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Catherine Cusset | L’Élephant du Nil, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Catherine Cusset | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

        Es gibt viele Cafés auf dem Platz bei der Métrostation Saint-Paul, fünf Minuten von meinem Haus entfernt. L’éléphant du Nil hat mich angezogen, weil das ein echtes Pariser Café ist, mit Zinktheke, kleinen dunklen Holztischen, Bistrostühlen und alten Fliesen. Ich fühle mich dort wohl. Eine Durchreiche öffnet sich zur Küche, wo der Koch gutes und preiswertes Essen zubereitet. Die Kellner sind jung und freundlich, und sie lächeln – im Gegensatz zum Klischee des typischen Pariser Kellners.
        Hier komme ich in Paris an, wenn ich aus New York anreise. Dreißig Jahre lang landete ich drei- oder viermal im Jahr in Roissy, holte meinen Koffer ab, nahm den RER, stieg in Châtelet um und stieg in Saint-Paul gegenüber dem L’éléphant du Nil aus. An der Theke bestellte ich einen Grand Crème, im Stehen, neben Stammgästen, die gerade einen Espresso oder ein Glas Wein tranken. Manchmal blieb ein Croissant übrig, buttrig und knusprig. Es ist Mittag in Paris und 6 Uhr morgens in New York. Der heiße, süße Milchkaffee läuft durch meine Kehle, ich schlucke einen Bissen Croissant hinunter, diese vertrauten Geschmäcker sagen mir, dass ich angekommen bin, dass ich zu Hause bin.
        Im Café lese ich, aber ich schreibe nicht. Zum Schreiben brauche ich Stille und einen abgetrennten Raum. Virginia Woolf hatte nicht Unrecht, als sie auf der Notwendigkeit eines eigenen Zimmers bestand. Ich gehe vom Bett zum Schreibtisch, vom Schlaf und von den Träumen zum Schreiben, ohne Übergang. Ich beginne den Tag nie mit einem Frühstück im Éléphant du Nil, obwohl ich den Grand Crème und die Croissants so sehr liebe. Nur, wenn ich aus New York ankomme.

 


Interview mit der Autorin

Was kann die Literatur leisten?
Catherine Cusset: Kafka schreibt, dass sie die Axt für das gefrorene Meer in uns sein muss. Ja. Sie öffnet uns – uns selbst, dem anderen, der Welt. Sie macht uns größer, reicher, bewegt uns fort. Es gibt zwei Arten von Literatur: in der einen geht es um Unterhaltung, in der andern um Suche. Obwohl ich diejenigen bewundere, die Bücher schreiben, die von Teenagern verschlungen werden, bevorzuge ich die andere Art. Ich lese nicht für die Handlung, sondern für die Bedeutung, für die lebendige Anwesenheit eines menschlichen Geistes. Gute Bücher sind solche, bei denen man das Ende bereits kennt und die man noch einmal lesen kann, ohne sich je zu langweilen. Ich lese und schreibe, weil ich auf der Suche bin – nach Wahrheit, nach Sinn, nach Verbindung, nach Kohärenz, nach Andersartigkeit, nach mir selbst.
        Es fällt mir schwer, ohne schreiben zu leben. Ich werde sehr schnell depressiv. Nur das Schreiben macht mein Leben erträglich. Weil es vereint, sammelt, Bedeutung schafft, die Erinnerung bewahrt, Zugang zum Anderen und zum Besten von einem selbst gibt. Schreiben ist eine einsame Tätigkeit, aber das einzige echte Mittel, die Einsamkeit zu verlassen.

 

BIO

Catherine Cusset, geboren 1963 in Paris, ist Autorin von fünfzehn Romanen, die zwischen 1990 und 2021 bei Gallimard erschienen und in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt wurden, darunter Janes Roman (Grand Prix des lectrices d’Elle 2000), Hockneys Leben (Prix Anaïs Nin) und Die Definition von Glück. Als ehemalige Studentin der École Normale Supérieure in der Rue d’Ulm, Absolventin der klassischen Philologie und Autorin einer Dissertation über Sade unterrichtete Cusset zwölf Jahre lang in Yale, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Nach dreißig Jahren in New York lebt sie heute zwischen Paris und der Halbinsel Crozon in der Bretagne.

Alexandre Delas | Le Réveil du 10ème, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Alexandre Delas Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach 

 

Ich habe mein altes Exemplar des Idioten mitgebracht, weil ich schon immer den Idealismus von Prinz Mychkine bewundert habe, der Charakterzug, der allen großen literarischen Kräften, die in allen Revolutionen auf Papier am Werk waren, gemein ist.

Die Revolution? 
Wie wäre es, wenn wir stattdessen über die Liebe sprechen.
Alain teilt meine Vorliebe für die alten Kinos.
„In den 80er Jahren machte ich einen Test, ich nahm die Mädchen immer mit ins Christine, um Mauvais Sang (Leos Carax, „Die Nacht ist jung“) zu sehen. Wenn sie diesen Film nicht mochten, dann wusste ich, dass zwischen uns nichts möglich sein würde.“
Ich frage Alain, ob es geklappt hat.
Er antwortet mir lächelnd: „Die Frau, mit der ich mein Leben teile, fand ihn ganz gut, mehr auch nicht.“ 

Manch einer könnte den Prinzen heutzutage ohne weiteres umbenennen, „Miskine“
(Bemerk. Übers.: französisches Wortspiel mit „miskine“, Neologismus aus dem Arabischen für „erbärmlich, arm“), doch ich möchte daran glauben, dass das Ideal immer einen Versuch wert ist.

Der Moment für das Foto kommt.
Wenn Brassens und Ferré mit im Bild sein dürfen, an meiner Seite, dann bin ich in sehr guten Kreisen.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung haben Cafés für dich? 
Alexandre Delas: Ein Café ist ein exzellentes Mittel gegen Einsamkeit in großen Städten. Es ist eine Blase mitten in der Welt und gleichzeitig außerhalb der Welt. Hier ein Rat: lächelt und sprecht mit eurem Tischnachbarn, selbst wenn diese Person nicht sympathisch wirkt. Vielleicht ist sie auch einsam wie ihr.

Wo fühlst du dich zu Hause? 
AD: Überall da, wo ich ein Fremder bin. 

 

BIO

Alexandre Delas lebt und arbeitet in Paris. Les Premières funérailles ist sein erster Roman (englische Version beim Autor). Er beschreibt eine ultra-kapitalistische Diktatur der extremen Rechten, die nach einem „Welt“-Krieg in Frankreich an der Macht sind, in der niemand mehr das Recht hat, zu sprechen, die Auswirkung auf die Psyche seiner Helden und Personen, die sich kreuzen — ihre Identität, ihre sentimentale Erziehung und ihr Entdecken der Arbeitswelt.
Alexandre Delas, gut informiert über die globalisierte Welt, hat seinem Text durch eigene mannigfaltige Berufserfahrung in Asien und den USA Nahrung gegeben.
https://linktr.ee/alexandre_delas

 

 

Vincent Crouzet | Tandem, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Vincent Crouzet Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Um Alain zu treffen, habe ich einfach das Tandem gewählt, denn da fühle ich mich wohl. Wie im Familienkreis. Es ist nicht eins dieser Wein-Bistros, wo laut geredet wird, wo man sich in Pose wirft. Es ist ein Ort des kleinen Raums, wie auf einer Terrasse, wo es einfach zugeht. Es ist der Raum von Philippe und Nicolas, die zwei  unzertrennlichen Brüderchen, die das Tandem hochhalten wie ein örtliches Markenzeichen, diese Blase der fröhlichen hedonistischen Ruhe, bevor man die rue de la Butte aux Cailles hinaufgeht, die lauter und weiter weg ist. Man kommt nicht, um ein Glas im Tandem zu trinken, sondern um zu frühstücken, Mittag zu essen, sich Zeit zu nehmen, und sich an einem Dekor zu erfreuen, das sich nicht verändert, sich nicht bewegt, in einer Zeit, in der die verrückten Dekorateure so reizende Bistros hinpfuschen. Hier gibts echte Holztische, Kacheln, die schon viel gesehen haben, eine strahlende Bar, die wie dafür gemacht ist, sich einen Moment mit Nikolas an die Theke zu lehnen und sich ihm zu überlassen …
Weil man auch ins Tandem kommt, um sehr guten Bio-Wein zu trinken, außerhalb von Moden und Tendenzen. Der naturbelassene Wein ist dort nicht verboten, wird aber auch nicht verklärt. Nichts wird aufgezwungen. Das Kriterium hier ist nach wie vor die echte Freude, nicht der Schein. Und diese Freude am Genießen passt mit der einfachen, ehrlichen Küche von Philippe zusammen, die auf Familienrezepten, mit „Ausflügen“ Richtung Asien, beruht …
Ich komme oft ins Tandem, fast täglich, begleitet von der Frau meiner Gedanken. Denn hier muss ich nichts vorspielen. Und die Beleuchtung – im Herbst, im Winter – ist warm, gemütlich. Nichts ist überspitzt. Das ist wichtig in einer Welt der Überbietung. 
Sich niederlassen. Zuhören. Und wenn ich allein komme, das passiert oft, dann ist Nikolas wie ein weiterer Gast, präsent, aufmerksam, neugierig, mitteilsam. Dies ist ein Bistro, wo ich nicht auf Abwege gerate, denn es repräsentiert auch meinen Fixpunkt, meine rechte Mitte.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Vincent Crouzet: Die Frage … ganz ehrlich: Freiheit kreieren. Die des Schöpfers, des Schriftstellers. Die der Leserinnen und Leser. Dieses Stück Freiheit steckt auch im Reisen. Lesen, schreiben, das heißt weggehen. Ich glaube tief und fest an die Kraft des Romans, die den Schriftsteller von sich selbst wegbringt. Ich verstehe die Neugier für die Autofiktion, aber unser Reichtum als Roman-Autoren bleibt es, Welten zu erschaffen und sie zu den Lesern zu bringen. Ich denke nicht an die Literatur, sondern an Literaturen. Die meinen bleiben übrigens reines Fluchtverhalten …

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
VC: Ich habe nicht diese Beziehung des Schriftstellers zu Cafés. Ich schreibe dort nie. Und ich gestehe, dass ich sehr skeptisch bin, wenn ich einen Schriftsteller, eine Schriftstellerin, in einem Bistro arbeiten sehe. Die Cafés sind offenbar ein Klischee, für mich sind sie die bevorzugten Orte für Treffen, aber ich gebe zu, dass sie vor allem zu meiner persönlichen Freude gehören. Ich liebe es, mich dort allein aufzuhalten, am Morgen, um zu beobachten, wie die Stadt sich wachschüttelt, und auch ihre Akteure. In einer Stadt, die mir fremd ist, nehme ich dort die Energie dieser Welt auf. Aber auch, leider, manchmal, zu oft, ihre Nöte.

Wo fühlst du dich zu Hause?
VC: Das ist eine heikle Frage in diesem Moment, für mich, denn seit einigen Monaten navigiere ich zwischen mehreren Orten. Ich schwanke zwischen der Lust auf Unterhaltung, Gewimmel, und der Notwendigkeit der Ruhe. Zwischen den Lichtern der Stadt und der Stille. Ich glaube, wir rotieren alle zwischen Paradoxen: an der kollektiven Energie teilhaben, oder in einer privilegierten Umgebung zu sich selbst finden. Ich bin in den Bergen großgeworden, in einem Wintersport-Ort, in Les Arcs, in Savoie. Wenn ich mich in diesen Höhen befinde, und in dieser spielerischen Atmosphäre, der Natur und dem Sport gewidmet, ja, da fühle ich mich gut. Aber ich werde schnell von der Lust wieder woanders einzutauchen, eingenommen.

 

BIO

Vincent Crouzet ist 59 Jahre alt, hat seine Jugend in den Bergen verbracht, studierte in Grenoble, entschied sich in einem Moment seines Lebens für den Beruf im Nachrichtendienst und nahm dann an Geheimoperationen seines Landes, Frankreich, teil, hauptsächlich in Zentral- und im südlichen Afrika. Von da an Romanautor, mittlerweile hat er vierzehn Texte „auf dem Buckel“, hauptsächlich Spionage-Romane, aber auch Erzählungen für Jugendliche und einen Essay. Seit zwei Jahren entwickelt er unter dem Pseudonym Viktor K, eine literarische Serie über die Aktionen der DGSE (Direction générale de la Sécurité extérieure), erschienen bei Éditions Robert Laffont. 

Éric Genetet | Aedaen Place, Straßburg

Foto: Alain Barbero | Text: Éric Genetet | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Das Erwachen 

Er wartet, allein ganz hinten im Café, jeden Morgen beim Aufsperren wartet er. Wie wird sie angezogen sein, sehr warm eingepackt oder unbekleidet, so leicht? Und wie ist ihr Gang, stöckelnd oder anmutig, humpelnd oder schwebend? Ihre Art ihn anzusehen, schief oder neidisch, phantasievoll oder misstrauisch? Er bestellt einen dritten Espresso, er beobachtet, wie die Leute kommen und gehen, er sieht niemanden, er ist blass wie eine Statue, schlapp wie ein antriebsloser Mechaniker. Er blickt auf den Bildschirm seines Computers, die Finger auf den Tasten, und er wartet, dass sie endlich ankommt, seine flüchtige Verlobte, sein Papiermond, seine Göttliche, sein gnadenloses Glück, seine Quelle, diejenige, die auf niemanden wartet, die ihm Tränen entlockt, so meint er. Und dann, zuerst zögerlich, erscheint sie, sie nimmt Platz und er wacht auf, er lernt wieder zu denken, sich etwas vorzustellen, im Tageslicht zu gehen. Er lässt sie nicht los, er hält sie zurück, er bestellt ihr ein Universum, noch einen Espresso. Sie bleibt einige Minuten, manchmal Stunden, dann geht sie wieder, immer frei, nie unterwürfig. Er hebt den Blick, sie ist schon nicht mehr da.  

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich? 
Éric Genetet: Sie definiert mein Leben, sie macht aus mir manchmal einen freien Menschen. 

Was bedeuten dir Cafés?
EG: Sie sind der Ort, an dem ich groß geworden bin, der Ort der ersten Rendez-vous, der weißen Seiten. Ich schreibe gern dort, trete dort gern in meine Welt ein, während es um mich herum rundgeht. 

Warum hast du das Aedaen Place gewählt?
EG: Wegen seiner Wärme, seiner Bücherwand, seiner Anmutung eines Wohnzimmers aus einer entfernten Epoche. Aber ich hätte auch zehn andere Orte wählen können, ich bin sehr unstet, was Cafés betrifft.  

Was machst du, wenn du nicht in Cafés bist?
EG: Ich kann auch zuhause schreiben, oder wenn ich durch die Straßen ziehe, von Café zu Café, oder in den Zügen von einer Stadt in die andere.

 

BIO

Éric Genetet ist 1967 in Rueil-Malmaison geboren. Er beginnt seine Laufbahn als Radio- und Fernsehjournalist, ehe er zu den Printmedien wechselt. Romanveröffentlichungen: „Le fiancé de la lune“ (2008, ausgezeichnet mit dem Preis Talent Cultura) „Et n’attendre personne“ und „Solo“ (2013), „Tomber“ (2016, Prix Folire und Prix de la ville de Belfort), „Un bonheur sans pitié“ (2019) und „On pourrait croire que ce sont des larmes“ (2022), alle im Verlag Héloïse d’Ormesson.

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Patrick Wilden | Café Combo, Dresden

Foto: Alain Barbero | Text: Patrick Wilden

 

Ich weiß nicht wohin

„die Voraussetzung, ein Gedicht zu schreiben ist, dasz du verrückt bist und dasz du es ohne Absicht beginnst“
Friederike Mayröcker

Der unsichtbare Coffeetable-Mops hockt
neben mir auf der Sitzbank und legt
die Stirn in Fellfalten

Ich raschele subtil mit der Zeitung
und recke bedeutsam den Kopf nach der Kellnerin
die sich bewegt, ihr eigenes Leben lebt
und Geräusche macht mit der Kaffeemaschine

Ich weiß nicht, wohin ich meine Gedanken führen soll
oder wer mir die Hand geführt hat
im fast vergessenen Kaffeehaus
diese leicht zitternde Hand:

das Auge schaute tief hinein
ins von Aussichten trübe, halbgeleerte Glas
und der Mops mit dem doppelten Kopf
– ruhendes Ufer im Fluß der Gedanken –
schnaufte neben mir auf der Sitzbank –
irgendwann rutschten wir unter den Tisch

… das ist jetzt sehr weit hergeholt:
  Blicke Gerüche Selbstverständlichkeiten
  unbeachtete Vormittage voller Erwartung
  Abende mit schwerer lederner Zunge

Der unsichtbare Mops (der vom Foto!) kotzt ab
denn ich kann für uns beide die Rechnung nicht mehr begleichen
und die Uhr tickt und die Kellnerin lebt
ihr eigenes, nicht in Worte zu fassendes Überleben…

Ich bin traurig unterhalb des Bewußtseins

(April / Mai 2021)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Patrick Wilden: Als Wort ist es mir zu groß, zu exklusiv. Literatur ist bestenfalls das, wofür Lesende das Geschriebene hinterher halten. Fernando Pessoa, habe ich kürzlich gelesen, betrachtete Literatur als das Ziel aller menschlichen Bestrebungen. Schöner kann man es wohl kaum sagen, zumal es für uns Schreibende immer um alles geht. Oder mit Pessoa: „Sich bewegen heißt leben, sich in Worte fassen heißt überleben.“

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
PW: Cafés in einem weitgefassten, ‚französischen‘ Sinn, der Bars, Kneipen, generell Gaststätten einschließt, in denen vor allem getrunken, gequatscht, auch geschrieben wird, sind Orte der Möglichkeit – für menschlichen Austausch: für sich sein können und zugleich mittendrin. Dass sich das nicht von selbst versteht, wird einem erst dann schmerzlich bewusst, wenn Cafés unerreichbar sind. Etwas zutiefst Menschliches fehlt.

Warum hast du Combo Café Bar ausgewählt?
PW: Nach dem ersten Lockdown kam ich zum ersten Mal dorthin, um mich mit einer Redakteurin der Dresdner Zeitschrift „Der Maulkorb“ zu treffen, die in der Nähe wohnt. Der Retro-Look in den schrillen Farben und Formen der 70er Jahre, die ich als Kind noch gekannt habe, erschien mir passend. Es war eines der letzten Cafés, das ich vor dem zweiten, über ein halbes Jahr andauernden Lockdown besucht habe.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
PW: Zur Zeit darauf warten, dass wieder eines öffnet.

 

BIO

Geboren 1973 in Paderborn, Schulzeit im Raum Kassel und Studium in Tübingen. Lebt seit 2004 in Dresden, wo er viele Jahre in einem Antiquariat gearbeitet hat und zur Zeit in einer großen Bibliothek jobbt. Schreibt Gedichte, Kurzprosa, Rezensionen und ist Redakteur der Zeitschrift „Ostragehege“. Zuletzt erschien als „Raniser Debüt“ der Gedichtband „Alte Karten von Flandern“ bei Lese-Zeichen in Jena 2019.

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Christian Szabo | Verse Toujours, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Christian Szabo (Christone), Auszug aus dem Lied „It’s up to you“ | Übersetzung aus dem Französischen: Iris Harlammert

 

They just go to work endless hours a day
Without givin’ a damn, it’s not their way.
Bein’ indifferent, they won’t even try,
Watchin’ life is just passing by.

But you, you had a dream once.
So make it come true.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Christian Szabo: Meine Mutter ist Professorin für Literatur, so ist das Schreiben für mich immer präsent gewesen, von frühester Jugend an bis heute. Als Musiker betreibe ich eine bestimmte Form des Schreibens mittels der Texte und meiner Lieder, die ich auf Englisch schreibe.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
CS: Sie sind untrennbar mit Büchern verbunden. Ich suche gerne Cafés auf, um mich in ein Buch zu vertiefen. Ich reise viel und das Erste, was ich mache, wenn ich in einer Stadt ankomme ist, mir mein Café zu suchen, wie eine Oase. Wenn ich dorthin zurückkomme, finde ich meine Orientierung wieder, bin bekannt wie ein Stammgast. Ein „home away from home“. Die ersten Erinnerungen an eine Stadt sind oft die Erinnerungen an ein Café. Die Erwähnung von Salzburg zum Beispiel erinnert mich an das, was ich in den Cafés dort gehört habe.

Warum hast du das „Verse Toujours“ ausgewählt?
CS: Das ist mein Stammcafé, der Ort wo ich jeden Tag hingehe. Ich mag die Dekoration, typisch für die französischen Cafés mit ihren Referenzen an das Kino und an die Literatur. Ein echtes Café des Viertels an der Ecke meiner Straße, in einem der liebenswerten Ecken von Paris in der Nähe des Jardin des Plantes. Die Kellner kennen mich gut, ich bin sehr lokalpatriotisch im 5. Arrondissement.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
CS: Ich gebe Konzerte und zwischen den Konzerten reise ich und finde andere Cafés.

 

BIO

Christian Szabo hat immer davon geträumt Musik zu machen. Seine Leidenschaft hat ihn auch nicht verlassen, als er sich mit einem Diplom in Ökonomie in der Tasche in Monaco niedergelassen hat. In Paris hat er – unter dem Namen Christone – begonnen Konzerte zu geben. Als Liebhaber des Reisens nimmt er seine Musik immer mit, nach Brasilien, Spanien und Indonesien, er ist immer am Spielen, immer am Schreiben. Sein Song „Another Chance“ hat große Beachtung gefunden, seitdem nimmt er mit Defy Records in New York  auf. Neue Veröffentlichungen stehen unmittelbar bevor.

https://www.christonemusic.com/

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Johanna Hansen | Petit Rouge, Düsseldorf

Foto: Alain Barbero | Text: Johanna Hansen

 

Schönheitspflaster an diesem Abend
sind ein Dutzend Austern.

Dabei glaubt sie, entweder zu gefallen
oder parfümiert unter den Armen die Zügel zu halten
von Behauptungen, durch die kein Weg führt,
der länger ist als eine Erwähnung.

Um den Hals das Perlencollier.
Das muss der Neid ihr lassen.

Sie hat schlanke Beine an ihrem Platz,
die jedes Mal ankommen.
Klappert mit Absätzen, Blockabsatz
an Stiefeln, an Tischbeinen,
unter Kronleuchtern.

Ihr gegenüber gibt er den Schnellkurs im Schulterzucken,
zieht einen Vorsprung aus dem Nichts,
will alles im Griff haben, während sie versucht,
mit den Augen zu atmen,
ohne den Überblick zu verlieren.

Sie servierte gern Sommer auf weißem Porzellan.
Den ganzen Sommer.

Was so ein Wunsch ist: nichts soll verloren gehen.
Nicht das Abendetui.
Auch nicht vertrautes Kopfschütteln.
Wie es sich anfühlt, dabei ertappt zu werden,
wenn das Herz in den Mund schwappt.

Mit geübtem Blick bringt sie im Spiegel hinter der Bar
ihre Zunge auf Hochglanz.

Da passt sie wie eine zweite Haut.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Johanna Hansen: Eine freie Fläche fürs Flanieren der Gedanken. In jeder Lebenslage. Ganz besonders bei Schlaflosigkeit. Ratlosigkeit. Auch Trost und Erkenntnisgewinn. Muße. Vor allem aber: Herzraum. Mundraum. Luftraum.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JH: Sie spielen keine große Rolle mehr für mich, seitdem die Kaffeehauskultur, in der ich aufwuchs, um mich mit Freunden über alles und nichts auszutauschen, an so vielen Stellen und nicht nur in meiner Stadt verschwunden ist zugunsten von Coffee to Go Ketten.

Warum hast du Petit Rouge ausgewählt?
JH: Das Petit Rouge war die ideale Verbindung von Kaffee, Kuchen und Bistroküche, Chansons und origineller Malerei. Ein feiner, intimer Raum direkt um die Ecke, den ich gern aufsuchte, wenn ich Lust auf einen kurzfristigen Tapetenwechsel oder ein zwangloses Treffen zwischendurch hatte. Leider hat dieses kleine ungewöhnliche Café den Lockdown nicht überlebt. Das bedauere ich sehr.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
JH: Tagsüber verbringe ich Zeit im Atelier, male oder schreibe, in den Pausen erhole ich mich bei Spaziergängen am Rheinufer, lese, abends schaue ich fern und ins Facebook und tauche immer mal wieder mit Kopfhörern bei youtube vor allem ins Musik-und Literaturprogramm ab. Außerdem organisiere ich meine Arbeit und kümmere mich um die Alltagsdinge. Ab und zu lade ich Freunde nachhause ein. Kurzausflüge zu Lesungen, Ausstellungen und anderen Kulturveranstaltungen kommen auch vor und bringen weitere Farben in mein Leben.

 


BIO

Kindheit am Niederrhein. Studium der Germanistik und Philosophie in Bonn. 1. und 2. Staatsexamen. Zunächst Journalistin und Lehrerin. 1991 Beginn der künstlerischen Tätigkeit.
Autorin und Malerin. Seit 1993 zahlreiche Ausstellungen, seit 2008 literarische Veröffentlichungen. Zuletzt: „Zugluft der Stille“, Edition offenes Feld 2020, 2019 Postpoetry-Preis NRW

Seit 2013 Herausgeberin der Literaturzeitschrift WORTSCHAU.
www.wortschau.com

In Zusammenarbeit mit Musikern, Komponisten und Videokünstlern entstanden Performances, Poesiefilme und spartenübergreifende literarische, musikalische und bildnerische Projekte.

www.johannahansen.de

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Dominique Zay | Ad’hoc Café, Amiens

Foto: Alain Barbero | Text: Dominique Zay | Übersetzung aus dem Französischen: Iris Harlammert

 

Ein Foto, das uns angeht, das uns befragt, das uns auffordert, eine Emotion zu erleben – und wir haben die Wahl. Landschaften in Gesichtern, hier und anderswo, draußen früher oder später in einer Bar, ein Foto verströmt sowohl Stimmungen als auch Stille, die Unruhe als auch die Ruhe.
Dies ist eine Zauberei, die die Zeit anhält, um die Bewegung besser feiern zu können und die den Bruchteil einer Sekunde in Ewigkeit verwandelt.
Die Farben beneiden Schwarzweiß und nehmen uns mit auf eine Reise in Bildern. Obwohl sich nichts mehr bewegt, verändert sich alles. Die Welt ändert sich, wenn der Blick verweilt und – spürbar – wir ebenso.

 


Interview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Dominique Zay: Ein Fenster, eine Lichtquelle, Widerstandskraft …

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
DZ: Ein anderes zu Hause, wo ich Gast bin. Und außerdem eine großartige Show, bei der ich die Leute beobachte, ich erfinde ihnen Drehbücher des Lebens … unerschöpflich.

Warum hast du das „Ad´hoc Café“ ausgewählt?
DZ: Es war das Café, das mich ausgewählt hat: ich habe mich hingesetzt es erschien mir sofort so, dass die Welt wohl geordnet war, ganz einfach. Alles war an seinem Platz und ich ebenfalls, in Einklang.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
DZ: Krimimessen, Comics, Gefängnisworkshops, und Schreiben, Schreiben …
Eigentlich bin ich wenig in Cafés, ich bin ein Einzelgänger, der versucht sich zu ändern.

 

BIO

Dominique Zay hat keine Kindheit gehabt, er ist direkt im Alter von 16 Jahren auf die Welt gekommen, in einem Zirkus. Später fand man ihn in den Kulissen eines Theaters und sein Konterfei erschien auf den Titelbildern von Kriminalromanen.
Seine Spur verlor sich am Rande eines Waldes.
Sein Name taucht wieder auf, weil er eine politische Partei gründete, die das „Ende von allem“ predigt. Im Jahr 2000 verweigert er den Nobelpreis für Unvollkommenheit. 2010 verabschiedet er sich vom Eiskunstlauf. 2013 beginnt er mit Comics.
Er ist nicht mehr zu stoppen, selbst Interpol hat aufgegeben.
Letztes Detail: Dominique Zay hat keine Ähnlichkeit mit George Clooney!

Philippe Baudry | Aux Sportifs, Vanves

Foto: Alain Barbero | Text: Philippe Baudry | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Unendliche Veralterung, die Langeweile räkelt ihre Ausschweifungen, Belieben des Wartens im exakten Mittelpunkt der Seele. Der Bierdeckel saugt das Elixir zuerst auf und sabbert dann den Überschuss auf den Lack, klebrige Gerstensaftringe in der perlmuttenen Dunkelheit.

Eindringender Nebel, bitteres Gift der Adern der Sorglosigkeit. Nichts hervorbringen, Unendlichkeit, getarnte Effizienz der Trägheit. Göttliches Geheimnis unserer Seelen, die das Absolute des unvermeidlichen Anderen suchen, hervorquillt langsam die erhabene Melancholie des bitteren Sehnens.

Instabiles Gleichgewicht der Seele, stummer Star, Lebenskäfig, ich strebe nach dem anderen. Blauer Himmel zerzaust von lachenden Wolken, keinerlei Talent für die Gewissheit, Notwendigkeit zu leben. So viele Idioten um uns… jemand werden. Also gut: sein genügt nicht?

Auflachen, provokant, gurrend vor Präsenz. Stück eines Theaters, einfach, des Lebens.
Schulterstoß: Luftzug der schlagenden Tür, geölte Scharniere, Gelächter, Klappern von Geschirr, das Café wird voller, kleine Tische. Menschensittiche übertreiben es mit dem existenziellen Getöse.
Batman, der Lakritz-Minz-Kater, wackelt mit einem buschigen Schwanz zwischen Stuhlsprossen und Füßen.
Ich ertrinke in menschlicher Trägheit, benommen von Glück…

 


Interview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Philippe Baudry: Verblüfft, alle, durchqueren wir die Logik des Absurden unserer Leben; schreiben dient daher dazu:
– den alchimistischen Kreis aufzulösen
– den Reichtum unserer Sprache zu genießen, sie bis an die Grenzen eines subtilen und poetischen Verständnisses zu strapazieren; eine kleine innere Musik der Seele. Indem wir die Wörter hinunterstürzen, suchen wir ihr verschüttetes Geheimnis.
– in Resonanz mit dem Universellen zu treten und, befreit, sich selbst zu finden und sich den anderen zu öffnen

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
PB: Kaffeehäuser, gemeinschaftliche Orte, an denen man in eremitischer Einsamkeit leben kann, mit den anderen, dem Außer-sich. Sich vergessen, von der langweiligen Beständigkeit seines Seins abweichen, Niemandsland des Wartens.

Warum hast du „Aux Sportifs“ gewählt?
PB: Pariser Großstadtkind aus der Banlieue in rauen Mengen… sich in einer echten, normal gebliebenen Café-Brasserie, wie es sie bald nicht mehr geben wird, unters Volk mischen:
Zwei Schwestern schaffen eine erstaunliche Vorstadt-Symphonie; Martha am Klavier (… am Ofen), Germaine, Kammer- und Wirtsstuben-Sängerin, eine Bianca Castafiore mit kristallenem Lachen. In Sachen Schlagfertigkeit würde ein Michel Audiard neben ihr wie ein Ministrant dastehen. Thomas, der Neffe, sucht vergeblich nach einem noch so kleinen Platz für Männer, während Lélé (Eleonora), einer Lithographie von Toulouse Lautrec entsprungen, mit leichter Hand für beeindruckende Effizienz sorgt.
Von dieser gutbürgerlichen Küche mit ihren überquellende Speisefolgen hätte ein Chirac hier alles verschlungen, eingehüllt ins anschwellende Getöse. Die Zeit vergeht… die große Szene des dritten Akts kippt in Hysterie, eine surrealistische Kakophonie.
Oft allein an meinem Tischchen, gelingt es mir, dort zu lesen, zum fünfzehnten Mal dieselbe Zeile, manchmal im Nahkampf mit Lélé… damit sie mir die Holztafel mit dem Tagesmenü, die mir als Lesezeichen dient, nicht wegnimmt… Jetzt reichts aber, die Tafel ist nicht dafür da!… Batman, der Lakritz-Minz-Kater, hat etwas zugenommen. Weltgewandt und ungezwungen holt er sich flüchtige angedeutete Streicheleinheiten ab. Nach so langer Zeit immer noch an ihrem Platz, hält die Matte des alten, hinkenden, längst toten Hundes die Anwesenheit und das Verschwinden der Erinnerung an früher fest…

Was machst du, wenn du nicht in einem Café anzutreffen bist?
PB: Geschichte, Schreiben, Tai Chi und Daito Ryo, Neo-Genealogie, Aquarell, Irrungen der Seele und andere spirituelle Exegesen

 

BIO

Philippe Baudry, geboren am 11. Januar 1953, Magister der Geographie, später Doktorand, hat sich zuerst in Richtung Graphik orientiert, eher er, spät, zu schreiben begann. Seine Feder versucht die Idee der Geographie selbst in ihrem lebendigsten Sinn zu rehabilitieren, an eine körperliche Sprache des Materials „Natur“ anzuknüpfen, den universalistischen Geist der Gelehrtenrepublik wiederzufinden.
Publikation: „Du côté d’Oléron…“ : Edition LOCAL Mai 2020

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Philippe Mari | Le Café des Auteurs, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Philippe Mari | Übersetzung aus dem Französischen: Iris Harlammert & Martine Bernardin

 

Ein Café auf der Suche nach Autoren.

Ende der 90er Jahre war ich an der Gründung des Cafés im „Haus der Autoren“ in der Rue Ballu im 9. Arrondissement von Paris beteiligt. Als Drehbuchautor von TV-Serien und interaktiven Videospielen gehörte ich in dieser Zeit dem „Conseil d´administration de la Société des Auteurs et Compositeurs Dramatiques“ an, diesem renommierten Haus, das 1770 von Beaumarchais gegründet und später von Victor Hugo höchstpersönlich geleitet wurde.

Gerade als Sohn eines Bistrobesitzers hat man mich um eine Stellungnahme zur Organisation eines Cafés gebeten, das gleichzeitig ein gemütlicher Ort der Begegnung und ein geeigneter Arbeitsplatz für die Entwicklung von Projekten in den Bereichen der darstellenden Kunst und des Audiovisuellen sein soll. Ein echtes Café, aber ausschließlich für Autoren. Also brachte ich einige Vorgaben zu Papier, davon ausgehend, dass ein Schriftsteller ein Gast wie jeder andere ist, sobald er sich an einen Tisch gegenüber der Bar hinsetzt, bereit etwas zu verzehren.

Anscheinend war die Wette riskant: am Tag nach der Eröffnung fanden sich die ersten Ankömmlinge, ausgerüstet mit ihren Laptops, verstreut an den Tischen sitzend wieder, wahrhafte Pioniere dessen was sich heutzutage Co-Working nennt, auf ihren Tastaturen klimpernd, sich aus dem Augenwinkel belauernd, mit dem unangenehmen Gefühl in der Filmszene aus „Le Fantôme de la Liberté“ von Bunuel mitzuspielen, in der die Gäste in einem Salon versammelt sind, wo jeder auf einem Toilettensitz Platz genommen hat.

Unter dem Blick von anderen Schriftstellern zu schreiben war damals noch beinah obszön und es hat einige Jahre gebraucht, bis sie ihr literarisches Schamgefühl überwinden konnten.

Wenn es Sie heute danach dürstet, dort an einem Tisch ein paar Zeilen zu schreiben, dann empfehle ich Ihnen zu reservieren.

 


Interview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Philippe Mari: Ohne Literatur gibt es keinen Austausch, weder über den individuellen Blick auf die Welt noch über das Erleben jeden Bewusstseins, die zwei Komponenten, die unsere Zugehörigkeit zur Menschheit ausmachen. Die Literatur ist, wie die Mehrheit der höheren Künste, die letzte Bastion des Geistes gegen die künstliche Intelligenz.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
PM: Das Kaffeehaus ist der Lebensmittelpunkt meiner Kindheit. Ich habe dort mehr Zeit in kurzen Hosen bei den Hausaufgaben verbracht, als jetzt als Schriftsteller vor dem leeren Blatt Papier.

Warum hast du das Café im „Haus der Autoren“ ausgewählt?
PM: Dieses Café ist dort vor 20 Jahren entstanden, wo vorher eine leerstehende Polizeistation war. Ich empfinde es als Sieg der Kultur über die Polizei, mit der Notwendigkeit eines Tages zu einem Geständnis zu gelangen.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
PM: Ich reihe die Stunden aneinander, bis die Zeit gekommen ist, mich an den Tisch, der mich empfängt, zu setzen, damit aus dem unterwegs mit vielversprechenden Eindrücken vollgesaugten Schwamm ein brauchbarer literarischer Saft herausfließt.

 

BIO

Philippe Mari war Drehbuchautor von zahlreichen Videospielen für Konsole und Internet sowie von vielen TV-Serien. Schließlich kam er wieder zurück zum Papier und veröffentlichte Erzählungen wie „Tch tch tchtt“ oder „L´Homme qui ne pouvait pas mourir“ (Der Mann der nicht sterben konnte), derzeit arbeitet er am Roman „La Dame au Taliban“.