Emmanuelle Bayamack-Tam | Le Pacha, Villejuif (Frankreich)
Foto: Alain Barbero | Text: Emmanuelle Bayamack-Tam | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach
In Cafés zu schreiben ist eine besondere Sinneserfahrung, denn jeder Ort besitzt seine sonore Struktur, seine Gerüche und sein eigenes Stimmengewirr, das Geräusch der Kaffeemaschine, Gläser, die aneinanderstoßen, Gespräche an den Tischen drumherum, die Rufe der Wettenden, die das Pferderennen live verfolgen …
In Cafés zu schreiben ist manchmal der beste Weg, um den Puls einer fremden Stadt zu fühlen. Ich komme an, ich richte mich ein mit meinen Heften und meinem Computer. Es gibt Orte, wo man mich offen fragt, was ich da mache, andere, an denen ich mich willkommen fühle, ohne dass irgendetwas gesagt wird. An einem Tag fand ich mich mit Unbekannten singend in einer Bar in Cadiz wieder. Ich war bei einer Luftgitarren-Probe in einem Bistrot in Namur dabei — die Instrumente waren unsichtbar, aber ich habe die Musik dennoch gehört.
In Cafés zu schreiben, das heißt in die Stadt, ins Leben einzutauchen, ohne dabei auf das Alleinsein zu verzichten.
Als ich „Ein Zimmer für mich allein“ wieder las, kam mir der Gedanke, dass ich diesen intimen Raum, den Woolf als Voraussetzung sine qua non für ihr literarisches Schaffen sieht, nicht brauchte, oder genauer, dass ich fähig war, diesen Raum da zu schaffen, wo ich bin.
In Cafés zu schreiben bedeutet draußen zu sein, ohne aufzuhören drinnen zu sein.
Interview mit der Autorin
Wechselst du das Café je nachdem, ob du ein Buch unter dem Namen von Emmanuelle Bayamack-Tam schreibst, oder unter dem von Rebecca Lighieri? Welchen Platz nimmt Le Pacha ein?
Emmanuelle Bayamack-Tam: Ich entscheide schon lange im Vorhinein, ob ein Buch unter meinem richtigen Namen oder unter meinem Pseudonym veröffentlicht wird, da diese Entscheidung die gesamte Arbeit am Text, seine Themen, seine Struktur beeinflusst. Bei Lighieri weiß ich in der Regel, wo ich hin will, die Handlung ist in Szene gesetzt und die großen Wendungen bereits geplant. Bei Bayamack-Tam tritt die Handlung sehr in den Hintergrund und ich arbeite eher auf poetische Weise. Die Energien sind unterschiedlich, auch der Schreibrhythmus. Dennoch schreibe ich in den gleichen Cafés, welcher Text auch immer gerade in Bearbeitung ist. Le Pacha ist das erste Café, in dem ich geschrieben habe, als ich vor 20 Jahren in Villejuif ankam. Natürlich werde ich ihm auch mal untreu, aber ich komme immer wieder zurück. Dies ist auch ein neuralgischer Punkt der Stadt, ein Ort, an dem sich Menschen aus allen Bereichen und Herkunftsländern kreuzen — manchmal sehr kaputte Menschen, die wissen, dass sie hier mit Menschlichkeit empfangen werden.
Kann Literatur noch die Welt retten?
EBT: Wenn die Literatur imstande wäre, die Welt zu retten, wüsste man das seitdem wir Gedichte deklamieren und Geschichten erzählen. Dennoch haben wir Grund, ihr Kräfte zuzuschreiben, denn noch ist sie ein Raum der Freiheit, ja sogar der Überschreitung. Schreiben und Lesen bedeuten zwangsläufig, das Anderssein zu erfahren, und diese Erfahrung ist wertvoll in Zeiten, die zu Intoleranz und ängstlichem Selbstrückzug anleiten, auf das was uns gleicht und in unseren Vorurteilen bestärkt. Als Autorinnen und Autoren haben wir die Möglichkeit und vielleicht sogar die Pflicht, die Randbereiche, die Räume des Widerstands zu erkunden, als auch die Gebiete, die es durch Fiktion, Poesie und Hinterfragen der Sprache zu verteidigen gilt. Anstatt die Welt zu retten, kann Literatur die Gesellschaft aufrütteln, sie zu mehr Bewusstheit und weniger Intoleranz führen. Allerdings darf das Buch kein Nischenprodukt sein, das einer gebildeten und kultivierten Elite vorbehalten ist …
BIO
Emmanuelle Bayamack-Tam wurde 1966 in Marseille geboren. Sie lebt aktuell in Villejuif. Seit 1996 veröffentlicht sie bei POL Romane und Theaterstücke, mal unter ihrem Namen, mal unter ihrem Pseudonym Rebecca Lighieri. Arcadie erhielt 2019 den prix du Livre Inter, und La Treizième Heure 2022 den prix Medicis.


