Dunia Miralles | Brasserie de la Fontaine, La Chaux-de-Fonds (Schweiz)
Foto: Alain Barbero | Text: Dunia Miralles | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach
Oft verändern die Cafés diejenigen, die sie allzu eifrig besuchen. Ich gehöre zu den Veränderten. Mein erster Roman beginnt übrigens mit einer Bistro-Szene.
Ob man hier von den AA geduldete Getränke oder alkoholisierte Tropfen konsumiert, die Bars, Brasserien und Pubs, sogar die Cafeterias und Tea-Rooms verändern uns, wenn wir uns auf ihren häufig wackeligen Stühlen den Hintern durchscheuern. Das erste Mal, als ich eine Kneipe betrat, ohne dass mich ein Erwachsener begleitete, war ich wohl etwa dreizehn. Es war nach der Schule und ich habe einen «Perroquet» (Pastis mit grünem Minzsirup) getrunken. Na ja, das verändert das Dasein und das Verhältnis zur Welt. Im Laufe der Zeit, nachdem ich gesehen hatte, wie viele Freunde ihr Leben an den Grund eines Glases versenkten, ja darin verloren, kam ich, vom Kneipenstuhl zum Bürostuhl, dazu, ein ganzes Buch zu schreiben, während ich in aller Herrgottsfrühe schon einen mit Mineralwasser begradigten Wodka pichelte.
Gegenwärtig gehe ich selten in ein Café. Zuhause beneble ich mir vor dem Computer nicht mehr die Birne. Dennoch bewahre ich eine gewisse Zärtlichkeit für diese Orte, an denen man zuhören, Menschen treffen, sich austauschen, träumen, erzählen, beobachten, schreiben kann… Die Brasserie de la Fontaine ist der authentische, gesellige Ort, der am nächsten bei der Buchhandlung liegt, die an jedem beliebigen Werktag jedes beliebigen Jahres alle meine literarischen Veröffentlichungen verkauft. Da komme ich nach den Signierstunden hin und manchmal, um etwas Kleines zu essen. Und ja, selbst wenn ich einen Verveine-Orangentee schlürfe, kann ich nur feststellen, dass solche Orte uns verwandeln. Nicht bloss wegen der Flüssigkeiten, die unsere Wahrnehmung verändern, sondern weil man, wenn man genug Zeit dort verbringt, schliesslich seine Seele entblösst oder die von jemand anderem stiehlt. Ob man nun einen Schoppen trinkt oder kalte Milch.
Interview mit der Autorin
Was vermag Literatur?
Dunia Miralles: Ich teile die Literatur in drei Kategorien ein: Jene, die lehrt, jene, die entführt, jene, die einen Spiegel vorhält. Letztere ist Balsam für Menschen, die mit misslichen Situationen konfrontiert sind.
Welche Bedeutung haben die Cafés für dich?
DM: Ohne den beachtlichen Platz, die die Cafés auf meinem Weg ins Erwachsenenleben eingenommen haben, würde ich wohl anders schreiben. Ich verdanke ihnen – zum Teil – meinen literarischen Stil. Gegenwärtig sind sie für mich bloss noch Orte, an denen ich zwischen zwei Verabredungen an der Wärme warte. Dank Bistros im alten Stil, wie die Brasserie de la Fontaine, mit Gästen jeden Alters und aus allen sozialen Milieus, kann man der wachsenden Einsamkeit widerstehen, die die überhandnehmende Digitalisierung mit sich bringt.
Wo fühlst du dich zuhause?
DM: Ich habe melancholische Anwandlungen, die mich aus heiterem Himmel vereinnahmen und daran hindern, mich irgendwo zuhause zu fühlen, egal wo. Doch trotz des Niedergangs der Welt und des Pessimismus, der mir anhaftet, ist es für mich lebenswichtig, Freude zu empfinden, ohne Schuldgefühle zu haben. Die durch depressive Zustände oder Anflüge von Verbitterung hervorgerufene Lähmung hat nicht die Kraft, die Menschheit positiv zu verändern. Im Gegenteil. Es ist wichtig, in Momenten einfachen Glücks neue Kraft zu schöpfen, auch wenn diese flüchtig sind. Man braucht weder einen Guru noch ein Selbsthilfebuch, um das zu schätzen, was uns kostenlos geschenkt wird: ein Stück blauer Himmel, das Zwitschern eines Vogels oder das Lächeln eines Kindes.
BIO
Dunia Miralles lebt in der Schweiz. Im Jahr 2000 hat der Pariser Verlag Editions Baleine ihren ersten Roman veröffentlicht: Swiss Trash. 2015 wird Inertie mit dem Bibliomedia Preis ausgezeichnet. 2023 bringt sie in Le Baiser d’Anubia die Borderline-Persönlichkeitsstörung zur Sprache, und in Le Gouffre du Cafard das Mobbing in der Schule.
Dank eines Stipendiums der Association Neuchâteloise pour la Création Littéraire (ANCL) erscheint 2024 Caravelles du Seyon (Alphil-Verlag). Die Erzählung beleuchtet hoffnungsvoll und hoffnungsfroh die spanische Einwanderung der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Autorin hat zudem an mehreren kollektiven Publikationen mitgewirkt. Website: www.dunia-miralles.info


