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Raoul Eisele | Café Weingartner, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Raoul Eisele

 

im Café beschreibst du deine Vorstellung von Liebe, sagst ne m’oublie pas

du erzählst vom Takt der Wählscheibe, vom
Wählton und diesem immer wiederholenden
Auflegen, als du versuchtest den Mut zu finden
anzurufen; es klingelte einmal, zweimal
und du den Hörer wieder auflegtest, du immer
wieder deine Finger auf die Zahlen, diese
kleine Scheibe legtest, sie ans Ende schobst
sie zurückschnellte, es klackerte, es tönte und
dein erneutes Auflegen, Aufheben des Hörers
und wir an der Caféhauswand Telefon lasen, wir
die Tür zu einer anderen Zeit, zu einer anderen
Welt öffneten, den Hörer ans Ohr gelegt, den
Hörer hielten, der uns keine Geschichten mehr
erzählt, er ist stumm, kein Ton, kein Anschluss
am Ende der Leitung, keine Stimme, kein
Wort ihrer Schönheit, die man sich an manchen
Tagen, die man sich manchmal wünschte;
wie gerne würde man sie hören, diese
erste Liebe, dieses erstmalige Verliebtsein und
dieses Kribbeln im Bauch, dieses Krabbeln der
Schmetterlinge, sagst papillon, sagst
coup de foudre und ich denke an meine
erste Liebe, die bleibt einem im Herzen
stecken, bleibt als Knötchen zurück oder
der erste Kuss, dieses fast kindliche Lippe an
Lippen ohne je darüber nachgedacht zu haben
und man später nach einem gemeinsamen Kaffee
nach einem Bier fragt, wenn die Hemmschwelle
gesunken, die Nervosität etwas in den
Hintergrund gerückt und dem in die Augen
schauen, kein hastiges Wegzucken folgt, kein
Suchen an Wänden, an Böden des Cafés
wenn sich die Füße unter dem Tisch berühren
und man dieses Bauchgefühl wiedererlangt, dieses
Lächeln, Zucken der Finger an der Wählscheibe
als man versuchte den Mut zu finden, ihr zu sagen
dass man sie mag, dass man sich gerne mit ihr träfe
den Hörer wieder auflegte, den Hörer viel zu oft
in der Hand, ohne je und je etwas zu sagen, zu sagen: man sei verliebt

 


Kurzinterview mit dem Autor

 

Was bedeutet Literatur für dich?
Raoul Eisele: Literatur ist Sprache und Sprache ist alles, was der Mensch je wusste und erlebte. Somit ist alles Geschriebene ein notwendiger Teil des menschlichen (Über)Lebens – ohne diesen hätten wir nichts, woran wir uns orientieren, woran wir festmachen könnten, was, wo und wann geschah, wüssten nichts über unsere Vergangenheit, über uns selbst. Es sind Geschichten, Gedichte und Schriften, die wir heranziehen, um eine vergangene Welt nachzuempfinden, um Gefühlen Ausdruck zu geben, sie erneut zu durchleben und aus ihnen zu lernen. Literatur ist somit ein Ausleben und Ausprobieren, ein Aufzeigen und Aufmerksammachen auf Missstände, sowie ein Erforschen des eigenen Innenraums, um sich und seine Umwelt besser zu verstehen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RE: Kaffeehäuser waren für mich lange Raum der Entfaltung, der Ruhe und des gleichzeitigen Umtriebs, einem Flanieren gleichend, Menschen Kommen und Gehen sehen, sich Auszutauschen. Mittlerweile haben Kaffeehäuser für mich etwas an Raum verloren – heute sind sie mir viel seltener Arbeitsplatz oder Inspirationsraum.

Warum hast du das Café Weingartner ausgewählt?
RE: Es war eines der ersten Kaffeehäuser, die ich noch vor meiner Wien-Zeit kennenlernte – es war also irgendwo der Anfang meiner Kaffeehaus-Liebe.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RE: Allerlei Aktivitäten mit Menschen, die mir wichtig sind, aber auch viel ganz für mich allein wie Lesen, Schreiben, die Arbeit am Theater, sofern dies denn gerade möglich ist.

 

BIO

Raoul Eisele, geboren 1991, wohnhaft in Wien, studierte Germanistik und Komparatistik. 2017 debütierte er mit seinem Lyrikband „morgen glätten wir träume“, Graz: Edition Yara. 2021 erscheint sein Lyrikband „einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“, Berlin: Schiler&Mücke.
2019 wurde er mehrfach preislich ausgezeichnet und erhielt 2020 das Startstipendium für Literatur der Stadt Wien, sowie eine Residency im Salzburger Künstlerhaus. Im Herbst 2021 ist er Stadtschreiber in Stuttgart. Seit 2020 ist er, neben Martin Peichl, Mitbegründer der Lesereihe „Mondmeer & Marguérite“.

 

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Juliane Sophie Kayser | Café Rossi, Heidelberg

Foto: Alain Barbero | Text: Juliane Sophie Kayser

 

Fernweh

Ich schreibe deinen Namen in die Luft
Natürlich in kyrillischen Zeichen.
Dann falte ich mir
die Weltkarte
zu einem
Origami
und
lasse, die drei Länder,
die zwischen uns liegen
einfach in einem Knick verschwinden.
So nähe ich
deine Landesgrenze
an meine.
Dann klaue ich dir
ein paar Karpaten
und setze sie mir
mitten
vor das Brandenburger Tor.
Zum Trost all dessen,
was nicht sein darf.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Juliane Sophie Kayser: Schreiben ist für mich ein bisschen wie Fliegen. Die Schwerkraft verliert ihre Macht über mich. Alles Äußere, Fremde fällt von mir ab und allein das Innere übernimmt Regie. Lesen: Die Welt vergessen dürfen einen Moment.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JSK: Zusammen ist man weniger allein, genauer anders allein. In der anregenden Stimmen – und Bildkulisse kann ich meine Gedanken wachsen hören.
Und ich beobachte gnadenlos gerne Menschen. Die Schwingungen zwischen ihnen und die Blockaden wie z.B. das Staccato ihrer Kommunikation: alles Stoff.

Warum hast du das Café Rossi ausgewählt?
JSK: Das Rossi liebe ich für sein Großstadtflair.
Und weil es  genügend Platz hat. Ich brauche immer Platz. Platz im Raum. Platz im Kopf. Wenn ich an meine Lieblingscafés denke in Wien, Warschau, Berlin, Venedig – so ist das Rossi mein Fernweh-Ort.

 


BIO

Deutsch-amerikanischer Tagträumer, Nachtschwärmer, Dichter, Künstlerbotschafter bei IJM *, Schriftsteller, Wortweltenfinder, Ehepartner, Mutter von 3 Kindern und 4 Büchern. (Wenn Else Lasker-Schüler sich Prinz von Theben nennen kann, kann ich mich auch Schriftsteller nennen, wenn meine männliche Seite gerade am Steuer sitzt.)
www.julianekayser.d * www.ijm-deutschland.de

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Daniela Gerlach | Café Strickmann, Dortmund

Foto: Alain Barbero | Text: Daniela Gerlach

 

Papierweiß auf dem Glastisch, immer noch der grüne Untergrund. Tief grün so wie die Vergangenheit riecht, urgründlich. Frau W. stellt eine Tasse Kaffee darauf. Ein kurzer Blick, darin das Wissen der letzten 30 Jahre an diesem Ort. Erkennt sie mich?
Sie weiß etwas von mir, von dem ich nichts weiß.
Papierweiß. Ich schreibe nicht. Sie sieht auch das.
Der Kuchen in diesem Café tröstet über das Erfahrene und Überstandene hinweg, über das schlimme und schöne Erlebte, das Verlorene, in der Erinnerung aufbewahrt. Hier ist alles Sehnsucht. Ich frage überflüssigerweise: Wonach nur? In mir verborgen, jederzeit aus dem grünen Urgrund der Tische zu holen.
Ein Moment. Ein Ort, wo ich. Bin.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Daniela Gerlach: Sie ist von existentieller Bedeutung, eine Notwendigkeit. Ohne Literatur ist der Mensch nur ein halber. Und ich natürlich auch. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DG: Sie spiegeln das Spezifische eines Ortes, z.B. einer Stadt, wider. Darin tauche ich gerne ein. Es ist wie durch eine Wand zu gehen und dahinter zu schauen. Ich kann auf einmal mittendrin sein, meine Schlüsse ziehen oder überlegen, wie ich mich fühle.

Warum hast du das Café Strickmann ausgewählt?
DG: Weil ich zur Melancholie neige und sentimental bin. Das Strickmann erinnert an die Kaffeehaus-Kultur von einst, an etwas, von dem ich glaube, dass es verloren geht, das ist schmerzlich. Hier wird etwas Altes bewahrt und in unsere Zeit gereicht. Ein Geschenk. Außerdem ist der Kuchen gut und die Bedienung sehr freundlich.
Ich war schon als Kind hier. Diese Verbindung von der kleinen Daniela zu der Frau, die ich jetzt bin, das lässt mich sentimental werden.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
DG: Ich schau mich draußen um und hetze manchmal durchs Leben.

 

BIO

Daniela Gerlach wurde in Dortmund geboren. Lebt seit 1997 in Spanien, wo sie den Kultur-Salon la ñ betreibt. Pendelt zwischen Spanien und Ruhrgebiet. Verbandelt mit dem LiteraturRaumDortmundRuhr.
„Revierkönige“ (Roman); „Was das Meer nicht will“ (Roman, Stories&Friends).

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René Freund | Café Feichtner, Grünau im Almtal

Foto: Alain Barbero | Text: René Freund

 

Wir kommen auf die Welt und damit beginnt das Warten. Wir warten zuerst darauf, dass wir abgenabelt werden, dann auf den ersten Schluck Muttermilch, dann darauf, dass wir endlich alleine gehen können. Danach warten wir auf die Schule. Nach zwei Tagen Schule warten wir darauf, dass die Schulzeit endlich und für immer vorbei ist. Zwischenzeitlich warten wir auf den ersten Kuss. Immer warten wir auf schöneres Wetter. Wir warten auf den Zug, auf den Rauchfangkehrer und im Zahnarztwartezimmer. Wir warten hoffnungsfroh auf bessere Zeiten, und wir warten bange auf das Ende der besseren Zeiten. Wir warten auf höheren Lohn, auf die Lottomillion, auf die Pension und auf den Tatort am Sonntag. Wir warten nächtelang, dass der Schlaf kommt. Wir warten auf die Pizza, auf das Bier und letztendlich warten wir auf den Tod. Naja, auf den Tod warten wir vielleicht nicht, aber er erwartet uns.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
René Freund: Ein Lebensmittel!

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RF: Der beste Ort, um in Gesellschaft allein zu sein.

Warum hast du das Café Feichtner ausgewählt?
RF: Das ist bei mir ums Eck, die Leute sind nett und der Kaffee ist wunderbar.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RF: Tee trinken.

 

BIO

René Freund wurde am Valentinstag des Jahres 1967 in Wien geboren. Sein Taufpate, der Dramatiker Fritz Hochwälder, gab in der offiziellen Urkunde als seine Konfession „Schriftsteller“ an. Das muss irgendwie auf ihn abgefärbt haben. Er lebt seit 25 Jahren im oberösterreichischen Almtal und schreibt. Eine Übersicht über seine Bücher und Theaterstücke findet ihr auf seiner Webseite: http://www.renefreund.net/

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Ron Winkler | Ocelot, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Ron Winkler

 

Erratum

Ich muss das noch mal sagen: Die Füllmenge muss ein Roman sein, wenn nicht ein Gedicht. Deswegen hab ich all die Kommas bei mir, diese Regentropfen der Grammatik. Eine Tram fährt vor fürs Militär. Brauchst du einen Beleg dafür? Eine Tüte oder eine Geste, die das Überleben überlebt? Voller Sätze, die etwas unterhalb von hundert Grad durch die Tankmaschine müssen. Alle, die hereinkommen, blättern etwas um, fragen sich nach einem Namen. Ich hatte auch so ein Dynamitfahrrad, wie es vor dem Laden steht, der Handlung, dem Café. Das Fenster zwischen ihm und mir blüht ganztags Menschen ab, während ich in mein Notizbuch flirre (auf der einkommenssteuerabgewandten Seite meines Lebens). Ich muss das noch mal sagen. Die Welt (das Leben) ist das Cover zu diesem Ort (dem Leben). Und das Kaffeemehl sind alle einzelnen Sekunden, die ich hier gewesen, hier geworden bin. Ich stehe im Impressum: als das Material, Bezugsgröße für die durch Blumen geehrte Vase auf dem Tisch. Den es nicht gibt, den Sachverhalt, den fülle ich aus. So lexikalisch, wie ich bin. Mit Totenflecken, glaube ich. Vielleicht auch Koffeinextraktgestirnen im Kraftfeld der Achillesvase. Brennpunkten, zu keinem Text versammelt, zu keiner ozelotischen Geschwindigkeit. Eine Hitze weidet in der Stadt, mindestens zehntausend Seiten stark. Heu mit vielen Buchstaben: Weinbergspark. Eine Minute hier besteht aus zwanzig Bäumen, die ich nicht noch einmal sage. Bäume, die viel vorrätiger erscheinen als ich, viel draußener als ich, viel parkiger als ich. Aber ich kann gut desinfiktionalisieren, mich. Und bekomme trotzdem auf die Lippen: von den Bienenschwärmen aller Bücher. Von den Ganglien. Von den als Wort verpackten neuartigen Momenten. Die etwas vorahmen, ausrahmen, umahnen. Manchmal etwas Dreck einfahren ins Zentrum allen Feinpapiers. Das ziehe von der Steuer ab. Das tilge aus den Kommata. Das wünsche deinen ärgsten Schreibblockaden.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Ron Winkler: Oh.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RW: Sie können mich vor dem eigenen Apartment retten. Im Café erlege ich mir etwas Fremdes auf, andere Energien, Stimmen. Und die spezielle Nötigung durch andere Menschen. Ich kann begegnen oder nicht. Ich kann auf Poesie stellen oder versuchen, mich eine Zeitlang ihrer Mechanismen zu entledigen. Reboots sind essentiell.

Warum hast du das Ocelot ausgewählt?
RW: Wegen der Nähe und der Expertise, wegen Charme und Atmosphäre. Weil hier das Wahre, Schöne und Brillante eine Heimat ist und hat. Weil das Licht gut ist, die Balance zwischen der Ruhe dieses Ortes und all den äußeren Immissionen ausgeglichen. Wegen der Wärme der Familie: Maria, Ludwig, Jane, Eva, Magda, Lia, Alex, Hannah, Julia und Cecilia.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RW: Kind und Schach und Einkaufen und Bücher. Anregung und Unruhe aufstöbern. Gründe überlegen, ins Café zu gehen.

 

BIO

Ron Winkler, 1973 in Jena geboren, schreibt und übersetzt vor allem Gedichte. Herausgeber zahlreicher Lyrikanthologien. Seine Gedichte wurden in über fünfundzwanzig Sprachen übersetzt. In Mexiko, der Ukraine, England und der Slowakei erschienen Auswahlbände.

www.ronwinkler.de

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Regina Appel | Kaffee Alt Wien, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Regina Appel

 

Das Kaffeehaus hat keine Aufgabe. Es muss nicht glänzen. Es drängt sich nicht auf. Es will einem nichts andrehen. Das Kaffeehaus ist eine Institution. Das ist sein Erfolgsrezept. Voller Demut betritt man es und hofft von ihm geduldet zu werden.

Es ist ein Raum, der einem immer offensteht. Den man glaubt bespielen zu können. Doch eher bestimmt und formt er uns.

In einem Stammcafé hat Zeit keine Bedeutung. Die Jahre vergehen, die Gäste bestehen. Das gute Kaffeehaus ändert sich nicht. Und doch ist kein Besuch gleich.

Es gibt zwei Arten von KaffeehausgängerInnen. Jene, deren Wohnzimmer leer sind und jene, auf die jemand wartet. Im Kaffeehaus sind sie alle gleich. Denn dort gilt das Gesetz der stillen Grenzen. Man schreit nicht einfach „Hey“ über die Tische. Man braucht einen Grund, um jemanden anzusprechen. Das macht sie aus, die Gemütlichkeit.

Das Kaffeehaus hält unsere Gedanken fest. Wir hängen sie an Kleiderständer, kleben sie unter Bierdeckel, verreiben sie auf Glastischen. Und beim nächsten Besuch sind sie wieder da, erwarten uns. Manche Gedanken verstecke ich besonders gut. Auf der Innenseite der Bar oder unter einem Stapel Speisekarten. Und andere schmeiße ich auf den Boden, warte, dass jemand darauf tritt und sie hinausträgt in die Stadt.

Jeder Mensch hat sein Kaffeehaus. Eines, das ihm am besten passt. Wie ein guter Schuh. Man muss ihn erst eingehen. Am Anfang drückt er, irgendwann passt er und dann will man ihn gar nicht mehr ausziehen. Er wird nicht kaputt. Man wächst nicht heraus. Oder etwa doch?

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Regina Appel: Literatur bietet mehr Erkenntnis als Information.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RA: Die Möglichkeit die Anonymität in der Stadt zu reduzieren und sich in einem Sozialgefüge aufgehoben zu fühlen.

Warum hast du Kaffee Alt Wien ausgewählt?
RA: Das Alt Wien ist seit über zehn Jahren mein Stammlokal. Früher habe ich hier gelernt, dann gearbeitet. Jetzt komme ich zum Schreiben her.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RA: Relativ viel. So viel Zeit verbringe ich nicht im Kaffeehaus.

 

BIO

Regina Appel wurde 1987 im nördlichen Waldviertel geboren und lebt in Wien. Studium der Medieninformatik an der TU Wien. Arbeitet als Webentwicklerin. Sie schreibt seit 2018 kurze Geschichten. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und diversen Anthologien. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman.

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Bastian Schneider | Chante Cocotte, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Bastian Schneider

 

Glanzstück

Im Café saß ein Mann. Aus seinem linken Nasenloch ragte ein kleines Haar. Die Haarspitze glänzte in der Sonne. Die Sonne schien durch das Fenster. Am Fenster saß eine junge Frau und biß in ein Schnittlauchbrot. Der Schnittlauch leuchtete grün. Auf ihrem rechten Handgelenk hatte die Frau einen aufgespannten Regenschirm tätowiert. Die Regenschirmspitze zeigte auf den Mann. Der Mann putzte sich die Nase. Das Nasenhaar glänzte.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Bastian Schneider: Literatur ist für mich Lust an der Sprache, eine große Weltwahrnehmungsmaschine und manchmal auch einfach wunderbar geeignet, sich zu zerstreuen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
BS: Ich gehe seit über 20 Jahren regelmäßig in Cafés, zum Freunde treffen, Leute beobachten und zum Arbeiten. Kaffeehäuser sind mich eine Art erweitertes Wohn- und Arbeitszimmer.

Warum hast du Chante Cocotte ausgewählt?
BS: Der Kaffee ist gut, die Tische sind super fürs Schreiben, die unverputzten Backsteinwände strahlen Wärme aus und weil das Café nicht so groß ist, hat man dort auch seine Ruhe. Außerdem mag ich die kleine Terrasse im Hinterhof.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
BS: Dann sehne ich mich danach, im Kaffeehaus zu sein!

 


BIO

Bastian Schneider studierte deutsche und französische Literatur in Marburg und Paris sowie Sprachkunst in Wien. Zuletzt erschienen von ihm die Kurzprosabände „Die Schrift, die Mitte, der Trost“ (2018) und „Paris im Titel“ (2020) im Wiener Sonderzahl Verlag. Er lebt in Köln und Wien.

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Daniel Wisser | Café Wortner, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Daniel Wisser

 

Salzstangerl

Zu der Zeit, als es noch keine Salzstangerl ohne Salz gab, entfernte der Volksschullehrer Winter, der die 1. und 2. Klasse unterrichtete, jenen Schülerinnen, die danach verlangten, in der großen Pause das Salz durch Reiben des Salzstangerls an der Türklinke des Turnsaals. Eines Tages fragte er dabei eine Schülerin, die ein blaues Auge hatte, wobei sie sich verletzt habe. Das sei in der Religionsstunde passiert, antwortete die Schülerin, nahm ihr Salzstangerl und rannte davon. Der Lehrer Winter beschloss, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen. Er erzählte der Direktorin Hackl, ihm sei schon mehrmals berichtet worden, dass dem Pfarrer Reisinger, der in der Volksschule Religion unterrichtete, bei den Schülern die Hand ausgerutscht sei. Er sei überzeugt, man müsse auch dem Herrn Pfarrer klarmachen, dass Prügelstrafe nicht mehr zeitgemäß sei, sagte Winter. Die Direktorin schüttelte den Kopf. »Das ist wohl ihre Privatmeinung«, antwortete sie. Und sie fügte hinzu: »Es ist übrigens auch meine Privatmeinung, aber sie hat sich eben bisher nicht durchgesetzt.« Zwei Tage später kam die Mutter des Mädchens mit dem blauen Auge, als sie die Tochter von der Schule abholte, auf den Lehrer Winter zu. Sie blickte ihn vorwurfsvoll an und sagte, ihre beiden Söhne seien Ministranten und sei wolle mit dem Pfarrer keine Schwierigkeiten bekommen. Der Lehrer Winter solle sich in den Religionsunterricht ihrer Tochter nicht einmischen und auch gefälligst ihre Salzstangerl in Ruhe lassen.

 


BIO

Daniel Wisser geb. 1971 in Klagenfurt, lebt seit 1989 in Wien. 2003 erscheint sein Debutroman „Dopplergasse acht“. Seither erschienen fünf Romane und eine Sammlung von Prosaminiaturen mit dem Titel „Unter dem Fußboden“ (2019), die ständig weiter wächst. Für den Roman „Königin der Berge“ (2018) wird er mit dem Österreichischen Buchpreis und dem  Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. Für 2021 ist der Roman „Wir bleiben noch“ angekündigt. Webseite: www.danielwisser.net

 

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Daniel Wisser | Café Wortner, Wien

Foto: Alain Barbero, auch in: „Kinder der Poesie“ (Kremayr & Scheriau, 2019) | Text: Daniel Wisser

 

Aufzählung

„Vier Dinge sind es, die wir jetzt beachten müssen“, sagte die Bereichsleiterin Lessigang zum Direktor Dr. Vegh auf dem Korridor des Amtsgebäudes gerade in dem Moment, als der junge Disponent Spring an den beiden vorbeiging. Spring, der die Bereichsleiterin und ihre nicht enden wollenden Aufzählungen kannte, war froh, dass er nicht von Lessigang angesprochen worden war, und beschleunigte seinen Schritt. „Erstens …“, setzte die Bereichsleiterin Lessigang fort. Spring wusste genau, was nun folgen würde: Ihre Aufzählung würde nicht über den ersten Punkt hinausgehen, sondern sie würde den ersten Punkt in vier Unterpunkte teilen, diese aber wieder nicht vollständig auflisten, sondern den ersten Unterpunkt in vier Unterunterpunkte teilen und so weiter und so fort. Als Spring sich in sicherem Abstand von der Bereichsleiterin Lessingang glaubte, trat er an das Fenster zum Innenhof und sah, dass der große Kirschbaum schon jetzt, Mitte März, zu blühen begonnen hatte. „Vier Jahreszeiten sind es, die schön sind“, dachte der Disponent Spring, „aber alle schwärmen immer nur vom Frühling.“

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Daniel Wisser:
a) Sie ist mein Beruf (geworden) und bis hierher war es ein 15jähriger, zäher Kampf. Insofern bin ich wie die meisten und kämpfe jetzt mit Abstiegsängsten.
b) Die Literatur ist das Einzige, was übrigbleibt, um die Wirklichkeit heute darzustellen. Alle anderen Möglichkeiten, besonders der Journalismus sind vom Kapitalismus bereits aufgekauft worden und keine Informationsquellen mehr, sondern Propagandainstrumente.
c) Sie umgibt mich schon seit ich lesen kann mit Texten, die ich mir zu merken versuche, damit ich etwas zu sagen habe zu Dingen, zu denen mir nichts einfällt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DW: Ich gehe am liebsten in Cafés, die nicht „in“ sind, wo man sich in eine Ecke setzen und unbemerkt schreiben kann. Ich schreibe aber nicht meine eigenen Texte, sondern einfach die Gespräche oder Teile davon auf, die ich mithöre.

Warum hast du das Café Wortner ausgewählt?
DW: Es gefällt mir, weil es unpretentiös ist. Weder soll es etwas Zeitgenössisch-sein-wollendes ausstrahlen, noch wird dort Nostalgie bemüht. Es ist einfach so da, wie es ist. Und das ist für ein Café im vierten Bezirk einzigartig.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
DW: Ich schreibe an einem Schreibtisch, spaziere auf Straßen und Wegen und schlafe in einem Bett. Insofern ist mein Leben wenig bemerkenswert.

 

BIO

Daniel Wisser geb. 1971 in Klagenfurt, lebt seit 1989 in Wien. 2003 erscheint sein Debutroman „Dopplergasse acht“. Seither erschienen fünf Romane und eine Sammlung von Prosaminiaturen mit dem Titel „Unter dem Fußboden“ (2019), die ständig weiter wächst. Für den Roman „Königin der Berge“ (2018) wird er mit dem Österreichischen Buchpreis und dem  Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. Für 2021 ist der Roman „Wir bleiben noch“ angekündigt. Webseite: www.danielwisser.net

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Petra Sturm | Velobis, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Petra Sturm

 

Ich sage jetzt verwegen, schreiben und Radfahren gehören zusammen. Weil die Erfahrungen intim, intensiv und körperlich sind, die Synapsen im Gleichschritt mit den Pedalen glühen. Wenn man erst mal drinnen ist, im Flow, schreibt sich die Wahrnehmung von der Welt mit Geschwindigkeit ein. Räder, Tasten, Stifte und Pedale sind für mich Transmissionsvehikel.

Mir kommen tatsächlich viele Ideen beim Radfahren. Wo wäre es schöner sie zu sammeln, als in einem Lokal, das auch Räder beherbergt? Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

Einen Ort, wo Randonneure und Randonneusen sich treffen und sich freundlich zunicken.

Weltoffenheit und Komplizenschaft die Stätte zu einem herzlichen Raum machen.

Vielleicht bin ich auch nur altmodisch. Fluche ich mal nicht, finde ich es poetisch, wenn am Radweg Menschen aufeinander zufahren, ihre Blicke sich für einen kurzen Moment begegnen, sie etwas voneinander mitnehmen, flüchtig, aber doch intensiv, bevor sie ihre Routen weiterverfolgen. Wien ist nicht immer die offenste Stadt, aber im Radsattel öffnet sie sich, dann und wann, zumindest unter Radfahrer*innen. Selbst wenn ich falle oder mir dir Luft ausgeht, andere Pedaleur*innen werden mir aufhelfen, wie damals, als ich mir an den Straßenbahnschienen die Lippen blutig und ein Stück vom Zahn ausgeschlagen habe.

Cenzi habe ich aufgeklaubt, in einem Archiv. Von einer Illustriertenseite von 1897 heraus hat sie mich angestarrt. Mit schüchternem und selbstbewußten Blick, auf einem Rennrad sitzend, hat sie mich sofort davon überzeugt, alles von ihr wissen zu müssen. Wenn ich die Bellariastraße zwischen Volksoper und Volkstheater runter radle, fröstelt mich. Cenzi ist dort 1900 bei einem Triplettrennen verunglückt. Sie ist jung gestorben, diese großartige Rennradpionierin, aber davor ist sie durch Wien geradelt und in einem Radcafé gesessen, auch als Frau. Das finde ich bewundernswert. Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Petra Sturm: Literatur ist für mich Freiraum. Die Chance, meine Wahrnehmung der Welt im Freestyle zu dokumentieren. Geschichten zu erzählen, die mich nicht los lassen, die nach sprachlichem Ausdruck drängen, von spielerisch bis schonungslos.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
PS: Sammlung und Zerstreuung zugleich. Ein Ort, an dem ich mich aufgehoben fühle, mich gerne und jederzeit mit anderen treffen kann, aber mir auch selbst genug bin, solange ich andere beobachten, lesen oder schreiben kann …

Warum hast du das Velobis ausgewählt?
PS: Jede Stadt braucht mindestens ein Radcafé! In Wien gibt es ein paar. Nachdem das Radlager zugesperrt hat, habe ich das Velobis entdeckt und mich sehr darüber gefreut. Es liegt zwar nicht bei mir ums Eck, aber bei so viel Weltoffenheit und Herzlichkeit nehme ich den Weg gerne in Kauf. Den frankophilen Einschlag finde ich auch super

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
PS: Das Leben auf viele andere Weisen erfahren und wahrnehmen … Radfahren geht immer.

 

BIO

Petra Sturm ist Autorin, Journalistin, Texterin und Radhistorikerin. Diverse journalistische, wissenschaftliche und literarische Publikationen in Zeitungen, (Fach-)Zeitschriften und – Sammelbänden. Künstlerische Arbeiten an der Schnittstelle von Literatur, Geschichte und Kultursoziologie, visuelle Poesie und Wissenschaftsaktionismus; intermediale, partizipative und performative Projekte.