Ruth Loosli | Coalmine Café, Winterthur (Schweiz)
Foto: Alain Barbero | Text: Ruth Loosli
Café Coalmine Bar
Eine Bücherwand wo früher Kohle lag
Eine Bücherwand wo ein Ich verschwinden kann
In die Geschichten hineinkriechen
nachdem es den Kaffee getrunken
(Kaffee auf dem Handelsweg aus Indien)
Die Farben der Bücher verlocken
zu einem Ausflug in unbekannte Welten
Das Ich ist ein Insekt sucht nach Nektar
Welche Worte bilden Nektar für meine Fühler
(Suhrkamp hat geliefert)
Das Büchergestell ist hoch man bräuchte
eine Leiter es ist langgezogen von einem Ende
des Raumes bis zur Bar wo hantiert wird dem
Milchkaffee ein Muster zugewiesen eine kleine Poesie
(Suhrkamp liefert schon lange nicht mehr)
Doch die Farben der Buchrücken bleiben
Einstweilen verkörpern sie das Einmaleins der Themen
Alles verschiebt sich ein bisschen doch über
Liebe und Tod kommt niemand hinweg
(Das Muster löst sich auf beim zweiten Blick)
Deshalb schreibe und lese ich! dieses Erforschen
und Verschmelzen der Gegenwärtigkeit lässt Trauer
ebenso zu wie die Feier des Lebens an sich es bleibt
ein Geheimnis es bleibt die Liebe es bleibt die Lücke
(da fallen wir ständig hinein; wir bestellen ein Glas Wasser).
Interview mit der Autorin
Wie können wir uns angesichts der gegenwärtigen Weltlage noch gemütlich in ein Café setzen?
Ruth Loosli: Gemütlich ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist ein Forschen, ein Zusammenkommen, ein Austausch. Mit anderen Menschen, Kulturen, Weltansichten. Dabei das universell Verbindende im Auge behalten, den Respekt füreinander.
Warum noch schreiben und lesen?
RL: Den Horizont fortwährend erweitern, auf diese Weise dem Leben zugewandt bleiben.
Ist das Café (oder das Café, das du gewählt hast) eher ein Rückzugsort, ein Ort der Besinnung oder ein Ort der Versammlung?
RL: Eher ein Ort der Versammlung. Es werden viele kulturelle Veranstaltungen durchgeführt.
BIO
Ruth Loosli, geboren 1959 im Seeland in der Schweiz, lebt in Winterthur. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien; erschienen sind Kindergeschichten, ein Roman, ein Kurzgeschichtenband und mehrere Lyrikbände, der letzte, «Ein Reiskorn auf meiner Fingerkuppe», erschienen im Caracol Verlag, erhielt 2023 einen Anerkennungspreis der Stadt Zürich. Schriftbilder entstehen, eines wurde ausgewählt fürs Plakat von «Zürich liest» 2023. In der Galerie Weiertal sind 2026 neue Schriftbilder zu sehen. Das Bilderbuch EIN TAG FÜR UNS erscheint im Baeschlinverlag. www.ruthloosli.ch


