Dejan Gacond | Café L’Antabuse, La Chaux-de-Fonds (Schweiz)
Foto: Alain Barbero | Text: Dejan Gacond | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp
Begegnung
Wir sprachen davon, anders zu leben. Zwangsläufig. Wir waren woanders.
Wir sprachen von Bildern, die sich im Verlauf der Begegnungen verfestigen. Von der Zeit, die bis zum Augenblick eines Fotos verrinnt. Von langsam durchziehenden Ideen. Von der abdriftenden Wirklichkeit.
Wir erinnerten uns an unsere vergangenen Aktivitäten.
Er in den Zügen. Ich, hier, im Café Antabuse.
Erinnerung an den Fluss. Erinnerung an das Fließende.
All die vorbeiziehenden Städte.
All die entfliehenden Leben.
Wir trafen uns in einer Bar ohne Schild, die den Namen eines Medikaments gegen den Alkohol trägt.
In einem Club des Nichts für all jene, die vom großen Ganzen vergessen wurden.
Hier ist das Anderswo… und das Anderswo, das ist der Ort der Utopien, weißt du?
Das Bild ist erstarrt. Der Augenblick ist verdampft.
Interview mit dem Autor
Welchen Stellenwert haben Cafés in deiner Vorstellung als Schriftsteller? Sind sie für dich Orte der Inspiration, des Rückzugs oder der Konfrontation mit der Realität?
Dejan Gacond: Angesichts der Geschwindigkeit der Realität sind Cafés Räume willkommener Langsamkeit. Cafés sind wie Fotografien, die den großen Film der Welt anhalten. Ohne dass sie außerhalb der Realität stünden, sind Cafés beruhigende Inseln. Sie sind gleichermaßen Orte der Inspiration wie des Rückzugs. Sie ermöglichen aufrichtige Begegnungen, vielfältige Horizonte, sich vermengende Ideale. Cafés inspirieren mich. Ich verliere mich in ihnen; sie nähren und tränken mich, auch das muss man sagen. Cafés knüpfen dort wieder an die Magie an, wo sich die Welt in ihrer gewaltsamen Beschleunigung verloren hat. Ich gehe nicht dorthin, um zu schreiben, sondern eher, um meine Arbeit des Tages dort ziehen oder sich auflösen zu lassen.
Das Café „L’Antabuse“ strahlt eine gewisse Marginalität aus, ein wahrer Gegenpol zu einer oft glatt und durchgeplant wirkenden Welt. Erkennst du dich in dieser Form der Dissidenz wieder? Ist dein Schreiben ein Akt des Widerstands gegen zeitgenössische Normen?
DG: Mein Schreiben ist kein Widerstand gegen kulturelle Normen, die in der Tat oft glatt und durchgeplant sind. Ich habe jedoch den Willen, die Literatur aus ihren Komfortzonen herauszuholen, Poesie mit Menschen zu teilen, die ihr von vornherein verschlossen gegenüberstehen. Und ich will die etablierten Codes ein wenig aufmischen. Das Antabuse ist ein Ort voller Außenseiter, voller Menschen, die aus dem sozialen Raster fallen oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Ich finde mich dort auf andere Weise wieder. Oft steckt in der rohen Realität des Antabuse mehr Poesie als in den etablierten Museen. Eine Poesie in Freiheit. Intensiv. Ohne Filter. Zudem sind Orte wie das Antabuse Schauplatz von Ereignissen, die sich keine Fiktion hätte ausmalen können…
Wo fühlst du dich zu Hause?
DG: Überall dort, wo es einem „Anderswo“ gleicht.
BIO
Dejan Gacond lebt und arbeitet in La Chaux-de-Fonds (Schweiz). Das Wort steht im Mittelpunkt all seiner Projekte. Wörter, die in immersiven Installationen geteilt werden, in Büchern, aber auch auf der Bühne, durch Musik- und Theaterprojekte. Seit etwa fünfzehn Jahren konzipiert und realisiert er gemeinsam mit dem New Yorker Künstler Kit Brown die Installationen A Kaleidoscope of nothingness. Dejan ist zudem auf Musikbühnen zu Hause und arbeitet mit zahlreichen Künstlern und Musikern zusammen, darunter die Underground-Ikone Lydia Lunch.


