Schlagwortarchiv für: Brasserie

Dunia Miralles | Brasserie de la Fontaine, La Chaux-de-Fonds (Suisse)

Foto: Alain Barbero | Text: Dunia Miralles | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach

 

Oft verändern die Cafés diejenigen, die sie allzu eifrig besuchen. Ich gehöre zu den Veränderten. Mein erster Roman beginnt übrigens mit einer Bistro-Szene. 

Ob man hier von den AA geduldete Getränke oder alkoholisierte Tropfen konsumiert, die Bars, Brasserien und Pubs, sogar die Cafeterias und Tea-Rooms verändern uns, wenn wir uns auf ihren häufig wackeligen Stühlen den Hintern durchscheuern. Das erste Mal, als ich eine Kneipe betrat, ohne dass mich ein Erwachsener begleitete, war ich wohl etwa dreizehn. Es war nach der Schule und ich habe einen «Perroquet» (Pastis mit grünem Minzsirup) getrunken. Na ja, das verändert das Dasein und das Verhältnis zur Welt. Im Laufe der Zeit, nachdem ich gesehen hatte, wie viele Freunde ihr Leben an den Grund eines Glases versenkten, ja darin verloren, kam ich, vom Kneipenstuhl zum Bürostuhl, dazu, ein ganzes Buch zu schreiben, während ich in aller Herrgottsfrühe schon einen mit Mineralwasser begradigten Wodka pichelte. 

Gegenwärtig gehe ich selten in ein Café. Zuhause beneble ich mir vor dem Computer nicht mehr die Birne. Dennoch bewahre ich eine gewisse Zärtlichkeit für diese Orte, an denen man zuhören, Menschen treffen, sich austauschen, träumen, erzählen, beobachten, schreiben kann… Die Brasserie de la Fontaine ist der authentische, gesellige Ort, der am nächsten bei der Buchhandlung liegt, die an jedem beliebigen Werktag jedes beliebigen Jahres alle meine literarischen Veröffentlichungen verkauft. Da komme ich nach den Signierstunden hin und manchmal, um etwas Kleines zu essen. Und ja, selbst wenn ich einen Verveine-Orangentee schlürfe, kann ich nur feststellen, dass solche Orte uns verwandeln. Nicht bloss wegen der Flüssigkeiten, die unsere Wahrnehmung verändern, sondern weil man, wenn man genug Zeit dort verbringt, schliesslich seine Seele entblösst oder die von jemand anderem stiehlt. Ob man nun einen Schoppen trinkt oder kalte Milch.

 


Interview mit der Autorin

Was vermag Literatur?
Dunia Miralles: Ich teile die Literatur in drei Kategorien ein: Jene, die lehrt, jene, die entführt, jene, die einen Spiegel vorhält. Letztere ist Balsam für Menschen, die mit misslichen Situationen konfrontiert sind. 

Welche Bedeutung haben die Cafés für dich? 
DM: Ohne den beachtlichen Platz, die die Cafés auf meinem Weg ins Erwachsenenleben eingenommen haben, würde ich wohl anders schreiben. Ich verdanke ihnen – zum Teil – meinen literarischen Stil. Gegenwärtig sind sie für mich bloss noch Orte, an denen ich zwischen zwei Verabredungen an der Wärme warte. Dank Bistros im alten Stil, wie die Brasserie de la Fontaine, mit Gästen jeden Alters und aus allen sozialen Milieus, kann man der wachsenden Einsamkeit widerstehen, die die überhandnehmende Digitalisierung mit sich bringt. 

Wo fühlst du dich zuhause?
DM: Ich habe melancholische Anwandlungen, die mich aus heiterem Himmel vereinnahmen und daran hindern, mich irgendwo zuhause zu fühlen, egal wo. Doch trotz des Niedergangs der Welt und des Pessimismus, der mir anhaftet, ist es für mich lebenswichtig, Freude zu empfinden, ohne Schuldgefühle zu haben. Die durch depressive Zustände oder Anflüge von Verbitterung hervorgerufene Lähmung hat nicht die Kraft, die Menschheit positiv zu verändern. Im Gegenteil. Es ist wichtig, in Momenten einfachen Glücks neue Kraft zu schöpfen, auch wenn diese flüchtig sind. Man braucht weder einen Guru noch ein Selbsthilfebuch, um das zu schätzen, was uns kostenlos geschenkt wird: ein Stück blauer Himmel, das Zwitschern eines Vogels oder das Lächeln eines Kindes.

 

BIO

Dunia Miralles lebt in der Schweiz. Im Jahr 2000 hat der Pariser Verlag Editions Baleine ihren ersten Roman veröffentlicht: Swiss Trash. 2015 wird Inertie mit dem Bibliomedia Preis ausgezeichnet. 2023 bringt sie in Le Baiser d’Anubia die Borderline-Persönlichkeitsstörung zur Sprache, und in Le Gouffre du Cafard das Mobbing in der Schule. 
Dank eines Stipendiums der Association Neuchâteloise pour la Création Littéraire (ANCL) erscheint 2024 Caravelles du Seyon (Alphil-Verlag). Die Erzählung beleuchtet hoffnungsvoll und hoffnungsfroh die spanische Einwanderung der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Autorin hat zudem an mehreren kollektiven Publikationen mitgewirkt. Website: www.dunia-miralles.info

Vincent Lisita | L’ Aragon, Pau (Frankreich)

Foto: Alain Barbero | Text: Vincent Lisita | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp

 

Niemand aus meiner Familie hätte es gewagt, die Tür der Brasserie L’Aragon zu öffnen: „zu exklusiv“ – ein Tabu, mit dem ich (auch heute noch) jeden Tag ringe.
Seit 1994 bin ich das einzige konstante Element dieser Brasserie, die sich aus der Ferne mit den Pyrenäen misst: Chefs, Personal, Stammgäste, Einrichtung, alles um mich herum verändert sich immer wieder mal … Aber ich kann nur hier arbeiten, nichts lenkt mich ab, kein Geräusch stört mich. Ich habe keinen festen Tisch, sondern mag eine Zeit lang diesen Platz und dann jenen, wie die Katzen … Nichts, keine Uhr oder Kalender, weder das Kommen noch das Gehen der anderen sagt mir, welchen Tag und welche Uhrzeit wir haben. Ich war der Erste, der einen Laptop mitbrachte – seitdem habe ich Schule gemacht! –, und die neuesten Sitzbänke sind ideal: Ich kann stundenlang schreiben, ohne Nackenschmerzen zu bekommen. Lachen Sie nicht: Das ist ein echtes Thema für Autoren, die sich den 50 Jahren nähern!
Seit langem kommen meine Angehörigen unangemeldet zu mir, und jedes Mal entschuldigen sie sich dafür … dabei sollten sie sich ein für alle Male klar machen, dass sie mich nur dann stören, wenn sie nicht kommen.
Im Aragon habe ich in vollen Zügen sämtliche Intimitäten erlebt, die dreißig Jahre mit sich bringen können … Aber lassen Sie mich an ein goldenes Zeitalter zurückdenken. Als ich Student war, setzte ich mich an einen dieser Tische, die man auf Ihrem Foto erahnen kann, lieber Alain – diese Tische, die vom Boulevard aus nicht zu sehen sind … Dort schrieb ich meinen ersten Roman, unter strengster Geheimhaltung, da meine Eltern glaubten, ich sei in der Vorlesung. Ich hielt mich, relativ gesehen, für den „Jean-Claude Romand des Romans”!
Gestehen muss ich eine gelegentlich Untreue gegenüber meiner Lieblingsbrasserie. Die stellt sich dann ein, wenn ich von meinen Verlegern unter Druck gesetzt werde, mein Manuskript abzugeben, und ich den gesprächigsten Stammgästen entkommen muss …
Dennoch kehre ich immer wieder ins Aragon zurück. 
Zwar habe ich noch nicht mit dem Wirt gesprochen. Aber ich weiß genau, wo meine Urne ihren Platz finden wird!

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur bewirken? 
Vincent Lisita: Wir drängen uns auf einer großen Kugel, die mit voller Geschwindigkeit ins Nichts geschleudert wird … 
Glücklicherweise fördert die Literatur den Austausch von Emotionen und Ideen! Sie reist wie das Licht, und Tausende von Jahren können ihre Sender von ihren Empfängern trennen. Manchmal predigt sie sogar denen, die sich nicht bekehren lassen …
Wird man in unseren Cafés beim nächsten Urknall viel Aufhebens darum machen?

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
VL: Da ich kein richtiges Büro habe, arbeite ich in der größten Brasserie meiner Stadt. Wenn ich auf Reisen bin, bin ich meinen Reisezielen ebenso treu wie den Cafés, die ich dort entdeckt habe: Sa Musclera in Binibeca, Pasticceria Rio Marin in Venedig, Pré aux Clercs in Saint-Germain-des-Prés …
An anderen Orten bin ich zerstreut, in Cafés finde ich wieder zu mir selbst. 

Wo fühlst du dich zu Hause?
VL: Ich werde nicht mehr „in meinem alten Familienhaus” antworten, da ich mich dazu entschließen muss, es zu verkaufen … Ich fühle mich also zu Hause, sobald ich ungestört in mich selbst eintauchen kann. Wenn möglich mit einem langen Kaffee ohne Zucker!

 

BIO

Vincent Lisita wurde 1977 in Pau geboren und ist Kunsthistoriker. 
Seit über dreißig Jahren beschäftigt er sich mit den Denkmälern seiner Heimatstadt und dem Werk und Leben von Charles Trenet.
Seine Schubladen und sein Klavier sind voll mit Romanen, Liedern … oder umgekehrt!

Anicée Willemin | Brasserie Le Cardinal, Neuchâtel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Anicée Willemin | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach

 

Heute habe ich nichts getan. Aber Vieles hat sich in mir getan. Roberto Juarroz

Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Eines Tages im Februar 2024, eines Tages im Januar 2025. Raumzeitliche Verwerfung. Von Neuenburg nach Lausanne, dann zurück nach Neuenburg, ins Café, das ich ganz besonders mag, das *Cardinal*.
Jugendstil, barockes Ambiente, Lileengrün, Grünspangrün, minzgrüne Kacheln, goldkupfergondelnde Blumen, wundersame Landschaften, Vögel – fein ziselierte Kraniche und Pfauen. Eine Grafik, fast wie von Hokusai. 
Sich gut fühlen, sich hier gut fühlen. 
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist. 
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Café Auftakt zur Begegnung, Café Auftakt zu jeder Begegnung. 
Eine imaginierte, unvordenkliche, unbeschreibliche Begegnung. 
Moment der Gnade in sich selbst und ausserhalb von sich selbst.
Frenetische Beobachtung, getrennte Zeit.
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist.
Wenn der Geist da ist, wenn der Geist kommt.
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt 
Moment der Einberufung, Moment in der Schwebe.
Ein Anflug von «Der Himmel über Berlin», das Verlangen nach etwas Hörbarem, etwas Sagbarem, nach etwas, was man schreiben könnte. 
– Dieses Café gefällt mir ganz besonders gut, ich fühle mich von seinem Dekor repräsentiert. –
Anmutige Vögel, Wildblumen, imaginäre Blüten, grazile Sonnenblumen. 
Ich bin ganz durcheinander von all dem Kachelgrün. 
Ein Ort für Tagträumereien. 
Ein von Grün durchwirkter Ort wie eine bezaubernde Apnoe. 
Frenetische Beobachtung, gemeinsame Zeit.
Ich drehe mich um / der Flieder blüht. (Gilbert Trolliet)
Narcissus poeticus
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Wenn der Geist da ist, wenn der Geist kommt. 
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist. 
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Historisches Pastell, wie ein Bonbon von einst – neu belebtes Bonbon. Grün. Grün wie mein Traum.
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt 

Als Begleitung im Hintergrund: La Grâce et la Rencontre von Colette Nys-Mazure, erschienen im Februar 2024 bei Éditions POESIS, in der Reihe Habiter poétiquement le monde. 

 


Interview mit der Autorin

Wie können wir uns angesichts der gegenwärtigen Weltlage noch gemütlich in ein Café setzen? 
Anicée Willemin: Um nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. In einer stillen und/oder lärmenden Dringlichkeit.

Warum noch schreiben und lesen?
AW: Schritt für Schritt dem goldenen Pfeil folgen, dem roten Faden. Demjenigen, den man sich für sich wünscht. Demjenigen, den unsere Schritte sich für sich wünschen. Die Schritte sind ein Gedanke. Die Schritte sind eine Schrift. Die Schritte sind eine Lektüre. Pfeil und Faden. Faden und Schritte. Diejenigen, die man gerne kommen sähe. Diejenigen, von denen man sich wünscht, sie kommen zu sehen. Kommen sehen. Sehen, was kommt. Faden und Pfeil. Schritte und Faden. Kommen sehen. 

Ist das Café (oder das Café, das du gewählt hast) eher ein Rückzugsort, ein Ort der Besinnung oder ein Ort der Versammlung? 
AW: All diese Facetten in verschiedenen Momenten. Manchmal bloß eine davon. Manchmal gerade die andere. Manchmal bloß die dritte. Manchmal noch eine andere. Manchmal all diese Facetten miteinander vermischt, in einer vollständigen Symbiose. Ich mag diese Idee einer aneinander, ineinander gefügten Pluralität, die so ein Ganzes bildet. Und sich erinnert. Und sich erhebt. Sich erhebt angesichts der Ungerechtigkeit der Welt. Der große Aufstand. Rückzug, Besinnung, Sammlung und Versammlung.  – Man kann das Gefühl haben, in sich hineinzusinken und einen Augenblick meditativer Besinnung erleben, während man zugleich in vielfältiger Begleitung ist und sich versammelt, seine eigenen Stücke zusammensammelt. – Das Café ist ein Schritt an sich. Das Café ist Schritte in sich. Und aus sich hinaus.

 

BIO

Anicée Willemin ist a-ni-c. Sie ist und wird, was sie gerade wird. Getragen vom dröhnenden Atem des Absoluten hat sie den Blick vor allem auf poetisch-fragmentierte Räume gerichtet und ihre Musik genährt, während diese sie nährte. Sie kommt aus einem kleinen Juradorf und ist eine frische Vierzigerin, die sich durch Feld und Wiesen tollt und tummelt und ohne Unterlass das Leben ausprobiert, desgleichen das Leben des grünenden Schreibens. Ihr erster Gedichtband, Les balcons étaient comme des roses d’eau entêtantes (Die Balkone waren wie betörend duftende Wasserrosen) ist im März 2023 bei den Editions du Griffon in Neuenburg (Schweiz) erschienen.  

Marius Daniel Popescu | Café Romand, Lausanne

Foto: Alain Barbero | Text: Marius Daniel Popescu | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach 

 

Du bist mehrere hundert Mal hier gewesen. Mit René-Luc, der dir von Gustave Roud erzählte, ihr habt Weißwein aus der Gegend getrunken. Mit Dominique, er erzählte dir von seinen Schülern und seinen Gedichten, ihr habt auf die Gesundheit aller Bewohner der Rue de Maupas angestoßen. Mit Marie-José, Sarah und Oana, ihr habt Fondue moitié-moitié gegessen und ihr seid zusammen größer geworden. Mit Michel und Véronique, ihr habt über Bücher und über das Schreiben gesprochen. Mit Pierre Louis, ihr seid von Zeit zu Zeit bis zur Sperrstunde geblieben. Mit François, da habt ihr über die Jagd gesprochen und Bier getrunken. Mit Jean-Christophe, ihr habt an eine nächste Nummer der Literaturzeitschrift « le persil » gedacht. Mit Daniel und Vincent, ihr habt Gedichte aus dem Alltagsleben aufgesagt. Mit Jean-Louis, genannt «Le Papillon» (der Schmetterling). Mit Béatrice, ihr habt der Welt die Finger und eure Augen gezeigt. Mit Isaac, ihr seid in euren News und Kurzgeschichten geschwommen. Mit Dominique und Véronique, ihr habt über die in einer Gitarre versteckten Worte gelächelt. Mit Victor, ihr habt mit Bob Dylan gelebt. Mit Francine, Ingrid, Robert und seiner Frau, mit Ramon, Philippe und Sergueï. Mit vielen anderen Frauen und Männern aus Lausanne und von anderswo. 

Du trittst ein, du hast zwei Plätze für mittags reserviert, du schaust ins Lokal, du siehst die Kellnerinnen und die Kellner hinten im Saal, du gehst zwischen den Tischen durch, du gehst auf sie zu, du grüsst sie, sie sagen «Guten Tag», eine der Kellnerinnen kümmert sich um dich, sie begleitet dich zu eurem Tisch, sie zeigt darauf, sie sagt «Hier ist es». 

Heute bist du mit Alain hier, ihr werdet Papet vaudois essen (würzige Würste auf Lauch und Kartoffeln an einer typischen Sauce), ihr werdet über euer Leben reden, über das, worauf ihr Lust habt, über eure m und eure d und eure i. Hier wird Alain von dir Fotos machen. Du wirst ihn anschauen: als nähmen Times New Roman, Calibri, Garamond und Bahnschrift zusammen ein Calamin-Bad. 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur? 
Marius Daniel Popescu: Leben erfassen Leben erschaffen Leben schenken Leben überraschen Leben denken Leben sehen Leben hören Leben vermitteln Leben vergehen lassen Leben bringen Leben lenken Leben zeigen Leben erfinden Leben weitergeben Leben überleben Leben gewinnen Leben verdienen Leben behalten Leben vervielfachen Leben hervorbringen Leben verstehen Leben nähren Leben ankurbeln Leben zur Blüte bringen Leben aussprechen Leben lang dauern  Leben fortsetzen Leben ankündigen Leben schützen Leben schreien Leben leben Leben lernen Leben lehren Leben erhalten Leben sichern Leben entwickeln Leben teilen. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MDP: Allein sein und mit den andern sein. Allein sein. Mit den andern sein. Die anderen sein. Mich selbst sein. Ankommen. Sprechen. Schauen. Essen. Trinken. Sprechen. Schauen. Weggehen. 

Wo fühlst du dich zuhause? 
MDP: In den Wohnungen und den Häusern. In den Cafés den Bars den Restaurants. Im Blick der anderen. In den Worten. In den Büchern. In den Träumen. In den Straßen. In den Wäldern. Auf den Feldern. In den Bussen Zügen U-Bahnen Flugzeugen. In meinem Gedächtnis. In den Wörtern. 

 

BIO

Marius Daniel Popescu wurde am 10. Juni 1963 in Rumänien geboren und lebt seit dem 01.08.1990 in der Schweiz. 
Als Lyriker und Romanautor französischer Sprache hat er zahlreiche Literaturpreise erhalten. Den Rilke-Preis, Sierre/Siders, 2006 für «Arrêts déplacés» (Editions Antipodes, Lausanne); den Walser-Preis Biel/Bienne für «La Symphonie du Loup» (Editions José Corti, Paris – deutsch von Michèle Zoller, Die Wolfssymphonie, Engeler, 2013); den Waadtländer Literaturpreis, Lausanne 2008; den Grand Prix Littéraire du Web, Paris, 2012; den Prix de l’Inaperçu, Paris, 2012; den Eidgenössischen Literaturpreis, Bern, 2012, für «Les Couleurs de l’hirondelle» (Editions José Corti, Paris, 2012, deutsch von Yla von Dach, Die Farben der Schwalbe, verlag die brotsuppe, Biel/Bienne 2017).

Alexandre Caldara | Bistrot Chauffage Compris, Neuchâtel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Alexandre Caldara | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach 

 

zarte bruchstücke eines schweizerischen westerns im dämmerlicht 

der fotograf der unbekannte Barbero kommt um meine wenigkeit Caldara in meinem bistrot le chauffage compris* zu sondieren an diesem 14. januar in Neuchâtel erzählt er mir seine geschichte als kinofan als kinokind seine sicht auf den film mauvais sang** von léos carax trifft meine wenigkeit und flickt meine flüchtige kinoerfahrung das alles sickert schimmert durch in meinem bistrot und reaktiviert „stimmen alter kinofilme“ wie man sie gerade in mauvais sang hört 

oh geplagter leser 
lass dich mitreißen zu den zombie-zonen der theke so nehme ich meinen abdrift wieder auf an diesem 14. januar mein bistrot gedenkt seiner 30 jahre es präsentiert eine schiefertafel ein tagesmenue concassage von aromen zum anbeißen und da kommt der fotograf der unbekannte er spricht über sein leben bevor er bahnbeamter wurde der den dunklen kinosaal mehr liebt als die Schiene   

eines nachts als er mehr sieht

lässt er sich vom schrei des films mauvais sang durchdringen am nächsten morgen zittrig nach einer schlaflosen nacht macht er es sichtbar auf der schiefertafel seiner arbeitsstelle das beben die neuralgie er trägt mauvais sang in goldenen lettern ein das macht seine Kollegen sprachlos und katapultiert ihn auf die Schienen seines zukünftigen lebens als fotograf 

die beiden schiefertafeln die des chauffage compris und die des unbekannten fotografen stoßen zusammen

meine wenigkeit empfängt das alles über den körper und ich tanze im auge des objektivs der fotograf derjenige der mit einem kleinen digital-apparat verewigt und die tonnen von nostalgischen negativen in seinem schwarz-weiß-gepäck setzt eine bestimmte Geschwindigkeit in gang die die bewegung wieder aufnimmt 

die tafeln erhalten ihre eigenschaft als dunkle materie zurück meine wenigkeit denkt wieder an das bistrot le chauffage compris wo ich eine apfel-tarte gegessen habe sie hängt mir nach wie der film mauvais sang
das alles nur wegen mir
der fotograf Barbero und ich Caldara sind nun keine unbekannten mehr wir sind also jetzt verbunden verknotet befreit politisiert ästhetisiert durch das warme mauvais sang und die chauffage compris wo man zum teufel nicht friert
schließlich enthält mauvais sang eine anthologische szene einer rasierschaumschlacht feinfühlige hommage an den big shave von martin scorsese mein treffen mit Barbero ähnelt dem rasierschaum aus mauvais sang es tanzt fröhlich

*Heizung inbegriffen (Anm. Übers.)
**schlechtes/ böses Blut (Anm. Übers.)

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Alexandre Caldara: Sie beginnt, wenn sie sich vom Machtwort abwendet. Sie hält dem Lektüreverschlingen die Wange hin. Oder anders ausgedrückt, die wunderbare Nicht-Macht der Literatur erlaubt uns, „Die wilden Detektive“, eine leuchtende Romanhöhle, von Roberto Bolaño, im Gegenwind zu öffnen, egal auf welcher Seite, und dieses Gefühl zu spüren, das notwendig ist, um aus der Banalität auszubrechen. Dieser Hauch viszeraler Poesie. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AC: Ich empfinde Cafés wie Kokons, wie Sandburgen, wie Wartesäle, wie ein Aufenthalt. Die Bistrots, die ich mag, tragen ein Stückchen zerknitterte Anonymität in sich, das im Dialog mit der Masse steht.

Wo fühlst du dich zu Hause?
AC: Allein indem ich die Gesellschaft anderer gründe. Im Angesicht zweier Flamenco-Gitarren, die meine Free Jazz-Bibliothek schützen. 

 

BIO

Alexandre Caldara, Poet, Performer, Journalist, geboren in Neuchâtel, 1977, lebt in dieser Stadt nach Umwegen über die Seine und den Ganges. Improvisator zerbrechlicher Silben auf der Zunge, schreibt er, seit er sich erinnern kann. Er veröffentlicht seit 2015 ein knappes Dutzend Werke, darunter L’Emacié, Volubiles Nudités und Mystère Bouffe bei edition Samizdat; Peseux Paterson bei D’autre Part; Demi-Nuit bei éditions A Côté de cela und Pulp Vendage bei éditions du Griffon. Die Zeitschrift Belles Lettres hat seine Beiträge über Dadaismus und die écrits bruts veröffentlicht. Seine Tanzbewegungen sind vor allem seiner regelmäßigen Beschäftigung mit Butoh und anderen würdigen Meistern des stillen Schreis wie Kazuo und Yoshito Ohno zu verdanken.     

Fanny Saintenoy | Les Pères Populaires, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Fanny Saintenoy | Übersetzung aus dem Französischen: Martina Jakobson

 

Das Café Les pères populaires oder auch Les pères pop oder das PP, wie man hier im Viertel sagt, ist ein Zufluchtsort, eine Art Zweitwohnung, es ist ein Ort für Treffen und ein Schreibraum … Das « Les pères pop » trägt seinen Namen auf jeden Fall zu Recht, es ist ein geschützter und schlichter Ort.

Die Deko ist aus Ramsch und Trödel: alte, durchgesessene Sofas, Schulstühle, kleine rote Fliesen, ein Transistorradio und Bücher auf einem wackeligen Regal, eine Toilette mit tausend Graffitis. Leute arbeiten dort stundenlang, während man nur einen einzigen Kaffee trinkt, der früher nur einen Euro kostete (inzwischen 1,20). Auf der Terrasse ist Selbstbedienung und an Sommerabenden quillt der Bürgersteig an der Ecke der Straßen Buzenval und Grands Champs geradezu über.

Das PP ist tagsüber immer gut besucht, in der Woche und an den Wochenenden: Mütter, die gerade aus der Schule kommen, solche, die sich verlaufen haben, Junge und Alte, die die gleichen Lieder mitsingen, wenn sie über die Anlage laufen. Es gibt feste Gruppen, die zugleich offen sind, und man kann sich von einer zur anderen bewegen. Es ist der Treffpunkt für die lockeren Leute aus dem Viertel, bei Fußballspielen, Wahlen und all den Veranstaltungen, die uns zusammenführen. Das PP würde es sicher nicht unbedingt mögen, wenn man das so sagt, aber es ist zu einer Art Institution geworden.

Ich habe oft in diesem Café geschrieben und werde auch weiterhin hier schreiben, vor allem, wenn es mir zu Hause nicht gelingt; dann weiß ich, in diesem Raum, der manchmal laut und geruchsintensiv ist, kann ich neu beginnen. Dieser Ort ist vor allem der Ort der ersten Seite für ein neues Buch, eben das, was uns Autoren besonders viel Angst macht. Es ist das einzige Café in Paris, in dem ich jemals diese Notiz im Fenster gesehen habe: „Dieser Film oder jenes Buch wurde zum Teil hier geschrieben“.

Das Les Pères pop hat eine Seele, eine besondere Identität; ohne das PP wären wir in unserem Zuhause verloren.

 


Interview mit der Autorin

Kann Literatur die Welt noch retten? / Warum noch schreiben und lesen?
Fanny Saintenoy: Die Literatur wird, ebenso wie die Schönheit, die Welt nicht retten können. Angesichts der Übermacht der menschlichen Dummheit bedarf es viel mehr, und die Literatur allein wird kaum genügen, um die Welt zu retten. Dennoch kann die Literatur, ebenso wie die Musik oder die Malerei, bestimmte Orte oder auch Menschen, uns sehr helfen: sie kann nämlich diejenigen retten, die die Lust und das Bedürfnis haben, Schönheit zu erfahren und uns für einen Moment aus dieser Welt herausholen.
Das ist der Grund, warum wir lesen und immer noch schreiben. Wir lesen, um zu träumen, zu lernen, zu bewundern, zu staunen, zu lachen oder zu weinen, während wir uns in einer Blase befinden, die uns gleichzeitig die Welt besser verstehen lässt. Und ich denke, dass wir mit einer Art diffusen und verrückten Hoffnung schreiben, um an diesem Prozess teilzuhaben, dass wir einen Moment der Flucht und der Verbindung anbieten, der allein uns Autoren eigen ist.

Wo fühlst du dich zu Hause ?
FS: Ich habe eine ziemlich seltsame Beziehung zu dem Gefühl, mich irgendwo zu Hause zu fühlen. Wenn mir ein Ort auf Anhieb gefällt, manchmal sogar sehr gefällt, fühle ich mich dort sofort zu Hause. Ich fühle mich mit diesem Ort verbunden und denke manchmal (irrtümlicherweise, zumindest kommt es mir manchmal so vor), dass ich diesen Ort viel besser verstehe als die Menschen, die dort leben. Ich fühle mich zu Hause, sobald ich von einem Ort „gefangen“ werde. Das kann ein Land sein, wie Indien oder eine Stadt, wie Granada, ein Haus (in dem ich glaube, zehn Jahre lang gelebt zu haben), ein paar Berge oder selbst ein See.

 

BIO

Fanny Saintenoy begann erst spät mit der Literatur. Sie war Lehrerin für Französisch als Fremdsprache, Assistentin der Geschäftsleitung, in der Politik und in der Kultur tätig. Ginge es nach ihr, müsste die Arbeitswelt so organisiert sein, dass Raum für das Schreiben und Reisen bleibt, um Leser und andere Autoren zu treffen.
Seit 2011 hat sie vier Romane veröffentlicht, darunter ein Roman mit drei anderen befreundeten Autoren sowie eine Sammlung von Kurzgeschichten, die mit dem SGDL-Preis ausgezeichnet wurde. Sie schreibt ebenso Gedichte, vornehmlich in Zusammenarbeit mit Fotografen.
Bibliographie:
Juste avant, 2011, éditions Flammarion, ins Hebräische übersetzt bei Keter Books
Qu4tre, 2013, éditions Fayard, mit Sébastien Marnier, Caroline Lunoir und Anne-Sophie Stefanini
Les Notes de la mousson, 2015, éditions Versilio
Jai dû vous croiser dans Paris, 2019, Parole éditions, Prix SGDL du recueil de nouvelles 2020
Les clés du couloir, 2023, éditions Arlea

Kersten Knipp | Café Bauturm, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Kersten Knipp

 

Und dann strömt diese Brise herein, nachmittags um vier, und mit ihr das Licht. Es gleitet heran über die breiten Rücken der Sonnenschirme draußen auf dem Bordstein, mühelos und spielerisch, hier oben, zwei Meter über dem Boden, ist nichts, was es aufhielte, und so umgibt es dich, nicht ohne sich mit dem Schatten des Raumes zu verweben, dessen eines Ende sich zur Straße hin öffnet, den Blick freigibt auf die Menschen etwas unter dir, die anderen Gäste an den Tischen draußen, während du selbst die paar Stufen nach oben genommen hast, in den höheren Teil des Cafés, an jenen zum Glück unbesetzten Platz, der dich immer in einen Zwiespalt stürzt, da du nicht weißt, wie dein Verhältnis zu den anderen Gästen ist: Bist du einer von ihnen, Teil der Masse in diesem Café, oder durch die leichte Erhöhung getrennt von ihnen, isoliert als sitzender Flaneur, die anderen im Blick, sich dessen bewusst und darum von ihnen getrennt? Dabei ist das Café Bauturm an der Aachener Straße ein fast schon zeitloser Ort der Kommunikation, Vorreiter und Schrittmacher jenes urbanen Lebensgefühls, das in Köln inzwischen (es war nicht immer so) selbstverständlich ist das Café und das ihm verbundene Theater: für dich Treffpunkt seit langer (nicht zu langer) Zeit, zugleich aber eben auch Ort, den anderen beim Leben zuzuschauen, etwas zu erhaschen von dem, was Gegenwart ist, was sie sein kann. All dies am liebsten, aber nicht nur im Sommer, wenn, wie du dir gerne einbildest, das Meer direkt um die Ecke ist, seine Brise heranweht, all die warme Luft, die doch nichts anderes ist als glühende Gegenwart. Das Café Bauturm, Ort des Schauens, des Empfindens, der Dankbarkeit. 

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Kersten Knipp: Literatur erschließt neue Welten. War da nicht gerade etwas auf der Seite: eine Idee, eine Empfindung, eine Andeutung? Ja, doch, und so lässt du dich treiben, in dem Text vor dir, in anderen Texten, die wiederum zu anderen führen, eine Reise auf alle Tage, Borges‘ „Unendliche Bibliothek“. Literatur, ein warmer Hauch – vielleicht der Ewigkeit?

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
KK: Du sitzt, du trinkst und du schaust. Du saugst die Welt auf, Gesichter, Bewegungen, Verhaltensweisen. Im Café bündelt sich die Zeit, hier kannst du sie beobachten, ihren Geist schnuppern. Da weht etwas durch die Luft, der Hauch des Kaffees, aber auch noch ein anderer. Das Café ist Begegnung, mit was und wem auch immer.

Wo fühlst du dich zu Hause?
KK: Ein Haus: ein durch Wände abgeschiedener Raum. Nimmst du das wörtlich, fühlst du dich zuhause an deinem Schreibtisch: abgeschieden, allein mit dir und deinen Büchern, ein stummer Dialog. Am Schreibtisch entsteht etwas Neues. Und ist das nicht das Wichtigste an vertrauten Orten: Dass du in ihnen etwas Neues schaffst?

 

BIO

In erster Linie wahrscheinlich Romanist, den romanischen Ländern auf der Spur, dem, was sie mit Deutschland, ihre Vergangenheit mit unserer Gegenwart verbindet. Hoffnung: Wir sind verbunden durch die Eleganz, deren Pariser Ursprüngen ich zuletzt ein Buch gewidmet habe („Die Erfindung der Eleganz“, 2022); auch durch die Kunst des Gesprächs, der ich ebenfalls nachgespürt habe („Im Gespräch“, 2024)

Alexandra Badea | Brasserie Au Comptoir, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Alexandra Badea | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Ich schreibe gerne in Cafés. Textschnipsel, Gedankenschnipsel. In die Notiz-Funktion meines Smartphones oder in die kleinen Hefte, die sich in meine Taschen verirren. Ich stelle meinen Computer nicht mehr auf die Café-Tische, dieses Terrain bewahre ich mir allein für das Umherschweifen und das Konstruieren zukünftiger Projekte auf. Die letzten Notizen, die ich in diesem Café geschrieben habe, sind hier: 
„Die Frage, die sich heute stellt, ist einfach. Was tun? Was können wir tun, wir, als Bürgerinnen und Bürger im alltäglichen Leben, um durch unsere Taten und Worte ein anderes Narrativ zu schreiben? Wenn wir überhaupt kein Vertrauen mehr in die politischen Vertreter haben, die wir kennen, die uns verraten haben, die die Situation eskalieren ließen, damit es zu diesem Aufstieg der extremen Rechten kommt, was bleibt uns da noch zu tun? Außer unserer Stimmabgabe? Reicht das in einem solchen Kontext noch? Es gibt gewichtige Stimmen unter den Intellektuellen, Künstlern, Aktivisten, die eine andere Weltsicht anbieten, die Denkweisen, Debatten und eine Dialektik entwickeln, aber diese Sprache wird nicht genug gewürdigt, der faschistische Diskurs hat mehr Resonanzraum, mehr mediale Oberfläche. Mehr denn je müssen wir das Wort ergreifen und uns Gehör verschaffen.
Noch können wir miteinander reden, auf diejenigen zugehen, die nicht wie wir denken, ihnen zuhören, um diese manipulativen Diskurse zu demontieren, diejenigen überzeugen, die zögern, ohne sich ihnen gegenüber als Belehrende zu positionieren. Wir dürfen nicht darauf verzichten, Gedanken zu erschaffen, auch wenn wir Gegenwind haben. Wir dürfen nicht aufgeben. Nicht jetzt. Vor allem, nicht jetzt.“

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur? 
Alexandra Badea: Eine andere Vorstellungswelt schaffen, Klischees und Gemeinplätze umkehren, Gedankengerüste bauen, Emotionen erzeugen, heilen.

Was bedeuten Cafés für dich?
AB: Es sind Orte, wo ich in meinem Kopf auf Reisen gehe, eine Pause einlege, gedanklich umherziehe, über das Leben Unbekannter phantasiere, organisiere, was ich noch zu tun habe.

Wo fühlst du dich zu Hause?
AB: Überall, wo ich schreiben oder mich ins Imaginäre flüchten kann. Auch, oder besonders, in Hotelzimmern, Flughafenhallen, Zügen, Schiffen, Parks, an Stränden, auf Waldwegen.

 

BIO

Alexandra Badea, in Rumänien geboren, ist Schriftstellerin, Theaterregisseurin und Filmemacherin. Ihre Stücke werden bei L’Arche Éditeur veröffentlicht und in Frankreich von ihr selbst, aber auch von anderen Regisseuren inszeniert und in mehrere Sprachen übersetzt. Sie ist außerdem Autorin zweier Romane – Zone d’amour prioritaire und Tu marches au bord du monde. 2013 erhält sie den Grand Prix de Littérature dramatique für ihr Stück Pulvérisés. Und 2023 den Prix du Théâtre de l’Académie française für ihr Gesamtwerk. Sie ist Chevalière de l’ordre des Arts et des Lettres (Ritterin des Ordens der Künste und der Literatur)

François Debluë | Brasserie La Coupole 1912, Vevey (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: François Debluë | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach 

 

Am Tisch nebenan

 

Am Tisch nebenan diskutiert ein junges Paar heute Morgen nicht über Gott und die Welt, sondern über ihr Leben als Paar in einem Moment, da dieses wohl auseinanderzubrechen droht.
Das errate ich am Ton des Wortwechsels, an den Argumenten, die brockenweise zu mir herüberdringen. 
Ich spitze nicht die Ohren, möchte nicht indiskret sein, aber nun ja, das Café ist von bescheidener Grösse, die Tische stehen nah beieinander und die beiden sprechen laut genug, um mich daran zu hindern zu lesen, was ich lesen möchte: » – Ich, sagt er, bin bereit zu…  – Du musst verstehen, dass…, entgegnet sie – Ja, aber ich habe keine Wahl… – Und ich will dich nicht belügen…«
Die Einzelheiten verlieren sich im Gemurmel von ringsum und man nimmt seine Lektüre wieder auf oder tut wenigstens so. 

An einem anderen Tisch pendelt eine Frau, allein, zwischen ihrem Computer und dem Smartphone hin und her. 
Der männliche Teil des Paars hat inzwischen schärfere Töne angeschlagen, er spricht jetzt vom Fünfer und vom Weggli, will sagen man könne nicht alles haben. 
Weiter weg sitzen zwei Frauen sich gegenüber, durch die Bildschirme ihrer Compis getrennt, und sagen kein Wort, jede in ihre eigene Welt und ihr Ding versunken. 
Gleich neben mir rechts kratzt sich ein Mann an der Nase, sitzt in schweigendem Nachsinnen da, vor sich eine zusammengefaltete Zeitung, deren Lektüre ihn vielleicht bedrückt hat, es sei denn, dass er noch gar nicht damit begonnen hat. 

Das ist es, was uns die Cafés der Welt und insbesondere dieses hier heute Morgen zu bieten haben: Fragmente lebendigen Lebens, Zwiegespräche, Begegnungen oder Kostproben bitterer Einsamkeiten. 

Die Café-Zeit ist auch dies: Zeit, um zur Ruhe zu kommen, die nötigen Kräfte zu sammeln, um die grossen und kleinen Geschäfte des Tages weiterzuverfolgen.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur?
François Debluë: Sie kennt zur Genüge ihre Ohnmacht angesichts des Bösen, der Gewalt, der Ungerechtigkeit.
Manchmal hat sie indessen die Pflicht, Zeugnis abzulegen. 
Ich arbeite im Moment an Gedichten in Zeiten des Kriegs, nachdem ich unlängst Dreiunddreissig Gedichte in Zeiten einer Pandemie veröffentlicht habe. Ich weiss, wie lächerlich ein solches Vorhaben ist. Aber habe ich die Wahl? Würde ich schweigen, hätte ich ein schlechtes Gewissen, mehr noch als beim Schreiben dieser Zeilen. 
Immerhin kommt es auch vor, dass ich die Schönheit der Welt, die Schönheit einer menschlichen Beziehung, die Schönheit eines Kunstwerks besinge. 

Es handelt sich hier um ein konkretes Vorgehen, nicht um eine Literaturtheorie  

Wie wichtig sind Cafés für dich? 
FD: Ich besuche sie gelegentlich. Nur ab und zu. Aus Naschhaftigkeit. Aber auch, weil ich die Nähe der Männer und Frauen um mich herum geniesse. Ich beobachte sie, höre ihnen zu… 
Im Gegensatz zu Georges Haldas mit seiner Légende des Cafés, der fast ausschliesslich in den Cafés schrieb, schreibe ich hier kaum. Ich bin lieber in meiner Zelle zuhause, vor Lärm und Blicken geschützt und inmitten meiner Bücher. 

Wo fühlst du dich zu Hause?
FD: Bei mir zuhause. Aber auch auf der Bühne der Welt, in Buchhandlungen, in Konzert- oder Theatersälen.

 

BIO

François Debluë kam 1950 in der Nähe von Lausanne (Schweiz) zur Welt. Er hat Prosawerke, Erzählungen, Reflexionen und zahlreiche Gedichtbände veröffentlich. Dazu gehören: Conversation avec Rembrandt, Pour une part d’enfance (Gedichte, auszugsweise in der Übersetzung von Yla von Dach veröffentlicht im Jahrbuch der Schweizer Literaturen viceversa 17 unter dem Titel: Der Kindheit in dir, Rotpunktverlag Zürich, 2023), La seconde mort de Lazare, Schweizer Literaturpreis 2020 oder Le livre des reflets et des ombres. In der Übersetzung von Yla von Dach ist 1993 auch sein Prosatext Troubles Fêtes – Jubel Trubel – erschienen (Benziger, Zürich). Für sein Gesamtwerk wurde er mit dem Schiller Preis und dem Edouard-Rod-Preis ausgezeichnet. 

Léa Wiazemsky | Café Fleurus, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Léa Wiazemsky | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach 

 

Im Fleurus gibt es diese Geräuschkulisse um uns herum, wie sie in allen Bistros üblich ist, und die mir fast so lieblich vorkommt wie Vogelgezwitscher, so sehr hat sie mir eine Geschichte zu erzählen. 
Das Zischen der Kaffeemaschine, das Klappern der Gläser auf der Theke, das Klirren des kleinen Metalllöffels in der Kaffeetasse, den eine zerstreute Hand darin herumdreht, die geflüsterten oder etwas zu laut geführten Gespräche der anderen Gäste, die Geräusche von der Strasse her mit dem Lachen von Kindern, die aus der Schule kommen. Ich höre gerne hin, im Café, schaue mich gerne um. Denke mir gerne Geschichten aus, nähere mich dem Leben der Leute an, ohne dass sie es merken. Denn ist ein Bistro nicht an sich eine ganze Welt?
Auf diesem Foto schaue ich auf die Strasse hinaus, beobachte, was da passiert, was sich abspielt. Ich versuche, das Objektiv zu vergessen. Ich mag es nicht, fotografiert zu werden, mich zu zeigen. Allmählich fliegen meine Gedanken weg, ich entspanne mich. Ich denke an all die Cafés, die zu meinem Leben gehört haben. Ich habe oft das Gefühl, sie seien ein zweites Zuhause, ein Versteck. Ohne sie wäre das Leben ziemlich blass. Ich verdanke ihnen viel, den Bistros.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Léa Wiazemsky: Für mich nimmt die Literatur einen zentralen Platz ein. Ich schwimme darin seit meiner Geburt, aufgrund meiner Familiengeschichte. Und doch habe ich lange gebraucht, bis ich mich ihr zu nähern wagte. Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr war es mir eine Qual, ein Buch aufzuschlagen. Ich war Legasthenikerin und die Letzte meiner Klasse. Dann kam, zur grössten Freude meiner Eltern, ein Aha-Erlebnis. Ein Buch in der Hand zu halten, bereitet mir heute eine unvergleichliche Freude. 

 

BIO

Mein erster Beruf, bevor ich Schriftstellerin wurde, ist jener der Schauspielerin. Ich übe ihn immer noch mit Freude aus. Immer diese Beziehung zu den Wörtern.