Schlagwortarchiv für: Alain Barbero

Blog Café Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, David Blum, Backstein, Leipzig

David Blum | Backstein, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: David Blum, Auszug aus dem Jugendroman „Kollektorgang“ (Beltz & Gelberg, 2023). Erscheint am 08.03.2023!

 

Viele Geschichten beginnen mit einem Haus, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, ich weiß. Nichts dergleichen findet man bei mir. Ich wuchs auf in einem dieser Viertel, die an die Stadtkerne geklebt wurden. Ein Wohnkomplex nennt es Hoffmann, viele würden es wohl als ein Neubaugebiet oder schlicht als Platte bezeichnen. Aber für mich waren es immer nur die Blöcke. Mein Leben, das waren diese Blöcke. Oder besser gesagt: der Hof, der von ihnen umgeben war. Zehn steinerne Stufen führten hinauf zu den Hauseingängen, und wenn wir über jemanden sprachen, dann sagten wir stets seine Nummer dazu, Rajko aus der Vier kommt nachher noch runter, Stefan aus der Drei ist im Urlaub und so weiter. Spät ging die Sonne auf im Hof hinter den Blöcken und früh ging sie unter. Es gab nichts weiter als Wäschestangen, eine Schaukel und den langweiligsten Sandkasten, den man sich vorstellen kann. Und trotzdem waren wir immer dort, immer nur dort.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich? 
David Blum: Erkenntnis. Unterhaltung. Verwirrung. Reihenfolge egal, im besten Fall alles gleichzeitig.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DB: Als Reiseführerautor habe ich viel darüber nachgedacht, was Cafés überhaupt für eine gesellschaftliche Bedeutung haben. Eigentlich sind sie die Nutznießer der notorischen Ungastlichkeit der Großstädte. Oft ja auch die einzige Möglichkeit, sich in einer Innenstadt irgendwo hinzusetzen.

Warum hast du das Backstein ausgewählt?
DB: Weil es kein Café ist, sondern ein Backwarenverkauf unter freiem Himmel. Man kann mit den Kindern hingehen, ohne dass es eine Rolle spielt, dass sie mit dabei sind.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
DB: Arbeiten. Lesen. Schreiben. Bei den Kindern sein. Hoffentlich nicht alles gleichzeitig.

 

BIO

David Blum, geboren 1983 in Potsdam. Studium der Germanistik und Medienwissenschaft sowie Masterstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Neben literarischen Texten schreibt er auch Reiseführer (Reise Know-How, E. A. Seemann) und Gebrauchstexte (Zweitausendeins). Mitherausgeber other-writers.de, ein Blog über Autor*innenschaft und Elternschaft. 2023 erscheint der Jugendroman „Kollektorgang“, der mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde.

Blog Café Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Marcus Klugmann, Café Das Kapital, Leipzig

Marcus Klugmann | Café Das Kapital, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Marcus Klugmann

 

Da die Eltern meiner damaligen Freundin eher Cafés mit uniformiertem Mobiliar und ebensolcher Musik bevorzugten, fühlte ich mich ein wenig als Gastgeber (der seine Gäste am Ende zahlen lässt). Auch wenn ich nicht der Smalltalktyp war, versuchte ich mich doch als Eisbrecher. Ich erzählte, dass ich in letzter Zeit jeden Tag an diesem Tisch da hinten säße, schriebe und läse, wie hübsch das sei im Kerzenschein, wenn es ein bisschen flackert auf der Seite, die vor einem liegt, wie man sich in einer Art wohliger Blase befinde, behütet vom Kegel des Kerzenlichts, abgeschirmt von allem vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Übel der Welt und den übrigen Gästen, und doch genährt von der hoffnungsspendenden wattehaften Plazenta ihres Gemurmels …
Jetzt habe ich mich wohl etwas hinreißen lassen, Verzeihung, der genaue Wortlaut war das sicher nicht. Ich schloss meine kleinen Ausführungen aber jedenfalls folgendermaßen: Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre Peter Altenberg in Wien vor hundert Jahren. Das war ein Schriftsteller, der hat quasi im Café gewohnt. Der sitzt jetzt noch als Statue an seinem Stammplatz. Vielleicht setzen sie hier ja auch irgendwann eine von mir, wie ich mich bucklig über meine Manuskripte beuge, an den Tisch dort in der Ecke. Hehe.
Man sollte nicht versuchen das Eis zu brechen, auf dem man sich noch einen Abend lang bewegen muss. Ich hatte eh schon immer das Gefühl, die Eltern meiner damaligen Freundin wünschten sich eher einen pragmatischer veranlagten Mann für ihre Tochter als mich. Um so unverständlicher, dass ich glaubte, mit folgendem Satz ans bescheidenere und damit vermeintlich sicherere Ufer zurückzurudern: Naja, viel hat er ja nicht verdient mit seiner Kunst, er musste sich seinen Einspänner (das ist ein Espresso mit Schlagsahne – sehr beliebt in Wiener Kaffeehäusern) ständig erschnorren. (Genau genommen – erfuhr ich beim Überarbeiten dieses Essays – gibt es gar keine Statue an Altenbergs Stammtisch. Was es gibt, ist eine wächserne Puppe, direkt am Eingang, eigentlich alles andere als schmeichelhaft.)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Marcus Klugmann: Zum Glück und leider so ziemlich alles. Keine Sekunde am Tag, in der ich nicht an sie denke zumindest.
Zum Glück, weil ich lange nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen will, weil ich immer bedauert hab, dass ich für nichts brenne, und immer die bewunderte, die voller Leidenschaft für etwas leben.
Und dann leider, weil ich nichts anderes mehr will und kann, ich bin für alles unbrauchbar, das sage ich ganz unkokett, und das ist ziemlich hinderlich im Alltag (sehr, nicht ziemlich). Ich meine: Ich könnte mich doch jetzt, wo wir einen Garten haben, für Anbau und Pflege der Pflanzen interessieren oder wenigstens das Häuschen reparieren wollen, das da steht, im Schrebergarten. Fällt mir aber schwer.
Ausnahmen bilden meine Kinder und meine Frau, die sind genauso immer anwesend in mir und um mich herum und sollen das auch bitteschön für immer bleiben.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MK: Früher unendlich große, jetzt kaum noch bis gar keine Bedeutung. Früher konnte ich dort lange alleine sitzen, gleichzeitig unter Menschen sein, aber ohne Gefahr angesprochen zu werden. Ich fand es im Grunde von Anfang an ein bisschen peinlich, im Café zu schreiben, ungefähr hundert Jahre zu spät zu der Party, lächerlich. Schaut her, ein Literat! Aber genau das zwang mich, dann auch wirklich zu schreiben. Wenn ich jetzt nicht schreiben würde, dann wäre ich mir vor mir selber ganz unrettbar peinlich. Zu Hause war ich zu sehr abgelenkt von Internet und Ruhe, Müdigkeit, das Bett lockt. Seit Corona, d. h. geschlossenen Cafés, später verkürzten Öffnungszeiten, hab ich mich daran gewöhnt, hier am Esstisch zu sitzen, na ja, fast, fast (das Internet ist immer noch zu groß: PROKRASTINATION!). Außerdem: Geldgründe.

Warum hast du das Café Kapital ausgewählt?
MK: Die Musik dort nervt nicht, die Bedienungen sind mir nicht unsympathisch, ich muss nicht dauernd was bestellen … und dann wollte ich das Café zeigen, in dem ich immer saß, in dem ich auch den Großteil meines Romans schrieb, der hoffentlich bald erscheinen wird. Ist ja auch fotogen, das Kapital.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MK: Schreiben, lektorieren, die Kinder in die Kita fahren/abholen, essen, trinken, Windeln wechseln, lesen, Youtube gucken, vorlesen, Katze streicheln – so was halt.

 

BIO

Geboren 1981 in Halle, Germanistikstudium in Halle, dann am DLL in Leipzig, dann Hochzeit, zwei Kinder, noch selbständig als Lektor und Schriftsteller, bald erstes Buch.

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Ulrike Schrimpf, Café Hawelka, Wien, Vienne

Ulrike Schrimpf | Café Hawelka, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Ulrike Schrimpf

 

 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich? 
Ulrike Schrimpf: Literatur schreiben: leben. Literatur lesen: ein Genuss.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
US: Als Studentin habe ich jahrelang auch in Cafés gekellnert. Nachts war mir das am liebsten. Was für Geschichten ich da erlebt habe, welchen Menschen ich begegnet bin – davon zehre ich bis heute, davon zehrt mein Schreiben. Auch das oben genannte Gedicht bezieht sich u.a. auf eine solche Erfahrung.

Warum hast du das Hawelka ausgewählt?
US: Es hat nichts Geschniegeltes, der Kaffee und die Buchteln sind hervorragend, und ich mag die mit Plakaten gepflasterten Wände, das leicht verkommene Ambiente.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
US: Mich durchs Leben schlagen.
Kinder aufwachsen sehen.
Lieben. Begehren. Wüten. Lachen. Traurigsein. Menschen begegnen.
Was man so macht.
Linger on.

 

BIO

berlinerin in paris verloren in wien lebend gescheiterte schauspielerin doktorandin etc. versucherin tango gesang kochen sport verschiedene studien männer drei söhne liebhaberin bücher sach fach kinder lyrik ein paar stipendien und preise zahlreiche gespenster –
neuste Publikation: „Lauter Ghosts. Short Story“, Literatur Quickie Verlag: 2022. Ulrike Schrimpfs erster Roman für Erwachsene erscheint im Frühjahr 2023.

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Beloslava Dimitrova, FOX Book Café, Sofia, Bulgarie

Beloslava Dimitrova | FOX book café, Sofia

Foto: Alain Barbero | Text: Beloslava Dimitrova | Übersetzung (aus dem Bulgarischen): Alexander Sitzmann

 

 

Original (Bulgarisch)

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Beloslava Dimitrova: Die Literatur war und ist immer noch das Zuhause, wovon ich geträumt habe. Der Raum, den ich mit dem klaren Wissen betrete und auch wenn ich ihn doch irgendwann wieder verlassen muss, bleibe ich dankbar, zufrieden und entspannt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BD: Was ich an ihnen mag, ist, dass wir alle anonym sind, und gleichzeitig gibt es diese Nähe und das Gefühl, dass man nicht ganz allein ist.

Warum hast du das FOX book café ausgewählt?
BD: Ich gehe mit meiner Tochter dorthin, um Kinderbücher zu kaufen, die anderen zu beobachten und inspiriert zu werden. Der Laden ist gemütlich, klein und versteckt im Herzen der Stadt. Er erinnert mich an eine kleine Gruft voller Bücher.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BD: Jetzt wurde meine Welt durch die Ankunft meiner Tochter Mika auf den Kopf gestellt. Ich lerne wieder, was es ist ein Kind zu sein, und dass die Kinder ein unschätzbares Geschenk sind. Vielen Dank, Mika!

 

BIO

Beloslava Dimitrova ist eine Dichterin und Journalistin. Geboren im Jahr 1986. Sie hat drei Bücher veröffentlicht. Sie wurde mit drei nationalen Lyrikpreisen ausgezeichnet und ist ins Englische, Deutsche, Spanische, Italienische, Kroatische, Mazedonische und Hindi übersetzt worden. Sie wohnt und arbeitet in Sofia.

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Patrizia Murari, Les Formigues, Dénia

Patrizia Murari | Les Formigues, Dénia

Foto: Alain Barbero | Text: Patrizia Murari | Übersetzung (aus dem Spanischen): Daniela Gerlach

 

Zeiten des Sommers

Es ist nicht Mittag und es ist nicht Mitternacht, es ist irgendeine Stunde und ein viertel.
Ein Glockenschlag, zweimal Miauen der Straßenkatzen und dann Stille.
Es ist keine Heldenstunde, um sich zu einem Abenteuer aufzuschwingen, es überwältigt die Stille, wo der Durchflug einer Wespe oder das Kreisen einer Fliege wie klingendes Metall einen Festzug begleiten.
Festzug Materie gewordener Träume und Traumbilder, Lichter und Schatten, die den Raum erweitern und zusammenziehen.
Zeit der Marionetten ohne Marionettenspieler, des Theaters ohne Schauspieler, des Tanzes ohne Musik, der Spiegelbilder ohne Spiegel.
Es sind Zeiten des Sommers, Zeiten des Wassers und des Feuers.
Ich denke nach ohne zu denken. 

 

Original (Spanisch)

 

TIEMPOS DE VERANO

No es mediodía y no es medianoche, es una hora cualquiera más un cuarto.
Un latido de campana, dos maullidos de gatos callejeros y después el silencio.
No es una hora épica para emprender aventuras, abruma el silencio donde el pasaje de una avispa o el rodar de una mosca resuenan como metales acompañando un desfile.
Desfile de sueños e imaginarios echos materia, luces y sombras que dilatan y contraen el espacio.
Tiempo de títeres sin titerero, de teatro sin actores, de baile sin música, de reflejos sin espejo.
Son tiempos de verano, tiempos de agua y fuego.
Reflexiono sin pensar.

 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Patrizia Murari: Sie bedeutet buchstäblich die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben.

Welche Bedeutung haben Bars für dich?
PM: Zusammentreffen, Auseinandergehen, Völlerei, Schaufenster, Pause, Zurschaustellung, Fluchtort …, Toiletten für Frauen und Männer.

Warum hast du die Bar Formigues ausgewählt?
PM: Es ist eine typische Bar des Viertels, ohne ästhetische Ansprüche. Ein Ort mit viel „theatralischem Material“ und seinen aktuellen Figuren, … erschwingliche Preise. 

Was machst du, wenn du nicht in Bars bist?
PM: Alles andere: ich esse schlafe telefoniere schreibe restauriere reinige denke lese schaue untersuche und schlafe wieder.

 

BIO

Italienerin aus Padua, studierte Bühnenbildnerin der Academia de Venecia. Seit 1998 in Spanien. Ich habe tausend Jobs gemacht, von der Geschäftsfrau bis zur audiovisuellen Produzentin, von der Raumgestalterin zur Tellerwäscherin, von der Frau und Stiefmutter zur Altenpflegerin, von der Köchin zum Theater. Heute, mit 66 Jahren, kultiviere ich die Kreativität und das Handwerkliche, … das verbessert die körperliche und geistige Gesundheit …, hat mir der Arzt geraten!   

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Teresa Juan López, Códigos del Arte, Dénia

Teresa Juan López | Códigos del Arte, Dénia

Foto: Alain Barbero | Text: Teresa Juan López | Übersetzung (aus dem Spanischen): Daniela Gerlach

 

 

Der, der findet …

Ich bin Reise und bin Ziel. Das schützende Heim. Ich bin das Meer, das erfrischt; der Fels, die Zeit wo keine Zeit existiert. Ich bin die Freude in der Umarmung, Distanz und auch die Stille, die von einem Baum ausgeht. Der beobachtende Blick und die Rückkehr nach Hause, wo das Schlichte wohnt. 
Ich bin der Sand, auf dem du gehst, deine Schuhe, wenn das Leben dich langsam umkreist. Der Mut, die Geduld. Ich bin das Wunder der lebenden Dinge.
Ich bin Raum, bin der Rhythmus, der die Musik vorgibt. Über das Herbstgras schreitend, bin ich heute der klare Blick und das transparente Wort.
Ich bin dein Frieden und deine Gerechtigkeit. Ich bin der Tempel und das Gebet; das Vertrauen, wenn du auf dem Pfad des Erwachens und der Passion voranschreitest. Ich bin Begeisterung und Freude. Ankunft schon, wo die Wegstrecke noch lang schien, voller Biegungen und Schatten.
Ich bin Licht. Und mit bloßen Füßen erleuchte ich diese gesegnete Erde.
Ich bin frei, während ich die Saat der Sterne über dem Feuer alter Erinnerungen verstreue. 
Ich bin, der ich bin.
Offene Flut der Lobpreisungen. Stärke, in der sich der Wind versteckt.
Ich bin, der ich bin.
Ich bin der Gesang, der leise zwischen dem Schilfgras des Flusses erklingt.
Weil ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich der bin, der ich bin.

 

Original (Spanisch)

 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Poesie/ Literatur für dich? 
Teresa Juan López: Es ist die Übersetzung meiner Seele, ihr Ausdruck und ihre Schönheit. Die ultimative Manifestation von Größe, die sich auf der Erde materialisiert.

Was bedeuten Cafés für dich?
TJL: Ein Durchgangsort. Ein Café sammelt Fragmente verschiedener Leben, die gerettet werden können, wenn man ihnen zuhört. Manchmal ist es ein Ort der Inspiration, denn es passieren Geschichten auf einem reduzierten Raum und zu gleicher Zeit. Manchmal auch ein Ort, von dem aus etwas beginnt oder endet.

Warum hast du „Códigos del Arte“ gewählt?
TJL: „Códigos del Arte“ hat meine Poesie, meine Bewegungen, meine Musik aufgenommen, als ich nach Dénia kam. Hier habe ich Konzerte und poetische Sitzungen organisiert. Ich finde, es ist ein gemütliches Café, das man weiterempfehlen kann.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist? 
TJL: Ich tanze, experimentiere mit Farbe und Stimme, filme und kreiere Geschichten mit meinen Versen. Meine Welt ist wie ein riesiger Fächer aus Orten, Reisen und Leidenschaften.

 

BIO

Geboren in Madrid, 1979. Multidisziplinäre Künstlerin. Dichterin, Erzählerin, Reisende, Liebhaberin des Tanzes, der Malerei, Musik, Fotografie und jeglichen Ausdrucks des Künstlerischen und Schönen. Zurzeit lebt sie in Dénia (Valencia).
Autorin des zweisprachigen Bandes „Poemas de las cinco/ Poems at Five (Editorial Algorfa, 2020) und „Cantos del Alma/ Soul Songs“ (Editorial Algorfa, 2022), außerdem Mitbegründerin des poetisch-musikalischen Duos Celêstial Echoes, das bereits eine Platte herausgebracht hat. 
Ihre Bücher gehen über das normale Buchkonzept hinaus und werden in Szene gesetzt, wobei die Mischung aus Poesie, Musik, Tanz und Video bei jedem Auftritt für eine einzigartige Version sorgt. 
Ihre ganzheitliche Vision der Kunst verleiht ihren Kreationen eine Aura der Inspiration und großer Sensibilität für diejenigen, die sie empfangen.
Web: https://mareas2.webnode.es/
Instagram: @teresajuanlopez

 

 

 

 

 

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Ángel Rebollar, Hotel Chamarel, Dénia

Ángel Rebollar | Hotel Chamarel, Dénia

Foto: Alain Barbero | Text: Ángel Rebollar | Übersetzung (aus dem Spanischen): Daniela Gerlach

 

Wie ein blinder Akrobat
(Freiheit kostet mehr als Unterwerfung)

Wie ein blinder Akrobat
auf einem gespannten Drahtseil
in einer dunklen traurigen Nacht,
den Urinstinkt suchend
den die Sicht erschwert.

So erhebt sich die Freiheit
ohne das Korsett der Vernunft
das sie versklavt,
wie das reine Denken, 
wenn es den Filtern entflieht, die es beschneiden.

Wir sind frei, ohne es zu wollen,
auf unbewusste Art,
durch die beharrliche Kraft
die uns fordert und bereichert,
wir sind es, weil wir leben, weil wir geboren worden sind.

Später lernen wir das Laufen
mit den Regeln und Vorschriften
der furchtsamen Gesellschaft,
deren Stricke den Instinkt ersticken, 
und, einmal erstickt, uns beugen werden,
und so hören wir auf zu sein
umgeformt schon
in wohlerzogene Automaten.

Dann, allmählich, kultivieren wir uns,
wie jene, die die Leben einordnen, sagen
jene, die die Regeln der Welt aufstellen, 
die Herren, die dir die Tage rauben
und dir dein Geld nehmen,
ohne dass du es merkst,
für die Achterbahn des Schwindels,
das hormonelle Gefüge ohne Reue,
wo die sensorische Intelligenz
uns dazu bringt, Gefühle, schicklich zurückgehalten, 
nicht zu entfesseln.

Um die eingetrichterten Ängste zu brechen,
gilt es, die Schlingen des Unsinns zu durchschneiden,
die Bequemlichkeit altbekannter Wege zu verlassen,
die Routen, die uns markiert wurden, zurückzugehen,
die vorgegebene Richtung zu missachten
und wieder auf dem dunklen Draht zu gehen
wie ein Akrobat mit verbundenen Augen
um uns in der Leere 
erwachter sinnlicher Sexualität wiederzufinden,
dieser Nächte, in denen wir auf die ersehnten
Wüsten der Freiheit treffen.

 

Original (Spanisch)

 

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Poesie für dich?
Ángel Rebollar: Sie ist eine dringende Notwendigkeit, sie ist ein Ort des Aufgenommenwerdens, in dem ich mich schütze, in dem ich Vorlieben und Abneigungen hin und her drehe, die Rastlosigkeit und die Stille, ein Ort, wo die Ungerechtigkeit besiegt wird und man Frieden findet, wo ich Bilis speie und mich an den Trost klammere, wo ich sterbe und wieder auferstehe, der Lebensraum, in dem ich Antworten auf meine Fragen finde. Letztendlich ist sie der Ort, wo Licht in meine Dunkelheit gelangt. 

Was bedeuten Cafés/ Bars für dich?
ÁR: Ein Heim, um in Gesellschaft zu sein, eine familiäre Agora, wo man die Leute trifft, mit denen man Energie, Muße, Ideen, Lachen und Sorgen austauscht, Komplotte schmiedet. Hier kennen sich Frauen und Männer, öffnen sich Türen zur Geschwisterlichkeit, sogar Liebe, gelegentlich gibt es auch Meinungs-
verschiedenheiten. Sie sind eben lebendige Orte. Außerdem ist es ein intimer Treffpunkt aller Kunstdisziplinen, ein Tempel für den Hexensabbat.

Warum hast du die Lobby des Chamarel gewählt?
ÁR: Ich frequentiere normalerweise keine Cafés, aber dies hier ist ein gemütlicher Ort, mit einer romantischen Dekoration, ein stilles Plätzchen voller Harmonie und geeignet, um die eigenen Gefühle zu ordnen. In diesem Raum habe ich während vieler Jahre an poetischen Sitzungen und Lesungen teilgenommen, darunter einige voller Magie. In diesen Möbeln, die zugleich nützlich und dekorativ sind, sind die Poren des Holzes auch imprägniert mit meinem poetischen Empfinden, wie auch dem vieler anderer Dichter und Dichterinnen. Der blumengeschmückte Innenhof, im Sommer eine Bühne, hat unter dem Licht des Mondes und der Sterne unsere deklamierten Reime aufgenommen. 

Was tust du, wenn du nicht im Café bist?
ÁR: Mein Leben leben, das scheint einfältig, ist es aber nicht. Ich bin 67 Jahre alt und das gestattet mir eine lebendigere Vision der Gegenwart. Ich mache Sport, lese, höre Musik aller möglichen Richtungen, ich denke über die Gesellschaft nach, die meine Generation denen, die nachkommen, hinterlässt, und ich schreibe ohne irgendwelche Ansprüche, einzig zur Befriedigung.

 

BIO

Ich bin ein Sohn des sogenannten „Ameisen-Viertels“, einer Gemeinde aus Wellblechhütten in den Nachkriegsjahren. Mir meines sozialen Umfelds bewusst, wuchs ich auf. Mit 14 Jahren begann ich zu arbeiten, wodurch mein Bewusstsein erwachte, und aus dem Untergrund stellte ich mich gegen die grausame Diktatur. Ich bin Vater, was mir die Sicht auf das Leben erschloss, die Gefühle und die Liebe erforschen ließ, weit über das Physische hinaus. 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Linn Penelope Micklitz, Café Kater, Leipzig

Linn Penelope Micklitz | Café Kater, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Linn Penelope Micklitz, Auszug aus dem Buch „Abraum, schilfern“

 

1740: Sidonia von Hedwig Zäunemann ist gerade aufgewacht und fühlt sich schon außerhalb ihres Körpers, als hätte dieser Körper nichts mehr mit ihr zu schaffen. Eine Müdigkeit, die Trauer gleicht, sammelt sich hinter ihrem Gesicht, sodass die Haut sich wölbt, aufwirft und von ihr wegstrebt. Nichts bringt sie zustande, nur das Schreiben an sich scheint ihr tröstlich. Sie verläuft sich an den Tisch und greift nach dem Briefpapier.
Es ist ja doch so, dass schon das Aussprechen oder Aufschreiben dieses Gefühls des »Nichtfühlen Könnens« eben jenes erträglich macht. Es rutscht sozusagen von den Schultern in den Bauch, was zwar nicht angenehmer ist, ganz im Gegenteil, aber dafür sorgt, dass man weniger einsinkt, und die Ablösung der Haut sich auf das Gesicht beschränkt.
Sidonia spitzt den Stift. Beim Anblick der Späne droht sie kurz die Fassung zu verlieren. Wohin mit solchen Resten. Ihr scheint, dass solche und andere Fragen, die in den letzten Monaten des Öfteren von ihr Besitz ergriffen haben, nicht ihre eigenen sind. Wie sie es auch betrachtet, nichts kann sie finden, nichts, was sie rührt, nichts, was sie betrifft. Bis auf die Reste des Bleistifts, bei denen sie aber nicht begreift, was sie mit ihnen zu schaffen hat.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Linn Penelope Micklitz: Arbeit, Einfachheit, Lebendigkeit.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
LPM: Zeit allein unter Menschen verbringen, Essen ohne aufräumen zu müssen.

Warum hast du das Café Kater ausgewählt?
LPM: Ich mochte die Einrichtung, das Essen und den Kaffee schon immer, vor einem Jahr bin ich dann ganz in die Nähe gezogen und versuche nun ab und an dort Zeit zu verbringen.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
LPM: Ich mache meinen Kaffee selber.

 

BIO

Linn Penelope Micklitz, geboren 1992 im Thüringer Wald, studierte Philosophie und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut, arbeitet als Literaturkritikerin und Autorin in Leipzig. 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Isabella Feimer, Café Cinema, Berlin

Isabella Feimer | Café Cinema, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Isabella Feimer

 

Himmel, hier / ici, Delphine a pensée à Thomas

 

                 Dunkel, dunkel ist der Himmel, während der Blick das Licht sucht, draußen, wie er nur Minuten davor die Frühlingsblumen gefunden hat, die Märzenbecher, die Winterrosen, die Krokusse / eiliges Vorbeiziehen quert das Licht
Die Plakate, denke ich, Zeiten, die einmal waren, und sepia waren sie und rostrot in einer Wellenbewegung, Geschichten, denke ich, die ich mir in die Realität sehne, den erzählten Schmerz sehne ich mir in mein Herz, in dem es kälter wird / das Herz hat zu viele Risse bekommen, mein Herz schreibt Nostalgie in diesen Tagen größer
                 Diese Tage, dunkelgrau wie der Staub, der auf den Scheinwerfern an der Decke sitzt, sie geben kaum noch Licht, sind abgehangen, wie die Fassade der Straße gegenüber, wie sie im Damals war, zur Wende / nur die Straßenbahnen waren Licht, las ich, waren das Bisschen Sonne
Abgehangen der Schleier Zeit, Zeit ist eine andere geworden, kein Blick in eine bessere, sie fällt im Angesicht des Jetzt in sich zusammen, in jeder Begegnung tut sie das / zwischen Flüchtenden habe ich mich bewegt, Geflohenen, die Antworten suchten, wann der Zug und welcher und welches Gleis und nach ihrem Koffer, dem einen, den sie tragen konnten
Mit dem Schluck Kaffee verschlucke ich mich an meinem Gewissen, huste, räuspere mich, huste die Zeit, die ist, aus mir, verräuspere mich in Worten, die ich nicht auszusprechen wage / vage die Vorstellung, wie es damals war, als Ost und West sich hier getroffen haben, im Plüsch des Sofas, las ich, wurde geküsst, wurde nähergerückt, was eine Mauer bislang trennte
                Grau, grau und schmutzig die Zeit, ich stehe auf aus ihr, dem Himmel, hier, dem es an Blau und Hoffnung fehlt, gehe ein paar Schritte, lese an der Wand / ici, Delphine a pensée à Thomas
wer waren diese Menschen, die in Liebe zueinander, und wenn nicht in Liebe, dann in einem Wunsch, wer waren all die Menschen, die hier in diesen dunklen, dunklen Räumen aneinander, miteinander dachten, wer werden sie in Zukunft sein?
Das Wort Zukunft fährt mir kalt und kälter in die Glieder, ich denke, vor lauter falschem Himmel sehe ich sie nicht, nicht für andere in Licht / der Blick sucht weiterstets nach Licht, drinnen, draußen, wie er zuvor nur nichts gefunden hat
Abgehangenes Nichts schreibt sich in diesen Tagen größer, schreibt sich dunkel, dunkel, färbt die Winterrosen schwarz

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Isabella Feimer: Literatur ist mir ein Loslassen und Festhalten, ein geerdeter Schwebezustand; eine Kunstform, die in ihrem Sein als Abbild der Welt, die Welt deutlicher zeichnen kann, als sie ist.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
IF: Zwischenorte, viele Stimmen, tatsächliche und jemals gewesene, die sich mit meiner inneren Stimme verbinden können. Das Jetzt und die Geschichte sammeln sich in Cafés, und auch ein Hauch von etwas, das einmal sein wird.

Warum hast du das Café Cinema ausgewählt?
IF: In der dunklen und geschichtsträchtigen Atmosphäre des CC findet sich meine Leidenschaft für das Kino wieder; es ist ein magischer Ort, der so gar nicht in seine Umgebung hineinpasst und ihr dadurch eine Form gibt. Im CC findet sich so manche Geschichte.

Was machst du, wenn du nicht im Café sitzt?
IF: Tatsächlich spazieren, in Bewegung sein, an Frühlingsblüten schnuppern, die Winterkälte aushalten, usw., ich bin oft im Kino, das Kino ist ein einem Café entgegengesetzter Ort. 

 

BIO

Industriestadtaufgewachsen, nicht ganz Land, nicht ganz Stadt, schon früh der Wunsch nach Richtung Weite, ist so, wenn man im Dazwischen sitzt; Kunsteskapismus, zuerst Theater, dann flügge in die Literatur, die es gut mit mir meinte (hier: ein Dankeschön)
eine Reisende bin ich, reise in Texten, Taten und dem Fantastischen, in der Welt; bebildere mich dabei, lasse in meinem Tun die Bilder Weiterwachsen, und in den Bildern findet meine Stimme ihren Platz.

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Katharina Bendixen, Museumscafé Goetz, Leipzig

Katharina Bendixen | Museumscafé Goetz, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Katharina Bendixen

 

Straßencafé

Früher, wenn ich den Braten oder das Gemüse nicht essen wollte, brachten meine Eltern unseren Esstisch auf die Straße. Es war ein großer Tisch, aus massivem Holz, mit einer zusätzlichen Platte, um ihn zu vergrößern. Gemeinsam trugen meine Eltern den Tisch nach unten, ich trug meinen vollen Teller und einen Stuhl hinterher. Wie eine Kellnerin breitete meine Mutter die Tischdecke über das Holz. Ich musste mich setzen, meine Eltern verschwanden nach oben in die Wohnung. Aus den geöffneten Fenstern hörte ich bald die Stimme des Nachrichtensprechers, später sanfte Filmmusik. Ab und zu tauchte im Fensterrahmen über mir der Kopf meiner Mutter oder meines Vaters auf, und ich griff den Löffel etwas fester, aß aber nicht.
Manchmal kamen Hunde vorbei, und wenn es dunkel genug war, warf ich den Tieren Brotkanten oder Speckränder zu. Das war ein Glück. Das größte Glück aber war es, wenn ein anderes Kind aus der Straße dieselbe Strafe bekommen hatte wie ich. Oft war sein Teller mit einem Gericht gefüllt, das mir schmeckte, und ihm ging es mit meinem Essen ebenso. Mit ein wenig Geschick gelang es uns, über die Straße hinweg die Teller zu tauschen. An solchen Abenden mussten weder das andere Kind noch ich mit hungrigem Magen schlafen gehen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Katharina Bendixen: Sehr vieles – in wenigen Worten vielleicht ein starkes Gefühl der Verbundenheit, das ich in Momenten des Lesens oder (seltener) des Schreibens empfinde.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
KB: Orte der Begegnung, in denen ich mit dem richtigen Menschen im richtigen Moment ebenfalls eine große Verbundenheit fühlen kann.

Warum hast du das Museumscafé Goetz im Unikatum Kindermuseum ausgewählt?
KB: Weil es in Leipzig einer der extrem wenigen öffentlichen Orte ist, an denen über die Anwesenheit von Kindern nicht die Augen verdreht werden. Weil es in der perfekten Sonntagnachmittag-Laufrad-Tour-Entfernung von unserer Wohnung liegt. Weil es dort Kinderbücher, Spielzeug und jede Menge Spiele gibt. Weil Kaffee, Kuchen und Kekse lecker sind. Und weil niemand ein Problem damit hat, wenn die Saftschorle umkippt.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
KB: Schreiben, lesen. Kochen, Brot backen, Kuchen backen. Podcasts hören. Kinder irgendwohin bringen oder von irgendwo abholen. Mit den Kindern zum See radeln und hoffen, dass sie ein paar Minuten zu zweit und ohne Streit im flachen Wasser spielen. Wenn das nicht klappt (also so gut wie immer), mich zu ihnen ins Wasser setzen und mitspielen, bis wir nicht mehr können vor Lachen.

 

BIO

Katharina Bendixen, *1981 in Leipzig, schreibt Bücher für Kinder (Loewe), Jugendliche (Mixtvision) und Erwachsene (poetenladen). Ihre Texte erhielten zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. den Kranichsteiner Literaturförderpreis (2014), das Heinrich-Heine-Stipendium (2017) und ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds (2020/21). Zuletzt erschien der Jugendroman „Taras Augen“ (2022), der mit dem Lesekompass der Leipziger Buchmesse und dem Klima-Buchtipp der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet wurde. Auf dem Blog Other Writers Need to Concentrate (www.other-writers.de) setzt sie sich für eine bessere Vereinbarkeit von Schreiben und Care-Arbeit und einen familienfreundlichen Literaturbetrieb ein. Sie ist Vorstandsmitglied des Sächsischen Literaturrats e.V. und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.