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Barbara Rieger | Wirr, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Barbara Rieger, Auszug aus „Das Natürlichste der Welt“ (erscheint im August 2021 in der Anthologie „Mutter werden. Mutter sein“ bei Leykam)

 

Wir werden sofort TOTAL in die Mutterrolle hineinkippen oder langsam hineinwachsen oder für immer damit hadern, wir EGOISTINNEN, werden wir heimlich denken und verzweifeln, weil wir nie, fast nie, nie mehr, in zehn, zwanzig Jahren dann wieder, in Ruhe etwas zu Ende machen können, zumindest solange wir stillen, EINE SYMBIOSE, haben wir gehört, wir werden nach anderen Müttern Ausschau halten, wir werden uns dann natürlich! vor allem mit anderen Müttern befreunden, es wird dann wirklich? vor allem ums Muttersein und um Babys gehen. Wir werden überall Frauen mit Kinderwägen sehen, Männer mit Tragetüchern, wir werden unseren Kinderwagen mit den anderen Kinderwägen vergleichen, wir werden unser Baby mit den anderen vergleichen, schon so groß!, so wie früher den Bauch, so klein!, wir werden überall nur mehr Jungeltern sehen, aber wir werden nie, wirklich nie eine andere stillende Mutter in der Öffentlichkeit entdecken, auf keiner Parkbank, in keinem Café, keinem Restaurant, in keinem parkenden Auto, wir werden uns Nischen suchen, in denen es nicht zieht (die Brustentzündung!), wir werden uns Nischen suchen, in denen man uns nicht sieht (das Natürlichste der Welt), wir werden hören: Wir könnten ein Tuch über das Baby und unsere Brust legen, ich sage (ich übertreibe kaum): Mit der Geburt habe ich jegliche Scham verloren.

 


BIO

Barbara Rieger ist gemeinsam mit Alain Barbero Gründerin und Herausgeberin von cafe.entropy.at. Bisher erschienen bei Kremayr & Scheriau die zwei Romane „Bis ans Ende, Marie“ (2018) und „Friss oder stirb“ (2020), sowie das kollaborative Projekt „Reigen Reloaded“ (2021). Im August 2021 erscheint bei Leykam die Anthologie „Mutter werden. Mutter sein“.
barbara-rieger.at

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Sofie Steinfest | Strohauer’s Café Alt Heidelberg

Foto: Alain Barbero | Text: Sofie Steinfest

 

Ich als Gemälde .:. und davor .:. ein wenig lampenfiebrig .:. und ein wenig .:. meine Wirkung als Bild urbar gemacht .:. wie ein bisher unentdecktes Land .:. die Stunden kürzlich zu konkav .:. als dass ich mich darin abgebildet sehen könnte .:. hier aber .:. Friedwald inmitten Geschirr und Bohnenduft .:. Stift und Heft und Zuckerstreuer .:. als Besitztümer um mich geschart .:. nichts davon gehört mir wirklich .:. nie nur objekthaft .:. am Wiener Heimwehstift festgesaugt wie an einer letzten Zigarette .:. die Pose vermeintlich .:. Zeiten in denen ich nicht schreibe lösen Verzweiflung aus .:. verfliegen sich ins Gedächtnis der Spiegel .:. hier aber .:. wohlig tänzelnd zwischen Sprachen .:. bleibt das Missverstehen aus .:. den Luftstrom angehalten .:. se tourner vers soi .:. accueillir l’inspiration .:. durchs Glas bezeugt ein Sichtfeld insgeheim .:. Begegnung der Welt mit dem unabwendbaren .:. Schreiben im Kaffeehaus .:

innen
wo meine augen
dich kennen
ist unsere menschlichkeit
schiere idee
und jeder zwist beigelegt
bevor er entbrandet

sieh hin
urvertraut naht
ein kometenschweif
funkensprühend mitgefühl
als ein triftiger pakt
stilles gewahrsein:
fenster in der herzhaut.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich? 
Sofie Steinfest: Im Lesen finde ich Trost. Es ist mir der lebendige Beweis der Existenz von Seelenverwandtschaft.Im Schreiben verwandle ich im besten Fall Unbewusstes in Mitteilbares.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SS: Schreiborte, an denen ich als Wienerin in aller Welt eine vorläufige Heimat finde. Eine nämlich, die mich in keine Pflicht als die meiner schieren Anwesenheit nimmt. Ich muss sie nicht lieben, also kann ich es.

Warum hast du Strohauer’s Café Alt Heidelberg ausgewählt?
SS: Weil es durchaus in Wien sein könnte. Das hat wohl etwas mit dem Selbstverständnis dieses Kaffeehauses zu tun. Oder mit meinem inneren Wien. In meiner „Geburtsstunde der Donaustörung“ begegnen sich die Protagonistinnen über die Spiegel hier.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
SS: Tja.

 

BIO

Sofie Steinfest (lyrisches Pseudonym Sofie Morin) 1972 in Wien geboren, ist nach einigen Wanderjahren über Brüssel bei Heidelberg gelandet, hat Sprachen wie Labor-Kittel angezogen und im verlöschenden Jahrtausend zwei Studien abgeschlossen, die nach Auffassung vernünftig denkender Menschen überhaupt nicht zusammenpassen. Sie war schon für etliche Literaturpreise nominiert und hat nie einen gewonnen. Bei allem publiziert sie unverdrossen in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien. In der Lyrik findet sie Zuflucht, wenn die Prosa noch gärt.

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Alexandra Turek | Salettl Pavillon, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Alexandra Turek

 

Das Schiff, das schwankende Schiff (le paquebot)! Während sich die Bäume neigen, zudem schütteln sie sich heute, da erspähe ich am Weg, vorbei war der Sommer, die Schwalben, sie fliegen hoch, einen Handschuh … Oh mon capitaine!
Grün, ein Rundumblick hier oben (herauf, geschwind). Drüben, an der Friedhofs-Pforte schwarzbemäntelt sie stehen. Dein Mantel im Wind, dann erst kam der Regen. Sanft rieselte er aufs Kupferdach. Kalenderabziehbild ­– und schon spüre ich deinen Kosenamen. Wir spielten Verstecken, es war leicht abzuhauen. (Ein Blick, ein Schritt, schon öffnete sich das Gartentor.) Da saßen wir still in der Laube, unsere Hefte auf dem Schoß. Und wir schwammen im kalten See, weißt du noch? Serenade. Schau. Den kleinen Löffel an den Mund gehalten, diese dumme Geste, wie ein Kind. Und die Alten, ihr silbriges Löffelabschlecken. Und die Steine, nein, die kleinen weißen Kiesel, vorn in den Schuhen. Während wir Frittatensuppe aßen und dabei tanzten ­­– weit oben, an den Rändern der Stadt, an Deck des Schiffs – und die Mannschaft sich nach und nach einfand zum Bodenschrubben, Segel hoch! Unsre langen Zicke-Zacke-Nachmittage. Nach dem Sturm, der Himmel, ein zerrissenes Bild. Ich ging an Deck, um mir das Spektakel anzusehen: Wasser quoll aus den Luken, noch blitzt es, der Bart des Kaisers, den blauen Abend eingeläutet. Können die Bäume mich noch länger begleiten? Und daraufhin die drängende, leuchtende Kinderfrage: Und dann? Was machen wir dann?

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Alexandra Turek: Zunächst gibt es nicht eine Literatur für mich, sondern viele. Und vielfältige Formen. Manchmal gelingt es für einen kurzen Moment einen Raum mit Sprache zu bewohnen, etwas zu verbinden, zu verknüpfen. Literatur bedeutet auch Erforschen, Entdecken, wie es die Kinder machen. Deshalb mag ich das Konkrete, die kleinen Dinge des Alltags. Die Schönheit der Sprache offenbart sich mir durch den Rhythmus, mir hat immer schon eine Literatur zugesagt, deren Sprache melodisch und intensiv ist, die vibriert, knirscht, Spuren hinterlässt. Die französische Literatur, die ich von klein auf lese und in der ich zunächst schrieb, hat mir gezeigt, wie schön unsere Welt ist. Und dann gibt es noch so wunderbare Dichter wie François Villon oder Charles Baudelaire, sein Blick auf die anderen, die Schwachen, das Alter, hat mich berührt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AT: Ich gehe ins Café um Freunde zu treffen. Und natürlich trinke ich gerne Kaffee.

Warum hast du das Café Salettl Pavillon ausgewählt?
AT: Mir gefällt die Atmosphäre. Es gibt so Orte wie aus einer anderen Zeit. Rundherum ist viel grün und man hat eine schöne Aussicht auf einen Teil der Stadt. In einem Winkel steht ein schwarzes Piano und darauf spielte jeden Sonntagabend ein Klavierspieler.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
AT: Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen gehen. Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge.

 

BIO

Alexandra Turek, geboren 1971 in Wien, ist eine österreichische Autorin französischer Herkunft. Studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Politik, Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Promotion mit einer Arbeit über Bernard-Marie Koltès. War Assistentin und Dramaturgin am Theater, daneben Theaterstücke. Lehrauftrag am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (2015/16). Studien- und Arbeitsaufenthalte in Frankreich, u.a. Teilnahme an Transfer-Théâtral, festival d´été la mousson d´été (2016). Hauptpreis der exil-Literaturpreise 2015. Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Literaturzeitschriften und Anthologien. Letzte Publikation: flugschrift, Nr.32, September 2020. Lebt in Wien.

 

 

 

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Christa Nebenführ | Café Raimann, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Christa Nebenführ

 

Erste Grabrede

Ich stehe hier nicht auf der Bühne sondern in einer bitteren Stunde meines Lebens, in der es darum geht, die richtigen Worte zu finden, mit denen man von seinen Eltern für immer Abschied nimmt.
Aber wie soll man Menschen verabschieden, die irgendwann den falschen Weg eingeschlagen haben und durch nichts dazu zu bewegen waren, umzukehren? Die in einer Sackgasse standen, weil die Hecke im Durchgang, durch den sie sich Jahrzehnte schmiegen hatten können, undurchdringlich geworden war? Deren Auftrag wir unerfüllt lassen mussten, um nicht selbst als glücklose Prinzen im Dornengestrüpp zu enden, wo es kein vor und zurück mehr gibt?

Ich sah in die Gesichter einer greisenhaften Verwandtschaft und musste mich anstrengen, die jüngeren, mit denen ich als Kind gespielt hatte, wieder zu erkennen. Wir hatten auf den Priester verzichtet. Und obwohl meine Großmutter im Rollstuhl haltlos schluchzte, fürchtete ich keine Zurechtweisung. Keine Hand streckte sich aus dem Sarg, nicht der leiseste Windstoß gab ein Zeichen. Selten war eine Trauergemeinde so klein und der Kranzsegen so reichlich. Die Schwertlilien und Rosen, zu Hunderten in Kränze geflochten, weil sie keine Ansprüche mehr zu entfachen vermochten, dufteten unbewegt.

Wenn das Telefon läutet, werde ich nicht abnehmen.
Es wird meine Mutter sein.
Was tust du gerade?
Ich war am Klo. Ich sehe fern. Ich habe zu tun.
Was denn?
Ich schreibe.
Woran?
An Deiner Totenrede Mutter.

In der bitteren Stunde, die sein wird, die gewesen ist, die keinen Anfang und kein Ende hat, stehe ich vor der Wahl zwischen der Trauer, was ich alles tun hätte sollen und der Erleichterung, dass mir niemand vorwirft, dass ich es ließ.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Christa Nebenführ: Das Gegenteil von Eskapismus. Den Versuch, das Unaussprechliche auszusprechen und/oder zu erahnen. Den Versuch, die Kontingenz und Komplexität des Wahrnehmbaren in Splittern zu spiegeln und/oder zu erhaschen. Den Versuch, an der Erschaffung und Aufklärung eines Rätsels beteiligt zu sein. Den Versuch, Verbindungen zu schaffen. Den Versuch, zu verstehen.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
CN: Die Bedeutung war eine soziale, die zu Beginn der 1970er Jahre schlagartig einsetzte und seither nachlässt.

Warum hast du Café Raimann ausgewählt?
CN: Weil ich dort während meiner Gymnasialzeit mit SchulkollegInnen abgehangen bin, Billard gespielt, getratscht, geflirtet, mich über den Ober und verbrannten Toast geärgert und bei einem Mitschüler Mathematik-Nachhilfe genommen habe.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
CN: Ohhh … ich verbringe sehr viel Zeit vor mich hin dösend und vor mich hin denkend. Ich gestalte Radiosendungen, die meinem Aufklärungsbedürfnis entgegenkommen und meinen Lebensunterhalt sichern. Und ich schreibe seit 2008 an einem ausufernden Roman, den ich 1973 in meinem Tagebuch und 1986 auf Radio U8, dem Studentenmagazin, angekündigt habe. Ich kämpfe mich furchtlos (naja, nicht immer) einkaufend, kochend, aufräumend, rechnend durch den Alltag. Ich versuche, Aufdringlichkeiten auszuweichen. Gelegentlich dränge ich mich auf. Das Drängen beflügelt, das Zurückdrängen erschöpft. Manchmal bin ich verliebt.

 

BIO

Christa Nebenführ geb. in Wien. Schauspielerin u. a. an deutschen Landestheatern, Studium der Philosophie in Wien und Stony Brook (USA). Sponsion 1996. Lyrik (u. a. Podium Porträt 2020, Inzwischen der Zeit, Deuticke 1997, Erst bin ich laut, Grasl 1995) Roman (Blutsbrüderinnen, Milena 2006), Wissenschaftliche Publikationen (u. a. Sexualität zwischen Liebe und Gewalt, Milena 1997), Radiofeatures für Ö1, Essays, Hrsg von Anthologien (u. a. Länderheft Kroatien des Podium), Leitung von Schreibgruppen, 2003 – 2018 Organisation der Sommerlesereihe im Café Prückel.

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Raoul Eisele | Café Weingartner, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Raoul Eisele

 

im Café beschreibst du deine Vorstellung von Liebe, sagst ne m’oublie pas

du erzählst vom Takt der Wählscheibe, vom
Wählton und diesem immer wiederholenden
Auflegen, als du versuchtest den Mut zu finden
anzurufen; es klingelte einmal, zweimal
und du den Hörer wieder auflegtest, du immer
wieder deine Finger auf die Zahlen, diese
kleine Scheibe legtest, sie ans Ende schobst
sie zurückschnellte, es klackerte, es tönte und
dein erneutes Auflegen, Aufheben des Hörers
und wir an der Caféhauswand Telefon lasen, wir
die Tür zu einer anderen Zeit, zu einer anderen
Welt öffneten, den Hörer ans Ohr gelegt, den
Hörer hielten, der uns keine Geschichten mehr
erzählt, er ist stumm, kein Ton, kein Anschluss
am Ende der Leitung, keine Stimme, kein
Wort ihrer Schönheit, die man sich an manchen
Tagen, die man sich manchmal wünschte;
wie gerne würde man sie hören, diese
erste Liebe, dieses erstmalige Verliebtsein und
dieses Kribbeln im Bauch, dieses Krabbeln der
Schmetterlinge, sagst papillon, sagst
coup de foudre und ich denke an meine
erste Liebe, die bleibt einem im Herzen
stecken, bleibt als Knötchen zurück oder
der erste Kuss, dieses fast kindliche Lippe an
Lippen ohne je darüber nachgedacht zu haben
und man später nach einem gemeinsamen Kaffee
nach einem Bier fragt, wenn die Hemmschwelle
gesunken, die Nervosität etwas in den
Hintergrund gerückt und dem in die Augen
schauen, kein hastiges Wegzucken folgt, kein
Suchen an Wänden, an Böden des Cafés
wenn sich die Füße unter dem Tisch berühren
und man dieses Bauchgefühl wiedererlangt, dieses
Lächeln, Zucken der Finger an der Wählscheibe
als man versuchte den Mut zu finden, ihr zu sagen
dass man sie mag, dass man sich gerne mit ihr träfe
den Hörer wieder auflegte, den Hörer viel zu oft
in der Hand, ohne je und je etwas zu sagen, zu sagen: man sei verliebt

 


Kurzinterview mit dem Autor

 

Was bedeutet Literatur für dich?
Raoul Eisele: Literatur ist Sprache und Sprache ist alles, was der Mensch je wusste und erlebte. Somit ist alles Geschriebene ein notwendiger Teil des menschlichen (Über)Lebens – ohne diesen hätten wir nichts, woran wir uns orientieren, woran wir festmachen könnten, was, wo und wann geschah, wüssten nichts über unsere Vergangenheit, über uns selbst. Es sind Geschichten, Gedichte und Schriften, die wir heranziehen, um eine vergangene Welt nachzuempfinden, um Gefühlen Ausdruck zu geben, sie erneut zu durchleben und aus ihnen zu lernen. Literatur ist somit ein Ausleben und Ausprobieren, ein Aufzeigen und Aufmerksammachen auf Missstände, sowie ein Erforschen des eigenen Innenraums, um sich und seine Umwelt besser zu verstehen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RE: Kaffeehäuser waren für mich lange Raum der Entfaltung, der Ruhe und des gleichzeitigen Umtriebs, einem Flanieren gleichend, Menschen Kommen und Gehen sehen, sich Auszutauschen. Mittlerweile haben Kaffeehäuser für mich etwas an Raum verloren – heute sind sie mir viel seltener Arbeitsplatz oder Inspirationsraum.

Warum hast du das Café Weingartner ausgewählt?
RE: Es war eines der ersten Kaffeehäuser, die ich noch vor meiner Wien-Zeit kennenlernte – es war also irgendwo der Anfang meiner Kaffeehaus-Liebe.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RE: Allerlei Aktivitäten mit Menschen, die mir wichtig sind, aber auch viel ganz für mich allein wie Lesen, Schreiben, die Arbeit am Theater, sofern dies denn gerade möglich ist.

 

BIO

Raoul Eisele, geboren 1991, wohnhaft in Wien, studierte Germanistik und Komparatistik. 2017 debütierte er mit seinem Lyrikband „morgen glätten wir träume“, Graz: Edition Yara. 2021 erscheint sein Lyrikband „einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“, Berlin: Schiler&Mücke.
2019 wurde er mehrfach preislich ausgezeichnet und erhielt 2020 das Startstipendium für Literatur der Stadt Wien, sowie eine Residency im Salzburger Künstlerhaus. Im Herbst 2021 ist er Stadtschreiber in Stuttgart. Seit 2020 ist er, neben Martin Peichl, Mitbegründer der Lesereihe „Mondmeer & Marguérite“.

 

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Juliane Sophie Kayser | Café Rossi, Heidelberg

Foto: Alain Barbero | Text: Juliane Sophie Kayser

 

Fernweh

Ich schreibe deinen Namen in die Luft
Natürlich in kyrillischen Zeichen.
Dann falte ich mir
die Weltkarte
zu einem
Origami
und
lasse, die drei Länder,
die zwischen uns liegen
einfach in einem Knick verschwinden.
So nähe ich
deine Landesgrenze
an meine.
Dann klaue ich dir
ein paar Karpaten
und setze sie mir
mitten
vor das Brandenburger Tor.
Zum Trost all dessen,
was nicht sein darf.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Juliane Sophie Kayser: Schreiben ist für mich ein bisschen wie Fliegen. Die Schwerkraft verliert ihre Macht über mich. Alles Äußere, Fremde fällt von mir ab und allein das Innere übernimmt Regie. Lesen: Die Welt vergessen dürfen einen Moment.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JSK: Zusammen ist man weniger allein, genauer anders allein. In der anregenden Stimmen – und Bildkulisse kann ich meine Gedanken wachsen hören.
Und ich beobachte gnadenlos gerne Menschen. Die Schwingungen zwischen ihnen und die Blockaden wie z.B. das Staccato ihrer Kommunikation: alles Stoff.

Warum hast du das Café Rossi ausgewählt?
JSK: Das Rossi liebe ich für sein Großstadtflair.
Und weil es  genügend Platz hat. Ich brauche immer Platz. Platz im Raum. Platz im Kopf. Wenn ich an meine Lieblingscafés denke in Wien, Warschau, Berlin, Venedig – so ist das Rossi mein Fernweh-Ort.

 


BIO

Deutsch-amerikanischer Tagträumer, Nachtschwärmer, Dichter, Künstlerbotschafter bei IJM *, Schriftsteller, Wortweltenfinder, Ehepartner, Mutter von 3 Kindern und 4 Büchern. (Wenn Else Lasker-Schüler sich Prinz von Theben nennen kann, kann ich mich auch Schriftsteller nennen, wenn meine männliche Seite gerade am Steuer sitzt.)
www.julianekayser.d * www.ijm-deutschland.de

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Daniela Gerlach | Café Strickmann, Dortmund

Foto: Alain Barbero | Text: Daniela Gerlach

 

Papierweiß auf dem Glastisch, immer noch der grüne Untergrund. Tief grün so wie die Vergangenheit riecht, urgründlich. Frau W. stellt eine Tasse Kaffee darauf. Ein kurzer Blick, darin das Wissen der letzten 30 Jahre an diesem Ort. Erkennt sie mich?
Sie weiß etwas von mir, von dem ich nichts weiß.
Papierweiß. Ich schreibe nicht. Sie sieht auch das.
Der Kuchen in diesem Café tröstet über das Erfahrene und Überstandene hinweg, über das schlimme und schöne Erlebte, das Verlorene, in der Erinnerung aufbewahrt. Hier ist alles Sehnsucht. Ich frage überflüssigerweise: Wonach nur? In mir verborgen, jederzeit aus dem grünen Urgrund der Tische zu holen.
Ein Moment. Ein Ort, wo ich. Bin.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Daniela Gerlach: Sie ist von existentieller Bedeutung, eine Notwendigkeit. Ohne Literatur ist der Mensch nur ein halber. Und ich natürlich auch. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DG: Sie spiegeln das Spezifische eines Ortes, z.B. einer Stadt, wider. Darin tauche ich gerne ein. Es ist wie durch eine Wand zu gehen und dahinter zu schauen. Ich kann auf einmal mittendrin sein, meine Schlüsse ziehen oder überlegen, wie ich mich fühle.

Warum hast du das Café Strickmann ausgewählt?
DG: Weil ich zur Melancholie neige und sentimental bin. Das Strickmann erinnert an die Kaffeehaus-Kultur von einst, an etwas, von dem ich glaube, dass es verloren geht, das ist schmerzlich. Hier wird etwas Altes bewahrt und in unsere Zeit gereicht. Ein Geschenk. Außerdem ist der Kuchen gut und die Bedienung sehr freundlich.
Ich war schon als Kind hier. Diese Verbindung von der kleinen Daniela zu der Frau, die ich jetzt bin, das lässt mich sentimental werden.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
DG: Ich schau mich draußen um und hetze manchmal durchs Leben.

 

BIO

Daniela Gerlach wurde in Dortmund geboren. Lebt seit 1997 in Spanien, wo sie den Kultur-Salon la ñ betreibt. Pendelt zwischen Spanien und Ruhrgebiet. Verbandelt mit dem LiteraturRaumDortmundRuhr.
„Revierkönige“ (Roman); „Was das Meer nicht will“ (Roman, Stories&Friends).

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René Freund | Café Feichtner, Grünau im Almtal

Foto: Alain Barbero | Text: René Freund

 

Wir kommen auf die Welt und damit beginnt das Warten. Wir warten zuerst darauf, dass wir abgenabelt werden, dann auf den ersten Schluck Muttermilch, dann darauf, dass wir endlich alleine gehen können. Danach warten wir auf die Schule. Nach zwei Tagen Schule warten wir darauf, dass die Schulzeit endlich und für immer vorbei ist. Zwischenzeitlich warten wir auf den ersten Kuss. Immer warten wir auf schöneres Wetter. Wir warten auf den Zug, auf den Rauchfangkehrer und im Zahnarztwartezimmer. Wir warten hoffnungsfroh auf bessere Zeiten, und wir warten bange auf das Ende der besseren Zeiten. Wir warten auf höheren Lohn, auf die Lottomillion, auf die Pension und auf den Tatort am Sonntag. Wir warten nächtelang, dass der Schlaf kommt. Wir warten auf die Pizza, auf das Bier und letztendlich warten wir auf den Tod. Naja, auf den Tod warten wir vielleicht nicht, aber er erwartet uns.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
René Freund: Ein Lebensmittel!

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RF: Der beste Ort, um in Gesellschaft allein zu sein.

Warum hast du das Café Feichtner ausgewählt?
RF: Das ist bei mir ums Eck, die Leute sind nett und der Kaffee ist wunderbar.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RF: Tee trinken.

 

BIO

René Freund wurde am Valentinstag des Jahres 1967 in Wien geboren. Sein Taufpate, der Dramatiker Fritz Hochwälder, gab in der offiziellen Urkunde als seine Konfession „Schriftsteller“ an. Das muss irgendwie auf ihn abgefärbt haben. Er lebt seit 25 Jahren im oberösterreichischen Almtal und schreibt. Eine Übersicht über seine Bücher und Theaterstücke findet ihr auf seiner Webseite: http://www.renefreund.net/

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Ron Winkler | Ocelot, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Ron Winkler

 

Erratum

Ich muss das noch mal sagen: Die Füllmenge muss ein Roman sein, wenn nicht ein Gedicht. Deswegen hab ich all die Kommas bei mir, diese Regentropfen der Grammatik. Eine Tram fährt vor fürs Militär. Brauchst du einen Beleg dafür? Eine Tüte oder eine Geste, die das Überleben überlebt? Voller Sätze, die etwas unterhalb von hundert Grad durch die Tankmaschine müssen. Alle, die hereinkommen, blättern etwas um, fragen sich nach einem Namen. Ich hatte auch so ein Dynamitfahrrad, wie es vor dem Laden steht, der Handlung, dem Café. Das Fenster zwischen ihm und mir blüht ganztags Menschen ab, während ich in mein Notizbuch flirre (auf der einkommenssteuerabgewandten Seite meines Lebens). Ich muss das noch mal sagen. Die Welt (das Leben) ist das Cover zu diesem Ort (dem Leben). Und das Kaffeemehl sind alle einzelnen Sekunden, die ich hier gewesen, hier geworden bin. Ich stehe im Impressum: als das Material, Bezugsgröße für die durch Blumen geehrte Vase auf dem Tisch. Den es nicht gibt, den Sachverhalt, den fülle ich aus. So lexikalisch, wie ich bin. Mit Totenflecken, glaube ich. Vielleicht auch Koffeinextraktgestirnen im Kraftfeld der Achillesvase. Brennpunkten, zu keinem Text versammelt, zu keiner ozelotischen Geschwindigkeit. Eine Hitze weidet in der Stadt, mindestens zehntausend Seiten stark. Heu mit vielen Buchstaben: Weinbergspark. Eine Minute hier besteht aus zwanzig Bäumen, die ich nicht noch einmal sage. Bäume, die viel vorrätiger erscheinen als ich, viel draußener als ich, viel parkiger als ich. Aber ich kann gut desinfiktionalisieren, mich. Und bekomme trotzdem auf die Lippen: von den Bienenschwärmen aller Bücher. Von den Ganglien. Von den als Wort verpackten neuartigen Momenten. Die etwas vorahmen, ausrahmen, umahnen. Manchmal etwas Dreck einfahren ins Zentrum allen Feinpapiers. Das ziehe von der Steuer ab. Das tilge aus den Kommata. Das wünsche deinen ärgsten Schreibblockaden.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Ron Winkler: Oh.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RW: Sie können mich vor dem eigenen Apartment retten. Im Café erlege ich mir etwas Fremdes auf, andere Energien, Stimmen. Und die spezielle Nötigung durch andere Menschen. Ich kann begegnen oder nicht. Ich kann auf Poesie stellen oder versuchen, mich eine Zeitlang ihrer Mechanismen zu entledigen. Reboots sind essentiell.

Warum hast du das Ocelot ausgewählt?
RW: Wegen der Nähe und der Expertise, wegen Charme und Atmosphäre. Weil hier das Wahre, Schöne und Brillante eine Heimat ist und hat. Weil das Licht gut ist, die Balance zwischen der Ruhe dieses Ortes und all den äußeren Immissionen ausgeglichen. Wegen der Wärme der Familie: Maria, Ludwig, Jane, Eva, Magda, Lia, Alex, Hannah, Julia und Cecilia.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RW: Kind und Schach und Einkaufen und Bücher. Anregung und Unruhe aufstöbern. Gründe überlegen, ins Café zu gehen.

 

BIO

Ron Winkler, 1973 in Jena geboren, schreibt und übersetzt vor allem Gedichte. Herausgeber zahlreicher Lyrikanthologien. Seine Gedichte wurden in über fünfundzwanzig Sprachen übersetzt. In Mexiko, der Ukraine, England und der Slowakei erschienen Auswahlbände.

www.ronwinkler.de

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Regina Appel | Kaffee Alt Wien, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Regina Appel

 

Das Kaffeehaus hat keine Aufgabe. Es muss nicht glänzen. Es drängt sich nicht auf. Es will einem nichts andrehen. Das Kaffeehaus ist eine Institution. Das ist sein Erfolgsrezept. Voller Demut betritt man es und hofft von ihm geduldet zu werden.

Es ist ein Raum, der einem immer offensteht. Den man glaubt bespielen zu können. Doch eher bestimmt und formt er uns.

In einem Stammcafé hat Zeit keine Bedeutung. Die Jahre vergehen, die Gäste bestehen. Das gute Kaffeehaus ändert sich nicht. Und doch ist kein Besuch gleich.

Es gibt zwei Arten von KaffeehausgängerInnen. Jene, deren Wohnzimmer leer sind und jene, auf die jemand wartet. Im Kaffeehaus sind sie alle gleich. Denn dort gilt das Gesetz der stillen Grenzen. Man schreit nicht einfach „Hey“ über die Tische. Man braucht einen Grund, um jemanden anzusprechen. Das macht sie aus, die Gemütlichkeit.

Das Kaffeehaus hält unsere Gedanken fest. Wir hängen sie an Kleiderständer, kleben sie unter Bierdeckel, verreiben sie auf Glastischen. Und beim nächsten Besuch sind sie wieder da, erwarten uns. Manche Gedanken verstecke ich besonders gut. Auf der Innenseite der Bar oder unter einem Stapel Speisekarten. Und andere schmeiße ich auf den Boden, warte, dass jemand darauf tritt und sie hinausträgt in die Stadt.

Jeder Mensch hat sein Kaffeehaus. Eines, das ihm am besten passt. Wie ein guter Schuh. Man muss ihn erst eingehen. Am Anfang drückt er, irgendwann passt er und dann will man ihn gar nicht mehr ausziehen. Er wird nicht kaputt. Man wächst nicht heraus. Oder etwa doch?

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Regina Appel: Literatur bietet mehr Erkenntnis als Information.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RA: Die Möglichkeit die Anonymität in der Stadt zu reduzieren und sich in einem Sozialgefüge aufgehoben zu fühlen.

Warum hast du Kaffee Alt Wien ausgewählt?
RA: Das Alt Wien ist seit über zehn Jahren mein Stammlokal. Früher habe ich hier gelernt, dann gearbeitet. Jetzt komme ich zum Schreiben her.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RA: Relativ viel. So viel Zeit verbringe ich nicht im Kaffeehaus.

 

BIO

Regina Appel wurde 1987 im nördlichen Waldviertel geboren und lebt in Wien. Studium der Medieninformatik an der TU Wien. Arbeitet als Webentwicklerin. Sie schreibt seit 2018 kurze Geschichten. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und diversen Anthologien. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman.