Linda Bühler | Atomic Café, Biel (Schweiz)
Foto: Alain Barbero | Text: Linda Bühler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach
Sie wartet
Auf eine Nachricht?
Das Lächeln des Kellners?
Ihren Matcha?
Die Rückkehr des Frühlings?
Dass der Regen endlich aufhört?
Zwischen Komplizenschaft und Lachanfällen
Warten sie
Das richtige Licht
Damit das Paar nebenan sich aus dem Blickfeld ziehen kann
Dass der schöne Tisch hinten frei wird
Der Matcha ist schon kalt
Aber da vor der Bar wird es sehr schön sein du wirst sehen
Im Vertrauen
Sie tut so, als würde sie noch warten
Er fängt den Moment ein
An diesem Ort so oft besucht
Bekannte Gesichter
Andere neue
Die besten Tische sind besetzt
Im Hintergrund Jazzmusik
Die Diskussionen
Das Wasser, das in der Kaffeemaschine kocht
Nehmen Sie Zucker?
Hier
Werden Projekte geboren
Trennen sich Paare
Man gibt Französischkurse
Das macht sechs Franken fünfzig
Sie schreibt sie korrigiert sie träumt sie flieht
Man spricht Französisch oder Schweizerdeutsch
Oder Spanisch oder
Der Marmor des Tisches ist rissig
Die anderen aus Resopal
Das Alte zum wieder gefragten Vintage geworden
Danke schönen Tag
Ein Lächeln
In ihrer Lieblingsbar
Wartet sie
Interview mit der Autorin
Warum noch Lesen und Schreiben?
Linda Bühler: Mehr denn je hat Lesen und Schreiben einen Sinn für mich in diesen unruhigen Zeiten. Schreiben, um da frei zu bleiben, wo man noch das Recht hat, selbstständig zu denken. Schreiben, um nicht die Hände in den Schoß zu legen, Schreiben, um Ungerechtigkeiten anzuprangern, oder zum Vergnügen. Und Lesen, Lesen um zu entfliehen, um an etwas anderes zu denken. Um sich eine bessere Welt vorzustellen. Meine dreijährige Tochter ist mir ein Vorbild dabei; wenn ich auf sie hören würde, würden wir den ganzen Tag damit verbringen Geschichten zu lesen. Ich finde das schön.
Welche Bedeutung hat das Café für dich?
LB: Es ist ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen kann, so wie hier. Ich habe dort meine Gewohnheiten; das ermöglicht es mir, aus dem Haus und weg von Hausarbeiten oder Verwaltungssachen zu kommen, die meine Kreativität behindern. Cafés bieten eine Auszeit; sich diese Zeit zu nehmen ist ein Luxus, den man nicht jeden Tag hat. Ich beobachte auch gerne Menschen, manchmal höre ich mit einem Ohr zu und fange Gesprächsfetzen auf, die mich verzaubern. Cafés ermöglichen auch eine tolerierte soziale Einsamkeit, die weniger schwierig zu ertragen ist, als wenn man zu Hause bleibt. Und andere Menschen zu sehen, die arbeiten oder so tun als ob, motiviert mich auch zum Schreiben.
BIO
Linda Bühler schloss 2024 ihren Bachelor am Literarischen Institut Biel ab. Ausgefüllt von Mutterschaft und Alltag, erforscht sie mit ihrem Schreiben die generationsübergreifenden Zusammenhänge zwischen Weitergabe und Abstammung – Themen, die ihr sehr am Herzen liegen. Außerdem unterrichtet sie. Allein oder mit AJAR* schreibt sie gerne in Cafés – zu Hause nehmen die Wäsche und das Alltagsleben zu oft überhand.
*AJAR : Association des Jeunes Auteurices Romand-e-s


