Prune Antoine | Le Belfort, Berlin
Foto: Alain Barbero | Text: Prune Antoine | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach
Das Belfort in Berlin ist das Café, das mich vor Covid gerettet hat. Das einzige, das wunderbarerweise während der Pandemie geöffnet blieb, mit allem, was die Mutter eines kleinen Kindes braucht; Kaffee, Wein, Wodka, leckere Schokoladenbrötchen, „Brunch pompette* (ein denkwürdiges Konzept). Es ist mein Refugium, mein kleines Stück Frankreich auf teutonischem Grund.
*etwa „Brunch beschwipst“, Brunch mit Alkohol
Interview mit der Autorin
Du arbeitest seit Jahren über Osteuropa und Regionen politischer oder sozialer Spannungen. Was reizt dich an diesen Gebieten, in denen die Frakturen nach wie vor sichtbar sind?
Prune Antoine: Ich mag von Natur aus die Ambivalenz, das, was nicht definiert und klar ist, was in Bewegung ist. Ich kann nicht mit Gewissheiten umgehen, mit feststehenden Wahrheiten, Leuten, die immer und überall alles wissen: was man denken muss, was gut, was schlecht ist. Ich mag es, mich zu irren, Fehler zu machen, riskante oder absurde Entscheidungen zu treffen, das Leben verspielen, wie im Casino. Der post-sowjetische Raum trägt diesen permanenten Wandel in sich; schon allein deshalb, weil seine Einwohner in einer anderen Welt geboren wurden, aufgewachsen sind und gelebt haben und ihre Identität immer noch zu definieren suchen, oft als Reaktion auf eine herrschende Macht.
Du wechselst von einem Format zum anderen – Printmedien, Dokumentarfilm, Literatur: Schreibst du je nach Medium unterschiedlich, oder ist es immer der gleiche Blick, der durch diese Formen geht?
PA: Ich bin immer mehr der Meinung, dass die Art, wie man erzählt, manchmal genauso wichtig ist wie das, was man erzählt. Bestimmte Geschichten, intimere, laufen besser im Podcast, mit der Stimme, andere sind mehr visuell, andere für die Fiktion. Der Blick bleibt der gleiche. Und außerdem verändert sich der Journalismus, auch die Literatur. Seit einigen Jahren bin ich von den hybriden Erzählformen besessen.
Ich glaube nicht mehr an den Roman, weder an den Essay, noch an die Autofiktion, noch an all diese Etiketten, die Verleger und Marketingleute so lieben. Ich glaube, dass wir in einer Welt leben, in der die Grenzen durchlässig sind, in der sich die Bezugspunkte unaufhörlich verschieben und in der die Welt, in der wir aufgewachsen sind (die 80er Jahre), gerade dabei ist, zu zerfallen. Die Literatur muss diese Verschiebungen reflektieren. In meinen Büchern vermische ich oft Fiktion mit Sachliteratur. Die Grenzen zu verwischen scheint mir der ehrlichste Weg zu sein, um widerzuspiegeln, wie sehr die Realität heute fließend geworden ist. Fake News, KI … Ich weiß nicht, was in meinem Leben heute realer, wahrer ist: das, was ich auf meinem Smartphone sehe, meine chats auf WhatsApp oder der Kaffee, den ich mit einem Freund trinke? Und was die KI angeht, glaube ich auch, das der einzig mögliche Widerstand darin besteht, keine Muster erkennen zu lassen. Unvorhersehbar sein, Seitenschritte machen, auf unerwartete Weise Verbindungen knüpfen. Um jeden Preis aus dem Berechenbaren ausbrechen.
Ein Teil deiner Arbeit räumt den Stimmen der Frauen einen wichtigen Platz ein. Ist das eine bewusste Entscheidung bei deinem Vorgehen, oder etwas, das sich im Laufe deiner Recherchen ergeben hat?
PA: Sich für die Lage der Frau zu interessieren, heißt unweigerlich den Sinn des Wortes „Ungerechtigkeit“ zu entdecken. Dazu braucht man nicht nach Afghanistan zu reisen. Ein einfaches Gespräch mit deiner Großmutter oder einer Freundin, die sich scheiden lässt, erzählt dir alles, was man über Frauenrechte wissen muss, oder die Art, wie Männer zu allem bereit sind, um an der Macht zu bleiben. MeToo war eine Riesenchance, aber an den Strukturen hat sich bis jetzt wenig geändert. Die Justiz, die Politik: immer wird mit zweierlei Maß gemessen. Seit ich meine Tochter habe, frage ich mich ständig: was ist klüger? Zu versuchen, den Weg zu ebnen und die Arschlöcher zu beseitigen, damit sie nicht die gleichen Ungerechtigkeiten auf sich nehmen muss, oder sie zu wappnen, um sie auf das Chaos hier vorzubereiten und sie zu einer Söldnerin zu machen? Ich habe keine Antworten, aber ich hoffe, dass sie ein dickes Fell haben wird.
Was bedeutet ein Café in deinem Beruf, der von Reisen und einem sehr intensivem Leben geprägt ist – ein Ort zum Arbeiten, der Pause oder der Beobachtung?
PA: Alles drei. Ich habe drei Monate in Wien gelebt und La mère diabolique geschrieben, während ich fast alle Cafés dieser Stadt abgeklappert habe. Ich liebe es, auf einer Terrasse in Paris zu rauchen, ein Glas Wein zu trinken und die Leute zu beobachten, was nach wie vor unser Nationalsport ist. Wenn man schreibt, pausiert man selten – man bleibt auf der Lauer, eine Geste, ein Blick, eine Art zu sprechen. Schreiben, das heißt auch, das Leben hereinzulassen, es durch sich hindurchfließen zu lassen.
BIO
Prune Antoine ist Auslandskorrespondentin und Romanautorin mit Basis in Berlin. Sie ist Autorin dreier Bücher: La fille & le moudjahidine, das ihre Freundschaft mit einem aus Dagestan stammenden Flüchtling und Möchtegern-Dschihadisten in Syrien erzählt; L’heure d’été (Poche Points, 2020), ein Porträt von Berlin, zwischen Gentrifizierung, Unsicherheit und freier Liebe in Zeiten der Millenniels; und La mère diabolique (Denoël, 2024), ein Eintauchen in die Ambivalenz der Mutterschaft anhand der Geschichte von Christiane K., die wegen eines fünffachen Kindermordes während der Covid-Pandemie zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In der übrigen Zeit taucht sie in der Welt deutscher Neo-Nazis unter, recherchiert zur Remilitarisierung von Kaliningrad oder befasst sich mit dem Crystal-Meth-Geschäft in Mitteleuropa.










