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Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Peter Bosch, Café Steinbock, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Peter Bosch | Café Steinbock, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Peter Bosch

 

Der Mann im Spiegel
weiß noch nicht,
dass er das letzte Mal
hier steht
angelehnt
an die Zeit,
die schließt
abschließt
Neues bringt.
Doch wird es noch
die meine sein?

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Peter Bosch: Geschichten zu erzählen, irgendwo zwischen Realität und Fiktion. Ich mag die Grenzlinie, wo sich beides vermischt.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
PB: Ich bin kein Caféhauspoet, ich schreibe meistens daheim. In Caféhäusern habe ich Blind Dates.

Warum hast du das Café Steinbock ausgewählt?
PB: Weil ich dort Blind Dates mit Frauen hatte, die vom Sternzeichen Steinbock waren. Allerdings hat das Café Steinbock vor kurzem zugesperrt. Wahrscheinlich hatte ich zu wenige Dates. Und jetzt wird es noch schwieriger: ich kenne kein anderes Cafèhaus in Wien, das nach einem Sternzeichen benannt ist. Ich werde wohl Single bleiben.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
PB:  Filmen, Fotografieren, Prokrastinieren.

 

BIO

* 1957 in Wien. Lebt und arbeitet dort. Sesshaft. Wirtschaftswunderkind.
Arbeitet als Programmierer, Autor, Fotograf und Filmer.
Veröffentlichung div. Romane und Erzählungen.
Fotoausstellungen und Produzent bei Okto.tv.

 

 

Le Bal Café Otto, Paris

„Melange der Poesie“ Buchpräsentation & Fotoausstellung mit Alain Barbero & Barbara Rieger
Organisation: Association Autrichienne à Paris (Österreichische Vereinigung in Paris)

 

 

© Fotos : Céline Godin – AB
Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Georg Renöckl, Café Z, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Romina Pleschko | Café Jelinek, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Romina Pleschko

 

Ich kenne genügend Vogelleichen, ich habe früher gerne Vogelbabys aus ihren
Nestern entfernt, um sie großmütig per Hand aufzuziehen. Sie sind alle verstorben,
waren noch durchsichtig, man konnte sogar den Stuhlgang durch ihre mickrigen
rosa Körper wandern sehen. Ich habe meine Bemühungen als Vogelmutter dann
beschämt eingestellt, bis heute nie jemandem erzählt, dass sie nicht aus dem Nest
gefallen sind, sondern von mir in ein Todesschicksal gezwungen wurden.
Jahrelang habe ich daraufhin gewartet, ob eine Serienmörderin aus mir wird, aber
diesbezüglich kann ich wirklich Entwarnung geben, Herr Doktor. Es ist nur leider
so, dass ich diese gewisse Absterbens-Aura nie wieder losgeworden bin, das
sehen sie ja.

(Auszug aus Kurzprosa, 2017)


Interview mit der Autorin

Warum schreibst du?
Romina Pleschko: Keine Ahnung, wahrscheinlich treffen alle Gründe, die man überhaupt fürs Schreiben haben kann, in unterschiedlicher Dosierung zu.
Ich kann mich schriftlich am besten ausdrücken, es ist auch eine Art Zwang, alles in Buchstaben zu pressen. Ich hänge der naiven Vorstellung nach, dass nichts unbeschreibbares existiert. Alles ist nur eine Frage der Buchstaben.

Warum gehst du ins Kaffeehaus?
RP: Ich gehe eigentlich nur zum Menschen treffen oder Kaffee trinken ins Kaffeehaus, sehr selten zum Arbeiten. Zum Arbeiten brauche ich mehr Ruhe. Aber da ich schwer koffeinabhängig bin und viele nette Leute kenne, bin ich schon regelmäßig im Kaffeehaus anzutreffen.

Warum hast du das Café Jelinek gewählt?
RP: Weil ich fast um die Ecke wohne und es im Jelinek nebst exzellentem Kaffee auch einen Holzofen gibt. Ich liebe alte Öfen und würde ihn jedes Mal am liebsten mit nach Hause nehmen.

Blog Entropy, Catrin M. Hassa, Alain Barbero, Barbara Rieger, Café Museum, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Catrin M. Hassa | Café Museum, Wien

Foto: Alain Barbero | Text:  Catrin M. Hassa

 

sapiosexueller ubiquitärer postphilofetischismus

zugerichtete einsamkeit
& der blick der s(‚)ich
in den kleinsten dingen verheddert
benutzt jeden fetzen unseres körpers
[& die somatische intelligenz
der prokrastinationsfreien milchhaut]

(aus dem Band „in der herztaille“, Löcker, Frühjahr 2018)

 


Interview mit der Autorin

Warum schreibst du?
Catrin M. Hassa: Ein gewisser innerer Drang? „Die Literatur ist eine Schaufel, mit der ich mich umgrabe“ (ich weiß jetzt gerade nicht, ob das Peter Bichsel oder Martin Walser war) Natürlich geht’s da nicht – und sollte es m.E. auch nicht!- um ein „Kreisen um den eigenen Bauchnabel“…, aber so ein Leben ohne Schaufel fände ich nicht erstrebenswert! Das ist so ein inneres Sintern: du lebst & erlebst und manches setzt sich in dir ab, bleibt haften & transformiert sich dann…… & kann vielleicht ein bisschen mithelfen, das Image der Lyrik zu entstauben…

Warum gehst du ins Kaffeehaus?
C.M.H: Weil ich‘s als externes Arbeitszimmer brauche. Ich arbeite eigentlich hauptsächlich im Kaffeehaus, hab‘ ich vor kurzem festgestellt. Ich brauche offensichtlich dieses Setting, das einem dieses Mit-Sein erlaubt, im Erleben, gleichsam „angesprungen“ von Verhältnissen oder Auffassungen, von Bildern oder Worten, beeindruckt von Klängen, der Geräuschkulisse, oder Affekten, deren Zurschaustellung in einem öffentlichen Raum, der doch, wie ich finde, eine sehr eigentümliche Doppelheit in sich hält, wenn man bedenkt wie privates dort verhandelt wird. Das Kaffeehaustischchen gibt vor Nische zu sein -oder eben auch Bühne. Und das reizt mich… sehr.

Warum hast du das Café Museum gewählt?
C.M.H: Ich mag Loos. Außerdem mag ich seine Beinamen: „Secessionisten-Tschecherl“ oder „Café Nihilismus“.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
C.M.H: Hmm, dann verbringe ich Zeit mit lieben Menschen, erweitere an meinem Erfahrungsspektrum herum, bewege mich ‘mal zur Abwechslung ausgiebiger oder fülle meine Schlaf-Akkus gründlichst auf.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Georg Renöckl, Café Z, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Georg Renöckl | Café Z, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Georg Renöckl

 

Das Ende der Nachkriegszeit

Als sie alle weg waren oder tot – die Großzügigen, die Neureichen, die Verschwender –, musste die Dekoration eben angepasst werden. Der Stuck von der plötzlich zu prächtigen Fassade gehämmert, die Decke abgehängt, der weite Raum gekonnt verengt. Rustikal-resopalerne Nachkriegsgemütlichkeit, typisch Wien, von nun an. Immerhin keine Bankfiliale. Und dann plötzlich – nur gut zwanzig Jahre später als man hätte erwarten können – wurde es anders.

Wie immer, wenn gelüftet und entrümpelt wird, jammerten diejenigen, die nicht zwischen Grind und Patina unterscheiden können. Der schöne Mief!

Die anderen essen jetzt Crêpes.

 


Interview mit dem Autor

Warum schreibst du?
Georg Renöckl: Weil ich nicht immer nur lesen kann. Weil mir meine Gedanken sonst irgendwann auf die Nerven gehen. Weil ich das Zeichnen längst aufgegeben habe.

Warum gehst du ins Kaffeehaus?
GR: Ins Kaffeehaus zu gehen bedeutet Zeit zu haben. Ich habe drei Kinder. Will ich ins Kaffeehaus gehen, muss ich daher zuerst das schlechte Gewissen überwinden, dann ist es wie ein Kurzurlaub. Sollte ich einmal versuchen.

Warum hast du das Café Z gewählt?
GR: Das Café Z war eine der schönsten Entdeckungen, als ich für mein Buch „Wien abseits der Pfade“ kreuz und quer durch die Stadt wanderte. Die Crêpes und Kuchen sind fantastisch, Christa Ziegelböck wählt Zutaten und Rezepte sehr bewusst aus und man sieht von der Eingangstür bis zum Wienerberg.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
GR: Kochen, Gutenachtgeschichten erzählen, vom Kaffeehaus träumen.

 

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Martin Peichl, Café Dezentral, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Martin Peichl | Café Dezentral, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Martin Peichl

 

(misslungene Annährung an ein Motiv)

Eine Stricherl-Liste hineingemalt in Mayröckers Abschiede. 4 Bier. Ein Abend im Dezentral. Du irgendwo im Regen. Auf meiner To-do-Liste steht „Reigen lesen“, gleich darunter „Reigen schreiben“. Da treibt ein Haar von dir in meinem letzten Schluck, aber das bilde ich mir nur ein.

Ich schreibe eine neue Liste über eingebildete und tatsächliche Abschiede, direkt neben die Stricherl-Liste. 4 Bier, 2 Averna Sour. Auf einen Bierdeckel notiere ich (in deiner Handschrift): Es ist Wahnsinn, einen Roman zu schreiben. Ein Abend im Dezentral. Du regnest im Windfang.

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Claudia Dabringer, DON Espresso Bar, Cafés Viennois, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Claudia Dabringer | DON Espresso Bar, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Claudia Dabringer

 

Weg von den Sprachen und Farben,
von den Klängen und Durchsagen

Eintauchen
den Löffel in den Kaffee
den Kopfhörer ins Ohr
den Stift ins Papier

Während die anderen auf dem Weg sind
ruhen
rasten
reflektieren

Und dann wieder aufbrechen

Eintauchen
in den Strom
in die Menschen
in die Reise

Hin zu dem, was Leben bedeutet.

 


Interview mit der Autorin

Wozu schreibst du?
Claudia Dabringer: Ich schreibe, damit ich meine Gedanken ableiten kann, ohne in einem ersten Schritt andere Menschen beschweren zu müssen. Ich schreibe aber auch, um Sprache und alles, was damit an Tradition verbunden ist, in dieser Welt zu halten.

Wozu gehst du ins Kaffeehaus?
C.D.: Ich gehe ins Kaffeehaus, um hin und wieder eine Alternative zu Getreidekaffee genießen zu können. Hätte ich “richtigen” Kaffee zuhause, würde ich kein Auge zutun können angesichts der Menge, die ich trinken würde.

Warum hast du das Café Don gewählt?
C.D.: Als Raucherin gehe ich inzwischen beinahe immer der Nase nach. Und dass man im ‘Don’ rauchen und schauen kann, wie das Leben an einem vorbei zieht, mag ich sehr. Während Alain mich fotografiert hat, überlegte ich mir, wie es wäre, wenn Gerard Depardieu vorbeiwabern würde. Ist leider nicht passiert *seufz*

Was machst du, wenn du nicht schreibst und nicht im Kaffeehaus bist?
C.D.: Ich schlafe, esse und kümmere mich um Menschen, die mir lieb und teuer sind.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Erik Tenzler, Café Anno, Cafés Viennois, Kaffeehaus, Wien, Vienne, Melange der Poesie

Erik Tenzler | Café Anno, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Erik Tenzler, auch in: „Melange der Poesie“ (Kremayr & Scheriau, 2017)

 

Am Strand der fabelhaften Welt der Anämie
bedeckt mit frisch bezogenen Lebensläufen
im Schlund das Strickzeug und die allerletzten Wolken
Gewebeproben, die Gewebe proben wollten
und schlafen mit dem Nicht-für-Immer
schlafen mit der Couch
schlafen mit dem Stream
schlafen mit dem Frauentausch
schlafen mit den Träumata
schlafen mit der Übrigkeit
schlafen mit sich selber
schlafen mit dem Life.
Schlafen.

 


Interview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Erik Tenzler: Eine All-inclusive-Dampfschifffahrt zum Mittelpunkt der Erde. Vielleicht.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
ET: Wenn ich Wien besuche und in eines dieser alten Kaffeehäuser gehe, frag ich mich jedes Mal, ob ich mit ein bisschen Glück nicht gerade in einem Sessel sitze, in dem schon jemand gesessen hat, den/die ich sehr bewundere oder verabscheue. Dann stell ich mir vor, was diese Person wohl gesehen und gedacht hat, während sie hier saß. Es ist als würde ich mich in einen anderen Kopf oder eine andere Zeit tricksen.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
ET: Geld verdienen, Dinge kaufen, am Roman arbeiten, Frühstücken (ich frühstücke gern mehrmals am Tag), Musik, dann wieder Geld verdienen und Dinge kaufen etc.

Wie bist du im Café Anno gelandet?
ET: Ich bin der Empfehlung einer lieben Freundin gefolgt. Sie hat mich genau dorthin geführt, wo ich hin wollte …

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Cäcilia Then, Tanzcafé Jenseits, Marie in mir, Cafés Viennois, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Barbara Rieger & Cäcilia | Tanzcafé Jenseits, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Barbara Rieger, Auszug aus „Bis ans Ende Marie“ (Kremayr & Scheriau, 2018)

 

Sie und ich auf der Suche nach dem Ort mit der richtigen Musik, dem Lokal mit der richtigen Stimmung, dem Mann mit dem richtigen Versprechen. Ich muss mich nur umdrehen, schon ist er da. Ich bin überflüssig, doch ich folge ihnen bergauf und bergab, vorbei am Geruch von Gras und Pisse und den Abgasen der Autos, hinein in die nächstbeste Bar. Ob ich die bessere Hälfte sei, fragt mich der Typ und bestellt mir einen doppelten Wodka. Wie man’s nimmt, sage ich. Wir nehmen, was wir kriegen können, sagt Marie.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Friederike Mayröcker, Café Sperl, Cafés Viennois, Kaffeehaus, Wien, Vienne, Melange der Poesie

Friederike Mayröcker | Café Sperl, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Friederike Mayröcker, auch in: „Melange der Poesie“ (Kremayr & Scheriau, 2017)

 

im Salettl = Café : ich sollte meine Blicke ins frz.Objektiv richten, der Rahmen für das Foto sollte die braune Holztäfelung hinter mir, sein : fragwuürdige Gloriole : also dasz ich thronen sollte
was mir nicht behagte. Ich schaute lieber nach links ins aufgeschlagene NZZ-Journal um mich nicht auszusetzen FRONTAL, also tauchte nach links in die Zeitungsblätter ……. endlich
die blassen Hände auf dem Marmortisch, las dasz Heiner Muüller das Dramolett „Herzstück“ auf ein Fetzchen Papier,gekritzelt hatte, um es hinüberzuschwenken zum Regisseur, usw.,

ach ein Sträuszchen welkender, Mimosen am Nachbartisch, das opus tränenreich,