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Catherine Cusset | L’Élephant du Nil, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Catherine Cusset | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

        Es gibt viele Cafés auf dem Platz bei der Métrostation Saint-Paul, fünf Minuten von meinem Haus entfernt. L’éléphant du Nil hat mich angezogen, weil das ein echtes Pariser Café ist, mit Zinktheke, kleinen dunklen Holztischen, Bistrostühlen und alten Fliesen. Ich fühle mich dort wohl. Eine Durchreiche öffnet sich zur Küche, wo der Koch gutes und preiswertes Essen zubereitet. Die Kellner sind jung und freundlich, und sie lächeln – im Gegensatz zum Klischee des typischen Pariser Kellners.
        Hier komme ich in Paris an, wenn ich aus New York anreise. Dreißig Jahre lang landete ich drei- oder viermal im Jahr in Roissy, holte meinen Koffer ab, nahm den RER, stieg in Châtelet um und stieg in Saint-Paul gegenüber dem L’éléphant du Nil aus. An der Theke bestellte ich einen Grand Crème, im Stehen, neben Stammgästen, die gerade einen Espresso oder ein Glas Wein tranken. Manchmal blieb ein Croissant übrig, buttrig und knusprig. Es ist Mittag in Paris und 6 Uhr morgens in New York. Der heiße, süße Milchkaffee läuft durch meine Kehle, ich schlucke einen Bissen Croissant hinunter, diese vertrauten Geschmäcker sagen mir, dass ich angekommen bin, dass ich zu Hause bin.
        Im Café lese ich, aber ich schreibe nicht. Zum Schreiben brauche ich Stille und einen abgetrennten Raum. Virginia Woolf hatte nicht Unrecht, als sie auf der Notwendigkeit eines eigenen Zimmers bestand. Ich gehe vom Bett zum Schreibtisch, vom Schlaf und von den Träumen zum Schreiben, ohne Übergang. Ich beginne den Tag nie mit einem Frühstück im Éléphant du Nil, obwohl ich den Grand Crème und die Croissants so sehr liebe. Nur, wenn ich aus New York ankomme.

 


Interview mit der Autorin

Was kann die Literatur leisten?
Catherine Cusset: Kafka schreibt, dass sie die Axt für das gefrorene Meer in uns sein muss. Ja. Sie öffnet uns – uns selbst, dem anderen, der Welt. Sie macht uns größer, reicher, bewegt uns fort. Es gibt zwei Arten von Literatur: in der einen geht es um Unterhaltung, in der andern um Suche. Obwohl ich diejenigen bewundere, die Bücher schreiben, die von Teenagern verschlungen werden, bevorzuge ich die andere Art. Ich lese nicht für die Handlung, sondern für die Bedeutung, für die lebendige Anwesenheit eines menschlichen Geistes. Gute Bücher sind solche, bei denen man das Ende bereits kennt und die man noch einmal lesen kann, ohne sich je zu langweilen. Ich lese und schreibe, weil ich auf der Suche bin – nach Wahrheit, nach Sinn, nach Verbindung, nach Kohärenz, nach Andersartigkeit, nach mir selbst.
        Es fällt mir schwer, ohne schreiben zu leben. Ich werde sehr schnell depressiv. Nur das Schreiben macht mein Leben erträglich. Weil es vereint, sammelt, Bedeutung schafft, die Erinnerung bewahrt, Zugang zum Anderen und zum Besten von einem selbst gibt. Schreiben ist eine einsame Tätigkeit, aber das einzige echte Mittel, die Einsamkeit zu verlassen.

 

BIO

Catherine Cusset, geboren 1963 in Paris, ist Autorin von fünfzehn Romanen, die zwischen 1990 und 2021 bei Gallimard erschienen und in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt wurden, darunter Janes Roman (Grand Prix des lectrices d’Elle 2000), Hockneys Leben (Prix Anaïs Nin) und Die Definition von Glück. Als ehemalige Studentin der École Normale Supérieure in der Rue d’Ulm, Absolventin der klassischen Philologie und Autorin einer Dissertation über Sade unterrichtete Cusset zwölf Jahre lang in Yale, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Nach dreißig Jahren in New York lebt sie heute zwischen Paris und der Halbinsel Crozon in der Bretagne.

Alexandre Delas | Le Réveil du 10ème, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Alexandre Delas Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach 

 

Ich habe mein altes Exemplar des Idioten mitgebracht, weil ich schon immer den Idealismus von Prinz Mychkine bewundert habe, der Charakterzug, der allen großen literarischen Kräften, die in allen Revolutionen auf Papier am Werk waren, gemein ist.

Die Revolution? 
Wie wäre es, wenn wir stattdessen über die Liebe sprechen.
Alain teilt meine Vorliebe für die alten Kinos.
„In den 80er Jahren machte ich einen Test, ich nahm die Mädchen immer mit ins Christine, um Mauvais Sang (Leos Carax, „Die Nacht ist jung“) zu sehen. Wenn sie diesen Film nicht mochten, dann wusste ich, dass zwischen uns nichts möglich sein würde.“
Ich frage Alain, ob es geklappt hat.
Er antwortet mir lächelnd: „Die Frau, mit der ich mein Leben teile, fand ihn ganz gut, mehr auch nicht.“ 

Manch einer könnte den Prinzen heutzutage ohne weiteres umbenennen, „Miskine“
(Bemerk. Übers.: französisches Wortspiel mit „miskine“, Neologismus aus dem Arabischen für „erbärmlich, arm“), doch ich möchte daran glauben, dass das Ideal immer einen Versuch wert ist.

Der Moment für das Foto kommt.
Wenn Brassens und Ferré mit im Bild sein dürfen, an meiner Seite, dann bin ich in sehr guten Kreisen.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung haben Cafés für dich? 
Alexandre Delas: Ein Café ist ein exzellentes Mittel gegen Einsamkeit in großen Städten. Es ist eine Blase mitten in der Welt und gleichzeitig außerhalb der Welt. Hier ein Rat: lächelt und sprecht mit eurem Tischnachbarn, selbst wenn diese Person nicht sympathisch wirkt. Vielleicht ist sie auch einsam wie ihr.

Wo fühlst du dich zu Hause? 
AD: Überall da, wo ich ein Fremder bin. 

 

BIO

Alexandre Delas lebt und arbeitet in Paris. Les Premières funérailles ist sein erster Roman (englische Version beim Autor). Er beschreibt eine ultra-kapitalistische Diktatur der extremen Rechten, die nach einem „Welt“-Krieg in Frankreich an der Macht sind, in der niemand mehr das Recht hat, zu sprechen, die Auswirkung auf die Psyche seiner Helden und Personen, die sich kreuzen — ihre Identität, ihre sentimentale Erziehung und ihr Entdecken der Arbeitswelt.
Alexandre Delas, gut informiert über die globalisierte Welt, hat seinem Text durch eigene mannigfaltige Berufserfahrung in Asien und den USA Nahrung gegeben.
https://linktr.ee/alexandre_delas

 

 

Vincent Crouzet | Tandem, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Vincent Crouzet Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Um Alain zu treffen, habe ich einfach das Tandem gewählt, denn da fühle ich mich wohl. Wie im Familienkreis. Es ist nicht eins dieser Wein-Bistros, wo laut geredet wird, wo man sich in Pose wirft. Es ist ein Ort des kleinen Raums, wie auf einer Terrasse, wo es einfach zugeht. Es ist der Raum von Philippe und Nicolas, die zwei  unzertrennlichen Brüderchen, die das Tandem hochhalten wie ein örtliches Markenzeichen, diese Blase der fröhlichen hedonistischen Ruhe, bevor man die rue de la Butte aux Cailles hinaufgeht, die lauter und weiter weg ist. Man kommt nicht, um ein Glas im Tandem zu trinken, sondern um zu frühstücken, Mittag zu essen, sich Zeit zu nehmen, und sich an einem Dekor zu erfreuen, das sich nicht verändert, sich nicht bewegt, in einer Zeit, in der die verrückten Dekorateure so reizende Bistros hinpfuschen. Hier gibts echte Holztische, Kacheln, die schon viel gesehen haben, eine strahlende Bar, die wie dafür gemacht ist, sich einen Moment mit Nikolas an die Theke zu lehnen und sich ihm zu überlassen …
Weil man auch ins Tandem kommt, um sehr guten Bio-Wein zu trinken, außerhalb von Moden und Tendenzen. Der naturbelassene Wein ist dort nicht verboten, wird aber auch nicht verklärt. Nichts wird aufgezwungen. Das Kriterium hier ist nach wie vor die echte Freude, nicht der Schein. Und diese Freude am Genießen passt mit der einfachen, ehrlichen Küche von Philippe zusammen, die auf Familienrezepten, mit „Ausflügen“ Richtung Asien, beruht …
Ich komme oft ins Tandem, fast täglich, begleitet von der Frau meiner Gedanken. Denn hier muss ich nichts vorspielen. Und die Beleuchtung – im Herbst, im Winter – ist warm, gemütlich. Nichts ist überspitzt. Das ist wichtig in einer Welt der Überbietung. 
Sich niederlassen. Zuhören. Und wenn ich allein komme, das passiert oft, dann ist Nikolas wie ein weiterer Gast, präsent, aufmerksam, neugierig, mitteilsam. Dies ist ein Bistro, wo ich nicht auf Abwege gerate, denn es repräsentiert auch meinen Fixpunkt, meine rechte Mitte.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Vincent Crouzet: Die Frage … ganz ehrlich: Freiheit kreieren. Die des Schöpfers, des Schriftstellers. Die der Leserinnen und Leser. Dieses Stück Freiheit steckt auch im Reisen. Lesen, schreiben, das heißt weggehen. Ich glaube tief und fest an die Kraft des Romans, die den Schriftsteller von sich selbst wegbringt. Ich verstehe die Neugier für die Autofiktion, aber unser Reichtum als Roman-Autoren bleibt es, Welten zu erschaffen und sie zu den Lesern zu bringen. Ich denke nicht an die Literatur, sondern an Literaturen. Die meinen bleiben übrigens reines Fluchtverhalten …

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
VC: Ich habe nicht diese Beziehung des Schriftstellers zu Cafés. Ich schreibe dort nie. Und ich gestehe, dass ich sehr skeptisch bin, wenn ich einen Schriftsteller, eine Schriftstellerin, in einem Bistro arbeiten sehe. Die Cafés sind offenbar ein Klischee, für mich sind sie die bevorzugten Orte für Treffen, aber ich gebe zu, dass sie vor allem zu meiner persönlichen Freude gehören. Ich liebe es, mich dort allein aufzuhalten, am Morgen, um zu beobachten, wie die Stadt sich wachschüttelt, und auch ihre Akteure. In einer Stadt, die mir fremd ist, nehme ich dort die Energie dieser Welt auf. Aber auch, leider, manchmal, zu oft, ihre Nöte.

Wo fühlst du dich zu Hause?
VC: Das ist eine heikle Frage in diesem Moment, für mich, denn seit einigen Monaten navigiere ich zwischen mehreren Orten. Ich schwanke zwischen der Lust auf Unterhaltung, Gewimmel, und der Notwendigkeit der Ruhe. Zwischen den Lichtern der Stadt und der Stille. Ich glaube, wir rotieren alle zwischen Paradoxen: an der kollektiven Energie teilhaben, oder in einer privilegierten Umgebung zu sich selbst finden. Ich bin in den Bergen großgeworden, in einem Wintersport-Ort, in Les Arcs, in Savoie. Wenn ich mich in diesen Höhen befinde, und in dieser spielerischen Atmosphäre, der Natur und dem Sport gewidmet, ja, da fühle ich mich gut. Aber ich werde schnell von der Lust wieder woanders einzutauchen, eingenommen.

 

BIO

Vincent Crouzet ist 59 Jahre alt, hat seine Jugend in den Bergen verbracht, studierte in Grenoble, entschied sich in einem Moment seines Lebens für den Beruf im Nachrichtendienst und nahm dann an Geheimoperationen seines Landes, Frankreich, teil, hauptsächlich in Zentral- und im südlichen Afrika. Von da an Romanautor, mittlerweile hat er vierzehn Texte „auf dem Buckel“, hauptsächlich Spionage-Romane, aber auch Erzählungen für Jugendliche und einen Essay. Seit zwei Jahren entwickelt er unter dem Pseudonym Viktor K, eine literarische Serie über die Aktionen der DGSE (Direction générale de la Sécurité extérieure), erschienen bei Éditions Robert Laffont. 

Sandrine Malika Charlemagne | Le Surcouf, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Sandrine Malika Charlemagne Übersetzung aus dem Französischen: Christiane Barabas & Daniela Gerlach

 

Ich sah ihm dabei zu, wie er sich irgendwie unbeholfen auf den hohen Hocker hievte, eine zarte Silhouette in seiner Lederjacke, die er trotz der prallen Sonne draußen trug. Er lehnte seinen Stock gegen die Theke, versuchte das Gleichgewicht zu finden. Seine mandelförmigen, gletscherfarbenen Augen kreuzten sich einen Augenblick, in dem ich glaubte, die Nostalgie einer Zeit flackern zu sehen, deren einziger Hüter er wäre, mit den meinen.
Die Sanftheit, die von diesem durch die Jahre gebleichten Gesicht ausging. Ein Einheimischer? Ich war ihm in dem Café noch nie begegnet. Er hatte das Profil eines Adlers, seine lichten, blassgrauen Haare in Flaumfedern. Den Rücken gebeugt, die Beine in seiner Hose aus grobem Stoff schlotternd, fixierte er einen Punkt in der Ferne. Der kleine Mann deutete ein Lächeln an, in seiner ruhigen Einsamkeit. Ich hatte plötzlich Lust auf ihn zuzugehen, seine Hand zu nehmen, die Wärme seiner Haut zwischen meinen Fingern zu spüren. Woran dachte er? Ich fragte mich, ob er merkte, dass ich ihn beobachtete. Und dann, das Trugbild des Lebens. Ich sah den Mann am Ausgang eines Bahnhofs auf einem alten Koffer sitzen, wo eilige Menschen an ihm vorbeiliefen, ohne ihn überhaupt zu sehen. Ich sah wie er die Hand ausstreckte. Auf eine Geste des Mitgefühls, des Wohlwollens, einer flüchtigen Freundschaft wartete. Aber nur die Vögel sammelten sich mit einem Anschein von Zuneigung um ihn. Er, auf seinem Koffer, mitten unter den Tauben, er lächelte, ein Lächeln, das die Feinheit seiner abgemagerten Züge zur Geltung brachte. Er lächelte dem Leben zu, das bald, wie in einem Buch, sich wieder über ihm schließen würde.

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Sandrine Malika Charlemagne: Sie zeigt Welten – vom Alltäglichsten bis zum Barocksten – sie hilft einem, sich zu konstruieren – wach zu bleiben – zu staunen – und manchmal heilt sie die leidende Seele. Sie ist auch der Ort des Geheimnisses. Eine Leinwand, auf der man tausendundeine Landschaft entdeckt. Mit der Literatur kommt man überall hin. Ein bisschen wie in einem Film. Die Figuren sind ewig. Man fühlt sich lebendig, wenn man liest. Man atmet anders. Man denkt anders. Man diversifiziert unseren Zugang zur Sprache. Vielleicht lieben wir auch anders.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SMC: Durchgangsorte, wo man die Leute beobachten, ihrem Reden oder Schweigen zuhören kann. Von den Menschen um uns herum träumen. 

Wo fühlst du dich zu Hause?
SMC: Angesichts der Grenzenlosigkeit der Natur. Berge. Wälder. Wüsten. Ozeane.

 

BIO

Sandrine Malika Charlemagne begann eine Schauspielausbildung am Cours Nordey, spielte vor allem am Theater Gérard Philippe in Saint-Denis unter der Leitung von Jean-Claude Fall, schrieb Anastasia, das in France Culture gesendet wurde, veröffentlichte drei Romane, zwei Theaterstücke und zwei Gedichtbände,  leitete Workshops in Vitry-sur-Seine, Sevran-Beaudottes, Cergy-Saint-Christophe, Saint-Denis und reiste hier und dort herum. 
Die Stalkerin (Edition Velvet) erscheint im November 2023.

Dominique Manotti | Corso Quai de Seine, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Dominique Manotti Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Als François Mitterrand, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, 1981 unter allgemeinem Jubel und nach zwanzig Jahren heftiger sozialer und politischer Kämpfe in Frankreich zum Präsidenten der Französischen Republik gewählt wurde, hatte ich sofort den Eindruck, dass diese Wahlen der Linken den Todesstoß versetzten, und das auf Dauer. Jedesmal, wenn ich diese Erinnerung bei einer Diskussion oder einem Treffen erwähne, reagieren meine Gesprächspartner ungläubig. Und dennoch… Ich bin aus der Generation, die den Algerienkrieg erlebt hat. Dieser Krieg hat mich ein für alle Mal verstehen lassen, dass man nicht darauf vertrauen darf, was die Leute und die Organisationen sagen, in der Politik und anderswo, sondern darauf, was sie tun. Als François Mitterrand an die Macht kam, kannte ich seine Rolle als Unterstützer der kolonialen Expansion Frankreichs und seine gewichtige Rolle im Algerienkrieg sehr genau. 1956 stimmt er für die Sonderbefugnisse der französischen Armee auf algerischem Boden und öffnet dadurch eine Büchse der Pandora. Die bösen Geister, die ihr entschlüpft sind, plagen unsere Gesellschaft noch immer. In den Sechziger- und Siebzigerjahren habe ich mich stark im gewerkschaftlichen Milieu Frankreichs engagiert, überzeugt davon, dass wir dabei waren, die Welt zu verändern. Und ich war nicht allein. Ich kannte daher, durch meine Erfahrung in der Gewerkschaft, die tiefe Ignoranz des sozialistischen Parteiapparats gegenüber den sozialen Kämpfen für eine Erneuerung, die das Land erschütterten. Für mich war klar, dass die Machtübernahme und die riesige kollektive Begeisterung, die sie ausgelöst hatte, schwer an der totgeschwiegenen kolonialistischen Vergangenheit zu tragen hatten und außerdem eine echte Verwurzelung in den sozialen Kämpfen fehlte, sodass alles in einer Sackgasse und in Verdrossenheit enden würde. Ich war verzweifelt, habe mein Engagement aufgegeben, Bilanz gezogen und ein Jahrzehnt später damit begonnen, Romane zu schreiben um zu erzählen, wie meine Generation gescheitert ist. Romans noirs natürlich – immer erzählen, was die Leute machen, und nicht, was sie sagen.

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur ?
Dominique Manotti: Es ist schwer, auf eine so allgemeine Frage zu antworten. In meiner Jugend haben mir die Romane, die ich verschlungen habe, die Welt eröffnet. Ich habe Figuren kennengelernt, mit denen ich jahrelang Gespräche geführt habe. Sie haben mich zu lieben und zu hassen gelehrt. Ich habe sie immer wieder getroffen, und sie haben mir dabei geholfen zu verstehen, wer ich war. Wenn ich jetzt ein Romanthema wähle, wenn ich zu schreiben beginne, dann mache ich das, um die Ereignisse, von denen ich erzähle, zu verstehen, sie zu vertiefen, um einen Dialog mit den Männern und Frauen, die mich lesen, zu beginnen.

Welche Bedeutung haben Cafés für Sie?
DM: Das Café Corso, gleich bei mir ums Eck, liegt am Bassin de la Villette, einem der schönsten Plätze von Paris. Immer, wenn ich es sehe, bin ich glücklich. Dieses Café bezeichnet sich als „Pariser Café mit dem Geschmack Italiens“ – alles, was ich liebe. Und gleich daneben ist ein Kino, in das ich oft gehe. Durch den amerikanischen Film noir habe ich den Roman noir entdeckt, das Kino beeinflusst mein Schreiben, ich liebe das Kino. Ich wünsche dem Café Corso, wo ich mich mit Freunden treffe um zu plaudern und über die Filme zu sprechen, die wir uns gerade gegönnt haben, noch viele Jahre.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
DM: In meiner Wohnung.

 

BIO

Geboren 1942 in Paris. Unterrichtete Geschichte zuerst im Gymnasium, später an den Universitäten Vincennes und Paris VIII. Seit ihrer Jugend politisch engagiert, zuerst für die Unabhängigkeit Algeriens, später, in den Sechziger- und Siebzigerjahren, in verschiedenen Bewegungen und Gewerkschaften, später schließlich Romanautorin. Debüt 1995 mit Sombre Sentier (Hartes Pflaster,2004). Sie hat 13 Romane geschrieben, die alle auf Deutsch und teilweise auf Italienisch, Englisch, Spanisch, Katalanisch, Türkisch, Griechisch, Rumänisch und Russisch übersetzt wurden.

Website: dominiquemanotti.com

Reinhard Junge | Café Ferdinand, Bochum

Foto: Alain Barbero | Text: Reinhard Junge

 

Meinen ersten Krimi fand Brunhilde noch gut. Ein schreibender Gatte – damit konnte sie richtig angeben. So hatte sie mir beim Start sogar eine ihrer schönsten Metaphern geschenkt.
Als ich ihr stolz das zweite Buch überreichte (extra in rosa Papier gehüllt), warf sie es ungeöffnet in die blaue Tonne. „Aber jetzt lassen wir die alberne Schreiberei, gelt? Oder …“
„Oder was?“
„Du wirst Hausmann. Da kannst du jeden Abend ein Stündchen tippen!“
Prima, dachte ich. Doch: Werch ein Illtum! Vier Mahlzeiten täglich für vier Personen, Taxidienste zu Kita, Grundschule, Kinderarzt und Bioladen, die Wäsche, Fenster- und Flurputzen, die Steuererklärung, die Blumen auf dem Friedhof, Friedenseinsätze am Sandkasten, wo unser Heiko gerne die Nachbarskinder terrorisierte …
Meine Gattin, Lehrerin für Musik und Kunst, blühte indes auf. Endlich Mittagsschlaf! Und zweimal pro Woche mit Freundin Thea ins Café Ferdinand, während ich auch noch Theas Blagen am Hals hatte. Tippen? Abends fiel ich nach fünf Zeilen sitzend ins Koma.
„Schatz“, säuselte Brunhilde eines Mittags, als ich gerade die Bestecke reinigte. „Nächste Woche ist Pfingsten. Fünf freie Tage! Ich fliege mit Thea nach Rom. Jasmina geht zu Opa und Heiko bleibt bei dir. Okay?“
„Wieso kann Heiko nicht ebenfalls zu Opa?“
„Der wird doch auch nicht mit ihm fertig!“
Danke, dachte ich und fragte: „Und mein Exposé?“
„Süßer! Dieser Quatsch kann doch warten!“
Welch ein Zufall, dass da gerade das Fleischmesser lag …

In meinem neuen Quartier kann ich in Ruhe schreiben. Bye, bye Brunhilde heißt das Buch. Und wenn die 12 Jahre um sind, gehe ich auch mal ins Ferdinand.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Reinhard Junge: Alles! Unterhalten, langweilen, bilden, empören, Kriege verherrlichen, zu Revolutionen aufrufen oder zum Völkermord, Regierungen ärgern oder feiern, Unrecht anklagen oder rechtfertigen. Eigentlich kann sie alles. Vorausgesetzt, die Autorinnen und Autoren finden einen Verlag, der bereit ist, ihre Werke auch zu drucken. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RJ: Ich liebe Cafés. Ein gutes Café ist für mich die goldene Mitte zwischen Restaurants, in denen schon das Lächeln des Kellners 50 € kostet, und einer Säuferkneipe, in der man allem Elend dieser ungerechten Welt begegnet. Für mich können sie Orte der Ruhe, zum Nachdenken, zum Träumen, zum Schreiben und zur Pflege von  Freundschaften sein.  

Wo fühlst du dich zu Hause?
RJ: Überall, wo es viel Sonne, freien Blick auf das blaue Meer, einen weißen Strand und einen guten Kaffee gibt.

 

BIO

* 1946 in Dortmund. 1966 Abitur. Bundeswehr, Studium in Bochum. Nach dem Referendariat 1978 als DKP-Mitglied zunächst  Berufsverbot. Proteste aus dem In- und Ausland (u.a. CGT). 1979-2012 Lehrer an einem Gymnasium. 6 weitere Jahre Deutsch für ausländische Kinder. – 12 Kriminalromane (z. T. mit Leo P. Ard und Christiane Bogenstahl), 4 Dokus über Neonazis. – 3 Kinder, 1 Enkel, kein Haus, kein Hund. Fan aller Teams, die Bayern München besiegen.

Elsa Flageul | Bistro Chantefable, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Elsa Flageul | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Unmöglich, in Cafés zu schreiben.
Unter Menschen zu schreiben. Mit der Musik zu schreiben, mit dem Radio, mit meinen Kindern. Unmöglich die Worte und Menschen zu verquirlen, die Worte und die Gespräche, das Geräusch der Kaffeemaschine, die herausgeputzte Bedienung, die Mamas ad libitum, die kleinen Kümmernisse, die zu trösten sind. Das Leben auf der einen Seite, die Worte auf der anderen. Und dabei müssen die Worte am Leben saugen, es greifen, es erwarten; sie müssen an der Straßenecke lauern, so mit einem Hauch von bösem Jungen, von bösem Mädchen: gib mir alles was du hast, los, erzähl mir alles was du weißt, was du sonst niemandem sagst, vor allem das, was du niemandem sagst, ey verdammt, worauf wartest du noch. Worte wie losgelassene Hunde. Die täglich Nahrung brauchen, vernebelte und vom Leben gebeutelte Morgen, fiebrige Abende und Körper, die sich finden, Entzücken und Gewitterstürme, die angeschwemmte Zeit auf dem Gesicht, auf der Brust, auf dem Herzen.
Die tägliche Nahrung.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Elsa Flageul: Die gemütliche Einsamkeit des Lesens, und die nicht immer gemütliche, aber stets geliebte Einsamkeit des Schreibens.

Was bedeuten dir Cafés?
EF: Orte der Wärme, der Freude und der verlorenen Zeit.

Warum hast du das Bistro Chantefable ausgewählt?
EF: Weil ich die Pariser Brasserien liebe, die ich vielleicht wegen der Filme von Claude Sautet bevorzuge, und das Le Chantefable ist, außer eine typische Brasserie zu sein und in der Nähe meiner Wohnung zu liegen, voller Menschen, die so warmherzig wie der Ort selbst sind.

Was machst du, wenn du nicht in Cafés bist?
EF: Ich schreibe, ich kümmere mich um meine Kinder, ich lebe.

 

BIO

Elsa Flageul ist Schriftstellerin und lebt in Paris, wo sie auch geboren wurde. Sie hat sechs Romane im Julliard Verlag, danach im Mialet-Barrault Verlag veröffentlicht. Ihr letzter Roman „Hôtel du bord des larmes“ ist im März 2021 erschienen. Zur Zeit arbeitet sie an ihrem nächsten Roman.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Assaf Alassaf, Eckkneipe, Berlin

Assaf Alassaf | Eckkneipe, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Assaf Alassaf | Freie Übersetzung: Rim George Hachicho & Daniela Gerlach

 

Und die Ampel ist rot (der Halt) 

Ich stehe an der Verkehrsampel, warte zusammen mit den anderen, um die Seite zu wechseln, jene betrachtend, die mich in ihrem Warten umgeben: die junge Frau, die Griffe ihres Trolleys haltend, im Gespräch mit ihrer Freundin, der junge Mann mit orientalischen Gesichtszügen, der damit beschäftigt ist, auf sein Telefon zu schauen und seine Augen von Zeit zu Zeit auf die Ampel richtet, der große schlanke Mann in seinem eleganten Anzug, mit seiner schwarzen Ledertasche, der mit einer Handbewegung seine Armbanduhr unter dem Hemdsärmel hervorzieht, vier oder fünf Jugendliche mit ihren lauten Stimmen und ihrem Gelächter; wir teilen uns das gleiche Warten ohne uns über die vergehende Zeit zu beklagen.
Ich erinnere mich an die erste Zeit nach meiner Ankunft hier. Ich überquerte die Straße, das Rot ignorierend; aus keinem anderen Grund als dem der Weigerung, zu diesem Ort zu gehören, verstieß ich gegen seine unzähligen Regeln.
Das Überqueren der Straße war ein kleiner Test für das Ungleichgewicht in der Beziehung zwischen mir als Individuum und der Gemeinschaft, in der ich lebe, zwischen dem freien Willen und der Unterordnung unter das Gesetz der Gemeinschaft. In diesem Moment des Aufbegehrens wurde ein kleiner skandalöser Akt, wie die Straße zu überqueren und dabei die Ampel zu missachten oder achtlos eine Zigarettenkippe auf den Boden zu werfen, unbewusst zu einem Akt des Widerstandes gegen das wachsende Gefühl des Identitätsverlustes und gegen das Zerrinnen der eigenen Seele, sodass die Identifikation mit den anderen und der Umwelt erschwert, zu einem Stachel, wurde, der in die verwundete Identität stach und dieses verdammte Ungleichgewicht noch vertiefte.

Die Ampel hat uns noch keine Erlaubnis gegeben!

Ich erinnere mich an eine andere Art von Aufbegehren, die ich in einem seichten Film gesehen habe, der die Geschichte eines bösen Prinzen erzählt, der mit Gewalt und Zwang bekam, was er wollte: Geld und Macht, Frauen und Kinder. Aber in dem Moment, als er eine Frau wirklich liebt, identifiziert er sich mit der allgemeinen menschlichen Natur und wünscht sich, so wie die anderen zu sein, also jemand, der sich den Normen der Gemeinschaft unterwirft; und so bittet er die Frau um ihre Einwilligung, ihn zu heiraten und ihre Kinder zu legitimieren, was dann sein Freibrief auf dem Weg hin zur Zugehörigkeit zur Gruppe, zur Nation und zum Volk, ihren Bräuchen und ihren Gesetzen wäre.
Auf dem Höhepunkt des Films, als die Frau versucht, dem Prinzen zu entkommen, nähert sich ihr seine Mutter, eine Hexe, berührt deren Lende mit ihren Fingern und sagt zu ihrem Sohn: Nimm sie jetzt gegen ihren Willen. Sie hat ihren Eisprung und ist mehr als an jedem anderen Tag fruchtbar und bereit für die Schwangerschaft.

Die Ampel ist immer noch rot!

Mich hat immer die Fähigkeit einiger Menschen erstaunt, die Natur und die Lebewesen, ihre Tagesabläufe, ihr Verhalten und ihre Handlungen sowie ihre kleinen, kaum wahrnehmbaren Veränderungen detailliert zu beobachten, als ob sie ganz auf den verborgenen Rhythmus des Lebens lauschten; und sie gestalten aus ihren Lauten und ihrem Schweigen und dem kosmischen Wissen heraus etwas, womit sie die Welt, die Leute und ein Stück Zukunft lesen, fernab der Pseudowissenschaft, des okkulten Wissens „al-mandab“ und der Alchemie. 

Meine deutsche Freundin liest Wolken und Winde und weiß, ob jene ferne Wolke Regen bringen wird oder nicht, wann sie kommt und wie lange es regnen wird, ganz ohne GPS oder Google-Wetter! Dieses Wissen hat sie aus ihren langen Beobachtungen von Wolken und Regen in ihrer kleinen Stadt gewonnen.
Meine Freundin sagt über ihren Vater: Er hat ein Auge, „das sich nicht täuscht“. Es bestimmt das Geschlecht des Fötus im Mutterleib, noch bevor es ein Arzt und ein Ultraschallgerät bestätigen.
In meinem Dorf Muhassan gab es Anfang des letzten Jahrhunderts einen kultivierten Mann, einen Führer, der Deir ez-Zor und die ganze syrische Wüste kannte; es genügte, ihm die Farbe des Erdbodens und die Form ihrer Bäume und Felsen zu beschreiben, um zu wissen, um welche Gegend es sich handelte. Er las die Sterne und Windrichtungen während der Jahreszeiten, um die Hirten zu ihren abgelegenen Weiden zu führen, um die Spur von verloren gegangenen Menschen und Vieh zu finden und sie zu ihren Familien zurückzubringen. Er starb in den frühen fünfziger Jahren, und dieses Jahr wurde nach ihm benannt (das Jahr des Ali Kusa)
Nach seinem Tod gab es niemanden mehr wie ihn. 

Es tritt ein kurzes Schweigen ein, die beiden Freundinnen hören auf zu reden und blicken gemeinsam zur Ampel, der elegante Herr sieht alle zwei Sekunden auf seine Uhr, der Mann mit den orientalischen Zügen lässt seine Hand mit dem Telefon sinken, und auch die Jugendlichen sind verstummt und haben ihre Hände aus den Jackentaschen genommen, des Lärms und des Wartens überdrüssig geworden. 

Ich nähere mich dem Bordstein und meine Füße nehmen schon den Farbwechsel der Ampel vorweg, endlich bewege ich mich fort zwischen den Passanten, die wieder in ihr Stimmengewirr verfallen, und ich erinnere mich, mitten auf der Straße, dass ich – als ich Kind war – einem dieser Wahrsager begegnete, der mir etwas prophezeite, was mir damals nicht gefiel. An jenem Tag nahm ich mir vor, hart daran zu arbeiten, dass seine Prophezeiung sich nicht erfüllt. Ich habe mit diesem Unterfangen über Jahre Erfolg gehabt, aber je weiter ich auf dem guten Weg voranschritt und ohne es zu beabsichtigen, habe ich auch andere Menschen enttäuscht, besonders andere Frauen.

 

Original (Arabisch)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Assaf Alassaf: Die unilaterale Literatur war schon immer ein Mittel, dieser Welt um mich herum einen Sinn zu geben. Sie ist wie ein kleines Werkzeug, das sich in die komplexen und überlagerten Schichten des Lebens gräbt, um sie  zum Zweck der Betrachtung, Analyse, des Dialogs und des Verständnisses in Form von Fragen und Ideen an die Oberfläche zu holen; und zum anderen, um der heutigen Komplexität unseres Lebens und seines Drucks gegen einen scheinbar sicheren Raum – wo aber letztendlich die ganze Gefahr liegt – zu entfliehen. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AA: Um die Wahrheit zu sagen, ich habe eine kindliche und verträumte Vorstellung vom Café als alternativem Ort zum Zuhause und für eine kurze Zeit des Tages. Ein Ort, der es dem Individuum erlaubt, eine kleine Ecke zu finden, in der es sich nach Belieben einrichtet, wo es entdeckt, was es will und tut, was es will. Nach zahlreichen Erfahrungen und Besuchen in Cafés verschiedener Länder, scheint mir ein Gedanke die Zunge herauszustrecken und zeigt mir und meiner Wahrnehmung seinen ganzen Sarkasmus: Ihr geht hier an einen Ort, der nur von Vorübergehenden frequentiert wird.

Warum hast du das Eckkneipe-Café ausgewählt?
AA: Wenn die Corona-Pandemie die Welt geschlossen hat und uns in die Häuser ein-, mitsamt sozialer Distanz und Zoom-Meetings, dann hat sie leider und unglücklicherweise auch das Café in Kreuzberg geschlossen, in das ich früher gegangen bin. Also bin ich auf die nächstgelegene Alternative in meiner Umgebung ausgewichen – das war das Café Eckkneipe.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
AA: Ich habe viele Aufgaben und viel Verantwortung, die an mein Leben geknüpft sind: für meine Arbeit, die Familie und all die, die gerade in meinem Alltag wichtig sind. Und ich gehe dreimal pro Woche zum Volleyballspielen, das einen vorrangigen Platz in meiner Terminliste einnimmt.

 

BIO

Assaf Alassaf, geboren 1976 im syrischen Deir ez-Zor, studierte Zahnmedizin in Damaskus. Er arbeitete hauptberuflich als Zahnarzt und nebenbei als Journalist. Seit 2007 hat er zahlreiche Artikel in arabischen Tageszeitungen wie Al Hayat und Al Mustakbal veröffentlicht. 2013 zog er von Damaskus nach Nouakchott in Mauretanien, wo er als Zahnarzt tätig war, und 2014 nach Beirut, wo er in einem medizinischen Zentrum für syrische Flüchtlinge arbeitete. Heute wohnt er in Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Auf Facebook schreibt Assaf Alassaf seit 2013 literarische Anekdoten über die Revolution und den Krieg in seiner Heimat, über seine Reise nach Mauretanien, sein Leben im Libanon und die Zahnarztpraxis. Posts und Geschichten über „Abu Jürgen“, den deutschen Botschafter, entstanden in der Zeit zwischen November 2014 und Februar 2015 und wurden 2015 in der Übersetzung von Sandra Hetzl unter dem Titel „Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter“ (Roman) im verlag mikrotext veröffentlicht. Anfang Januar 2016 erhielt er ein Stipendium für einen Gastaufenthalt im Literarischen Colloquium Berlin, von Mai bis Juli 2016 war er Stipendiat auf Schloss Solitude.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Barbara Peveling, Café la Coopérative, Café, Paris

Barbara Peveling | Café la Coopérative, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Barbara Peveling

 

stein sein

wenn ich sagen könnte,
steine wandern in der nacht
& wer ihren weg weist
hat einen wunsch frei.

was für eine vergeudung
an erdoberfläche wo
nebelwände schwebend blühen,
aller anziehungskraft zum trotz.

in dieser verschwommenen perspektive
erkenne ich ein leben,
das nicht mir gehört.

wolken ziehen vorüber
ich winke, es wird
ein langer abschied.

die steinzeit ist
die längste
periode unserer geschichte.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich? 
Barbara Peveling: Literatur ist die Luft, die mein Gehirn zum Atmen braucht.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BP: Cafés sind eine gute Sache. In Cafés kann man schreiben, lesen, Leute treffen und leckere Sachen verzehren, das Beste: man muss nicht aufräumen.

Warum hast du Café La Coopérative ausgewählt?
BP: La Coopérative steht für mich für die Vereinbarkeit von Literatur und kreativer Elternschaft. Hier gehen mein Partner und ich hin, wenn wir unsere Kinder in dem wunderbaren Musée en Herbe für einen Besuch oder ein Atelier abgegeben haben. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BP: Muttersein und Schreibe

 

BIO

Dr. Barbara Peveling, Autorin und Anthropologin. Ihr Roman „Wir Glückpilze“ erschien 2009 im Verlag Nagel und Kimche, der Roman „Rachid Rebellion“ 2017 im Goldegg Verlag. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien. Zusammen mit Nikola Richter gab sie 2021 die Anthologie „Kinderkriegen“ in der Edition Nautilus heraus. Barbara Peveling ist Redaktionsmitglied des Blogs otherwriters.de und des Podcast Medusa spricht.

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Johanna Hansen | Petit Rouge, Düsseldorf

Foto: Alain Barbero | Text: Johanna Hansen

 

Schönheitspflaster an diesem Abend
sind ein Dutzend Austern.

Dabei glaubt sie, entweder zu gefallen
oder parfümiert unter den Armen die Zügel zu halten
von Behauptungen, durch die kein Weg führt,
der länger ist als eine Erwähnung.

Um den Hals das Perlencollier.
Das muss der Neid ihr lassen.

Sie hat schlanke Beine an ihrem Platz,
die jedes Mal ankommen.
Klappert mit Absätzen, Blockabsatz
an Stiefeln, an Tischbeinen,
unter Kronleuchtern.

Ihr gegenüber gibt er den Schnellkurs im Schulterzucken,
zieht einen Vorsprung aus dem Nichts,
will alles im Griff haben, während sie versucht,
mit den Augen zu atmen,
ohne den Überblick zu verlieren.

Sie servierte gern Sommer auf weißem Porzellan.
Den ganzen Sommer.

Was so ein Wunsch ist: nichts soll verloren gehen.
Nicht das Abendetui.
Auch nicht vertrautes Kopfschütteln.
Wie es sich anfühlt, dabei ertappt zu werden,
wenn das Herz in den Mund schwappt.

Mit geübtem Blick bringt sie im Spiegel hinter der Bar
ihre Zunge auf Hochglanz.

Da passt sie wie eine zweite Haut.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Johanna Hansen: Eine freie Fläche fürs Flanieren der Gedanken. In jeder Lebenslage. Ganz besonders bei Schlaflosigkeit. Ratlosigkeit. Auch Trost und Erkenntnisgewinn. Muße. Vor allem aber: Herzraum. Mundraum. Luftraum.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JH: Sie spielen keine große Rolle mehr für mich, seitdem die Kaffeehauskultur, in der ich aufwuchs, um mich mit Freunden über alles und nichts auszutauschen, an so vielen Stellen und nicht nur in meiner Stadt verschwunden ist zugunsten von Coffee to Go Ketten.

Warum hast du Petit Rouge ausgewählt?
JH: Das Petit Rouge war die ideale Verbindung von Kaffee, Kuchen und Bistroküche, Chansons und origineller Malerei. Ein feiner, intimer Raum direkt um die Ecke, den ich gern aufsuchte, wenn ich Lust auf einen kurzfristigen Tapetenwechsel oder ein zwangloses Treffen zwischendurch hatte. Leider hat dieses kleine ungewöhnliche Café den Lockdown nicht überlebt. Das bedauere ich sehr.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
JH: Tagsüber verbringe ich Zeit im Atelier, male oder schreibe, in den Pausen erhole ich mich bei Spaziergängen am Rheinufer, lese, abends schaue ich fern und ins Facebook und tauche immer mal wieder mit Kopfhörern bei youtube vor allem ins Musik-und Literaturprogramm ab. Außerdem organisiere ich meine Arbeit und kümmere mich um die Alltagsdinge. Ab und zu lade ich Freunde nachhause ein. Kurzausflüge zu Lesungen, Ausstellungen und anderen Kulturveranstaltungen kommen auch vor und bringen weitere Farben in mein Leben.

 


BIO

Kindheit am Niederrhein. Studium der Germanistik und Philosophie in Bonn. 1. und 2. Staatsexamen. Zunächst Journalistin und Lehrerin. 1991 Beginn der künstlerischen Tätigkeit.
Autorin und Malerin. Seit 1993 zahlreiche Ausstellungen, seit 2008 literarische Veröffentlichungen. Zuletzt: „Zugluft der Stille“, Edition offenes Feld 2020, 2019 Postpoetry-Preis NRW

Seit 2013 Herausgeberin der Literaturzeitschrift WORTSCHAU.
www.wortschau.com

In Zusammenarbeit mit Musikern, Komponisten und Videokünstlern entstanden Performances, Poesiefilme und spartenübergreifende literarische, musikalische und bildnerische Projekte.

www.johannahansen.de