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Adrian Kasnitz | Traumathek, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Adrian Kasnitz

 

„Im Raben werden Filme gezeigt“, sagte Freisenberg.
„Was für Filme?“
„Weiß nicht genau. Von Studenten der Kunsthochschule.“
„Wann denn?“
„In einer halben Stunde.“
Bender hörte es knacken. Freisenberg legte auf und rannte die Treppe hoch. Kaum hatte Bender aufgelegt, stand Freisenberg in der Tür, rief: „Bist du endlich fertig?“
Er schickte seine Gedanken zum Fenster und ließ seinen Unikram liegen, das französische Buch und die Mitschrift einer Vorlesung, die er an diesem Abend ins Reine schreiben wollte. Aber dazu würde es nicht mehr kommen.
Sie gingen geradewegs zu ihren Rädern, die vor dem Haus standen, schwangen sich auf und fuhren, ohne auf Verkehrszeichen oder Ampeln zu achten, Richtung Weiher und dann Richtung Rudolfplatz. Sie stiegen ab, ketteten die Räder an eine Laterne und reduzierten ihre persönliche Geschwindigkeit. Sie musterten sich gegenseitig, achteten auf Frisur und Kleidung des anderen, fuhren sich durchs Haar, klopften sich ab, wischten die Stirn, verschnauften. Dann ging die Tür auf, sie standen im Café Rabe. Das Licht war dämmrig, der Raum verraucht.

Aus: Studentenroman (unveröffentlicht)

 


Kurzinterview mit dem Autor 

 

Was bedeutet Literatur für dich? 
Adrian Kasnitz: Literatur ist immer ein Eintauchen in eine fremde Welt, in eine andere Perspektive. Es ist für mich die erotischste Kunst, denn alles was in Literatur passiert, passiert im Kopf, in der Phantasie. Hier ziehen sich nicht nur zwei Menschen an, sondern alle Dinge sind miteinander verstrickt, berühren sich und stoßen sich ab.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AK: Ich gehe oft ins Café. Cafés sind Arbeitsorte für mich. Gar nicht so sehr, dass ich hier schreibe. Dafür treffe ich hier Leute, manchmal Freunde, oft aber Kollegen, Journalisten, Fotografen. Die Wohnungen in Köln sind klein, gar nicht vergleichbar mit den Wohnungen, die ich an anderen Orten gesehen habe. Das Wohnzimmer der Kölner ist manchmal die Kneipe, manchmal das Café. Für mich ist das Café der repräsentative Ort, der meiner Wohnung fehlt.

Warum hast du die Traumathek ausgewählt?
AK: Lange Zeit bin ich in ein Café in der Nachbarschaft ein- und ausgegangen. Das hat aber in den letzten Jahren seinen Charme verloren. Ich mag das Café in der Traumathek, die ja ursprünglich eine Videothek ist und in letzter Zeit auch immer mehr ein Programmkino und ein Veranstaltungsort geworden ist. Die Plakate beschwören die Welt der alten französischen oder italienischen Filme herauf, die ich als Jugendlicher spät abends mit meiner Mutter schaute, wenn sie keinen Nachtdienst hatte und nicht schlafen konnte.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
AK: Ich mag lange Spaziergänge, Stadtspaziergänge in andere Stadtviertel, kleine dérives an Orte, die ich noch nicht gut kenne und die ich manchmal überrasche.

 


 BIO

Adrian Kasnitz, an der Ostsee geboren und in den westfälischen Bergen aufgewachsen, lebt seit vielen Jahren in Köln. Er veröffentlichte zuletzt den sechsten Teilband des Gedicht-Zyklus Kalendarium in der parasitenpresse und den Roman Bessermann im Launenweber Verlag.

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Johanna Hansen | Petit Rouge, Düsseldorf

Foto: Alain Barbero | Text: Johanna Hansen

 

Schönheitspflaster an diesem Abend
sind ein Dutzend Austern.

Dabei glaubt sie, entweder zu gefallen
oder parfümiert unter den Armen die Zügel zu halten
von Behauptungen, durch die kein Weg führt,
der länger ist als eine Erwähnung.

Um den Hals das Perlencollier.
Das muss der Neid ihr lassen.

Sie hat schlanke Beine an ihrem Platz,
die jedes Mal ankommen.
Klappert mit Absätzen, Blockabsatz
an Stiefeln, an Tischbeinen,
unter Kronleuchtern.

Ihr gegenüber gibt er den Schnellkurs im Schulterzucken,
zieht einen Vorsprung aus dem Nichts,
will alles im Griff haben, während sie versucht,
mit den Augen zu atmen,
ohne den Überblick zu verlieren.

Sie servierte gern Sommer auf weißem Porzellan.
Den ganzen Sommer.

Was so ein Wunsch ist: nichts soll verloren gehen.
Nicht das Abendetui.
Auch nicht vertrautes Kopfschütteln.
Wie es sich anfühlt, dabei ertappt zu werden,
wenn das Herz in den Mund schwappt.

Mit geübtem Blick bringt sie im Spiegel hinter der Bar
ihre Zunge auf Hochglanz.

Da passt sie wie eine zweite Haut.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Johanna Hansen: Eine freie Fläche fürs Flanieren der Gedanken. In jeder Lebenslage. Ganz besonders bei Schlaflosigkeit. Ratlosigkeit. Auch Trost und Erkenntnisgewinn. Muße. Vor allem aber: Herzraum. Mundraum. Luftraum.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JH: Sie spielen keine große Rolle mehr für mich, seitdem die Kaffeehauskultur, in der ich aufwuchs, um mich mit Freunden über alles und nichts auszutauschen, an so vielen Stellen und nicht nur in meiner Stadt verschwunden ist zugunsten von Coffee to Go Ketten.

Warum hast du Petit Rouge ausgewählt?
JH: Das Petit Rouge war die ideale Verbindung von Kaffee, Kuchen und Bistroküche, Chansons und origineller Malerei. Ein feiner, intimer Raum direkt um die Ecke, den ich gern aufsuchte, wenn ich Lust auf einen kurzfristigen Tapetenwechsel oder ein zwangloses Treffen zwischendurch hatte. Leider hat dieses kleine ungewöhnliche Café den Lockdown nicht überlebt. Das bedauere ich sehr.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
JH: Tagsüber verbringe ich Zeit im Atelier, male oder schreibe, in den Pausen erhole ich mich bei Spaziergängen am Rheinufer, lese, abends schaue ich fern und ins Facebook und tauche immer mal wieder mit Kopfhörern bei youtube vor allem ins Musik-und Literaturprogramm ab. Außerdem organisiere ich meine Arbeit und kümmere mich um die Alltagsdinge. Ab und zu lade ich Freunde nachhause ein. Kurzausflüge zu Lesungen, Ausstellungen und anderen Kulturveranstaltungen kommen auch vor und bringen weitere Farben in mein Leben.

 


BIO

Kindheit am Niederrhein. Studium der Germanistik und Philosophie in Bonn. 1. und 2. Staatsexamen. Zunächst Journalistin und Lehrerin. 1991 Beginn der künstlerischen Tätigkeit.
Autorin und Malerin. Seit 1993 zahlreiche Ausstellungen, seit 2008 literarische Veröffentlichungen. Zuletzt: „Zugluft der Stille“, Edition offenes Feld 2020, 2019 Postpoetry-Preis NRW

Seit 2013 Herausgeberin der Literaturzeitschrift WORTSCHAU.
www.wortschau.com

In Zusammenarbeit mit Musikern, Komponisten und Videokünstlern entstanden Performances, Poesiefilme und spartenübergreifende literarische, musikalische und bildnerische Projekte.

www.johannahansen.de

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Dominique Zay | Ad’hoc Café, Amiens

Foto: Alain Barbero | Text: Dominique Zay | Übersetzung aus dem Französischen: Iris Harlammert

 

Ein Foto, das uns angeht, das uns befragt, das uns auffordert, eine Emotion zu erleben – und wir haben die Wahl. Landschaften in Gesichtern, hier und anderswo, draußen früher oder später in einer Bar, ein Foto verströmt sowohl Stimmungen als auch Stille, die Unruhe als auch die Ruhe.
Dies ist eine Zauberei, die die Zeit anhält, um die Bewegung besser feiern zu können und die den Bruchteil einer Sekunde in Ewigkeit verwandelt.
Die Farben beneiden Schwarzweiß und nehmen uns mit auf eine Reise in Bildern. Obwohl sich nichts mehr bewegt, verändert sich alles. Die Welt ändert sich, wenn der Blick verweilt und – spürbar – wir ebenso.

 


Interview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Dominique Zay: Ein Fenster, eine Lichtquelle, Widerstandskraft …

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
DZ: Ein anderes zu Hause, wo ich Gast bin. Und außerdem eine großartige Show, bei der ich die Leute beobachte, ich erfinde ihnen Drehbücher des Lebens … unerschöpflich.

Warum hast du das „Ad´hoc Café“ ausgewählt?
DZ: Es war das Café, das mich ausgewählt hat: ich habe mich hingesetzt es erschien mir sofort so, dass die Welt wohl geordnet war, ganz einfach. Alles war an seinem Platz und ich ebenfalls, in Einklang.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
DZ: Krimimessen, Comics, Gefängnisworkshops, und Schreiben, Schreiben …
Eigentlich bin ich wenig in Cafés, ich bin ein Einzelgänger, der versucht sich zu ändern.

 

BIO

Dominique Zay hat keine Kindheit gehabt, er ist direkt im Alter von 16 Jahren auf die Welt gekommen, in einem Zirkus. Später fand man ihn in den Kulissen eines Theaters und sein Konterfei erschien auf den Titelbildern von Kriminalromanen.
Seine Spur verlor sich am Rande eines Waldes.
Sein Name taucht wieder auf, weil er eine politische Partei gründete, die das „Ende von allem“ predigt. Im Jahr 2000 verweigert er den Nobelpreis für Unvollkommenheit. 2010 verabschiedet er sich vom Eiskunstlauf. 2013 beginnt er mit Comics.
Er ist nicht mehr zu stoppen, selbst Interpol hat aufgegeben.
Letztes Detail: Dominique Zay hat keine Ähnlichkeit mit George Clooney!

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Regina Appel | Kaffee Alt Wien, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Regina Appel

 

Das Kaffeehaus hat keine Aufgabe. Es muss nicht glänzen. Es drängt sich nicht auf. Es will einem nichts andrehen. Das Kaffeehaus ist eine Institution. Das ist sein Erfolgsrezept. Voller Demut betritt man es und hofft von ihm geduldet zu werden.

Es ist ein Raum, der einem immer offensteht. Den man glaubt bespielen zu können. Doch eher bestimmt und formt er uns.

In einem Stammcafé hat Zeit keine Bedeutung. Die Jahre vergehen, die Gäste bestehen. Das gute Kaffeehaus ändert sich nicht. Und doch ist kein Besuch gleich.

Es gibt zwei Arten von KaffeehausgängerInnen. Jene, deren Wohnzimmer leer sind und jene, auf die jemand wartet. Im Kaffeehaus sind sie alle gleich. Denn dort gilt das Gesetz der stillen Grenzen. Man schreit nicht einfach „Hey“ über die Tische. Man braucht einen Grund, um jemanden anzusprechen. Das macht sie aus, die Gemütlichkeit.

Das Kaffeehaus hält unsere Gedanken fest. Wir hängen sie an Kleiderständer, kleben sie unter Bierdeckel, verreiben sie auf Glastischen. Und beim nächsten Besuch sind sie wieder da, erwarten uns. Manche Gedanken verstecke ich besonders gut. Auf der Innenseite der Bar oder unter einem Stapel Speisekarten. Und andere schmeiße ich auf den Boden, warte, dass jemand darauf tritt und sie hinausträgt in die Stadt.

Jeder Mensch hat sein Kaffeehaus. Eines, das ihm am besten passt. Wie ein guter Schuh. Man muss ihn erst eingehen. Am Anfang drückt er, irgendwann passt er und dann will man ihn gar nicht mehr ausziehen. Er wird nicht kaputt. Man wächst nicht heraus. Oder etwa doch?

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Regina Appel: Literatur bietet mehr Erkenntnis als Information.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RA: Die Möglichkeit die Anonymität in der Stadt zu reduzieren und sich in einem Sozialgefüge aufgehoben zu fühlen.

Warum hast du Kaffee Alt Wien ausgewählt?
RA: Das Alt Wien ist seit über zehn Jahren mein Stammlokal. Früher habe ich hier gelernt, dann gearbeitet. Jetzt komme ich zum Schreiben her.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RA: Relativ viel. So viel Zeit verbringe ich nicht im Kaffeehaus.

 

BIO

Regina Appel wurde 1987 im nördlichen Waldviertel geboren und lebt in Wien. Studium der Medieninformatik an der TU Wien. Arbeitet als Webentwicklerin. Sie schreibt seit 2018 kurze Geschichten. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und diversen Anthologien. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman.

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Bastian Schneider | Chante Cocotte, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Bastian Schneider

 

Glanzstück

Im Café saß ein Mann. Aus seinem linken Nasenloch ragte ein kleines Haar. Die Haarspitze glänzte in der Sonne. Die Sonne schien durch das Fenster. Am Fenster saß eine junge Frau und biß in ein Schnittlauchbrot. Der Schnittlauch leuchtete grün. Auf ihrem rechten Handgelenk hatte die Frau einen aufgespannten Regenschirm tätowiert. Die Regenschirmspitze zeigte auf den Mann. Der Mann putzte sich die Nase. Das Nasenhaar glänzte.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Bastian Schneider: Literatur ist für mich Lust an der Sprache, eine große Weltwahrnehmungsmaschine und manchmal auch einfach wunderbar geeignet, sich zu zerstreuen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
BS: Ich gehe seit über 20 Jahren regelmäßig in Cafés, zum Freunde treffen, Leute beobachten und zum Arbeiten. Kaffeehäuser sind mich eine Art erweitertes Wohn- und Arbeitszimmer.

Warum hast du Chante Cocotte ausgewählt?
BS: Der Kaffee ist gut, die Tische sind super fürs Schreiben, die unverputzten Backsteinwände strahlen Wärme aus und weil das Café nicht so groß ist, hat man dort auch seine Ruhe. Außerdem mag ich die kleine Terrasse im Hinterhof.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
BS: Dann sehne ich mich danach, im Kaffeehaus zu sein!

 


BIO

Bastian Schneider studierte deutsche und französische Literatur in Marburg und Paris sowie Sprachkunst in Wien. Zuletzt erschienen von ihm die Kurzprosabände „Die Schrift, die Mitte, der Trost“ (2018) und „Paris im Titel“ (2020) im Wiener Sonderzahl Verlag. Er lebt in Köln und Wien.

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Daniel Wisser | Café Wortner, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Daniel Wisser

 

Salzstangerl

Zu der Zeit, als es noch keine Salzstangerl ohne Salz gab, entfernte der Volksschullehrer Winter, der die 1. und 2. Klasse unterrichtete, jenen Schülerinnen, die danach verlangten, in der großen Pause das Salz durch Reiben des Salzstangerls an der Türklinke des Turnsaals. Eines Tages fragte er dabei eine Schülerin, die ein blaues Auge hatte, wobei sie sich verletzt habe. Das sei in der Religionsstunde passiert, antwortete die Schülerin, nahm ihr Salzstangerl und rannte davon. Der Lehrer Winter beschloss, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen. Er erzählte der Direktorin Hackl, ihm sei schon mehrmals berichtet worden, dass dem Pfarrer Reisinger, der in der Volksschule Religion unterrichtete, bei den Schülern die Hand ausgerutscht sei. Er sei überzeugt, man müsse auch dem Herrn Pfarrer klarmachen, dass Prügelstrafe nicht mehr zeitgemäß sei, sagte Winter. Die Direktorin schüttelte den Kopf. »Das ist wohl ihre Privatmeinung«, antwortete sie. Und sie fügte hinzu: »Es ist übrigens auch meine Privatmeinung, aber sie hat sich eben bisher nicht durchgesetzt.« Zwei Tage später kam die Mutter des Mädchens mit dem blauen Auge, als sie die Tochter von der Schule abholte, auf den Lehrer Winter zu. Sie blickte ihn vorwurfsvoll an und sagte, ihre beiden Söhne seien Ministranten und sei wolle mit dem Pfarrer keine Schwierigkeiten bekommen. Der Lehrer Winter solle sich in den Religionsunterricht ihrer Tochter nicht einmischen und auch gefälligst ihre Salzstangerl in Ruhe lassen.

 


BIO

Daniel Wisser geb. 1971 in Klagenfurt, lebt seit 1989 in Wien. 2003 erscheint sein Debutroman „Dopplergasse acht“. Seither erschienen fünf Romane und eine Sammlung von Prosaminiaturen mit dem Titel „Unter dem Fußboden“ (2019), die ständig weiter wächst. Für den Roman „Königin der Berge“ (2018) wird er mit dem Österreichischen Buchpreis und dem  Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. Für 2021 ist der Roman „Wir bleiben noch“ angekündigt. Webseite: www.danielwisser.net

 

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Daniel Wisser | Café Wortner, Wien

Foto: Alain Barbero, auch in: „Kinder der Poesie“ (Kremayr & Scheriau, 2019) | Text: Daniel Wisser

 

Aufzählung

„Vier Dinge sind es, die wir jetzt beachten müssen“, sagte die Bereichsleiterin Lessigang zum Direktor Dr. Vegh auf dem Korridor des Amtsgebäudes gerade in dem Moment, als der junge Disponent Spring an den beiden vorbeiging. Spring, der die Bereichsleiterin und ihre nicht enden wollenden Aufzählungen kannte, war froh, dass er nicht von Lessigang angesprochen worden war, und beschleunigte seinen Schritt. „Erstens …“, setzte die Bereichsleiterin Lessigang fort. Spring wusste genau, was nun folgen würde: Ihre Aufzählung würde nicht über den ersten Punkt hinausgehen, sondern sie würde den ersten Punkt in vier Unterpunkte teilen, diese aber wieder nicht vollständig auflisten, sondern den ersten Unterpunkt in vier Unterunterpunkte teilen und so weiter und so fort. Als Spring sich in sicherem Abstand von der Bereichsleiterin Lessingang glaubte, trat er an das Fenster zum Innenhof und sah, dass der große Kirschbaum schon jetzt, Mitte März, zu blühen begonnen hatte. „Vier Jahreszeiten sind es, die schön sind“, dachte der Disponent Spring, „aber alle schwärmen immer nur vom Frühling.“

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Daniel Wisser:
a) Sie ist mein Beruf (geworden) und bis hierher war es ein 15jähriger, zäher Kampf. Insofern bin ich wie die meisten und kämpfe jetzt mit Abstiegsängsten.
b) Die Literatur ist das Einzige, was übrigbleibt, um die Wirklichkeit heute darzustellen. Alle anderen Möglichkeiten, besonders der Journalismus sind vom Kapitalismus bereits aufgekauft worden und keine Informationsquellen mehr, sondern Propagandainstrumente.
c) Sie umgibt mich schon seit ich lesen kann mit Texten, die ich mir zu merken versuche, damit ich etwas zu sagen habe zu Dingen, zu denen mir nichts einfällt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DW: Ich gehe am liebsten in Cafés, die nicht „in“ sind, wo man sich in eine Ecke setzen und unbemerkt schreiben kann. Ich schreibe aber nicht meine eigenen Texte, sondern einfach die Gespräche oder Teile davon auf, die ich mithöre.

Warum hast du das Café Wortner ausgewählt?
DW: Es gefällt mir, weil es unpretentiös ist. Weder soll es etwas Zeitgenössisch-sein-wollendes ausstrahlen, noch wird dort Nostalgie bemüht. Es ist einfach so da, wie es ist. Und das ist für ein Café im vierten Bezirk einzigartig.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
DW: Ich schreibe an einem Schreibtisch, spaziere auf Straßen und Wegen und schlafe in einem Bett. Insofern ist mein Leben wenig bemerkenswert.

 

BIO

Daniel Wisser geb. 1971 in Klagenfurt, lebt seit 1989 in Wien. 2003 erscheint sein Debutroman „Dopplergasse acht“. Seither erschienen fünf Romane und eine Sammlung von Prosaminiaturen mit dem Titel „Unter dem Fußboden“ (2019), die ständig weiter wächst. Für den Roman „Königin der Berge“ (2018) wird er mit dem Österreichischen Buchpreis und dem  Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. Für 2021 ist der Roman „Wir bleiben noch“ angekündigt. Webseite: www.danielwisser.net

Blog Entropy, Olivia Kuderewski, Alain Barbero, Barbara Rieger, Szimpla Berlin, Café, Berlin

Olivia Kuderewski | Szimpla, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Olivia Kuderewski, Auszug aus „Lux“ (Roman, erscheint im Frühjahr 2021 bei Voland & Quist)

 

Das Neon der Schilder schießt in Lux wie Tinte in Wasser. Sie steckt sich die Camel an, nimmt einen so tiefen Zug, dass sie husten muss, und fährt die Konturen der Blockbuchstaben, die Botschaften der Bildschirme, gierig mit dem Blick ab. Sie starrt in reine, stechende Farben, darüber der Himmel, schwarz und unerkennbar, und ihr wird schwindlig vom Nachrichtenzipper, sie heftet sich an einen Buchstaben, folgt ihm, bis er digital verschwindet, dann der nächste, von vorne, so lange, bis die Muskeln hinter den Augen weh tun. Lux frisst das Neon, verschlingt es, sie wird davon nicht satt. Körper und Gesichter, Klamotten und Masken und das Drama der Spielfilme, die sie alle kennt, auf hauswandgroßen LCDs, Schauspieler und Models godzillagroß, aber zahm und mit verzogenen Gliedmaßen durch die Flucht der Straße. Die Schärfe der Bildschirme, niemals wird sie wegsehen können und das, was ihr hier immer am besten gefallen hat, ist, dass das Drama sich ohne Ton abspielt. Die Videos laufen lautlos zum Rauschen der Stadt, das nur von gelben Taxis und vom Durchzug verursacht wird.

Du bist ein winziger Punkt zwischen rechtwinkligen Steintürmen, im tiefsten, archäologischen Tal Amerikas, im Canyon von New York liegst du, so tief unten im Neonparadies, dass kein einziger Stern zu sehen ist. Du bist im Herzen von Amerika. Du bist im heiligen Herz von Amerika, denkt sie, und ihr eigenes beruhigt sich.

Lux wird durchlässig. Sie verwandelt sich in einen Teil dieser Stadt, in ein paar wenigen Minuten verformt sie sich wie im Märchen, von Lux zu Amerika. Du bist im Herzen von Amerika, denkt sie wieder und nickt, ihr ganzer Körper nickt, ein wenig Wasser sammelt sich unter den Lidern und sie muss für eine Sekunde die brennenden Augen schließen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Olivia Kuderewski: Selbstvergessenheit, Bildung und Kommunikation

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
OK: Früher habe ich mich nie getraut, alleine im Café zu sitzen. Ich wollte unbedingt, aber dazu waren nur pensionierte Männer, die nachdenken, berechtigt, es fühlte sich merkwürdig exponiert und unentspannt an. Nach und nach konnte ich diese Unsicherheit abstreifen – das ist für mich eine triumphale territoriale Eroberung. Jetzt muss ich im Café sogar aufpassen, vor Selbstvergessenheit nicht in der Nase zu bohren.

Warum hast du das Szimpla Berlin ausgewählt?
OK: Sie hatten da diese Käse-Pogatschen. Wikipedia: „Pogatschen sind runde, salzige Gebäckstücke, die im Karpatenbecken, auf dem Balkan und in der Türkei zur typischen Küche gehören.“ Ich mochte, dass es sich wie eine Mischung aus Café und Bar anfühlte. Leider hat es Ende 2019 nach 10 Jahren zu gemacht, weil der greedy Boxhagener Platz wohl profitablere Läden erfordert.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
OK: Ich schreibe in der Wohnung einer Freundin, weil die mehr Licht als meine eigene hat, versuche informiert zu bleiben und fahre mit dem Longboard herum.

 

BIO

Olivia Kuderewski, geboren 1989, hat viel zu lange an ihrem Debütroman „Lux“ gearbeitet, der jetzt endlich im Frühjahr 2021 bei Voland & Quist herauskommt.

 

 

Blog Entropy, Petra Sturm, Alain Barbero, Barbara Rieger, Velobis, Café, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Petra Sturm | Velobis, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Petra Sturm

 

Ich sage jetzt verwegen, schreiben und Radfahren gehören zusammen. Weil die Erfahrungen intim, intensiv und körperlich sind, die Synapsen im Gleichschritt mit den Pedalen glühen. Wenn man erst mal drinnen ist, im Flow, schreibt sich die Wahrnehmung von der Welt mit Geschwindigkeit ein. Räder, Tasten, Stifte und Pedale sind für mich Transmissionsvehikel.

Mir kommen tatsächlich viele Ideen beim Radfahren. Wo wäre es schöner sie zu sammeln, als in einem Lokal, das auch Räder beherbergt? Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

Einen Ort, wo Randonneure und Randonneusen sich treffen und sich freundlich zunicken.

Weltoffenheit und Komplizenschaft die Stätte zu einem herzlichen Raum machen.

Vielleicht bin ich auch nur altmodisch. Fluche ich mal nicht, finde ich es poetisch, wenn am Radweg Menschen aufeinander zufahren, ihre Blicke sich für einen kurzen Moment begegnen, sie etwas voneinander mitnehmen, flüchtig, aber doch intensiv, bevor sie ihre Routen weiterverfolgen. Wien ist nicht immer die offenste Stadt, aber im Radsattel öffnet sie sich, dann und wann, zumindest unter Radfahrer*innen. Selbst wenn ich falle oder mir dir Luft ausgeht, andere Pedaleur*innen werden mir aufhelfen, wie damals, als ich mir an den Straßenbahnschienen die Lippen blutig und ein Stück vom Zahn ausgeschlagen habe.

Cenzi habe ich aufgeklaubt, in einem Archiv. Von einer Illustriertenseite von 1897 heraus hat sie mich angestarrt. Mit schüchternem und selbstbewußten Blick, auf einem Rennrad sitzend, hat sie mich sofort davon überzeugt, alles von ihr wissen zu müssen. Wenn ich die Bellariastraße zwischen Volksoper und Volkstheater runter radle, fröstelt mich. Cenzi ist dort 1900 bei einem Triplettrennen verunglückt. Sie ist jung gestorben, diese großartige Rennradpionierin, aber davor ist sie durch Wien geradelt und in einem Radcafé gesessen, auch als Frau. Das finde ich bewundernswert. Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Petra Sturm: Literatur ist für mich Freiraum. Die Chance, meine Wahrnehmung der Welt im Freestyle zu dokumentieren. Geschichten zu erzählen, die mich nicht los lassen, die nach sprachlichem Ausdruck drängen, von spielerisch bis schonungslos.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
PS: Sammlung und Zerstreuung zugleich. Ein Ort, an dem ich mich aufgehoben fühle, mich gerne und jederzeit mit anderen treffen kann, aber mir auch selbst genug bin, solange ich andere beobachten, lesen oder schreiben kann …

Warum hast du das Velobis ausgewählt?
PS: Jede Stadt braucht mindestens ein Radcafé! In Wien gibt es ein paar. Nachdem das Radlager zugesperrt hat, habe ich das Velobis entdeckt und mich sehr darüber gefreut. Es liegt zwar nicht bei mir ums Eck, aber bei so viel Weltoffenheit und Herzlichkeit nehme ich den Weg gerne in Kauf. Den frankophilen Einschlag finde ich auch super

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
PS: Das Leben auf viele andere Weisen erfahren und wahrnehmen … Radfahren geht immer.

 

BIO

Petra Sturm ist Autorin, Journalistin, Texterin und Radhistorikerin. Diverse journalistische, wissenschaftliche und literarische Publikationen in Zeitungen, (Fach-)Zeitschriften und – Sammelbänden. Künstlerische Arbeiten an der Schnittstelle von Literatur, Geschichte und Kultursoziologie, visuelle Poesie und Wissenschaftsaktionismus; intermediale, partizipative und performative Projekte.

Blog Entropy, Safiye Can, Alain Barbero, Barbara Rieger, Heimathafen, Café, Offenbach am Main

Safiye Can | Heimathafen, Offenbach am Main

Foto: Alain Barbero | Text: Safiye Can, Auszug aus „Rose und Nachtigall“ (Wallstein, 2020)

 

Im Land der Rosen und Nachtigallen
wurde eine andere zu der
die ich sein sollte.
Nun geschieht immer alles an Orten
an denen ich mich nicht aufhalte
man kann sich in einen Kilim
einrollen, in einer Tasse Kaffee ertrinken
einer Pusteblume um den Hals fallen
und losschluchzen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Safiye Can: Sauerstoff, Nahrung, Bildung, Freude. Und so viel Arbeit, dass es an Selbstzerstörung grenzt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SC: Kommt auf das Kaffeehaus an. Ein Ort der Begegnungen, des Austauschs und bestenfalls des guten Schreibens.

Warum hast du den Heimathafen ausgewählt?
SC: Aufgrund des Namens und wegen des Bembels in einem der stylischen Regale.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
SC: Ich fände eher die Frage interessant, was das Café macht, wenn ich nicht im Café bin.

 

BIO

Safiye Can, Lyrikerin, Autorin, Dichterin der konkreten und visuellen Poesie, Herausgeberin sowie literarische Übersetzerin. Die Lyrikbände der Autorin wurden kurz nach der Publikation zu Bestsellern.
Can leitet Schreibwerkstätten an Schulen und anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche im In- und Ausland, und sie ist Gründerin der Schreibwerkstatt Dichter-Club.
Sie ist Kuratorin der Zwischenraum-Bibliothek der Heinrich-Böll-Stiftung, wurde u.a. mit dem Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und dem AMF-Preis für aufrechte Literatur ausgezeichnet, und sie ist als Gastdozentin tätig (u.a. Northern Arizona University/USA).
Sie ist Vorstandsmitglied der renommierten Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik: die horen, Mitglied bei der internationalen Schriftstellervereinigung PEN, ist ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Amnesty International und setzt sich darüber hinaus stark für Tierrechte ein.
www.safiyecan.de

Letzte Publikationen:
Rose und Nachtigall, Liebesgedichte
Kinder der verlorenen Gesellschaft. Gedichte