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Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Claude Ber, Le Cavalier Bleu, Café, Paris

Claude Ber | Le Cavalier Bleu, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Claude Ber, Auszug aus Mues, Ed. PUHR 2020 | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

(…)
Die Café-Terrasse gärt – Fortsatz eines unsteten, zu Ende gehenden Traums.
Die Zeit hat an einem Netz aus Flechten angehalten
einem Vorhängeschloss am Blech einer Autowerkstatt, gelb auch dieses
dem Geräusch eines Flaschenregals und von Kuhglocken.

Man zerreißt ein Stück Papierserviette, einen in der Tasche vergessenen Fahrschein
in den Bewegungen Gründlichkeit
eine unschuldige Weise, sich dem Jetzt anzupassen.
Die Welt kickt Köpfe, mit genagelten Tretern
Füße gehen vorbei in grellbunten Schuhen und scheuchen Schritt für Schritt Spatzen auf.
Der Schwung entsteht aus dem Abdrücken über die große Zehe, nicht aus der Wade oder dem Schenkel. Aus der Zähmung der kleinen.
Dass die Schönheit die Welt retten wird, ist ein Traum von Fantasten, setzt der Papst der Tafelrunde fort. Oder eher die Wette eines Spielers. Gibt es übrigens etwas zu retten?
Falls ja, dann gehört dieses winzige Gestammel
uns.

Man hat den Glauben ans Wort nicht ständig an die Seele gedübelt. Mit Augen und Ohren suche ich nach einem Hinweis darauf. Eine erreichbare Assonanz im Neonrosa des Erdbeereises.
In der Ferne zu suchen bringt nichts, suchen auch nicht. Und da die Welt an den Flachdächern der Sozialbauten zerschellt, richte ich auf ihre türlosen Flure einen neugierigen und desillusionierten Blick.
Wer wird aus der besprayten Höhle kommen?
Plato und seine fleißigen Schüler schlummern vor den Schatten. Ich vor den sonnenbeschienenen Plakaten und ihren Scharaden aus Leuchtflecken. Das Licht eignet sich genauso gut für den Traum wie die Nacht.
(…)

Der Morgen stürzt auf sein Ende zu
angelehnte Dinge – Fenster, Münder, Tore, halbgeöffnete Hände – bleiben stehen
es ist woanders Mitternacht und Mittag knapp über den heruntergelassenen Rolläden
die Höflichkeit würde verlangen, dass man in ähnlicher Weise zu leben verstehe.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Claude Ber: Sie ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Das ist meine Weise, auf dieser Welt zu sein.

Was bedeuten Cafés für dich?
CB: Ein Ort der Begegnung und der Beobachtung, der das Vertraute mit dem Unbekannten verbindet. Ich finde dort die Atmosphäre der Samstage meiner Kindheit wieder, im Café, das mein Großvater führte, und wo ich Gesichter und Szenen beobachtete, in ihrer Mischung aus Unerwartetem und Ritual – dem der Stammgäste, des Aperitifs, des Kaffees… ich lege dort einen Vorrat an Eindrücken und Bildern an.

Warum hast du „Le Cavalier Bleu“ gewählt?
CB: Der Cavalier Bleu befindet sich in einem zentralen Viertel von Paris, wo ich regelmäßig Freunde nach einem Stück oder einer meiner Lesungen in der Maison de la Poésie de Paris treffe, oder auch nach dem Besuch einer Ausstellung im Centre Pompidou.
Ich liebe sein reges Treiben wie in einer typischen Pariser Brasserie, wo einander Menschen aller Art begegnen, und seinen Namen Cavalier Bleu (= Der Blaue Reiter), mit allem, was er für mich an Verbindung mit der Malerei und mit Erinnerungen an Deutschland verkörpert. Mehrere Vorstellungswelten kreuzen sich dort. Die Bierkellnerin von Manet trifft die Kandinskys und Bacons aus dem Centre Pompidou, der Geist des Blauen Reiters den belebten und weltstädtischen Alltag des Pariser Lebens…

Was machst du, wenn du nicht in ein Café gehst?
CB: Ich lebe! Ich liebe, ich schreibe, ich lese, spreche, höre zu, reise, besichtige, spaziere, träume, treffe, wandere, esse, schwimme, schlafe, atme, schaue, betrachte usw, usw.

 

BIO

Nach einem Studium der Literatur und Philosophie unterrichtete Claude Ber in der Sekundarstufe und an der Universität. Sie hat vor allem Lyrik veröffentlicht, aber auch Theatertexte, die in französischen Nationaltheatern uraufgeführt wurden. Zahlreiche Artikel, Studien und Zeitschriften wurden ihren in mehrere Sprachen übersetzten Werken gewidmet. Letzte erschienene Bücher:  Il y a des choses que non, La Mort n’est jamais comme (prix international de poésie Ivan Goll) Ed. Bruno Doucey, Mues, Ed. PUHR Site : www.claude-ber.org

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Gérard Cartier, Café le Zimmer, Paris

Gérard Cartier | Le Zimmer, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Gérard Cartier | Übersetzung aus dem Französischen: Yasmin Alizadeh

 

Heute Abend verwirrt. benommen von der langen reise. ein einfaltspinsel am fuße einer ikone – Anne Brochet, reine stirn, verschlingende leidenschaft: Jeanne auf dem scheiterhaufen… sich zwingend wieder zu sein, die augen verloren in der spiegelung der fenster, wo sich die welt ruckartig entleert. chimärenmädchen. vögelflüge. seltsame maschinen. eine bistrotecke ist die Passage des Panoramas wert. instinktiv mit dem druckstift wedelnd. kritzeleien auf einer viertelseite, unleserliche worte. gedichte bastelnd, wenn alles zu ende geht? ich werde auf knien beobachtet (oh, wenn es nur Anne Brochet wäre!): ein blinder erfindet mich. komponiert mich aus den gefahren des augenblicks. ein sockeltisch, ein schwarzes, im dunkeln glänzendes porträt, ein glas gewürztraminer. im gold- und purpurrot sitzend. die leere betrachtend. die klicks der kamera zählend. wie viel, um mich wieder zum leben zu erwecken? wie viel, für Anne Brochet? nicht natürlich, aber offensichtlich. wahrheit ohne absicht: freie schönheit – das, was an unserem stottern, die große lyrische form ist. illoyaler wettbewerb… wir, die wir für ein wort leiden, für ein bild. der speicher der kamera ist voll. der tag neigt sich. ein wenig perlmutt am glasboden. jetzt kann ich alt werden.

 


Interview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Gérard Cartier: Manche Schriftsteller, nicht die schlechtesten, machen eine Gottheit aus ihr. Falls dies der Fall ist, ist sie eine kleine Göttin, von geringer Macht, dafür launisch und schrecklich fordernd, die uns als Gegenleistung für einen täglichen Ritus und allerlei Frömmigkeitsübungen nichts anderes als, in der Zeit des Schreibens, ein gewalttätiges Existenzgefühl gewährt – und im Laufe der Jahre, durch die langsame Akkumulation von Büchern ein konkretes, fast geologisches Bild unseres Lebens.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
GC: Ein Ort zum Warten oder ein Ort, um sich mit Dichterfreunden zu treffen. Ich gehe selten dorthin, um mich zurückzuziehen. Mitunter habe ich in dem einen oder anderen ein Gedicht geschrieben, ein paar Seiten einer Geschichte, aber ich bevorzuge die Stille und Einsamkeit: ein geschlossener Raum, eine blinde Wand oder ein Fenster, das dem Norden zugewandt ist.

Warum hast du « Le Zimmer » gewählt?
GC: Vielleicht für die Illusion, in diesem Seitenteil, in einem altmodischen Luxuszug nach Sofia oder Konstantinopel zu sitzen?

Was machst du, wenn du nicht in einem Café anzutreffen bist?
GC: Das heißt, fast immer… Morgens Schreiben; nachmittags Gartenarbeit, Museum oder Spaziergang; abends Lesen. Aber ich stehe nicht mitten in der Nacht auf, um zu skandieren!

 

BIO

Geboren 1949 in Grenoble. Ingenieur (Kanaltunnel, Lyon-Turin). Dichter (Tristan-Tzara- und Max-Jacob-Preis), Schriftsteller, Kritiker. Hat etwa fünfzehn Werke veröffentlicht, darunter in jüngster Zeit Poesie: Les Métamorphoses (Le Castor Astral, 2017), L’ultime Thulé (Flammarion, 2018); und Prosa: L’Oca nera, Roman (La Thébaïde, 2019), Le Perroquet aztèque, Essay (Obsidiane, 2019).
Koordinator der Literaturrevue Secousse. Initiator und Ideengeber (zusammen mit Francis Combes) der Plakatieren von Gedichten in der Pariser Metro (1993-2007).

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Maud Bayat, Brasserie Lola, Paris

Maud Bayat-Razagh | Brasserie Lola, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Maud Bayat-Razagh | Übersetzung aus dem Französischen: Yasmin Alizadeh

 

Die wandelnde Seele einer Frau.
Zu diesem Zeitpunkt wird ihr Name vergessen sein, nicht nur von ihren Freunden und den anderen, sondern auch von ihr selbst.
In Ihrem Herzen eine Vielzahl von Sorgen tragend, fühlt sie sich leer.
Um Alborz also doch zu sehen und zu fühlen, lässt sie ihre Seele weit von ihrem Körper fliegen, auf einer astralen Reise.
Wo wird sie sich wieder einrichten können, an keinem Ort der Welt? Doch, sicher, es gibt einen anderen Ort!
Sie, die in ihrem Land nicht die Gelegenheit hatte, den von Hafez und Molana versprochenen Wein zu trinken, entdeckt den köstlichen Geschmack der Trunkenheit in der Stadt der Liebe. Paris.
Sie geht durch die kleinen Gassen, die von Liebhabern und Dichtern durchkreuzt wurden, inspiriert vom gleichen Park in Saint-Cloud, in dem schon Renoir und Cézanne Natur und Farben so sahen, wie sie wirklich waren, lebendig.
Ihr Name spielt keine Rolle, vor alle anderen Dingen, ist sie eine Frau. Eine Frau, die Nuancen, Kraft und Energie in Haarpracht und Worten anderer sucht. Sie mischt die Farben und die Sprache, die sie hier und da findet. Schließlich und endlich, wählt sie nur eine Farbe, ein Wort und einen Duft. Die Liebe.

 

Original



Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Maud Bayat-Razagh: Eine Entdeckungsreise.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
MB-R: Sie sind für mich sowohl Treffpunkt als auch Zufluchtsort, an dem wir uns aus dem Alltag zurückziehen können. Die Pariser Cafés sind sozusagen die Essenz des poetischen Paris.

Warum hast du die Brasserie Lola gewählt?
MB-R: An einem Sonntag Nachmittag ließ ich mich von Alain in das 15. Arrondisment führen.

Was machst du, wenn du nicht in einem Café anzutreffen bist?
MB-R: Wenn ich nicht in einem Café verweile, dann bin ich in meinem Friseursalon und berühre die Haare meiner Kunden, meine Gemälde und Bücher oder ich spaziere durch den Saint-Cloud-Park und berühre Rinde und Baumstämme.

 

BIO

Maud Bayat-Razagh, geboren 1973 in Teheran, schreibt Gedichte in ihrer Muttersprache, Persisch. Seit ihrer Jugend hat sie ein Faible für Kunst mit einer besonderen Affinität für das Zeichnen, Malen und Schreiben. Nach ihrem Universitätsstudium an der Sorbonne begann sie, sich in den Pariser Künstlerkreisen zu engagieren. Ihr Beruf – sie ist Friseurin – inspirierte sie und es sind Haare, die sie für ihre Kunst verwendet, um das Weibliche darzustellen. Immer nach mehr strebend, setzt sie ihre Erkundung des künstlerischen Feldes fort, in der Hoffnung, Antworten auf ihre existentiellen Fragen zu finden.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Jean-Philippe Domecq, La Maison Blanche, Bistro, Paris

Jean-Philippe Domecq | La Maison Blanche, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Jean-Philippe Domecq | Übersetzung aus dem Französischen: Anna Robinigg

 

So saß unser Held also am Cafétisch, oh ja! Sehr in Anspruch genommen vom Spektakel dessen, was ihn umgab – obwohl es sich nicht um ein hinreißendes Schauspiel handelte, es waren nur die Kleinigkeiten, die das Alltägliche ausmachen (…). Es waren nur Wände, Gäste, Biergläser. Er bemerkte, dass er ein Glas vor sich hatte und seine Hand gleich daneben auf dem Tisch lag. Blasen im Bier. Er hob die Augen: nur Menschen! nur Anwesenheiten! Er lächelte: es war das bewegte Lächeln des Gelehrten am Anbeginn der Entdeckung, es war der Eindruck einer völligen Neuheit (…). Er besah sich den Abstand zwischen jenen, die alleine tranken – es waren wenige. Einige von ihnen waren voller Absichten, andere verschlossen. Man musste nur von unten zuhören. (…) die Menschen, die miteinander sprachen, nette Gespräche, (…) all dieses Sickern vom Mund zum Ohr, die Hin- und Rückwege mehr oder weniger schnell, die Prozession von Händen um Worte, die Oberkörper, die sich bogen, und vor allem das Hausieren von Blicken durch den Raum. Ohne sie wirklich zu hören – und zweifelsohne dank dieser momentanen Schwerhörigkeit -, nahm er die Andeutungen hinter den Gesprächen wahr, wie wenn sie Postskripte wären.

Und dann schaukelte sich sein Blick zur Glühbirne hoch, die oberhalb der Theke baumelte. Sie erschien ihm sehr schön, diese bauchige Glühbirne am Ende der geflochtenen elektrischen Leitung. Er sah sie hängen, wie noch nie eine Glühbirne hing. (…) Später, viel später, fand man ihn, wie er im Begriff war festzustellen, dass der Himmel dunkel war: Er befand sich auf dem Gehsteig und ging.

(Auszug aus Une Scrupuleuse aventure, éditions Papyrus, Paris, 1980)

 


BIO

Jean-Philippe Domecq ist der Autor von zwei Romanzyklen, «Les Ruses de la vie » und « La Vis et le Sablier » (Métaphysique Fiction). Cette Rue aus dieser Reihe erhielt den Prix du roman de la Société des Gens de Lettres 2007, und Le Jour où le ciel s’en va den Prix Tortoni 2011. Er ist auch Essayist, und er ist der Autor von Robespierre, derniers temps (Prix du Salon du Livre 1984), sowie der Comédie de la Critique über die zeitgenössische Kunst (Neuauflage 2015) und über die Literaturkritik (Qui a peur de la littérature? Neuauflage 2002, Prix international de la Critique du Pen-Club). Zu seinen neuesten Werken zählen : Le Livre des jouissances, Qu’est-ce que la Métaphysique Fiction ?, und La Monnaie du temps. Eine vollständige Liste der rund vierzig Veröffentlichungen bis heute findet sich auf: www.leblogdedomecq.blogspot.com