Bernd Lüttgerding | Café De Kat, Antwerpen
Foto: Alain Barbero | Text: Bernd Lüttgerding
Gesang für die Katz‘
Ich trete in den Blick des Zapfers,
der mich von der Theke her taxiert
und stoße gegen einen Hundenapf, der
scheppernd meinen spitzen Tritt pariert.
Gesehen sein ist mir willkommener
Beweis, dass es mich gibt, dass ich
hier wirklich bin und kein verschwommener,
in Zeit sich lösender Gedankenstrich.
Ich greife den Stuhl am Rande bei der
von vielen Fingern gefetteten Lehne,
doch auf ihm sitzend finde ich leider
nicht gleich Haltung. Dies die Szene.
Jetzt werden Stunden eingestampft,
und was sie füllen kann, verdampft.
Was hab ich heut getan ― geschafft?
Ich trags beschwingt mit halber Kraft,
mir ausgemalt in Gold, gekrönt mit Schaum
nun hin und wieder zum Pissoir
und denke, noch so ein verlornes Jahr
wie die zwei vorigen, doch stört das kaum.
Denn meinen Heimweg kenne ich, ich weiß,
wo Gleise nach den Fahrradreifen schnappen,
ich kenn die Straße vor mir, flirrt und peitscht
sie nicht wie ein nervöser Katzenschwanz?
Erlösung, schön. Ich kenn auch deren Preis,
und ohne Jammern will ich ihn berappen,
wenn Tagesanbruch mir die Brust zerfleischt
und grunzend dort nach meinem Herzen heischt;
mit blutverschmiertem Maul setzt er es in den Glanz
von Gold und Schäumen seiner himmlischen Monstranz.
Kurzinterview mit dem Autor
Was bedeutet Literatur für dich?
Bernd Lüttgerding: Literatur ist die Brücke, die mich mit den Dingen des Lebens verbindet; sie ist mein Fahrzeug (oder „Weg“, im Sinne des yāna im Buddhismus, falls das ein zulässiger Vergleich ist), auf dem ich denke und versuche, mich mir selbst, meinen Mitmenschen, der Erde vielleicht, dem Universum oder Gott, wenn man den in diesem Rahmen bemühen will, anzunähern. Leider klingt das ein bisschen aufgeblasen. ― Ich finde schlichtweg, Literatur ist eine große Sache.
Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BL: Das Café ist ja eine Illusion. Als sozialer Raum tut es so, als wäre es eine Kreuzung aus Wohnzimmer und Welt, obwohl es auch eine aus Filterblase und Einzelhandel ist. An den traditionelleren belgischen Cafés gefallen mir die großen Fenster, die ersteres betonen. Ich sitze da, ausgestellt (wie in einem Aquarium), aber gleichzeitig beschützt (wie in einem Gewächshaus) und kann mich im Wechsel aufs Sehen und auf meine Sichtbarkeit konzentrieren, wenn mir danach ist. Ich schreibe nicht in Cafés, oder nur, wenn sich meine Arbeit am Schreibtisch festgefahren hat und ich Störung brauche, Widerstände von außen, die meine inneren Widerstände aufwiegen und bestenfalls aufweichen. Am wichtigsten finde ich Cafés für Gespräche. Dort, in diesem schützenden und störenden Raum einem Freund oder einer Freundin gegenüber zu sitzen und zum Beispiel die Darstellung des Hintergrunds im Bild, den Hexameter als Lokomotive einer Erzählung, die Schmerzpunkte der Weltlage zu verhandeln, oder gemeinsam gesprächlich die seltsamen Gärten von Liebe und Trauma zu durchwandeln, davon kann ich meistens ein paar Tage lang zehren.
Warum hast du das Café De Kat ausgewählt?
BL: Als ich noch in Brüssel gewohnt habe, mochte ich das Café Au Daringman mit seiner sublimen Holzvertäfelung mit feuerroten Einlagen und den ebenso feuerroten Tischplatten und hinter der Theke Martine, die, glaube ich, mit ihrer erstaunlichen Kraft auf ihre Gäste einen gleichzeitig belebenden und tröstenden Einfluss hatte. Aber den Daringman gibt es nicht mehr. Außerdem wohne ich wieder in Antwerpen, wo ich zwischen mehreren Cafés wählen kann, die mir gefallen. In De Kat saß ich vor vielen Jahren mal spät abends, als eine Gruppe von Leuten hereinkam und zu schreien und zu poltern begann. Der Wirt hat sie umgehend rigoros beruhigt, denn in De Kat ist nicht Der Kunde König, sondern Die Kunden sind alle zusammen König. Das mag ich.
Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BL: Schreiben, lesen, mein praktisches Leben bewältigen, spazierengehen, trödeln, Unfug treiben. Das meiste ist aber doch in einem teils höheren, teils niederen Sinne Arbeit.
BIO
Bernd Lüttgerding, 1973 in Peine geboren, lebt seit 2008 in Belgien (Antwerpen, Brüssel). Er schreibt Romane (Gesang vor Türen, Berlin 2020), Gedichte (Stäubungen und Der rote Fuchs beider parasitenpresse in Köln) und gelegentlich Rezensionen. Seit 2020 arbeitet er an dem epischen Gedicht Im Wartesaal, in dem sich die Geschichte der Menschheit im Prisma eines müden Einzelmenschen bricht.


