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Regina Appel | Kaffee Alt Wien, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Regina Appel

 

Das Kaffeehaus hat keine Aufgabe. Es muss nicht glänzen. Es drängt sich nicht auf. Es will einem nichts andrehen. Das Kaffeehaus ist eine Institution. Das ist sein Erfolgsrezept. Voller Demut betritt man es und hofft von ihm geduldet zu werden.

Es ist ein Raum, der einem immer offensteht. Den man glaubt bespielen zu können. Doch eher bestimmt und formt er uns.

In einem Stammcafé hat Zeit keine Bedeutung. Die Jahre vergehen, die Gäste bestehen. Das gute Kaffeehaus ändert sich nicht. Und doch ist kein Besuch gleich.

Es gibt zwei Arten von KaffeehausgängerInnen. Jene, deren Wohnzimmer leer sind und jene, auf die jemand wartet. Im Kaffeehaus sind sie alle gleich. Denn dort gilt das Gesetz der stillen Grenzen. Man schreit nicht einfach „Hey“ über die Tische. Man braucht einen Grund, um jemanden anzusprechen. Das macht sie aus, die Gemütlichkeit.

Das Kaffeehaus hält unsere Gedanken fest. Wir hängen sie an Kleiderständer, kleben sie unter Bierdeckel, verreiben sie auf Glastischen. Und beim nächsten Besuch sind sie wieder da, erwarten uns. Manche Gedanken verstecke ich besonders gut. Auf der Innenseite der Bar oder unter einem Stapel Speisekarten. Und andere schmeiße ich auf den Boden, warte, dass jemand darauf tritt und sie hinausträgt in die Stadt.

Jeder Mensch hat sein Kaffeehaus. Eines, das ihm am besten passt. Wie ein guter Schuh. Man muss ihn erst eingehen. Am Anfang drückt er, irgendwann passt er und dann will man ihn gar nicht mehr ausziehen. Er wird nicht kaputt. Man wächst nicht heraus. Oder etwa doch?

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Regina Appel: Literatur bietet mehr Erkenntnis als Information.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RA: Die Möglichkeit die Anonymität in der Stadt zu reduzieren und sich in einem Sozialgefüge aufgehoben zu fühlen.

Warum hast du Kaffee Alt Wien ausgewählt?
RA: Das Alt Wien ist seit über zehn Jahren mein Stammlokal. Früher habe ich hier gelernt, dann gearbeitet. Jetzt komme ich zum Schreiben her.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RA: Relativ viel. So viel Zeit verbringe ich nicht im Kaffeehaus.

 

BIO

Regina Appel wurde 1987 im nördlichen Waldviertel geboren und lebt in Wien. Studium der Medieninformatik an der TU Wien. Arbeitet als Webentwicklerin. Sie schreibt seit 2018 kurze Geschichten. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und diversen Anthologien. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman.

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Bastian Schneider | Chante Cocotte, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Bastian Schneider

 

Glanzstück

Im Café saß ein Mann. Aus seinem linken Nasenloch ragte ein kleines Haar. Die Haarspitze glänzte in der Sonne. Die Sonne schien durch das Fenster. Am Fenster saß eine junge Frau und biß in ein Schnittlauchbrot. Der Schnittlauch leuchtete grün. Auf ihrem rechten Handgelenk hatte die Frau einen aufgespannten Regenschirm tätowiert. Die Regenschirmspitze zeigte auf den Mann. Der Mann putzte sich die Nase. Das Nasenhaar glänzte.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Bastian Schneider: Literatur ist für mich Lust an der Sprache, eine große Weltwahrnehmungsmaschine und manchmal auch einfach wunderbar geeignet, sich zu zerstreuen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
BS: Ich gehe seit über 20 Jahren regelmäßig in Cafés, zum Freunde treffen, Leute beobachten und zum Arbeiten. Kaffeehäuser sind mich eine Art erweitertes Wohn- und Arbeitszimmer.

Warum hast du Chante Cocotte ausgewählt?
BS: Der Kaffee ist gut, die Tische sind super fürs Schreiben, die unverputzten Backsteinwände strahlen Wärme aus und weil das Café nicht so groß ist, hat man dort auch seine Ruhe. Außerdem mag ich die kleine Terrasse im Hinterhof.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
BS: Dann sehne ich mich danach, im Kaffeehaus zu sein!

 


BIO

Bastian Schneider studierte deutsche und französische Literatur in Marburg und Paris sowie Sprachkunst in Wien. Zuletzt erschienen von ihm die Kurzprosabände „Die Schrift, die Mitte, der Trost“ (2018) und „Paris im Titel“ (2020) im Wiener Sonderzahl Verlag. Er lebt in Köln und Wien.

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Daniel Wisser | Café Wortner, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Daniel Wisser

 

Salzstangerl

Zu der Zeit, als es noch keine Salzstangerl ohne Salz gab, entfernte der Volksschullehrer Winter, der die 1. und 2. Klasse unterrichtete, jenen Schülerinnen, die danach verlangten, in der großen Pause das Salz durch Reiben des Salzstangerls an der Türklinke des Turnsaals. Eines Tages fragte er dabei eine Schülerin, die ein blaues Auge hatte, wobei sie sich verletzt habe. Das sei in der Religionsstunde passiert, antwortete die Schülerin, nahm ihr Salzstangerl und rannte davon. Der Lehrer Winter beschloss, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen. Er erzählte der Direktorin Hackl, ihm sei schon mehrmals berichtet worden, dass dem Pfarrer Reisinger, der in der Volksschule Religion unterrichtete, bei den Schülern die Hand ausgerutscht sei. Er sei überzeugt, man müsse auch dem Herrn Pfarrer klarmachen, dass Prügelstrafe nicht mehr zeitgemäß sei, sagte Winter. Die Direktorin schüttelte den Kopf. »Das ist wohl ihre Privatmeinung«, antwortete sie. Und sie fügte hinzu: »Es ist übrigens auch meine Privatmeinung, aber sie hat sich eben bisher nicht durchgesetzt.« Zwei Tage später kam die Mutter des Mädchens mit dem blauen Auge, als sie die Tochter von der Schule abholte, auf den Lehrer Winter zu. Sie blickte ihn vorwurfsvoll an und sagte, ihre beiden Söhne seien Ministranten und sei wolle mit dem Pfarrer keine Schwierigkeiten bekommen. Der Lehrer Winter solle sich in den Religionsunterricht ihrer Tochter nicht einmischen und auch gefälligst ihre Salzstangerl in Ruhe lassen.

 


BIO

Daniel Wisser geb. 1971 in Klagenfurt, lebt seit 1989 in Wien. 2003 erscheint sein Debutroman „Dopplergasse acht“. Seither erschienen fünf Romane und eine Sammlung von Prosaminiaturen mit dem Titel „Unter dem Fußboden“ (2019), die ständig weiter wächst. Für den Roman „Königin der Berge“ (2018) wird er mit dem Österreichischen Buchpreis und dem  Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. Für 2021 ist der Roman „Wir bleiben noch“ angekündigt. Webseite: www.danielwisser.net

 

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Daniel Wisser | Café Wortner, Wien

Foto: Alain Barbero, auch in: „Kinder der Poesie“ (Kremayr & Scheriau, 2019) | Text: Daniel Wisser

 

Aufzählung

„Vier Dinge sind es, die wir jetzt beachten müssen“, sagte die Bereichsleiterin Lessigang zum Direktor Dr. Vegh auf dem Korridor des Amtsgebäudes gerade in dem Moment, als der junge Disponent Spring an den beiden vorbeiging. Spring, der die Bereichsleiterin und ihre nicht enden wollenden Aufzählungen kannte, war froh, dass er nicht von Lessigang angesprochen worden war, und beschleunigte seinen Schritt. „Erstens …“, setzte die Bereichsleiterin Lessigang fort. Spring wusste genau, was nun folgen würde: Ihre Aufzählung würde nicht über den ersten Punkt hinausgehen, sondern sie würde den ersten Punkt in vier Unterpunkte teilen, diese aber wieder nicht vollständig auflisten, sondern den ersten Unterpunkt in vier Unterunterpunkte teilen und so weiter und so fort. Als Spring sich in sicherem Abstand von der Bereichsleiterin Lessingang glaubte, trat er an das Fenster zum Innenhof und sah, dass der große Kirschbaum schon jetzt, Mitte März, zu blühen begonnen hatte. „Vier Jahreszeiten sind es, die schön sind“, dachte der Disponent Spring, „aber alle schwärmen immer nur vom Frühling.“

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Daniel Wisser:
a) Sie ist mein Beruf (geworden) und bis hierher war es ein 15jähriger, zäher Kampf. Insofern bin ich wie die meisten und kämpfe jetzt mit Abstiegsängsten.
b) Die Literatur ist das Einzige, was übrigbleibt, um die Wirklichkeit heute darzustellen. Alle anderen Möglichkeiten, besonders der Journalismus sind vom Kapitalismus bereits aufgekauft worden und keine Informationsquellen mehr, sondern Propagandainstrumente.
c) Sie umgibt mich schon seit ich lesen kann mit Texten, die ich mir zu merken versuche, damit ich etwas zu sagen habe zu Dingen, zu denen mir nichts einfällt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DW: Ich gehe am liebsten in Cafés, die nicht „in“ sind, wo man sich in eine Ecke setzen und unbemerkt schreiben kann. Ich schreibe aber nicht meine eigenen Texte, sondern einfach die Gespräche oder Teile davon auf, die ich mithöre.

Warum hast du das Café Wortner ausgewählt?
DW: Es gefällt mir, weil es unpretentiös ist. Weder soll es etwas Zeitgenössisch-sein-wollendes ausstrahlen, noch wird dort Nostalgie bemüht. Es ist einfach so da, wie es ist. Und das ist für ein Café im vierten Bezirk einzigartig.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
DW: Ich schreibe an einem Schreibtisch, spaziere auf Straßen und Wegen und schlafe in einem Bett. Insofern ist mein Leben wenig bemerkenswert.

 

BIO

Daniel Wisser geb. 1971 in Klagenfurt, lebt seit 1989 in Wien. 2003 erscheint sein Debutroman „Dopplergasse acht“. Seither erschienen fünf Romane und eine Sammlung von Prosaminiaturen mit dem Titel „Unter dem Fußboden“ (2019), die ständig weiter wächst. Für den Roman „Königin der Berge“ (2018) wird er mit dem Österreichischen Buchpreis und dem  Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. Für 2021 ist der Roman „Wir bleiben noch“ angekündigt. Webseite: www.danielwisser.net

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Petra Sturm | Velobis, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Petra Sturm

 

Ich sage jetzt verwegen, schreiben und Radfahren gehören zusammen. Weil die Erfahrungen intim, intensiv und körperlich sind, die Synapsen im Gleichschritt mit den Pedalen glühen. Wenn man erst mal drinnen ist, im Flow, schreibt sich die Wahrnehmung von der Welt mit Geschwindigkeit ein. Räder, Tasten, Stifte und Pedale sind für mich Transmissionsvehikel.

Mir kommen tatsächlich viele Ideen beim Radfahren. Wo wäre es schöner sie zu sammeln, als in einem Lokal, das auch Räder beherbergt? Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

Einen Ort, wo Randonneure und Randonneusen sich treffen und sich freundlich zunicken.

Weltoffenheit und Komplizenschaft die Stätte zu einem herzlichen Raum machen.

Vielleicht bin ich auch nur altmodisch. Fluche ich mal nicht, finde ich es poetisch, wenn am Radweg Menschen aufeinander zufahren, ihre Blicke sich für einen kurzen Moment begegnen, sie etwas voneinander mitnehmen, flüchtig, aber doch intensiv, bevor sie ihre Routen weiterverfolgen. Wien ist nicht immer die offenste Stadt, aber im Radsattel öffnet sie sich, dann und wann, zumindest unter Radfahrer*innen. Selbst wenn ich falle oder mir dir Luft ausgeht, andere Pedaleur*innen werden mir aufhelfen, wie damals, als ich mir an den Straßenbahnschienen die Lippen blutig und ein Stück vom Zahn ausgeschlagen habe.

Cenzi habe ich aufgeklaubt, in einem Archiv. Von einer Illustriertenseite von 1897 heraus hat sie mich angestarrt. Mit schüchternem und selbstbewußten Blick, auf einem Rennrad sitzend, hat sie mich sofort davon überzeugt, alles von ihr wissen zu müssen. Wenn ich die Bellariastraße zwischen Volksoper und Volkstheater runter radle, fröstelt mich. Cenzi ist dort 1900 bei einem Triplettrennen verunglückt. Sie ist jung gestorben, diese großartige Rennradpionierin, aber davor ist sie durch Wien geradelt und in einem Radcafé gesessen, auch als Frau. Das finde ich bewundernswert. Es muss in jeder Stadt ein Radcafé geben, immer!

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Petra Sturm: Literatur ist für mich Freiraum. Die Chance, meine Wahrnehmung der Welt im Freestyle zu dokumentieren. Geschichten zu erzählen, die mich nicht los lassen, die nach sprachlichem Ausdruck drängen, von spielerisch bis schonungslos.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
PS: Sammlung und Zerstreuung zugleich. Ein Ort, an dem ich mich aufgehoben fühle, mich gerne und jederzeit mit anderen treffen kann, aber mir auch selbst genug bin, solange ich andere beobachten, lesen oder schreiben kann …

Warum hast du das Velobis ausgewählt?
PS: Jede Stadt braucht mindestens ein Radcafé! In Wien gibt es ein paar. Nachdem das Radlager zugesperrt hat, habe ich das Velobis entdeckt und mich sehr darüber gefreut. Es liegt zwar nicht bei mir ums Eck, aber bei so viel Weltoffenheit und Herzlichkeit nehme ich den Weg gerne in Kauf. Den frankophilen Einschlag finde ich auch super

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
PS: Das Leben auf viele andere Weisen erfahren und wahrnehmen … Radfahren geht immer.

 

BIO

Petra Sturm ist Autorin, Journalistin, Texterin und Radhistorikerin. Diverse journalistische, wissenschaftliche und literarische Publikationen in Zeitungen, (Fach-)Zeitschriften und – Sammelbänden. Künstlerische Arbeiten an der Schnittstelle von Literatur, Geschichte und Kultursoziologie, visuelle Poesie und Wissenschaftsaktionismus; intermediale, partizipative und performative Projekte.

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Safiye Can | Heimathafen, Offenbach am Main

Foto: Alain Barbero | Text: Safiye Can, Auszug aus „Rose und Nachtigall“ (Wallstein, 2020)

 

Im Land der Rosen und Nachtigallen
wurde eine andere zu der
die ich sein sollte.
Nun geschieht immer alles an Orten
an denen ich mich nicht aufhalte
man kann sich in einen Kilim
einrollen, in einer Tasse Kaffee ertrinken
einer Pusteblume um den Hals fallen
und losschluchzen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Safiye Can: Sauerstoff, Nahrung, Bildung, Freude. Und so viel Arbeit, dass es an Selbstzerstörung grenzt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SC: Kommt auf das Kaffeehaus an. Ein Ort der Begegnungen, des Austauschs und bestenfalls des guten Schreibens.

Warum hast du den Heimathafen ausgewählt?
SC: Aufgrund des Namens und wegen des Bembels in einem der stylischen Regale.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
SC: Ich fände eher die Frage interessant, was das Café macht, wenn ich nicht im Café bin.

 

BIO

Safiye Can, Lyrikerin, Autorin, Dichterin der konkreten und visuellen Poesie, Herausgeberin sowie literarische Übersetzerin. Die Lyrikbände der Autorin wurden kurz nach der Publikation zu Bestsellern.
Can leitet Schreibwerkstätten an Schulen und anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche im In- und Ausland, und sie ist Gründerin der Schreibwerkstatt Dichter-Club.
Sie ist Kuratorin der Zwischenraum-Bibliothek der Heinrich-Böll-Stiftung, wurde u.a. mit dem Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und dem AMF-Preis für aufrechte Literatur ausgezeichnet, und sie ist als Gastdozentin tätig (u.a. Northern Arizona University/USA).
Sie ist Vorstandsmitglied der renommierten Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik: die horen, Mitglied bei der internationalen Schriftstellervereinigung PEN, ist ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Amnesty International und setzt sich darüber hinaus stark für Tierrechte ein.
www.safiyecan.de

Letzte Publikationen:
Rose und Nachtigall, Liebesgedichte
Kinder der verlorenen Gesellschaft. Gedichte

 

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Katharina Goetze | Villa Neukölln, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Katharina Goetze

 

märz

du, der sich nicht bewegt
und ich, die so tut, als gäbe es da draußen was zu sehen
ihr schatten hängt noch immer an der wand
und ich erkenne dich
du bist jetzt ein fremder

so vieles wäre zeit
so vieles braucht zeit
in deinen augen fahren schiffe
und auf dem gehweg zertritt ein kind den ersten feuerkäfer des jahres
so sanft stirbt deine liebe für mich

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Katharina Goetze: Freiheit, Abenteuer, Hoffnung, Utopie, Schönheit. Zuflucht vor dem Wahnsinn.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
KG: Meine Vorstellung vom Paradies: Den ganzen Tag im Café verbringen, mit Notizbuch und Zeitung oder Laptop und Roman. Ab und zu kommen Freunde vorbei, in den Stunden zwischendrin entsteht ein neuer Text. Abends gibt es weißen Spritzer (oder in Berlin eben Weißweinschorle), wir stehen vor dem Café und irgendjemand spendiert mir eine Zigarette, weil ich eigentlich nicht rauche.

Warum hast du die Villa Neukölln ausgewählt?
KG: Vor meiner Zeit in Wien habe ich einige Jahre in Neukölln gewohnt. Ich komme immer wieder gern hierher, am liebsten nach einem Spaziergang auf dem Tempelhofer Feld. Mit der Villa Neukölln verbinde ich auch die Erinnerung an mein früheres Berliner Autor*innenkollektiv Novelists Anonymous. Hier ist zum Beispiel eine meiner ersten Kurzgeschichten – „Bevor ich für immer verschwand“ – entstanden.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
KG: Autofiktionale Texte in der 2. Person schreiben oder systemkritische Liebesbriefe, mit dem Zug von Berlin über Dresden und Prag nach Wien fahren und die ganze Zeit im Speisewagen schreiben, lesen, Tee trinken (fast schon ein mobiles Kaffeehaus), die raue Schönheit von Plattenbauvierteln bewundern, mich nicht entscheiden können, beim Radfahren laut singen, in Buchläden Wärme suchen, bei einer Runde über das Tempelhofer Feld oder durch den Prater eine aus den Fugen geratene Welt wieder zurechtrücken, zu spät ins Bett gehen.

 

BIO

Geboren 1984 in Dresden. Nach Stationen in England, Ägypten, Laos, Österreich und Äthiopien, lebt sie seit 2020 in Berlin. Studium der Journalistik, Soziologie und der Modernen Nahostwissenschaften in London, Kairo, Oxford.
Preisträgerin beim Bundeswettbewerb Treffen junger Autoren, Lyrik in Fahrt und zeilen.lauf-Wettbewerb 2017. Finalistin des Open Mike 2018, des FM4-Wortlaut 2017 und 2019, sowie des Irseer Pegasus 2020.
Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien. Schreibt Prosa, Lyrik und Theaterstücke, und arbeitet derzeit an ihrem ersten Roman.

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Ally Klein | Einer dieser Tage, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Ally Klein, Auszug aus „Carter“ (Droschl, 2018)

 

Ein Windzug kam auf, fegte ihr das Gesicht frei, änderte seine Richtung und blies wieder einzelne Strähnen hinein. Haarsträhnen wie feine Linien, feine Striche, Streichungen, eine verwirrte sich in ihrem Mund und verlängerte den Zug bis in die Schläfe, den Haaransatz, schwarz wie die Nacht, wurde unsichtbar zur ihr, nur Dunkelheit statt Kopf.

Carter sah hinauf. „Es wird bald regnen.“

Zu Hause machte ich Eier. Carter aß nichts, sie schenkte lachend den mitgenommenen Whisky in die Schalen ein, wir stießen an und kippten ihn gegen alle Regeln wie Kurze. Die spitzen Ränder stachen beim Trinken leicht in die Lippen. Ich kicherte jedes Mal, weil es kitzelte, mir war leicht. Ich erzählte Carter eine lange Geschichte, ohne dass sie auf etwas hinauslief, sie lächelte sich durch sie und schwieg die meiste Zeit.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Ally Klein: Literatur bietet eine Ansicht der Dinge und gibt eine Einsicht in sie, zu der unsere alltägliche Sprache nicht fähig ist. Es entsteht eine sprachlose, sprachunfähige Unmittelbarkeit, eine stumme Erkenntnis, der wir ausgeliefert sind, an die wir anders mit Worten nicht herankommen, die wir anders verbal nicht ausdrücken können. Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass wir mit literarischer Sprache etwas errichten, etwas sehen können, was sich der Sprache eigentlich entzieht.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AK: Da denke ich recht praktisch: In Cafés kriegt man im besten Fall guten Kaffee, trifft seine Leute und hat ein gutes Gespräch an einem neutralen Ort. Lesen tue ich da manchmal auch. Aber nie schreiben. Dafür brauche ich absolute Stille, weil ich immer laut vorlesen muss, was ich da fabriziere. Rhythmus und Sprachklang sind für mich das A und O.

Warum hast du das Café „Einer dieser Tage“ in Berlin ausgewählt?
AK: „Einer dieser Tage“ mag ich, weil es ein Nachbarschaftscafé ist, ein Treffpunkt für alle möglichen Leute. Es ist um die Ecke von meiner Wohnung, sie haben guten Kaffee, fantastisches Eis und sehr freundliche Inhaber.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
AK: Wenn ich nicht im Kaffeehaus sitze, sitze ich auf meinem Fahrrad, das ist die Verlängerung meines Körpers. Ich dachte nicht, dass ich einen Gegenstand so lieben kann. Ich nutze nie öffentlichen Verkehr, aber bin meistens unterwegs. Ich treffe Menschen, lese und bewege mich fort.

 

BIO

Ally Klein, 1984 geboren, studierte Philosophie und Literatur. Sie lebt und arbeitet in Berlin. „Carter“ ist ihre erste literarische Veröffentlichung.

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Eva Woska-Nimmervoll | Café Central, Baden

Foto: Alain Barbero | Text: Eva Woska-Nimmervoll

 

Ich betrete das Café.

Gehe ich gerade? Ich stolpere so dahin. In großen Spiegeln beobachte ich mich und andere, die mich beobachten. Sehen und gesehen werden war immer schon wichtig. Man schaut automatisch, wenn sich irgendwo etwas bewegt; jetzt ich beim Mantel-Aufhängen. Meine Haare bilden keine Frisur. Ich sehe komisch aus. Musste der Lippenstift sein? Ich trage sonst nie Make-up, kenne keine Tricks, wie man sich volle Lippen schminkt. Ich bin ja auch keine Mode-Bloggerin. Ich schreibe literarische Texte, das geht ohne angemalte Lippen. Und mit Haaren unter den Achseln. So ungeschminkt und unrasiert kann ich – kann man? – mich eher ernstnehmen. Das ist authentisch. Die jungen Schriftstellerinnen rasieren gerade deshalb nicht. Unrasierte Achseln sagen I don’t give a damn, widersprechen sich selbst damit. Aber wie sie sich widersprechen ist cool. Früher war ich das auch, doch die letzten Jahre dann feig und rasiert.

Ich bestelle einen Kaffee.

Und jetzt wieder aufs Rasieren scheißen, nur weil die Jungen es tun? Könnte mir doch völlig egal sein, was andere denken. Ist es mir aber nicht. Andererseits: Man muss ja nicht aus allem ein Statement machen. Gerne heute so und morgen wieder anders. Also auch mal Lippenstift, wenn mir gerade danach ist. In jedem Fall nicht zu dick auftragen. Wofür brauche ich Applaus – bin ich eitel oder unsicher? Ich halte es wohl nicht aus, statt mit Bewunderung mit Abscheu oder gar Verachtung angestarrt zu werden. Die Zweifel schmecken bitter durch den Kaffee, durch das Wasser, durch jede Torte.

Später stolpere ich wieder durch den Raum mit dilettantisch angemalten Lippen und tu so, als wäre ich cool. Niemand starrt. Reine Selbstbeobachtung. Ich schwitze vor lauter Nachdenken. Cool ist nur, wer gar nicht darüber nachdenkt, ob er cool ist.

Also gehe ich nach Hause und schreibe.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Eva Woska-Nimmervoll:  Lesen und Schreiben von anspruchsvollen Texten, die mich berühren und mir neue Einsichten verschaffen. Beim Schreiben lerne ich Figuren kennen, die mir etwas über mich erzählen. Die Literatur und ihr Betrieb ergeben aber auch eine Parallelwelt. Voll mit Spiegeln und dem ganzen eitlen Kram, den es genauso in der Anspruchslosigkeit gibt. Bücherstapel dienen als Podeste und Sprungbretter irgendwohin.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
EW-N: In einer Stadt Zuflucht und Ruhepol, in einem Dorf eher Raum für Begegnung und Trubel. Kaffeehäuser sind Kultplätze mit mystischen Ritualen, nicht nur für Eingeweihte.

Warum hast du das Café Central in Baden ausgewählt?
EW-N: Weil es unaufgeregt und zeitlos ist. Es macht nicht auf alt, gibt sich nicht modern. Man erkennt die heutige Zeit nur am Händetrockner am Klo und an der hippen Auswahl an Teesorten. Sonst wirkt es wie vor dreißig Jahren. Damals hatte ich schon den Eindruck, es erinnert an eine frühere Zeit. Der Blick auf die Pestsäule gemahnt uns stets, glücklich zu sein, heute zu leben und nicht in Zeiten der Pest.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
EW-N: Dann sitze ich auf meinem Balkon und spiele, ich bin im Kaffeehaus.

 

BIO

geb. 1969 in Mödling, aufgewachsen in Baden, Niederösterreich. Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien, freie Journalistin, Schreibpädagogin; zeitweise auch Sängerin (Singer/ Songwriter, Irish Folk). Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und des Berufsverbandes österreichischer SchreibpädagogInnen (BÖS). Diverse Preise und Stipendien (u.a. Förderpreis Harder Literaturpreis 2016), Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2019 erschien ihr erster Roman „Heinz und sein Herrl“ bei Kremayr & Scheriau.

Le Bal Café Otto, Paris

„Melange der Poesie“ Buchpräsentation & Fotoausstellung mit Alain Barbero & Barbara Rieger
Organisation: Association Autrichienne à Paris (Österreichische Vereinigung in Paris)

 

 

© Fotos : Céline Godin – AB