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Lisa-Viktoria Niederberger | Madame Wu Teesalon, Linz

Foto: Alain Barbero | Text: Lisa-Viktoria Niederberger

 

Schau hin und reflektiere. Vergiss alles sofort wieder, oder nimms dir mit für ewig. Sag mir später gerne, dass du dich wiedergefunden hättest in einem Text, oder eben nicht. Sag beim nächsten Spaziergang zu deiner Begleitung: die Niederberger, die vergleicht in einer Erzählung die Rinde von Platanen mit Dinosaurierhaut. Und dann greif die Rinde an, schau wie knallgelb und quietschgrün der Baum, die Flechten, und überhaupt Quietschen: hast du schon einmal junge, hungrige Falken gehört? Wie sie schreien, wie sie quietschen dabei. Dass sie klingen wie eine rostige Kurbel, eine rostige Kurbel für Markisen. Du weißt schon, diese braun-orange- gestreifte Markise, die alle kennen. Spekulier mit mir: Murakamis Aufziehvogel, er muss Falke sein. Ich mag, dass du dich fragst: stimmt das alles, was sie erzählt? Dass die Niederberger sich echt stundenlang auf Bäume setzt, wenn sie über Baumbesetzung schreibt, stundenlag Notizen abtippt und dann drei Viertel vom Text wieder löscht? Merk dir Fakten, finde Buchtipps durch Intertextualität. Hab Gefühle, sei wütend mit mir. Wir sollten alle wütender sein. Irgendwann reden wir darüber, ob wir an den selben Stellen meiner Texte heulen müssen. Dass du innehältst will ich. Dass du genau hinschaust, genau hinliest. Aber auch, dass du mit mir Pause machst, vom Alltag. Dass du was lernst. Dass ich was lerne mit der Recherche und von meinen Figuren und ihren Entscheidungen. Dass sie die Fehler machen dürfen, die ich mich selber nicht lass. Dass sie unsere was-wäre-wenns sein könnten.  Und dass wir mitgestalten, verändern, fließen, inspirieren. Fabuliere: wenn dir mein Ende nicht gefällt, denk dir dein eigenes aus und erzähl mir davon. 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich? 
Lisa-Viktoria Niederberger: passiv: Bildung, Abtauchen, Ausblenden, aber auch: die Lebenswelten anderer verstehen lernen dürfen. Aktiv: ein Privileg, primär. Dass es Menschen gibt, die ihre Zeit (und ihr Geld) dafür verwenden, das zu lesen, was ich geschrieben habe, ehrt mich, macht mich manchmal stutzig.  Es bringt aber auch Verantwortung mit. Ein Privileg ist natürlich auch, überhaupt die wirtschaftlichen Voraussetzungen zu haben, künstlerisch arbeiten zu können. Weil:  besonders am Anfang ist das nur prekär.  

Welche Bedeutung haben Cafés für dich? 
L-VN: Sie sind mir der liebste Arbeitsplatz, schon seit der Schulzeit. Was wir Physikstunden in Kaffeehäusern verbracht haben, mit Tschick und Büchern und Tratschen. Ich mag die Geräuschkulisse, das Beobachten und Zuhören. Aber auch: das Belohnen nach dem Schreiben/ Lernen mit Getränken oder Kleinigkeiten zum Essen, die’s zuhause halt einfach nicht gibt. 

Warum hast du den Madame Wu Teesalon ausgewählt?
L-VN: Ich wohne noch nicht sehr lange wieder in Linz, ein wirkliches “Stammcafe” wo ich zum Arbeiten hingehe, hab ich noch gar nicht. Mit der Madame Wu verbinde ich eine sehr schöne private Erinnerung. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
L-VN: Derzeit zuhause arbeiten. Es geht eh, halbwegs. Lesen. Zu viele Zoom Calls. Und natürlich Spazierengehen:  mit täglich sinkender Begeisterung. Mich zu Lesungen oder ins Kino träumen. 

 

BIO

Lisa-Viktoria Niederberger, geboren 1988 in Linz, hat in Salzburg Kunstgeschichte und Germanistik studiert und als Redakteurin der Literaturzeitschrift erostepost und beim freien Radio gearbeitet. Das literarische Debüt „Misteln“ ist im März 2018 in der edition.mosaik erschienen. Talentförderungsprämie des Landes Oberösterreich für Literatur 2019. Gegenwärtig Studium der Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz und freiberufliche Arbeit an diversen literarischen Projekten.