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Blog Entropy, Petra Sturm, Alain Barbero, Barbara Rieger, Velobis, Café, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Petra Sturm | Velobis, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Petra Sturm

 

Ich sage jetzt verwegen, schreiben und Radfahren gehören zusammen. Weil die Erfahrungen intim, intensiv und körperlich sind, die Synapsen im Gleichschritt mit den Pedalen glühen. Wenn man erst mal drinnen ist, im Flow, schreibt sich die Wahrnehmung von der Welt mit Geschwindigkeit ein. Räder, Tasten, Stifte und Pedale sind für mich Transmissionsvehikel.

Mir kommen tatsächlich viele Ideen beim Radfahren. Wo wäre es schöner sie zu sammeln, als in einem Lokal, das auch Räder beherbergt? Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

Einen Ort, wo Randonneure und Randonneusen sich treffen und sich freundlich zunicken.

Weltoffenheit und Komplizenschaft die Stätte zu einem herzlichen Raum machen.

Vielleicht bin ich auch nur altmodisch. Fluche ich mal nicht, finde ich es poetisch, wenn am Radweg Menschen aufeinander zufahren, ihre Blicke sich für einen kurzen Moment begegnen, sie etwas voneinander mitnehmen, flüchtig, aber doch intensiv, bevor sie ihre Routen weiterverfolgen. Wien ist nicht immer die offenste Stadt, aber im Radsattel öffnet sie sich, dann und wann, zumindest unter Radfahrer*innen. Selbst wenn ich falle oder mir dir Luft ausgeht, andere Pedaleur*innen werden mir aufhelfen, wie damals, als ich mir an den Straßenbahnschienen die Lippen blutig und ein Stück vom Zahn ausgeschlagen habe.

Cenzi habe ich aufgeklaubt, in einem Archiv. Von einer Illustriertenseite von 1897 heraus hat sie mich angestarrt. Mit schüchternem und selbstbewußten Blick, auf einem Rennrad sitzend, hat sie mich sofort davon überzeugt, alles von ihr wissen zu müssen. Wenn ich die Bellariastraße zwischen Volksoper und Volkstheater runter radle, fröstelt mich. Cenzi ist dort 1900 bei einem Triplettrennen verunglückt. Sie ist jung gestorben, diese großartige Rennradpionierin, aber davor ist sie durch Wien geradelt und in einem Radcafé gesessen, auch als Frau. Das finde ich bewundernswert. Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Petra Sturm: Literatur ist für mich Freiraum. Die Chance, meine Wahrnehmung der Welt im Freestyle zu dokumentieren. Geschichten zu erzählen, die mich nicht los lassen, die nach sprachlichem Ausdruck drängen, von spielerisch bis schonungslos.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
PS: Sammlung und Zerstreuung zugleich. Ein Ort, an dem ich mich aufgehoben fühle, mich gerne und jederzeit mit anderen treffen kann, aber mir auch selbst genug bin, solange ich andere beobachten, lesen oder schreiben kann …

Warum hast du das Velobis ausgewählt?
PS: Jede Stadt braucht mindestens ein Radcafé! In Wien gibt es ein paar. Nachdem das Radlager zugesperrt hat, habe ich das Velobis entdeckt und mich sehr darüber gefreut. Es liegt zwar nicht bei mir ums Eck, aber bei so viel Weltoffenheit und Herzlichkeit nehme ich den Weg gerne in Kauf. Den frankophilen Einschlag finde ich auch super

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
PS: Das Leben auf viele andere Weisen erfahren und wahrnehmen … Radfahren geht immer.

 

BIO

Petra Sturm ist Autorin, Journalistin, Texterin und Radhistorikerin. Diverse journalistische, wissenschaftliche und literarische Publikationen in Zeitungen, (Fach-)Zeitschriften und – Sammelbänden. Künstlerische Arbeiten an der Schnittstelle von Literatur, Geschichte und Kultursoziologie, visuelle Poesie und Wissenschaftsaktionismus; intermediale, partizipative und performative Projekte.

Blog Entropy, Safiye Can, Alain Barbero, Barbara Rieger, Heimathafen, Café, Offenbach am Main

Safiye Can | Heimathafen, Offenbach am Main

Foto: Alain Barbero | Text: Safiye Can, Auszug aus „Rose und Nachtigall“ (Wallstein, 2020)

 

Im Land der Rosen und Nachtigallen
wurde eine andere zu der
die ich sein sollte.
Nun geschieht immer alles an Orten
an denen ich mich nicht aufhalte
man kann sich in einen Kilim
einrollen, in einer Tasse Kaffee ertrinken
einer Pusteblume um den Hals fallen
und losschluchzen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Safiye Can: Sauerstoff, Nahrung, Bildung, Freude. Und so viel Arbeit, dass es an Selbstzerstörung grenzt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SC: Kommt auf das Kaffeehaus an. Ein Ort der Begegnungen, des Austauschs und bestenfalls des guten Schreibens.

Warum hast du den Heimathafen ausgewählt?
SC: Aufgrund des Namens und wegen des Bembels in einem der stylischen Regale.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
SC: Ich fände eher die Frage interessant, was das Café macht, wenn ich nicht im Café bin.

 

BIO

Safiye Can, Lyrikerin, Autorin, Dichterin der konkreten und visuellen Poesie, Herausgeberin sowie literarische Übersetzerin. Die Lyrikbände der Autorin wurden kurz nach der Publikation zu Bestsellern.
Can leitet Schreibwerkstätten an Schulen und anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche im In- und Ausland, und sie ist Gründerin der Schreibwerkstatt Dichter-Club.
Sie ist Kuratorin der Zwischenraum-Bibliothek der Heinrich-Böll-Stiftung, wurde u.a. mit dem Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und dem AMF-Preis für aufrechte Literatur ausgezeichnet, und sie ist als Gastdozentin tätig (u.a. Northern Arizona University/USA).
Sie ist Vorstandsmitglied der renommierten Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik: die horen, Mitglied bei der internationalen Schriftstellervereinigung PEN, ist ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Amnesty International und setzt sich darüber hinaus stark für Tierrechte ein.
www.safiyecan.de

Letzte Publikationen:
Rose und Nachtigall, Liebesgedichte
Kinder der verlorenen Gesellschaft. Gedichte

 

Blog Entropy, Katharina Goetze, Alain Barbero, Barbara Rieger, Villa Neukölln, Café, Berlin

Katharina Goetze | Villa Neukölln, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Katharina Goetze

 

märz

du, der sich nicht bewegt
und ich, die so tut, als gäbe es da draußen was zu sehen
ihr schatten hängt noch immer an der wand
und ich erkenne dich
du bist jetzt ein fremder

so vieles wäre zeit
so vieles braucht zeit
in deinen augen fahren schiffe
und auf dem gehweg zertritt ein kind den ersten feuerkäfer des jahres
so sanft stirbt deine liebe für mich

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Katharina Goetze: Freiheit, Abenteuer, Hoffnung, Utopie, Schönheit. Zuflucht vor dem Wahnsinn.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
KG: Meine Vorstellung vom Paradies: Den ganzen Tag im Café verbringen, mit Notizbuch und Zeitung oder Laptop und Roman. Ab und zu kommen Freunde vorbei, in den Stunden zwischendrin entsteht ein neuer Text. Abends gibt es weißen Spritzer (oder in Berlin eben Weißweinschorle), wir stehen vor dem Café und irgendjemand spendiert mir eine Zigarette, weil ich eigentlich nicht rauche.

Warum hast du die Villa Neukölln ausgewählt?
KG: Vor meiner Zeit in Wien habe ich einige Jahre in Neukölln gewohnt. Ich komme immer wieder gern hierher, am liebsten nach einem Spaziergang auf dem Tempelhofer Feld. Mit der Villa Neukölln verbinde ich auch die Erinnerung an mein früheres Berliner Autor*innenkollektiv Novelists Anonymous. Hier ist zum Beispiel eine meiner ersten Kurzgeschichten – „Bevor ich für immer verschwand“ – entstanden.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
KG: Autofiktionale Texte in der 2. Person schreiben oder systemkritische Liebesbriefe, mit dem Zug von Berlin über Dresden und Prag nach Wien fahren und die ganze Zeit im Speisewagen schreiben, lesen, Tee trinken (fast schon ein mobiles Kaffeehaus), die raue Schönheit von Plattenbauvierteln bewundern, mich nicht entscheiden können, beim Radfahren laut singen, in Buchläden Wärme suchen, bei einer Runde über das Tempelhofer Feld oder durch den Prater eine aus den Fugen geratene Welt wieder zurechtrücken, zu spät ins Bett gehen.

 

BIO

Geboren 1984 in Dresden. Nach Stationen in England, Ägypten, Laos, Österreich und Äthiopien, lebt sie seit 2020 in Berlin. Studium der Journalistik, Soziologie und der Modernen Nahostwissenschaften in London, Kairo, Oxford.
Preisträgerin beim Bundeswettbewerb Treffen junger Autoren, Lyrik in Fahrt und zeilen.lauf-Wettbewerb 2017. Finalistin des Open Mike 2018, des FM4-Wortlaut 2017 und 2019, sowie des Irseer Pegasus 2020.
Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien. Schreibt Prosa, Lyrik und Theaterstücke, und arbeitet derzeit an ihrem ersten Roman.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Ally Klein, Einer der Tagen, Café, Berlin

Ally Klein | Einer dieser Tage, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Ally Klein, Auszug aus „Carter“ (Droschl, 2018)

 

Ein Windzug kam auf, fegte ihr das Gesicht frei, änderte seine Richtung und blies wieder einzelne Strähnen hinein. Haarsträhnen wie feine Linien, feine Striche, Streichungen, eine verwirrte sich in ihrem Mund und verlängerte den Zug bis in die Schläfe, den Haaransatz, schwarz wie die Nacht, wurde unsichtbar zur ihr, nur Dunkelheit statt Kopf.

Carter sah hinauf. „Es wird bald regnen.“

Zu Hause machte ich Eier. Carter aß nichts, sie schenkte lachend den mitgenommenen Whisky in die Schalen ein, wir stießen an und kippten ihn gegen alle Regeln wie Kurze. Die spitzen Ränder stachen beim Trinken leicht in die Lippen. Ich kicherte jedes Mal, weil es kitzelte, mir war leicht. Ich erzählte Carter eine lange Geschichte, ohne dass sie auf etwas hinauslief, sie lächelte sich durch sie und schwieg die meiste Zeit.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Ally Klein: Literatur bietet eine Ansicht der Dinge und gibt eine Einsicht in sie, zu der unsere alltägliche Sprache nicht fähig ist. Es entsteht eine sprachlose, sprachunfähige Unmittelbarkeit, eine stumme Erkenntnis, der wir ausgeliefert sind, an die wir anders mit Worten nicht herankommen, die wir anders verbal nicht ausdrücken können. Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass wir mit literarischer Sprache etwas errichten, etwas sehen können, was sich der Sprache eigentlich entzieht.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AK: Da denke ich recht praktisch: In Cafés kriegt man im besten Fall guten Kaffee, trifft seine Leute und hat ein gutes Gespräch an einem neutralen Ort. Lesen tue ich da manchmal auch. Aber nie schreiben. Dafür brauche ich absolute Stille, weil ich immer laut vorlesen muss, was ich da fabriziere. Rhythmus und Sprachklang sind für mich das A und O.

Warum hast du das Café „Einer dieser Tage“ in Berlin ausgewählt?
AK: „Einer dieser Tage“ mag ich, weil es ein Nachbarschaftscafé ist, ein Treffpunkt für alle möglichen Leute. Es ist um die Ecke von meiner Wohnung, sie haben guten Kaffee, fantastisches Eis und sehr freundliche Inhaber.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
AK: Wenn ich nicht im Kaffeehaus sitze, sitze ich auf meinem Fahrrad, das ist die Verlängerung meines Körpers. Ich dachte nicht, dass ich einen Gegenstand so lieben kann. Ich nutze nie öffentlichen Verkehr, aber bin meistens unterwegs. Ich treffe Menschen, lese und bewege mich fort.

 

BIO

Ally Klein, 1984 geboren, studierte Philosophie und Literatur. Sie lebt und arbeitet in Berlin. „Carter“ ist ihre erste literarische Veröffentlichung.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Eva Woska-Nimmervoll, Café Central in Baden, Kaffeehaus, Baden

Eva Woska-Nimmervoll | Café Central, Baden

Foto: Alain Barbero | Text: Eva Woska-Nimmervoll

 

Ich betrete das Café.

Gehe ich gerade? Ich stolpere so dahin. In großen Spiegeln beobachte ich mich und andere, die mich beobachten. Sehen und gesehen werden war immer schon wichtig. Man schaut automatisch, wenn sich irgendwo etwas bewegt; jetzt ich beim Mantel-Aufhängen. Meine Haare bilden keine Frisur. Ich sehe komisch aus. Musste der Lippenstift sein? Ich trage sonst nie Make-up, kenne keine Tricks, wie man sich volle Lippen schminkt. Ich bin ja auch keine Mode-Bloggerin. Ich schreibe literarische Texte, das geht ohne angemalte Lippen. Und mit Haaren unter den Achseln. So ungeschminkt und unrasiert kann ich – kann man? – mich eher ernstnehmen. Das ist authentisch. Die jungen Schriftstellerinnen rasieren gerade deshalb nicht. Unrasierte Achseln sagen I don’t give a damn, widersprechen sich selbst damit. Aber wie sie sich widersprechen ist cool. Früher war ich das auch, doch die letzten Jahre dann feig und rasiert.

Ich bestelle einen Kaffee.

Und jetzt wieder aufs Rasieren scheißen, nur weil die Jungen es tun? Könnte mir doch völlig egal sein, was andere denken. Ist es mir aber nicht. Andererseits: Man muss ja nicht aus allem ein Statement machen. Gerne heute so und morgen wieder anders. Also auch mal Lippenstift, wenn mir gerade danach ist. In jedem Fall nicht zu dick auftragen. Wofür brauche ich Applaus – bin ich eitel oder unsicher? Ich halte es wohl nicht aus, statt mit Bewunderung mit Abscheu oder gar Verachtung angestarrt zu werden. Die Zweifel schmecken bitter durch den Kaffee, durch das Wasser, durch jede Torte.

Später stolpere ich wieder durch den Raum mit dilettantisch angemalten Lippen und tu so, als wäre ich cool. Niemand starrt. Reine Selbstbeobachtung. Ich schwitze vor lauter Nachdenken. Cool ist nur, wer gar nicht darüber nachdenkt, ob er cool ist.

Also gehe ich nach Hause und schreibe.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Eva Woska-Nimmervoll:  Lesen und Schreiben von anspruchsvollen Texten, die mich berühren und mir neue Einsichten verschaffen. Beim Schreiben lerne ich Figuren kennen, die mir etwas über mich erzählen. Die Literatur und ihr Betrieb ergeben aber auch eine Parallelwelt. Voll mit Spiegeln und dem ganzen eitlen Kram, den es genauso in der Anspruchslosigkeit gibt. Bücherstapel dienen als Podeste und Sprungbretter irgendwohin.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
EW-N: In einer Stadt Zuflucht und Ruhepol, in einem Dorf eher Raum für Begegnung und Trubel. Kaffeehäuser sind Kultplätze mit mystischen Ritualen, nicht nur für Eingeweihte.

Warum hast du das Café Central in Baden ausgewählt?
EW-N: Weil es unaufgeregt und zeitlos ist. Es macht nicht auf alt, gibt sich nicht modern. Man erkennt die heutige Zeit nur am Händetrockner am Klo und an der hippen Auswahl an Teesorten. Sonst wirkt es wie vor dreißig Jahren. Damals hatte ich schon den Eindruck, es erinnert an eine frühere Zeit. Der Blick auf die Pestsäule gemahnt uns stets, glücklich zu sein, heute zu leben und nicht in Zeiten der Pest.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
EW-N: Dann sitze ich auf meinem Balkon und spiele, ich bin im Kaffeehaus.

 

BIO

geb. 1969 in Mödling, aufgewachsen in Baden, Niederösterreich. Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien, freie Journalistin, Schreibpädagogin; zeitweise auch Sängerin (Singer/ Songwriter, Irish Folk). Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und des Berufsverbandes österreichischer SchreibpädagogInnen (BÖS). Diverse Preise und Stipendien (u.a. Förderpreis Harder Literaturpreis 2016), Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2019 erschien ihr erster Roman „Heinz und sein Herrl“ bei Kremayr & Scheriau.

Le Bal Café Otto, Paris

„Melange der Poesie“ Buchpräsentation & Fotoausstellung mit Alain Barbero & Barbara Rieger
Organisation: Association Autrichienne à Paris (Österreichische Vereinigung in Paris)

 

 

© Fotos : Céline Godin – AB
Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Boris Konstriktor, Boris Kipnis, Cafe Rubinstein, Saint-Pétersbourg, Sankt Petersburg

Boris Konstriktor & Boris Kipnis | Café Rubinstein, Sankt Petersburg

Foto: Alain Barbero | Text: Boris Konstriktor | Übersetzung aus dem Russischen: Juliana Kaminskaja

 

tageseinteilung

bevorzugen:
dem wertvollsten
die hoffnungslosigkeit

löschen:
die zigarette
der emotionen

gehen:
unter die konstrastdusche
des todes

joggen:
in der wüste
der eigenen
verwüstung

 

Original

режим дня

предпочесть
самому дорогому
безнадёжность

затушить
сигарету
эмоций

принять
контрастный душ
смерти

бегать трусцой
в пустыне
собственной
опустошённости


Interview mit den Künstlern

Was bedeutet Literatur für Sie?
Boris Konstriktor: Literatur ist Leben. Gedichte kommen von selbst. Prosa ist Arbeit.

Was bedeutet Musik für Sie?
BKO: Unser Duett bedeutet Zweikampf. Es ist wie eine Sportart. Aber wir kämpfen nicht gegeneinander. Es ist ein Theater der zwei Boris, das Theater „DvoeBor’e“. Wir sind uns selbst ein Theater, sozusagen.

Was kommt im Theater „DvoeBor’e“ zuerst? Die Literatur oder die Musik?
Boris Kipnis: Zuerst kommt der Text, das heißt, den Text gibt es schon. Er (Boris Konstriktor) dichtet nicht extra für diese Auftritte. Bevor wir anfangen etwas zu machen, entscheiden wir gemeinsam, welchen Text er vorträgt. Wenn wir so eine Komposition schaffen, wähle ich aus und streiche weg. Ich wähle das aus, was mir erlaubt, eine bestimmte musikalische Komposition zu realisieren. So kommen wir zu einer Endversion.
Wir denken, dass wir mit unserem Theater („DvoeBor’e“ ) eine neue Gattung geschaffen haben. Wir nennen sie die doppelte Vibration. Wir arbeiten mit Stimme und Musik, mit verschiedenen Tönen, mit der Geige, aber nicht nur.

Mit welchen Tönen, mit welcher Musik arbeitet ihr genau?
BKI: Meistens mit einer normalen Geige, aber es kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal machen wir Geräuschkompositionen, wo ich die Töne extra aufzeichne. Ich kann auch Musik von anderen benutzen, wie z.B. von Stockhausen oder von anderen, wie Bach, Chopin, ich kann alles benutzen, aber ich finde, es ergibt sich so, dass die Musik eine parallele Aktion, ein paralleles Erzählen ist. Und manchmal kann es auch eine Art Begleitung sein: Ich illustriere oder ergänze den Text, aber meistens sind das zwei verschiedene Wege, die parallel verlaufen.

Boris Kipnis, was ist Ihr Zugang zu Musik und Literatur?
BKI: Im Prinzip bin ich ein klassischer Musiker, ein klassischer Geiger. Aber ich kann gut improvisieren, Jazz und so was, auch Romamusik mache ich gerne.
In meiner Kindheit habe ich sehr viel gelesen. Ich habe Literatur lieben gelernt.
Ich habe dank dem Treffen mit Boris diese beiden Lieben verknüpft: Die Liebe für die Literatur und für die Musik.
In dieser Zusammenarbeit mit Boris kann ich meine Leidenschaft, meine Liebe und mein professionelles Können für Musik einbringen, nicht nur, indem ich Geige spiele, sondern indem ich alle möglichen Töne benutze, indem ich selbst komponiere. Vieles von dem, was ich mit Boris komponiere, verwende ich dann weiter, z.B. in Theaterstücken.

Boris Konstriktor, wie sind Sie zur Literatur gekommen?
BKO: Aus Aussichtslosigkeit. Es war eine eintönige Zeit in der Sowjetunion, nichts hat sich verändert, das Leben war schrecklich langweilig. Irgendwann bin ich in eine Straße in Petersburg geraten, in die Malaia Sadovaia. Dort versammelten sich so Bohemiens, kunstinteressierte Leute, Künstler, Philosophen, Dichter, in dieser Umgebung musste ich etwas machen. Ich bin aus Langeweile dorthin geraten und dann musste ich etwas machen, weil ich sonst fehl am Platz gewesen wäre. Und so habe ich angefangen zu zeichnen, ohne eine künstlerische Ausbildung zu haben. Dann habe ich angefangen Gedichte zu schreiben und dann Prosa. Ich habe eine Prosa-Trilogie geschrieben „Ende des Zitats“.

Haben Sie mit anderen Künstlern außer Boris zusammen gearbeitet?
BKO: Im Prinzip arbeite ich eigenständig, aber es gab Kooperationen. Ich habe einige Gedichte anderer Dichter mit meinen Zeichnungen illustriert. Ich muss auch den Transfurismus erwähnen: Das war so eine Underground-Kunst-Richtung in Russland. Es gab eine Ausstellung in der Puschkinskaia 10 mit einem Katalog. Es waren vier Künstler in dieser Gruppe, vier Transfuristen: Ry Nikonova, Sergei Sigei, Anik und ich. Ich bin der letzte, der übrig geblieben ist, die anderen sind schon gestorben.

Seit wann gibt es eure (Boris und Boris) Kooperation?
BKO: An die 20 Jahre.

Arbeitet ihr auch international?
BKO: Manchmal schon. Nicht so oft wie man es möchte, aber wir sind mobil. Wir waren mehrmals in Deutschland, in Köln und in Berlin. In Frankreich nicht. Wien auch nicht.
Ich habe früher ein halbes Jahr in Deutschland gelebt. Dort habe ich ein Gedicht auf Deutsch komponiert. Das war so: Ich kam nach Deutschland mit einer zerbrochenen Brille, ich brauchte eine neue Brille. Als ich zum Optiker ging, habe ich gesagt: „nicht teuer“. Ich bekam so eine rosa Brille für Kinder. Als ich doch eine normale Brille bestellte, musste ich 500 DM zahlen. Das hat auf mich einen großen Eindruck gemacht, und auf dem Weg zurück, musste ich einen Berg hochgehen, durch den Wald. Dabei ist folgendes Gedicht entstanden:

Neue Brille

Ich habe heute neue Augen
Ich habe heute keine Fragen
Ich wünsche heute eins zu sagen
ich sehe besser meinen Tod

BIOs

Boris Konstriktor
*1950 in St. Petersburg, lebt ebendort als freischaffender Graphiker, Maler und Literat. Seit Anfang der 1970er Jahre durch inoffizielle Auftritte als einer der führenden Untergrund-Dichter bekannt geworden. Seit 1990 Teilnahme an internationalen Ausstellungen u.a. zur experimentellen Poesie, vor allem in Russland, Deutschland und den USA. Zahlreiche Publikationen eigener Gedichtbände sowie einzelner Arbeiten in Zeitschriften und Anthologien.

Boris Kipnis
ist Geiger, Komponist, Prosaautor, Essayist. Solokonzerte (klassische Musik) in Russland und in anderen Ländern sowie Mitwirkung in verschiedenen russischen und internationalen Orchestern als Geiger. 1991 Gründung eines Duetts mit Boris Konstriktor. Zahlreiche Auftritte in St. Petersburg, Moskau und in verschiedenen Städten Deutschlands mit dem seit 2003 existierenden Theater „DvoeBor’e“, dem Theater der zwei Boris´.

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Georg Renöckl, Café Z, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Romina Pleschko | Café Jelinek, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Romina Pleschko

 

Ich kenne genügend Vogelleichen, ich habe früher gerne Vogelbabys aus ihren
Nestern entfernt, um sie großmütig per Hand aufzuziehen. Sie sind alle verstorben,
waren noch durchsichtig, man konnte sogar den Stuhlgang durch ihre mickrigen
rosa Körper wandern sehen. Ich habe meine Bemühungen als Vogelmutter dann
beschämt eingestellt, bis heute nie jemandem erzählt, dass sie nicht aus dem Nest
gefallen sind, sondern von mir in ein Todesschicksal gezwungen wurden.
Jahrelang habe ich daraufhin gewartet, ob eine Serienmörderin aus mir wird, aber
diesbezüglich kann ich wirklich Entwarnung geben, Herr Doktor. Es ist nur leider
so, dass ich diese gewisse Absterbens-Aura nie wieder losgeworden bin, das
sehen sie ja.

(Auszug aus Kurzprosa, 2017)


Interview mit der Autorin

Warum schreibst du?
Romina Pleschko: Keine Ahnung, wahrscheinlich treffen alle Gründe, die man überhaupt fürs Schreiben haben kann, in unterschiedlicher Dosierung zu.
Ich kann mich schriftlich am besten ausdrücken, es ist auch eine Art Zwang, alles in Buchstaben zu pressen. Ich hänge der naiven Vorstellung nach, dass nichts unbeschreibbares existiert. Alles ist nur eine Frage der Buchstaben.

Warum gehst du ins Kaffeehaus?
RP: Ich gehe eigentlich nur zum Menschen treffen oder Kaffee trinken ins Kaffeehaus, sehr selten zum Arbeiten. Zum Arbeiten brauche ich mehr Ruhe. Aber da ich schwer koffeinabhängig bin und viele nette Leute kenne, bin ich schon regelmäßig im Kaffeehaus anzutreffen.

Warum hast du das Café Jelinek gewählt?
RP: Weil ich fast um die Ecke wohne und es im Jelinek nebst exzellentem Kaffee auch einen Holzofen gibt. Ich liebe alte Öfen und würde ihn jedes Mal am liebsten mit nach Hause nehmen.

Blog Entropy, Catrin M. Hassa, Alain Barbero, Barbara Rieger, Café Museum, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Catrin M. Hassa | Café Museum, Wien

Foto: Alain Barbero | Text:  Catrin M. Hassa

 

sapiosexueller ubiquitärer postphilofetischismus

zugerichtete einsamkeit
& der blick der s(‚)ich
in den kleinsten dingen verheddert
benutzt jeden fetzen unseres körpers
[& die somatische intelligenz
der prokrastinationsfreien milchhaut]

(aus dem Band „in der herztaille“, Löcker, Frühjahr 2018)

 


Interview mit der Autorin

Warum schreibst du?
Catrin M. Hassa: Ein gewisser innerer Drang? „Die Literatur ist eine Schaufel, mit der ich mich umgrabe“ (ich weiß jetzt gerade nicht, ob das Peter Bichsel oder Martin Walser war) Natürlich geht’s da nicht – und sollte es m.E. auch nicht!- um ein „Kreisen um den eigenen Bauchnabel“…, aber so ein Leben ohne Schaufel fände ich nicht erstrebenswert! Das ist so ein inneres Sintern: du lebst & erlebst und manches setzt sich in dir ab, bleibt haften & transformiert sich dann…… & kann vielleicht ein bisschen mithelfen, das Image der Lyrik zu entstauben…

Warum gehst du ins Kaffeehaus?
C.M.H: Weil ich‘s als externes Arbeitszimmer brauche. Ich arbeite eigentlich hauptsächlich im Kaffeehaus, hab‘ ich vor kurzem festgestellt. Ich brauche offensichtlich dieses Setting, das einem dieses Mit-Sein erlaubt, im Erleben, gleichsam „angesprungen“ von Verhältnissen oder Auffassungen, von Bildern oder Worten, beeindruckt von Klängen, der Geräuschkulisse, oder Affekten, deren Zurschaustellung in einem öffentlichen Raum, der doch, wie ich finde, eine sehr eigentümliche Doppelheit in sich hält, wenn man bedenkt wie privates dort verhandelt wird. Das Kaffeehaustischchen gibt vor Nische zu sein -oder eben auch Bühne. Und das reizt mich… sehr.

Warum hast du das Café Museum gewählt?
C.M.H: Ich mag Loos. Außerdem mag ich seine Beinamen: „Secessionisten-Tschecherl“ oder „Café Nihilismus“.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
C.M.H: Hmm, dann verbringe ich Zeit mit lieben Menschen, erweitere an meinem Erfahrungsspektrum herum, bewege mich ‘mal zur Abwechslung ausgiebiger oder fülle meine Schlaf-Akkus gründlichst auf.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Georg Renöckl, Café Z, Kaffeehaus, Wien, Vienne

Georg Renöckl | Café Z, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Georg Renöckl

 

Das Ende der Nachkriegszeit

Als sie alle weg waren oder tot – die Großzügigen, die Neureichen, die Verschwender –, musste die Dekoration eben angepasst werden. Der Stuck von der plötzlich zu prächtigen Fassade gehämmert, die Decke abgehängt, der weite Raum gekonnt verengt. Rustikal-resopalerne Nachkriegsgemütlichkeit, typisch Wien, von nun an. Immerhin keine Bankfiliale. Und dann plötzlich – nur gut zwanzig Jahre später als man hätte erwarten können – wurde es anders.

Wie immer, wenn gelüftet und entrümpelt wird, jammerten diejenigen, die nicht zwischen Grind und Patina unterscheiden können. Der schöne Mief!

Die anderen essen jetzt Crêpes.

 


Interview mit dem Autor

Warum schreibst du?
Georg Renöckl: Weil ich nicht immer nur lesen kann. Weil mir meine Gedanken sonst irgendwann auf die Nerven gehen. Weil ich das Zeichnen längst aufgegeben habe.

Warum gehst du ins Kaffeehaus?
GR: Ins Kaffeehaus zu gehen bedeutet Zeit zu haben. Ich habe drei Kinder. Will ich ins Kaffeehaus gehen, muss ich daher zuerst das schlechte Gewissen überwinden, dann ist es wie ein Kurzurlaub. Sollte ich einmal versuchen.

Warum hast du das Café Z gewählt?
GR: Das Café Z war eine der schönsten Entdeckungen, als ich für mein Buch „Wien abseits der Pfade“ kreuz und quer durch die Stadt wanderte. Die Crêpes und Kuchen sind fantastisch, Christa Ziegelböck wählt Zutaten und Rezepte sehr bewusst aus und man sieht von der Eingangstür bis zum Wienerberg.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
GR: Kochen, Gutenachtgeschichten erzählen, vom Kaffeehaus träumen.