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Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Assaf Alassaf, Eckkneipe, Berlin

Mathilde Ramadier | Würgeengel, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Mathilde Ramadier  | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Ist die Euphorie der letzten Feiertage vergangen, liegt etwas Tristes in diesen Wintertagen, die einer nach dem anderen vorbeiziehen. Eine rasende Flachheit. Als ob die Flachheit eine Geschwindigkeit hätte.

Jedes Aufwachen im Oktober erinnert mich an diese unvermeidliche Katastrophe: Alles, was wir im Sommer genossen haben, ist von den Wolken weggewischt, die bleiben. Die Zeit der toten Blätter herrscht wieder, die Dunkelheit beschleunigt die Schwärze der Dinge, ich flüchte mich daher in die Hochstapelei der glücklichen Menschen, in die lässige Pose der Bohemiens, die über die gepflasterten Straßen Berlins spazieren, sie, die nicht akzeptieren, dass die schöne Jahreszeit nicht ewig dauert. 

Frühmorgennebel, Sonne im Osten. Unwillig schlüpfe ich in eine dicke schwarze Legging. Ich überquere die Straße und laufe mit weit ausgreifenden Schritten über die lockere Erde den Kanal entlang. Kilometerweit. Diese verbrauchte Erde, ihr Geruch. Eine Mischung aus Schlamm, Stadt, herbstlichem Nieselregen und, vor allem, tausend Blätterschichten. Eine pflanzliche Note, eine herbe Süße, ohne welche die Stadt nur Beton wäre. 

Das Laufen gibt mir ein irres Gefühl von Freiheit. Ich komme überall hin. Ich erforsche die vergessenen Gebiete meines Lebens, ich sortiere die Gedanken nach Bequemlichkeit. Schwebend, verdrängt oder wiedergefunden sprudeln sie an jeder Straßenecke Kreuzbergs hervor. Denn wir beginnen einander gut zu kennen, diese, jene, ich. 

Nach der Brücke und den Resten einer berühmten Mauer streichle ich einen anderen Arm des Kanals entlang, gesäumt von Kirschbäumen, übersät von hohlen Kastanien. In eine Halb-Ruhe getaucht sind zwei von Piratenfahnen flankierte Kähne neben einer Trauerweide vertäut. Ein metallener Fußabstreifer wurde aus Bierkronkorken hergestellt, die man nach Plan in die feuchte Erde gedrückt hat, sodass sie einen Anker formen. Im Vorbeilaufen steige ich mit der Ferse darauf und versenke ihn etwas tiefer im tausendjährigen Boden.

 


Interview mit der Autorin

Was bedeutet die Literatur für dich?
Mathilde Ramadier: Die Literatur ist für mich eine Notwendigkeit, eine Anwesenheit in der Welt. Ich habe es sicherlich gewählt, aus dem Schreiben meinen Beruf zu machen, ich habe dafür gekämpft, aber ich habe es niemals gewählt, zu schreiben. Ohne Literatur, ohne das Lesen wäre mir jede Fähigkeit der Sublimierung genommen, ich wäre wahrscheinlich unerträglich.

Was bedeuten für dich die Cafés?
MR: Die Cafés sind für mich der erste soziale Ort, derjenige, an dem man für die Dauer eines Glases am Tresen bei Null anfangen kann, dem Anderen begegnen, wer oder was auch immer das sein mag. Ich bin ein Nachtvogel. Ein Café, das wäre das erste, was ich schaffen würde, wenn ich in einem verlassenen Dorf ankäme. 

Warum hast du die Bar Würgeengel gewählt?
MR: Der Würgeengel ist eine mythische Bar von Kreuzberg, in der man ausgezeichnete Cocktails zu trinken bekommt. Seine spezielle Aura, der Tresen aus Zink, der rote Samt, diese köstliche Mischung aus Geheimnis, Glamour und Antiquiertheit machen einen typischen Berliner Treffpunkt aus ihm. 

Was machst du, wenn du nicht in den Cafés bist?
MR: Wenn ich nicht in den Cafés bin, trinke ich einen Kaffee zuhause, ich schreibe, lese, arbeite viel, ich sehe meinen Kindern beim Großwerden zu und von Zeit zu Zeit brechen wir in Richtung der Schönheit des Südens auf.

 

BIO

Die 1987 im Departement Drôme geborene Mathilde Ramadier ist Autorin von Essays und Graphic Novels. Die ausgebildete Philosophin und Psychoanalytikerin hat Paris vor zehn Jahren in Richtung Berlin verlassen. Ihre Bücher werden unter anderem bei den Verlagen Actes Sud, Futuropolis, Premier Parallèle, Dargaud und Seuil herausgegeben. Sie ist auch Übersetzerin aus dem Deutschen und dem Englischen. Sie schreibt für Philonomist, ein neues Medium des französischen Magazins „Philosophie“, produziert Podcasts und hält philosophische Vorträge. 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Richard Wall, Café Traxlmayr, Linz

Richard Wall | Café Traxlmayr, Linz

Foto: Alain Barbero | Text: Richard Wall

 

 

 



Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich? 
Richard Wall: Auftrag, Glück, Perspektivenwechsel, Widerstand, Selbstvergewisserung.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RW: Eine große Bedeutung, obwohl ich gewiss kein „Kaffeehausliterat“ bin. Dennoch entstanden in den Cafés zwischen Krakau, Venedig, Paris und Prag Gedichte oder Notizen. Ich schätze in ihnen Ruhe, das Angebot möglichst vieler Zeitungen, eine diskrete Bedienung. Das Kaffeehaus sehe ich auch als Bühne: Blicke kreuzen sich, und unwillkürlich, aus den Augenwinkeln, nimmt man Bewegungen war, Ankommende und Aufbrechende …

Warum hast du das Café Traxlmayr ausgewählt?
RW: Das Café Traxlmayr besteht seit 1847, der Zubau, in dem ich meistens sitze, wurde von Mauriz Balzarek, einem Schüler Otto Wagners, 1905 im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltet. Nachdem im Verlaufe der vergangenen 40 Jahre an die zehn Kaffeehäuser in Linz zugesperrt haben, ist das Traxlmayr die einzige Oase mit einem historischen Flair. Ich habe hier, als ich noch literarische Veranstaltungen organisiert habe, den Ablauf zweisprachiger Lesungen mit Kolleginnen und Kollegen aus Tschechien und Irland besprochen; unvergesslich die Treffen mit Jiří Stránský, Josef Hrubý, Eva Bourke, Moya Cannon, Rita Ann Higgins und vielen anderen. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RW: Im Garten arbeiten, schreiben, collagieren, meine Frau bekochen, querfeldein Gehen, unterwegs sein … 

 

BIO

Richard Wall ist 1953 geboren. Schreibt Lyrik, Essays und erzählerische Prosa. Als Bildender Künstler auf dem Gebiet der Collage, Malerei und Zeichnung tätig. In den 1990er-Jahre Organisator der Reihe „Tage irischer Literatur/The Road West“ im Stifterhaus Linz. In diesem Zusammenhang Übersetzung der Lyrik von Cathal Ó Searcaigh, Macdara Woods, Gabriel Rosenstock u.a. 
„Artist in Residence“ im Heinrich Böll-Cottage auf Achill-Island 2014; Projektstipendium des Bundes 2016; Einladung zum internationalen Lyrikfestival „Meridian“ in Czernowitz 2020. Etwa zwanzig Buchveröffentlichungen, zuletzt: Das Jahr der Ratte. Ein pandämonisches Diarium. Löcker Verlag, Wien 2021.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Assaf Alassaf, Eckkneipe, Berlin

Assaf Alassaf | Eckkneipe, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Assaf Alassaf | Freie Übersetzung: Rim George Hachicho & Daniela Gerlach

 

Und die Ampel ist rot (der Halt) 

Ich stehe an der Verkehrsampel, warte zusammen mit den anderen, um die Seite zu wechseln, jene betrachtend, die mich in ihrem Warten umgeben: die junge Frau, die Griffe ihres Trolleys haltend, im Gespräch mit ihrer Freundin, der junge Mann mit orientalischen Gesichtszügen, der damit beschäftigt ist, auf sein Telefon zu schauen und seine Augen von Zeit zu Zeit auf die Ampel richtet, der große schlanke Mann in seinem eleganten Anzug, mit seiner schwarzen Ledertasche, der mit einer Handbewegung seine Armbanduhr unter dem Hemdsärmel hervorzieht, vier oder fünf Jugendliche mit ihren lauten Stimmen und ihrem Gelächter; wir teilen uns das gleiche Warten ohne uns über die vergehende Zeit zu beklagen.
Ich erinnere mich an die erste Zeit nach meiner Ankunft hier. Ich überquerte die Straße, das Rot ignorierend; aus keinem anderen Grund als dem der Weigerung, zu diesem Ort zu gehören, verstieß ich gegen seine unzähligen Regeln.
Das Überqueren der Straße war ein kleiner Test für das Ungleichgewicht in der Beziehung zwischen mir als Individuum und der Gemeinschaft, in der ich lebe, zwischen dem freien Willen und der Unterordnung unter das Gesetz der Gemeinschaft. In diesem Moment des Aufbegehrens wurde ein kleiner skandalöser Akt, wie die Straße zu überqueren und dabei die Ampel zu missachten oder achtlos eine Zigarettenkippe auf den Boden zu werfen, unbewusst zu einem Akt des Widerstandes gegen das wachsende Gefühl des Identitätsverlustes und gegen das Zerrinnen der eigenen Seele, sodass die Identifikation mit den anderen und der Umwelt erschwert, zu einem Stachel, wurde, der in die verwundete Identität stach und dieses verdammte Ungleichgewicht noch vertiefte.

Die Ampel hat uns noch keine Erlaubnis gegeben!

Ich erinnere mich an eine andere Art von Aufbegehren, die ich in einem seichten Film gesehen habe, der die Geschichte eines bösen Prinzen erzählt, der mit Gewalt und Zwang bekam, was er wollte: Geld und Macht, Frauen und Kinder. Aber in dem Moment, als er eine Frau wirklich liebt, identifiziert er sich mit der allgemeinen menschlichen Natur und wünscht sich, so wie die anderen zu sein, also jemand, der sich den Normen der Gemeinschaft unterwirft; und so bittet er die Frau um ihre Einwilligung, ihn zu heiraten und ihre Kinder zu legitimieren, was dann sein Freibrief auf dem Weg hin zur Zugehörigkeit zur Gruppe, zur Nation und zum Volk, ihren Bräuchen und ihren Gesetzen wäre.
Auf dem Höhepunkt des Films, als die Frau versucht, dem Prinzen zu entkommen, nähert sich ihr seine Mutter, eine Hexe, berührt deren Lende mit ihren Fingern und sagt zu ihrem Sohn: Nimm sie jetzt gegen ihren Willen. Sie hat ihren Eisprung und ist mehr als an jedem anderen Tag fruchtbar und bereit für die Schwangerschaft.

Die Ampel ist immer noch rot!

Mich hat immer die Fähigkeit einiger Menschen erstaunt, die Natur und die Lebewesen, ihre Tagesabläufe, ihr Verhalten und ihre Handlungen sowie ihre kleinen, kaum wahrnehmbaren Veränderungen detailliert zu beobachten, als ob sie ganz auf den verborgenen Rhythmus des Lebens lauschten; und sie gestalten aus ihren Lauten und ihrem Schweigen und dem kosmischen Wissen heraus etwas, womit sie die Welt, die Leute und ein Stück Zukunft lesen, fernab der Pseudowissenschaft, des okkulten Wissens „al-mandab“ und der Alchemie. 

Meine deutsche Freundin liest Wolken und Winde und weiß, ob jene ferne Wolke Regen bringen wird oder nicht, wann sie kommt und wie lange es regnen wird, ganz ohne GPS oder Google-Wetter! Dieses Wissen hat sie aus ihren langen Beobachtungen von Wolken und Regen in ihrer kleinen Stadt gewonnen.
Meine Freundin sagt über ihren Vater: Er hat ein Auge, „das sich nicht täuscht“. Es bestimmt das Geschlecht des Fötus im Mutterleib, noch bevor es ein Arzt und ein Ultraschallgerät bestätigen.
In meinem Dorf Muhassan gab es Anfang des letzten Jahrhunderts einen kultivierten Mann, einen Führer, der Deir ez-Zor und die ganze syrische Wüste kannte; es genügte, ihm die Farbe des Erdbodens und die Form ihrer Bäume und Felsen zu beschreiben, um zu wissen, um welche Gegend es sich handelte. Er las die Sterne und Windrichtungen während der Jahreszeiten, um die Hirten zu ihren abgelegenen Weiden zu führen, um die Spur von verloren gegangenen Menschen und Vieh zu finden und sie zu ihren Familien zurückzubringen. Er starb in den frühen fünfziger Jahren, und dieses Jahr wurde nach ihm benannt (das Jahr des Ali Kusa)
Nach seinem Tod gab es niemanden mehr wie ihn. 

Es tritt ein kurzes Schweigen ein, die beiden Freundinnen hören auf zu reden und blicken gemeinsam zur Ampel, der elegante Herr sieht alle zwei Sekunden auf seine Uhr, der Mann mit den orientalischen Zügen lässt seine Hand mit dem Telefon sinken, und auch die Jugendlichen sind verstummt und haben ihre Hände aus den Jackentaschen genommen, des Lärms und des Wartens überdrüssig geworden. 

Ich nähere mich dem Bordstein und meine Füße nehmen schon den Farbwechsel der Ampel vorweg, endlich bewege ich mich fort zwischen den Passanten, die wieder in ihr Stimmengewirr verfallen, und ich erinnere mich, mitten auf der Straße, dass ich – als ich Kind war – einem dieser Wahrsager begegnete, der mir etwas prophezeite, was mir damals nicht gefiel. An jenem Tag nahm ich mir vor, hart daran zu arbeiten, dass seine Prophezeiung sich nicht erfüllt. Ich habe mit diesem Unterfangen über Jahre Erfolg gehabt, aber je weiter ich auf dem guten Weg voranschritt und ohne es zu beabsichtigen, habe ich auch andere Menschen enttäuscht, besonders andere Frauen.

 

Original (Arabisch)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Assaf Alassaf: Die unilaterale Literatur war schon immer ein Mittel, dieser Welt um mich herum einen Sinn zu geben. Sie ist wie ein kleines Werkzeug, das sich in die komplexen und überlagerten Schichten des Lebens gräbt, um sie  zum Zweck der Betrachtung, Analyse, des Dialogs und des Verständnisses in Form von Fragen und Ideen an die Oberfläche zu holen; und zum anderen, um der heutigen Komplexität unseres Lebens und seines Drucks gegen einen scheinbar sicheren Raum – wo aber letztendlich die ganze Gefahr liegt – zu entfliehen. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AA: Um die Wahrheit zu sagen, ich habe eine kindliche und verträumte Vorstellung vom Café als alternativem Ort zum Zuhause und für eine kurze Zeit des Tages. Ein Ort, der es dem Individuum erlaubt, eine kleine Ecke zu finden, in der es sich nach Belieben einrichtet, wo es entdeckt, was es will und tut, was es will. Nach zahlreichen Erfahrungen und Besuchen in Cafés verschiedener Länder, scheint mir ein Gedanke die Zunge herauszustrecken und zeigt mir und meiner Wahrnehmung seinen ganzen Sarkasmus: Ihr geht hier an einen Ort, der nur von Vorübergehenden frequentiert wird.

Warum hast du das Eckkneipe-Café ausgewählt?
AA: Wenn die Corona-Pandemie die Welt geschlossen hat und uns in die Häuser ein-, mitsamt sozialer Distanz und Zoom-Meetings, dann hat sie leider und unglücklicherweise auch das Café in Kreuzberg geschlossen, in das ich früher gegangen bin. Also bin ich auf die nächstgelegene Alternative in meiner Umgebung ausgewichen – das war das Café Eckkneipe.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
AA: Ich habe viele Aufgaben und viel Verantwortung, die an mein Leben geknüpft sind: für meine Arbeit, die Familie und all die, die gerade in meinem Alltag wichtig sind. Und ich gehe dreimal pro Woche zum Volleyballspielen, das einen vorrangigen Platz in meiner Terminliste einnimmt.

 

BIO

Assaf Alassaf, geboren 1976 im syrischen Deir ez-Zor, studierte Zahnmedizin in Damaskus. Er arbeitete hauptberuflich als Zahnarzt und nebenbei als Journalist. Seit 2007 hat er zahlreiche Artikel in arabischen Tageszeitungen wie Al Hayat und Al Mustakbal veröffentlicht. 2013 zog er von Damaskus nach Nouakchott in Mauretanien, wo er als Zahnarzt tätig war, und 2014 nach Beirut, wo er in einem medizinischen Zentrum für syrische Flüchtlinge arbeitete. Heute wohnt er in Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Auf Facebook schreibt Assaf Alassaf seit 2013 literarische Anekdoten über die Revolution und den Krieg in seiner Heimat, über seine Reise nach Mauretanien, sein Leben im Libanon und die Zahnarztpraxis. Posts und Geschichten über „Abu Jürgen“, den deutschen Botschafter, entstanden in der Zeit zwischen November 2014 und Februar 2015 und wurden 2015 in der Übersetzung von Sandra Hetzl unter dem Titel „Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter“ (Roman) im verlag mikrotext veröffentlicht. Anfang Januar 2016 erhielt er ein Stipendium für einen Gastaufenthalt im Literarischen Colloquium Berlin, von Mai bis Juli 2016 war er Stipendiat auf Schloss Solitude.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, José F.A. Oliver, Eiscafé Venezia, Hausach

José F.A. Oliver | Eiscafé Venezia, Hausach

Foto: Alain Barbero | Text: José F.A. Oliver

 

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
José F.A. Oliver: Stets eine Begegnung mit mir selbst.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JO: Sie sind eine Stimmung. Ein Zeitgeschenk für die innere und äußere Kommunikation.
Entspannte Dialoge mit all meinen Sinnen und Wahrnehmungen.
Cafés sind eine Handreichung an die Schönheit des Lebens. Orte, an denen die Seele durchatmet.

Warum hast du das Eiscafé Venezia ausgewählt?
JO: Es ist mir ein freundschaftliches Daheim, weil sich Gastfreundschaft, Handwerk und Genuss treffen.
Annett und Damiano Colle sind Herzensumarmung, Zuspruch und Respekt. Ihr „Benvenuto“ heißt stets „Willkommen!“

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
JO: Mir andere Orte der inneren Ruhe suchen.

 

BIO

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Linn Schiffmann, Wohnzimmer Cafebar, Dortmund

Linn Schiffmann | Wohnzimmer Cafebar, Dortmund

Foto: Alain Barbero | Text: Linn Schiffmann

 

Der fremde Gast

Er zog ein, als die Hühner nur noch drei Wochen zu leben hatten. Wir sahen uns zum ersten Mal und obwohl er von sich erzählte und dabei lachte, mochte ich ihn nicht. „Ich finde ihn nett“, sagte meine Freundin, nachdem sie mit ihm fünf Sätze gewechselt hatte.
Der Hund konnte ihn schon leiden. Glaube ich zumindest. Vielleicht sollte ich aber nicht zu viel im Namen meines Tieres sagen. Womöglich hat der Hund nur feinere Manieren als ich. Schließlich ist er keine Katze. 

Die letzte Lebenswoche der Hühner brach an. Ich hoffte, dass es auch die letzte Woche des Gastes bei uns sei.
Was an ihm mich so irritierte, vermochte ich nur unscharf zu erfassen. Wir sprachen die gleiche Sprache. Aber meinten unsere Wortkombinationen auch dasselbe? Ich merkte, dass er zwar Fragen stellte, aber die Antworten nicht wahrnahm. 

Als er ging, hatten die Hühner noch fünf Tage zu leben.
Er drückte mich und dankte mir. Ich wartete vor dem Haus, bis er auf seinem Fahrrad nicht mehr zu sehen war. Erleichterung breitete sich aus.

Erst als die Hühner zur Suppe geworden waren, fiel mir auf, dass er nie den Garten betreten hatte.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Linn Schiffmann: Durch Lesen und Schreiben habe ich die Möglichkeit, mich aus Raum und Gegenwart zu lösen. Ich kann mich aber auch in die Literatur hinein graben und darin ein neues Tunnelsystem schaffen, das mir dabei hilft, uns Menschen zu verstehen. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
LS: Idealerweise ist ein Café für mich ein Ort, wo die Gespräche freier fließen können. Ein Ort, der genügend Sogkraft hat, um uns für ein paar Stunden auf den Polstern zu halten und uns zugleich die Freiheit gibt ohne Angst unsere Gedanken zu teilen.

Warum hast du Wohnzimmer Cafebar ausgewählt?
LS: Mit dem Wohnzimmer verbinde ich ein paar schöne Erinnerungen an meine Teenagerzeit und mit meiner damaligen Freundin, mit der ich mich öfters im Wohnzimmer getroffen habe. Seitdem hat das Wohnzimmer sich etwas verändert. Aber ich finde, dass es immer noch ein Café mit Charme ist. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
LS: Ich verbringe viel Zeit vor der Tastatur. Gerade arbeite ich an drei Manuskripten. Ab und zu kommen auch Bestellungen für Origami Kraniche rein und ich verbringe einen Vormittag mit Papier falten. Seit Anfang 2021 produziere ich außerdem meinen Podcast WORTWISCHER über Literatur und Literaturbetrieb. Dafür bin ich immer auf der Suche nach interessanten Autor*innen und Verlagen aus dem Ruhrgebiet.

 

BIO

Linn Schiffmann, geboren am Freitag, den 13. Juli 1990 in Dortmund, schreibt Prosa und manchmal auch Lyrik, sie faltet Kunst aus Papier und kreiert, was ihr sonst noch so gefällt.
Seit 2020 ist Linn Mitglied beim LiteraturRaumDortmundRuhr und seit 2021 veröffentlicht sie monatlich eine Folge des WORTWISCHERs, Podcast über Literatur und Literaturbetrieb mit Fokus Ruhrgebiet.
www.linnschiffmann.de
@linnschiffmann auf Instagram & TikTok
@wortwischer_podcast auf Instagram

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Marcelo Lapuente Mahl, Café A, Paris

Marcelo Lapuente Mahl | Café A, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Marcelo Lapuente Mahl
Übersetzung:  Murillo Cândido de Sousa & Daniela Gerlach

 

Ich schlafe ein

Meine Schläfen pochen
Die schwere Brille nehme ich ab
und lege sie langsam
auf den Tisch

Die kurzsichtigen Augen
formen unscharfe Bilder
Leute erzählen unwichtige Geschichten
über ihre Abenteuer in der Welt

Ungeduldig
trommle ich mit den Fingerspitzen
auf die dunkle Holzplatte
Eins, zwei, drei …
Eins, zwei, drei …
und ich weiß, es ist schon spät

Nur noch eine Tasse Kaffee
und endlich bin ich
eingeschlafen.

(Paris, Nov/Dez 2021)

 

Original (Portugiesisch)


Eu adormeço

Minhas têmporas latejam
Retiro os óculos pesados
e os coloco lentamente
sobre a mesa

Nos olhos míopes
se forjam imagens desfocadas
Pessoas dizendo histórias sem importância
sobre suas aventuras pelo mundo

Impaciente
bato com a ponta dos dedos
no tampo de madeira escura
Um, dois, três…
Um, dois, três…
e sei que já é tarde

Só mais uma xícara de café
e eu finalmente
adormeço.

(Paris, nov/déc 2021)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Marcelo Lapuente Mahl: Auf diese Frage sind mehrere Antworten möglich. Ich mag den Gedanken, dass Literatur die komplexeste Manifestation einer Sprache ist. Im Falle der portugiesischen Sprache haben wir wunderbare Beispiele dafür: Fernando Pessoa, Carlos Drummond de Andrade, João Guimarães Rosa, Jorge Amado, Clarisse Lispector, Mia Couto, Pepetela, José Saramago… Die in Portugiesisch geschaffene Literatur ist eine unendliche Welt, die meine Bewunderung erregt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MLM: Cafés sind Orte der Zusammenkunft. Ich fühle mich wohl in einem gemütlichen und geselligen Café, wo man über das Leben nachdenken, Pläne für die Zukunft schmieden oder einfach die Zeit verstreichen lassen kann. Für mich repräsentieren Cafés eine der wichtigsten Einrichtungen des modernen urbanen Lebens.

Warum hast du das Café A ausgewählt?
MLM: Das Café A befindet sich in den Räumlichkeiten der Résidence Les Récollets, ein demokratischer Ort, der ausländische Künstler und Forscher in Paris willkommen heißt. Diese pluralistische Bestimmung des Raumes macht das Wesen des Café A aus. Hier kann man mit Journalisten, bildenden Künstlern, Professoren, Fotografen, Schriftstellern, Filmemachern und Musikern diskutieren, um sich über Ideen, Projekte und Visionen auszutauschen. Eine ideale Umgebung, um die Vielfalt der Welt zu beobachten.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MLM: Wenn ich nicht mit meinen Freunden zusammen bin, widme ich mich der Lehrtätigkeit und den Verwaltungsangelegenheiten an der Universität. Aber ich habe immer Zeit einen Kaffee auf dem Campus zu nehmen. Ich habe das Glück, in einer Region zu arbeiten, in der ausgezeichneter Kaffee hergestellt wird, und die Liebhaber dieses Getränks, wie ich, profitieren täglich davon.

 

BIO

Marcelo Lapuente Mahl, Brasilianer, ist Geschichtsforscher und Dichter. Er ist Professor an der Bundesuniversität von Uberlândia im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais und unterrichtet Geschichte und Journalismus. Neben der akademischen Arbeit ist er Autor mehrerer Gedichtbände, darunter „Fogo Fátuo – combustão espontânea“ (2020), „Entre Ruínas – imagens de Herculano e Pompeia – uma arqueologia poética“ (2022) sowie „É hora de sentir“, das sich an ein jüngeres Publikum richtet. In Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Alterjor entwickelte Marcelo Lapuente Mahl außerdem das Projekt Audiolivropoesia www.usp.br/alterjor/.

 

 

 

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Romina Nikolic, Theatercafe, Jena, Iéna

Romina Nikolić | Theatercafé, Jena

Foto: Alain Barbero | Text: Romina Nikolić

 

Ob ich überhaupt noch glücklich sein kann,
fragst du und ich sag: schau, der klare
Nachthimmel, der eiskalte Garten…
Gelassen kaut ein Hirsch an den Zweigen
der klein gewachsenen Kirsche im Dunkeln,
eingewickelt in eine Decke steh ich am weit
offenen Fenster und wünschte, du wärst hier,
nackt und noch wach… Ich sag: schau, das Glück
ist ein kräftiges Tier, Orion, das Funkeln
im Augenblick, als ein Zweig zerknickt

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Romina Nikolić: Literatur ist mein Lebensinhalt. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht auf die ein oder andere Weise damit beschäftige, auch wenn ich nicht jeden Tag selbst schreiben kann.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RN: Cafés sind quasi Außenstellen meines Büros, wo sich neben dem Schreiben hervorragend Ideen und Konzepte mit Projektpartnern spinnen lassen. Wie wichtig sie für meine Arbeit sind, ist mir im vergangenen Jahr erst so richtig und dann auch gleich richtig schmerzlich bewusst geworden, als Treffen dort nicht mehr möglich waren. 

Warum hast du das Theatercafé ausgewählt?
RN: Da bin ich wohl etwas nostalgisch… Es ist hübsch und gemütlich und ich kenne es seit meiner Studienzeit. Gegenüber ist das Gartenhäuschen von Friedrich Schiller, in dem damals ganz ausgezeichnete Literaturseminare von Jan Röhnert stattfanden, zu denen er die Autoren, deren Werke wir behandelt haben, persönlich eingeladen hat. Hinterher sind wir meist noch geschlossen rüber ins Theatercafé und haben die Gespräche einfach bei Kaffee oder Pastis weitergeführt. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RN: Dann führe ich einfach anderswo Gespräche! Oder schreibe. Wo immer mich meine Arbeit hinführt. Am liebsten aber auf Burg Ranis.

 

BIO

Romina Nikolić, in Suhl geboren, ist in Schönbrunn/Thüringen aufgewachsen. Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Jena und Braunschweig. Seit 2009 Projektarbeit bei diversen Lesereihen, Werkstätten, literarischen Initiativen und Vereinen in Thüringen. 2012 wurde sie für ihre Projektarbeit mit dem Walter-Dexel-Stipendium ausgezeichnet. 2022 erscheint ihr Lyrikband „Unterholz“. Lebt als Lyrikerin, Librettistin, Herausgeberin und Literaturvermittlerin in Jena.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Jana Volkmann, Raphaela Edelbauer, Café Kriemhild, Wien, Vienne

Raphaela Edelbauer & Jana Volkmann | Café Kriemhild, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Raphaela Edelbauer, Auszug aus dem Roman „Die Inkommensurablen“ (erscheint 2023)

 

Dann brach das Abendlicht herein: trügerisch und drückend und plötzlich.
Mitten in der Bewegung hatte die nautische Dämmerung die Stadt überrascht; die noch vom Schweiße feuchten Arme der Menschen gekapert, über die auf einmal gischtig die Gänsehaut jagte, denn man war von der Tageswärme her noch leicht bekleidet. Den ganzen Sommer lang hatte der feste Stoff eines trägen Sommers den Himmel überwölbt, gewitterlos und voll von warmem Resttag. So hatte man sich in den Gastgärten der Heurigenbezirke noch genährt.
Auf einmal aber nahm man wahr, dass die Zeiger der Ziffernblätter herabgestürzt waren, und, von ihrem eigenen Schwung überrascht, wieder über neun pendelten. Zugleich standen Sterne und der schwüle Abglanz des Sommertags noch am Himmel und erschraken voreinander.
Die Menschen, deren freigelegte Haut mit einem Mal wie in Wellenkämmen überschaudert war, saßen noch lachend in den Gastgärten und versuchten, diesen Donnerschlag in Anekdoten zu ertränken. Die Draperie der Lichtstreuung färbte sich derweil immer mehr ins Schwarze. Bald rötlich, bald schon an den Stuckfirsten der Seilerstätte zerschlagen, spannte sich der Abend über sie. Mit einem Mal brach sich die Erregung die Bahn wie ein säuselnder Riss und es war allen klar. Morgen würde das Ultimatum ablaufen.

Salvenschuss, Turmschlag, es war Krieg.

Aber die Sperrstunde war noch nicht nahe. Sie würde sich bis morgen früh nicht sehen lassen. Mehr und mehr Menschen drängten auf die Straße, wo die Schanigärten doch längst bis zum Brechen gefüllt waren. Also richtete man sich auf der Straße ein, wie um nach außen zu zeigen, dass der eigene Körper schon nicht mehr der eigene war, sondern der Öffentlichkeit gehörte. Was rational noch für eine träge Nacht herausgezögert wurde, war im Habitus schon beschlossene Sache: Ein Volkskörper, ein Kriegskörper.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Raphaela Edelbauer: Literatur ist sowohl angewandte Philosophie als auch der direkteste Weg, mich meiner Lebensfrage zu nähern, nämlich der, was Sprache eigentlich ist. Sie ist dadurch Politikum, dass wir das Medium, in der sie stattfindet, für keinen Augenblick verlassen können – nicht einmal, um sie zu diskutieren.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RE: Es ist als Wienerin sicherlich eine schändliche Antwort, das zu sagen, aber: für meinen Schreibprozess gar keine. Privat liebe ich diese Stadt und damit ihre Kaffeehauskultur innigst – wenngleich man das diskursive Element, für das sie in der Vergangenheit berühmt war, stärker fördern sollte.

Warum hast du Café Kriemhild ausgewählt?
RE: Meine Freundin Jana Volkmann, die auf dem Bild unverkennbar neben mit sitzt, hat es ausgewählt.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RE: Schreiben, rudern und Videospiele sind meine Säulenheiligen.

 

BIO

Raphaela Edelbauer wurde 1990 in Wien geboren. Für ihre Bücher wurde sie u.a. mit dem Bachmann-Publikumspreis, dem Rauriser Literaturpreis, und dem Theodor Körner-Preis ausgezeichnet, sowie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt gewann sie den Österreichischen Buchpreis für „DAVE“ (2021).

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Jana Volkmann & Raphaela Edelbauer | Café Kriemhild, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Jana Volkmann

 

Am Licht bin ich noch nicht leergeschrieben. Ich habe in der Zwischenzeit alte Träume erinnert, die eine sehr spezielle Beleuchtung hatten: Regen, Nacht, die Scheinwerfer von Bussen und durch Kaffeehausfenster fallendes Licht. Und ich habe die Vorhänge zugezogen und eine Entscheidung gefällt.
Ich habe mal in einem Kino gearbeitet, das Lux Lichtspiele hieß. Jeden Dienstag kam ein Mann zwischen den Vorstellungen ins Kino, kaufte einen Eimer Popcorn um 9 Euro und verschwand wieder. Ich habe mir zusammengereimt, dass er womöglich von seiner Familie getrennt gelebt und wöchentlich Besuch bekommen hat von seinem Kind, mit dem er dann gemeinsam das Popcorn gegessen hat, aber nie ins Kino gegangen ist. Rituale sind alles. Ich denke oft an den Popcornmann, wenn ich an einem dieser greisen, hilflosen Kinos vorbeikomme, von denen man gar nicht weiß, ob sie noch in Betrieb sind.
Du hast mir vor einer Weile Georges Didi-Hubermans Glühwürmchenbuch gegeben, in dem er über Pasolinis Schaffen und seine Einstellung zum Licht schreibt. Der Faschismus wird hier mit „fernen und wilden“, grellen Scheinwerfen assoziiert: „mechanische Augen“. Ihnen stellt er die Glühwürmchen gegenüber. Das lebende, das organische Licht, das zu Pasolinis Lebzeiten bereits im Verschwinden begriffen war. Es ist ein spielerisches, tänzelndes Licht, ein angreifbares, schwaches.
Ich habe die Website der Lux Lichtspiele angeschaut, und ich bin glücklich zu berichten, dass es das Kino noch gibt. Es ist angesichts der Weltlage vorübergehend ein Autokino geworden, das sich an einer Autobahnkreuzung befindet. Es heißt, die Popcornmaschine sei dorthin mit umgezogen. Wie es wohl ausschaut, wenn sie allein auf dem Gelände steht, nachdem die Kinobesucher heimgefahren sind. Vor sich hat sie eine große Leinwand und die schwarze Nacht. Ich frage mich, ob die Popcornmaschine aufblinkt, wenn sie schlecht träumt, flackert wie bei einer Interferenzstörung, aber von der Autobahn aus wird nichts zu sehen sein.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Jana Volkmann: Die Literatur ist für mich eine Form der Philosophie mit künstlerischen Mitteln, die Schnittstelle zwischen Sprache, Ästhetik und Idee. Sowohl das Schreiben als auch das Lesen sind für mich wesentliche Erkenntnisinstrumente.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JV: Cafés sind eine tolle Errungenschaft; ich bin richtig neidisch auf Kulturen, in denen sie einen noch höheren Stellenwert haben und ein Epizentrum für allerhand kulturelles und politisches Geschehen sind. Mir gefällt besonders die Kontingenz, der man im Café ausgesetzt ist: nicht zu wissen, wer durch die Tür kommen und welche Zeitung am Nachbarstisch liegen gelassen wird. Und die speziellen, subtilen Verhaltenscodes, die derartigen Unwägbarkeiten Verlässlichkeit entgegensetzen.

Warum hast du das Café Kriemhild ausgewählt?
JV: Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe es mit der Inszenierung fürs Foto im Hinterkopf ausgewählt, denn ich finde, es ist vor allem ein sehr hübsches Café, das als Kulisse etwas hermacht. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
JV: Ich arbeite noch immer gern an meinem nächsten Roman, vornehmlich von daheim. Ansonsten habe ich in diesem Jahr zu schwimmen begonnen und freue mich sehr, damit weiterzumachen, sobald die Bäder wieder öffnen: Ich habe mir viel vorgenommen, denn ich möchte die Rollwende lernen und dabei mache ich bislang noch keine gute Figur.

 

BIO

Jana Volkmann, geboren 1983 in Kassel, lebt als Autorin und Journalistin in Wien. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift Tagebuch und schreibt Essays sowie Literaturkritik u. a. für den Freitagneues deutschland und den Standard. Für ihren Roman „Auwald“ (Verbrecher Verlag 2020) erhielt sie den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2021 und stand auf der ORF-Bestenliste

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Petra Piuk, Café Europa, Wien, Vienne

Petra Piuk | Café Europa, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Petra Piuk, Auszug aus „Wenn Rot kommt“ (Verlag Kremayr&Scheriau, 2020)

 

16 ROT. DAS IST KEIN SPIEL. Das ist kein Spiel mehr, Lisa. Tom? Das ist längst kein. Tom, wo bist du? 

6 SCHWARZ. SAGEN SIE GAMING. Du gibst Tom die Kamera, er filmt dich, wie du dir eine Zigarette anzündest, zu tanzen beginnst, PIXIES, langsame Schlangenbewegungen mit den Armen, im Hintergrund blinkende Glücksspielautomaten, ein paar Blicke. Sag mir, was ich tun soll, wenn Rot. Tom überlegt. Dann musst du auf der Bar tanzen. Du ziehst an der Zigarette, bläst den Rauch in die Kamera, verführerischer Blick, das würde ich auch ohne Spiel. Tom grinst, drückt auf SPIN, die Kugel kreist im virtuellen Roulettekessel, 29 BLACK, YOU LOST.

14 ROT. WHERE IS MY MIND? Du musst nachdenken, nachdenken, wo Tom sein könnte, DENK NACH, LISA, musst nachdenken, musst atmen, musst nachdenken, musst dich runterrauchen, runterrauchen vom Trip, VON WELCHEM TRIP, denkst du, musst dich erinnern, PSST, PSST, NOCH EINE LINE, LISA, NOCH EIN MOJITO, PSST, REINSTES MDMA, HAT SIE GESAGT, du sagst dir, dass ihr am letzten Abend nichts nehmen wolltet, wolltet nicht verkatert zum Flughafen fahren, das ist das Letzte, woran du dich erinnern kannst, ZOLTAR SPEAKS: REMEMBER A DAY IS A FORTUNE, IF YOU LOSE A DAY, YOU LOSE LIFE ITSELF, dein Blick fällt auf die Plastikbecher, auf einem Lippenstift, PSST, PSST, SPIELEN WIR EIN SPIEL, LISA?

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Petra Piuk: Spiel mit Sprache und Form. Experiment. Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Lachen, das im Hals stecken bleibt. Der Finger in der Wunde. Jedenfalls: kein beschaulicher Ort. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
PP: Ich hab jahrelang in Cafés, Café-Bars oder Kino-Bars gearbeitet. Und auch wenn es immer nur Nebenjobs waren, die Arbeit hinter der Bar hab ich geliebt. Vielleicht sitze ich in Lokalen deshalb noch immer am liebsten an der Bar. Ich treffe da Leute, lese Zeitungen, schreibe, plane neue Projekte.  

Warum hast du das Café Europa ausgewählt?
PP: Das Europa war früher mein zweites Wohnzimmer. Ich hab in einem Club ums Eck gearbeitet und war vor der Arbeit im Europa, manchmal auch nach der Arbeit, um zu frühstücken. Und an den freien Tagen war ich auch da. Ich hab hier geschrieben, gelernt, gefeiert. Heute bin ich viel seltener im Europa, aber es ist nach wie vor eines meiner Lieblingscafés. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
PP: Derzeit: Viel zu Hause sein. Schreiben. Freiwilligenarbeit. Online-Tanz-Workshops besuchen. 

 

BIO

Geboren 1975 in Güssing, lebt in Wien. Schreibt Romane, Kurzprosa, Kinderbücher, Drehbücher und Theatertexte. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Wortmeldungen-Literaturpreis der Crespo Foundation 2018. Gisela-Scherer-Stipendium 2020. petrapiuk.at