Heike Fiedler | Café Gavroche, Genf

Foto: Alain Barbero | Text: Heike Fiedler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Ich bin hier wegen der köstlichen hausgemachten Limonade, wegen der herzlichen Atmosphäre, wegen der engagierten Diskussion junger KünstlerInnen am anderen Tisch, wegen der Sonne, die ihr Licht durch die Glasfassade wirft, wegen des Regens, der fällt, wenn es regnet. Das Café Gavroche ist nach einer Figur aus Victor Hugos Roman „Les Misérables“ benannt. Dieser habe sich, sagt man, von dem Gemälde „La Liberté guidant le peuple“ (Die Freiheit führt das Volk) von Eugène Delacroix inspirieren lassen.
Da hinten ein farbiges Fresko: darauf sieht man eine multikulturelle Demonstration gegen den Krieg, wie das einzige Transparent im Vordergrund zeigt, wenn man es nicht schon beim bloßen Betrachten errät: stop war. An der Wand der kleinen Nische hinter der Bar ein nüchternes Poster im A4-Format, neunzehn goldene Buchstaben auf schwarzem Grund: kein mensch ist illegal.
An einer der anderen Wände, das Gedicht Liberté von Paul Eluard, illustriert von Fernand Léger, natürlich als Reproduktion. Vor einigen Tagen arbeitete ich hier mit Maryam Jafari Azarmani, eine Dichterin aus dem Iran, es ist nicht unbedeutend, es in diesem Kontext zu erwähnen. Da ist auch die Erinnerung an zwei Lesungen, an denen ich im Gavroche teilgenommen habe, von denen die früheste auf die Einführung des Sammelbandes an deiner statt/ à ta place, herausgegeben und organisiert von Les Editions d’en bas, zurückgeht. Rund um meinen Tisch herum unser Kommen und Gehen in der Welt, die, trotz allem, atmet, allem zum Trotz, weitergehen, kreieren, andere Orte und andere Realitäten entdecken, Bücher lesen, vor allem schreibe ich. Im Wort „schreiben“ (écrire) steckt der Schrei (le cri), das Lachen (rire)*; auf der ständigen Suche nach unseren Freiheiten, die Felsen ritzen, gavrocher/ felsritzen** gegen Macht und Herrschaft. Danke an das Café Gavroche, danke an Devrim, seit 20 Jahren die leitende Kellnerin, für diesen Ort der Ruhe in der herrschenden Unruhe. Ich verlasse das Café, um ein türkisches Wort reicher: Devrim bedeutet „Revolution“.   

 

* Wortspiel funktioniert nur im Französischen (Anm. Übers.)
** gavrocher: von der Autorin des Textes beigesteuertes Wort (gavrer – (ein)ritzen und rocher – Felsen, Anm. Übers.)

 


Interview mit der Autorin

Deine Arbeit liegt zwischen Textseite, Stimme, Performance. Hast du schon die Szene im Kopf, wenn du schreibst, denkst du schon an die Stimme und den Körper, oder kommt die performative Dimension erst im Nachhinein?
Heike Fiedler: Ich denke nicht an die Stimme und den Körper, ich schreibe mit der Stimme und mit dem Körper. Mein Schreiben entsteht in dieser Interaktion, die verschiedene Formen annehmen und generieren kann. In diesem Sinne ist Schreiben an sich ein performativer Akt. Der Klang der Wörter, der Klang der Sätze und der Buchstaben ist auch sehr wichtig: diese sonore Materialität der Sprache ruft oft die Fragmente hervor, die in einem bestimmten Text präsent sind. So sind zwischen Klang und Sinn zum Beispiel meine Gedichte, in denen verschiedene Sprachen nebeneinander existieren, entstanden. Was die Bühne betrifft, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass die zu füllende „leere Seite“ selbst eine Bühne darstellt, auf der sich der Text entfaltet. Ich nehme den Raum der Performance als eine Art Verlängerung der Seite wahr, oder aber als „Schreib-Szene“, ein Konzept, das ich aus der Literaturforschung entlehne. Aus dieser Perspektive heraus ist das Performen selbst für mich ein Akt des Schreibens, vor allem, wenn ich audiovisuelle Technik einsetze. Das Zusammenfinden der vorhandenen Elemente, die Gesten, die aufeinanderfolgen und sich überlagern, aber auch die Ko-Präsenz der sich im Performance-Raum befindenden Personen, lassen einen neuen Text entstehen, der (vielleicht) über den hinausgeht, der zu Beginn vorhanden war.     

Wie können wir angesichts der Weltlage noch gemütlich im Café sitzen?
HF: Diese Frage ist allgegenwärtig in einem weiteren Sinn: Wie essen, schreiben, ins Kino gehen, wie an einem warmen Ort schlafen, tanzen, feiern, wie weitermachen angesichts der Weltlage? All das tun, trotz allem, das ist ein Akt des Widerstandes, gewiss ein minimalistischer, dennoch nicht zu ignorieren. Versuchen dem Inaktiv-, Passiv-, Deprimiert-Werden zu widerstehen, während man die Wahl hat oder lernt, zu wählen; unsere täglichen Handlungen hinterfragen, im Bewusstsein neuer Herausforderungen, die sozio- und interkulturelle Forschungen und Praktiken erfolgreich entwickelt und thematisiert haben. Die Welt in die Cafés einlassen: sich treffen, diskutieren. Gemeinsam die kapitalistische und patriarchalische Kolonisierung des Denkens abbauen. Das ist nicht immer bequem, aber ach wie köstlich, wie ein guter Kaffee oder eine gute heiße Schokolade – hergestellt wo? Von wem, unter welchen Bedingungen, wie sind sie bis hierher gelangt, bis zu meinem Mund, in mein Inneres …

Wo fühlst du dich zuhause?
HF: Ich fühle mich in den Räumen wohl, in denen ich ein Fließen, ein Zirkulieren der positiven Energien spüre, also gewaltfreier, einladender und nicht ausgrenzender, horizontaler Energien, um es anders auszudrücken. Die Vorstellung, die ich mit dem Begriff assoziiere, sei es „bei mir“ oder „bei dir“ oder oder einfach „zuhause“, spiegelt diese Aspekte wider. Die Vorstellung vom Fluss verweist auch auf die Durchlässigkeit von Grenzen. Das ist auch ein Lebensprozess, mit Prüfungen, die manchmal schwer zu bewältigen sind. Jedenfalls habe ich es seit meinem jungen Erwachsenenalter vorgezogen, in kollektiven und gemeinschaftlichen Lebensstrukturen zu leben; angefangen damit, dass ich das erfahren habe, junge Student*innen, die wir waren, mit unseren Kindern in einem Chalet in Genf. Dort haben wir, zu mehreren in der gleichen Situation, unsere Freuden und Pflichten geteilt und strukturiert. Zurzeit ist meine Wohnung Teil einer Genossenschaft, mein erweitertes Zuhause. Es ist in diesen Extensionen, in diesen Zwischenräumen, wo Freiräume geschaffen werden.

 

BIO

Heike Fiedler (CH/D) – Schriftstellerin, Performerin, Laut- und visuelle Poetin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Genf, wo sie einen Masterabschluss in Literaturwissenschaft, sowie ein Zertifikat in Gender Studies erworben hat. Heike Fiedler schreibt auf Französisch, auf Deutsch und zwischen den Sprachen. Sie liest und performt ihre Texte auf Festivals international, sie ist in kollektive Projekte involviert, hat bisher acht eigene Bücher veröffentlicht und arbeitet z.Zt. an einer Lyrikübersetzung. Für ihr Schaffen erhält sie Förderungen von Pro Helvetia, der Stadt und dem Kanton Genf. https://heikefiedler.ch/