schreibt er auch Reiseführer (Reise Know-How, E. A. Seemann) und Gebrauchstexte (Zweitausendeins). Mitherausgeber other-writers.de, ein Blog über Autor*innenschaft und Elternschaft. 2023 erscheint der Jugendroman „Kollektorgang“, der mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde.

Blog Café Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Marcus Klugmann, Café Das Kapital, Leipzig

Marcus Klugmann | Café Das Kapital, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Marcus Klugmann

 

Da die Eltern meiner damaligen Freundin eher Cafés mit uniformiertem Mobiliar und ebensolcher Musik bevorzugten, fühlte ich mich ein wenig als Gastgeber (der seine Gäste am Ende zahlen lässt). Auch wenn ich nicht der Smalltalktyp war, versuchte ich mich doch als Eisbrecher. Ich erzählte, dass ich in letzter Zeit jeden Tag an diesem Tisch da hinten säße, schriebe und läse, wie hübsch das sei im Kerzenschein, wenn es ein bisschen flackert auf der Seite, die vor einem liegt, wie man sich in einer Art wohliger Blase befinde, behütet vom Kegel des Kerzenlichts, abgeschirmt von allem vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Übel der Welt und den übrigen Gästen, und doch genährt von der hoffnungsspendenden wattehaften Plazenta ihres Gemurmels …
Jetzt habe ich mich wohl etwas hinreißen lassen, Verzeihung, der genaue Wortlaut war das sicher nicht. Ich schloss meine kleinen Ausführungen aber jedenfalls folgendermaßen: Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre Peter Altenberg in Wien vor hundert Jahren. Das war ein Schriftsteller, der hat quasi im Café gewohnt. Der sitzt jetzt noch als Statue an seinem Stammplatz. Vielleicht setzen sie hier ja auch irgendwann eine von mir, wie ich mich bucklig über meine Manuskripte beuge, an den Tisch dort in der Ecke. Hehe.
Man sollte nicht versuchen das Eis zu brechen, auf dem man sich noch einen Abend lang bewegen muss. Ich hatte eh schon immer das Gefühl, die Eltern meiner damaligen Freundin wünschten sich eher einen pragmatischer veranlagten Mann für ihre Tochter als mich. Um so unverständlicher, dass ich glaubte, mit folgendem Satz ans bescheidenere und damit vermeintlich sicherere Ufer zurückzurudern: Naja, viel hat er ja nicht verdient mit seiner Kunst, er musste sich seinen Einspänner (das ist ein Espresso mit Schlagsahne – sehr beliebt in Wiener Kaffeehäusern) ständig erschnorren. (Genau genommen – erfuhr ich beim Überarbeiten dieses Essays – gibt es gar keine Statue an Altenbergs Stammtisch. Was es gibt, ist eine wächserne Puppe, direkt am Eingang, eigentlich alles andere als schmeichelhaft.)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Marcus Klugmann: Zum Glück und leider so ziemlich alles. Keine Sekunde am Tag, in der ich nicht an sie denke zumindest.
Zum Glück, weil ich lange nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen will, weil ich immer bedauert hab, dass ich für nichts brenne, und immer die bewunderte, die voller Leidenschaft für etwas leben.
Und dann leider, weil ich nichts anderes mehr will und kann, ich bin für alles unbrauchbar, das sage ich ganz unkokett, und das ist ziemlich hinderlich im Alltag (sehr, nicht ziemlich). Ich meine: Ich könnte mich doch jetzt, wo wir einen Garten haben, für Anbau und Pflege der Pflanzen interessieren oder wenigstens das Häuschen reparieren wollen, das da steht, im Schrebergarten. Fällt mir aber schwer.
Ausnahmen bilden meine Kinder und meine Frau, die sind genauso immer anwesend in mir und um mich herum und sollen das auch bitteschön für immer bleiben.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MK: Früher unendlich große, jetzt kaum noch bis gar keine Bedeutung. Früher konnte ich dort lange alleine sitzen, gleichzeitig unter Menschen sein, aber ohne Gefahr angesprochen zu werden. Ich fand es im Grunde von Anfang an ein bisschen peinlich, im Café zu schreiben, ungefähr hundert Jahre zu spät zu der Party, lächerlich. Schaut her, ein Literat! Aber genau das zwang mich, dann auch wirklich zu schreiben. Wenn ich jetzt nicht schreiben würde, dann wäre ich mir vor mir selber ganz unrettbar peinlich. Zu Hause war ich zu sehr abgelenkt von Internet und Ruhe, Müdigkeit, das Bett lockt. Seit Corona, d. h. geschlossenen Cafés, später verkürzten Öffnungszeiten, hab ich mich daran gewöhnt, hier am Esstisch zu sitzen, na ja, fast, fast (das Internet ist immer noch zu groß: PROKRASTINATION!). Außerdem: Geldgründe.

Warum hast du das Café Kapital ausgewählt?
MK: Die Musik dort nervt nicht, die Bedienungen sind mir nicht unsympathisch, ich muss nicht dauernd was bestellen … und dann wollte ich das Café zeigen, in dem ich immer saß, in dem ich auch den Großteil meines Romans schrieb, der hoffentlich bald erscheinen wird. Ist ja auch fotogen, das Kapital.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MK: Schreiben, lektorieren, die Kinder in die Kita fahren/abholen, essen, trinken, Windeln wechseln, lesen, Youtube gucken, vorlesen, Katze streicheln – so was halt.

 

BIO

Geboren 1981 in Halle, Germanistikstudium in Halle, dann am DLL in Leipzig, dann Hochzeit, zwei Kinder, noch selbständig als Lektor und Schriftsteller, bald erstes Buch.

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Linn Penelope Micklitz, Café Kater, Leipzig

Linn Penelope Micklitz | Café Kater, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Linn Penelope Micklitz, Auszug aus dem Buch „Abraum, schilfern“

 

1740: Sidonia von Hedwig Zäunemann ist gerade aufgewacht und fühlt sich schon außerhalb ihres Körpers, als hätte dieser Körper nichts mehr mit ihr zu schaffen. Eine Müdigkeit, die Trauer gleicht, sammelt sich hinter ihrem Gesicht, sodass die Haut sich wölbt, aufwirft und von ihr wegstrebt. Nichts bringt sie zustande, nur das Schreiben an sich scheint ihr tröstlich. Sie verläuft sich an den Tisch und greift nach dem Briefpapier.
Es ist ja doch so, dass schon das Aussprechen oder Aufschreiben dieses Gefühls des »Nichtfühlen Könnens« eben jenes erträglich macht. Es rutscht sozusagen von den Schultern in den Bauch, was zwar nicht angenehmer ist, ganz im Gegenteil, aber dafür sorgt, dass man weniger einsinkt, und die Ablösung der Haut sich auf das Gesicht beschränkt.
Sidonia spitzt den Stift. Beim Anblick der Späne droht sie kurz die Fassung zu verlieren. Wohin mit solchen Resten. Ihr scheint, dass solche und andere Fragen, die in den letzten Monaten des Öfteren von ihr Besitz ergriffen haben, nicht ihre eigenen sind. Wie sie es auch betrachtet, nichts kann sie finden, nichts, was sie rührt, nichts, was sie betrifft. Bis auf die Reste des Bleistifts, bei denen sie aber nicht begreift, was sie mit ihnen zu schaffen hat.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Linn Penelope Micklitz: Arbeit, Einfachheit, Lebendigkeit.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
LPM: Zeit allein unter Menschen verbringen, Essen ohne aufräumen zu müssen.

Warum hast du das Café Kater ausgewählt?
LPM: Ich mochte die Einrichtung, das Essen und den Kaffee schon immer, vor einem Jahr bin ich dann ganz in die Nähe gezogen und versuche nun ab und an dort Zeit zu verbringen.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
LPM: Ich mache meinen Kaffee selber.

 

BIO

Linn Penelope Micklitz, geboren 1992 im Thüringer Wald, studierte Philosophie und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut, arbeitet als Literaturkritikerin und Autorin in Leipzig. 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Katharina Bendixen, Museumscafé Goetz, Leipzig

Katharina Bendixen | Museumscafé Goetz, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Katharina Bendixen

 

Straßencafé

Früher, wenn ich den Braten oder das Gemüse nicht essen wollte, brachten meine Eltern unseren Esstisch auf die Straße. Es war ein großer Tisch, aus massivem Holz, mit einer zusätzlichen Platte, um ihn zu vergrößern. Gemeinsam trugen meine Eltern den Tisch nach unten, ich trug meinen vollen Teller und einen Stuhl hinterher. Wie eine Kellnerin breitete meine Mutter die Tischdecke über das Holz. Ich musste mich setzen, meine Eltern verschwanden nach oben in die Wohnung. Aus den geöffneten Fenstern hörte ich bald die Stimme des Nachrichtensprechers, später sanfte Filmmusik. Ab und zu tauchte im Fensterrahmen über mir der Kopf meiner Mutter oder meines Vaters auf, und ich griff den Löffel etwas fester, aß aber nicht.
Manchmal kamen Hunde vorbei, und wenn es dunkel genug war, warf ich den Tieren Brotkanten oder Speckränder zu. Das war ein Glück. Das größte Glück aber war es, wenn ein anderes Kind aus der Straße dieselbe Strafe bekommen hatte wie ich. Oft war sein Teller mit einem Gericht gefüllt, das mir schmeckte, und ihm ging es mit meinem Essen ebenso. Mit ein wenig Geschick gelang es uns, über die Straße hinweg die Teller zu tauschen. An solchen Abenden mussten weder das andere Kind noch ich mit hungrigem Magen schlafen gehen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Katharina Bendixen: Sehr vieles – in wenigen Worten vielleicht ein starkes Gefühl der Verbundenheit, das ich in Momenten des Lesens oder (seltener) des Schreibens empfinde.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
KB: Orte der Begegnung, in denen ich mit dem richtigen Menschen im richtigen Moment ebenfalls eine große Verbundenheit fühlen kann.

Warum hast du das Museumscafé Goetz im Unikatum Kindermuseum ausgewählt?
KB: Weil es in Leipzig einer der extrem wenigen öffentlichen Orte ist, an denen über die Anwesenheit von Kindern nicht die Augen verdreht werden. Weil es in der perfekten Sonntagnachmittag-Laufrad-Tour-Entfernung von unserer Wohnung liegt. Weil es dort Kinderbücher, Spielzeug und jede Menge Spiele gibt. Weil Kaffee, Kuchen und Kekse lecker sind. Und weil niemand ein Problem damit hat, wenn die Saftschorle umkippt.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
KB: Schreiben, lesen. Kochen, Brot backen, Kuchen backen. Podcasts hören. Kinder irgendwohin bringen oder von irgendwo abholen. Mit den Kindern zum See radeln und hoffen, dass sie ein paar Minuten zu zweit und ohne Streit im flachen Wasser spielen. Wenn das nicht klappt (also so gut wie immer), mich zu ihnen ins Wasser setzen und mitspielen, bis wir nicht mehr können vor Lachen.

 

BIO

Katharina Bendixen, *1981 in Leipzig, schreibt Bücher für Kinder (Loewe), Jugendliche (Mixtvision) und Erwachsene (poetenladen). Ihre Texte erhielten zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. den Kranichsteiner Literaturförderpreis (2014), das Heinrich-Heine-Stipendium (2017) und ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds (2020/21). Zuletzt erschien der Jugendroman „Taras Augen“ (2022), der mit dem Lesekompass der Leipziger Buchmesse und dem Klima-Buchtipp der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet wurde. Auf dem Blog Other Writers Need to Concentrate (www.other-writers.de) setzt sie sich für eine bessere Vereinbarkeit von Schreiben und Care-Arbeit und einen familienfreundlichen Literaturbetrieb ein. Sie ist Vorstandsmitglied des Sächsischen Literaturrats e.V. und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Kaśka Bryla, Obenauf Kaffeemanufaktur, Leipzig

Kaśka Bryla | Obenauf Kaffeemanufaktur, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Kaśka Bryla, Auszug aus „Die Eistaucher“ (erscheint im März 2022 im Residenz Verlag)

 

Es war ein altes Kaffeehaus, das von Kristalllustern und Tischlämpchen erhellt wurde. Untertags drang durch drei Fensterfronten Sonnenlicht hinein. Vereinzelt hingen an den Wänden Schwarz-Weiß-Fotografien berühmter Schriftstellerinnen, Komponistinnen, auch das Foto einer Dirigentin hatte Iga eines Tages entdeckt. Cremeweiße Wände, pastellgrüne Sofa-Überzüge und ein Parkettboden schufen eine Atmosphäre, die sich für Geschäftsessen, Verabredungen ebenso wie für das Lesen von Zeitungen und Büchern eignete. Letzteres war Igas Hauptbeschäftigung, wenn sie ihre Vormittage hier verbrachte. Die Kellnerinnen und Kellner kannten sie und ließen sie stundenlang bei einem kleinen Espresso einen der beliebten Fenstertische für vier Personen belegen, auf dem sie Mathematikbücher und Notizhefte ausbreitete, um gelegentlich einen Rechengang aufzuschreiben, aber die meiste Zeit aus dem Fenster zu sehen. Niemand fragte sie je, ob sie nicht in der Schule oder an einer Lehrstelle sein sollte.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Kaśka Bryla: Erkenntnis, Genuss, Rückzug, Debatte, Alles.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
KB: Cafés sind für mich Orte des Austausches und des Alleinseins gleichsam. Sie begleiten mich seit ich 13 Jahre alt bin. Egal wo ich gelebt habe.

Warum hast du die Obenauf Kaffeemanufaktur ausgewählt?
KB: Weil es ein junges Café ist, an dem etwas ausprobiert wird. So wie für mich auch Leipzig eine Stadt ist, in der stets Ungewöhnliches stattfindet. Weil es dafür Platz gibt.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
KB: Nichts anderes. Mich austauschen oder allein sein.

 

BIO

Kaśka Bryla in Wien geboren, zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor*innennetzwerk „PS – Politisch Schreiben“ mitbegründete und seitdem Teil der Redaktion ist.
Sie erhielt 2013 das STARTStipendium und 2018 den Exil-Preis für Prosa. 2020 erschien ihr Debütroman „Roter Affe“. 2021 wurde ihr Theaterstück „Das Verkommene Land“ in Leipzig uraufgeführt. Im März 2022 erscheint ihr zweiter Roman „Die Eistaucher“ im Residenz Verlag.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Linda Achberger, Café Puschkin, Leipzig

Linda Achberger | Café Puschkin, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Linda Achberger

 

shorebird

hier riecht es nach salz, nach kleinen tieren in roten panzern und muscheln, die an felsen kleben, als wurden sie sich an etwas halten wollen. auf klippen legen vögel eier, klein und grau. Ich halte den tag, als würde er bald brechen, ich halte ihn behutsam wie feuchte forellen am marktstand, zitternde kiemen, offene münder. abends schneidest du mit dem messer die kleinen augen aus den fischen, hältst sie mir mit offener hand hin. sie schimmern.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Linda Achberger: Literatur ist für mich Schreiben. Und Schreiben ist ein einziges Scheitern. Ein Versuch, ein Fallen, stetig, immer. Es ist ein Wollknäuel, das ich zu entwirren versuche, Faden für Faden, Bild für Bild, Wort für Wort. Literatur ist nur eine Annäherung an die Wirklichkeit – oder zumindest an das, was wir unter der Wirklichkeit verstehen. Literatur ist also immer auch eine Lüge. Eine kleine Lüge, mit der ich mich meiner Wirklichkeit anzunähern versuche.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
LA: Ein essentieller Teil des Erzählens ist für mich Beobachtung. Gerne sitze ich stumm da und beobachte. Es sind Momente, kurze Bilder, Gesichtsausdrücke, die sich bei mir einschreiben und fortschreiben. Cafés bieten das für mich – eine Fläche, auf der ich stumm sein und beobachten kann.

Warum hast du Café Puschkin ausgewählt?
LA: Die Atmosphäre des Café Puschkins ist es, die mich fasziniert. Sie ist warm & dunkel und es schwingt eine Nostalgie mit, die von alten Zeiten und Erinnerungen erzählt. Außerdem war das Café Puschkin das erste Café, in dem ich in Leipzig war. Ich weiß noch, es war kalt und ich verlor einen meiner Pulswärmer. Er war aus dunkelroter Wolle.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
LA: Ich spaziere im Auwald und sammle Samen, Eicheln und Hölzer, aus denen ich nur selten etwas bastle.

 

BIO

Linda Achberger, geboren 1992 in Bregenz (AT), Studium der Germanistik und Geografie in Innsbruck. An der Universität Leipzig schloss sie den Master in Germanistik, Schwerpunkt Literaturwissenschaft ab, seit 2015 studiert sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie veröffentlicht in Zeitschrift und Anthologien, zuletzt in Prosser / Szalay (Hg.): „wo warn wir? ach ja: Junge osterreichische Gegenwartslyrik“ (2019). 2018 Erhalt des Startstipendiums für Literatur des Bundeskanzleramt Österreich.