Prune Antoine | Le Belfort, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Prune Antoine | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach 

 

Das Belfort in Berlin ist das Café, das mich vor Covid gerettet hat. Das einzige, das wunderbarerweise während der Pandemie geöffnet blieb, mit allem, was die Mutter eines kleinen Kindes braucht; Kaffee, Wein, Wodka, leckere Schokoladenbrötchen, „Brunch pompette* (ein denkwürdiges Konzept). Es ist mein Refugium, mein kleines Stück Frankreich auf teutonischem Grund. 

 

*etwa „Brunch beschwipst“, Brunch mit Alkohol

 


Interview mit der Autorin

Du arbeitest seit Jahren über Osteuropa und Regionen politischer oder sozialer Spannungen. Was reizt dich an diesen Gebieten, in denen die Frakturen nach wie vor sichtbar sind?
Prune Antoine: Ich mag von Natur aus die Ambivalenz, das, was nicht definiert und klar ist, was in Bewegung ist. Ich kann nicht mit Gewissheiten umgehen, mit feststehenden Wahrheiten, Leuten, die immer und überall alles wissen: was man denken muss, was gut, was schlecht ist. Ich mag es, mich zu irren, Fehler zu machen, riskante oder absurde Entscheidungen zu treffen, das Leben verspielen, wie im Casino. Der post-sowjetische Raum trägt diesen permanenten Wandel in sich; schon allein deshalb, weil seine Einwohner in einer anderen Welt geboren wurden, aufgewachsen sind und gelebt haben und ihre Identität immer noch zu definieren suchen, oft als Reaktion auf eine herrschende Macht. 

Du wechselst von einem Format zum anderen – Printmedien, Dokumentarfilm, Literatur: Schreibst du je nach Medium unterschiedlich, oder ist es immer der gleiche Blick, der durch diese Formen geht? 
PA: Ich bin immer mehr der Meinung, dass die Art, wie man erzählt, manchmal genauso wichtig ist wie das, was man erzählt. Bestimmte Geschichten, intimere, laufen besser im Podcast, mit der Stimme, andere sind mehr visuell, andere für die Fiktion. Der Blick bleibt der gleiche. Und außerdem verändert sich der Journalismus, auch die Literatur. Seit einigen Jahren bin ich von den hybriden Erzählformen besessen.
Ich glaube nicht mehr an den Roman, weder an den Essay, noch an die Autofiktion, noch an all diese Etiketten, die Verleger und Marketingleute so lieben. Ich glaube, dass wir in einer Welt leben, in der die Grenzen durchlässig sind, in der sich die Bezugspunkte unaufhörlich verschieben und in der die Welt, in der wir aufgewachsen sind (die 80er Jahre), gerade dabei ist, zu zerfallen. Die Literatur muss diese Verschiebungen reflektieren. In meinen Büchern vermische ich oft Fiktion mit Sachliteratur. Die Grenzen zu verwischen scheint mir der ehrlichste Weg zu sein, um widerzuspiegeln, wie sehr die Realität heute fließend geworden ist. Fake News, KI … Ich weiß nicht, was in meinem Leben heute realer, wahrer ist: das, was ich auf meinem Smartphone sehe, meine chats auf WhatsApp oder der Kaffee, den ich mit einem Freund trinke? Und was die KI angeht, glaube ich auch, das der einzig mögliche Widerstand darin besteht, keine Muster erkennen zu lassen. Unvorhersehbar sein, Seitenschritte machen, auf unerwartete Weise Verbindungen knüpfen. Um jeden Preis aus dem Berechenbaren ausbrechen. 

Ein Teil deiner Arbeit räumt den Stimmen der Frauen einen wichtigen Platz ein. Ist das eine bewusste Entscheidung bei deinem Vorgehen, oder etwas, das sich im Laufe deiner Recherchen ergeben hat?
PA: Sich für die Lage der Frau zu interessieren, heißt unweigerlich den Sinn des Wortes „Ungerechtigkeit“ zu entdecken. Dazu braucht man nicht nach Afghanistan zu reisen. Ein einfaches Gespräch mit deiner Großmutter oder einer Freundin, die sich scheiden lässt, erzählt dir alles, was man über Frauenrechte wissen muss, oder die Art, wie Männer zu allem bereit sind, um an der Macht zu bleiben. MeToo war eine Riesenchance, aber an den Strukturen hat sich bis jetzt wenig geändert. Die Justiz, die Politik: immer wird mit zweierlei Maß gemessen. Seit ich meine Tochter habe, frage ich mich ständig: was ist klüger? Zu versuchen, den Weg zu ebnen und die Arschlöcher zu beseitigen, damit sie nicht die gleichen Ungerechtigkeiten auf sich nehmen muss, oder sie zu wappnen, um sie auf das Chaos hier vorzubereiten und sie zu einer Söldnerin zu machen? Ich habe keine Antworten, aber ich hoffe, dass sie ein dickes Fell haben wird. 

Was bedeutet ein Café in deinem Beruf, der von Reisen und einem sehr intensivem  Leben geprägt ist – ein Ort zum Arbeiten, der Pause oder der Beobachtung?
PA: Alles drei. Ich habe drei Monate in Wien gelebt und La mère diabolique geschrieben, während ich fast alle Cafés dieser Stadt abgeklappert habe. Ich liebe es, auf einer Terrasse in Paris zu rauchen, ein Glas Wein zu trinken und die Leute zu beobachten, was nach wie vor unser Nationalsport ist. Wenn man schreibt, pausiert man selten – man bleibt auf der Lauer, eine Geste, ein Blick, eine Art zu sprechen. Schreiben, das heißt auch, das Leben hereinzulassen, es durch sich hindurchfließen zu lassen. 


BIO

Prune Antoine ist Auslandskorrespondentin und Romanautorin mit Basis in Berlin. Sie ist Autorin dreier Bücher: La fille & le moudjahidine, das ihre Freundschaft mit einem aus Dagestan stammenden Flüchtling und Möchtegern-Dschihadisten in Syrien erzählt; L’heure d’été (Poche Points, 2020), ein Porträt von Berlin, zwischen Gentrifizierung, Unsicherheit und freier Liebe in Zeiten der Millenniels; und La mère diabolique (Denoël, 2024), ein Eintauchen in die Ambivalenz der Mutterschaft anhand der Geschichte von Christiane K., die wegen eines fünffachen Kindermordes während der Covid-Pandemie zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In der übrigen Zeit taucht sie in der Welt deutscher Neo-Nazis unter, recherchiert zur Remilitarisierung von Kaliningrad oder befasst sich mit dem Crystal-Meth-Geschäft in Mitteleuropa.

Ruth Loosli | Coalmine Café, Winterthur (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Ruth Loosli

 

Café Coalmine Bar

Eine Bücherwand wo früher Kohle lag
Eine Bücherwand wo ein Ich verschwinden kann
In die Geschichten hineinkriechen
nachdem es den Kaffee getrunken
(Kaffee auf dem Handelsweg aus Indien)

Die Farben der Bücher verlocken
zu einem Ausflug in unbekannte Welten
Das Ich ist ein Insekt sucht nach Nektar
Welche Worte bilden Nektar für meine Fühler
(Suhrkamp hat geliefert)

Das Büchergestell ist hoch man bräuchte
eine Leiter es ist langgezogen von einem Ende 
des Raumes bis zur Bar wo hantiert wird dem 
Milchkaffee ein Muster zugewiesen eine kleine Poesie
(Suhrkamp liefert schon lange nicht mehr)

Doch die Farben der Buchrücken bleiben
Einstweilen verkörpern sie das Einmaleins der Themen
Alles verschiebt sich ein bisschen doch über 
Liebe und Tod kommt niemand hinweg
(Das Muster löst sich auf beim zweiten Blick)

Deshalb schreibe und lese ich! dieses Erforschen
und Verschmelzen der Gegenwärtigkeit lässt Trauer
ebenso zu wie die Feier des Lebens an sich es bleibt
ein Geheimnis es bleibt die Liebe es bleibt die Lücke
(da fallen wir ständig hinein; wir bestellen ein Glas Wasser).

 


Interview mit der Autorin

Wie können wir uns angesichts der gegenwärtigen Weltlage noch gemütlich in ein Café setzen?
Ruth Loosli: Gemütlich ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist ein Forschen, ein Zusammenkommen, ein Austausch. Mit anderen Menschen, Kulturen, Weltansichten. Dabei das universell Verbindende im Auge behalten, den Respekt füreinander.

Warum noch schreiben und lesen?
RL: Den Horizont fortwährend erweitern, auf diese Weise dem Leben zugewandt bleiben. 

Ist das Café (oder das Café, das du gewählt hast) eher ein Rückzugsort, ein Ort der Besinnung oder ein Ort der Versammlung? 
RL: Eher ein Ort der Versammlung. Es werden viele kulturelle Veranstaltungen durchgeführt.

 

BIO

Ruth Loosli, geboren 1959 im Seeland in der Schweiz, lebt in Winterthur. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien; erschienen sind Kindergeschichten, ein Roman, ein Kurzgeschichtenband und mehrere Lyrikbände, der letzte, «Ein Reiskorn auf meiner Fingerkuppe», erschienen im Caracol Verlag, erhielt 2023 einen Anerkennungspreis der Stadt Zürich. Schriftbilder entstehen, eines wurde ausgewählt fürs Plakat von «Zürich liest» 2023. In der Galerie Weiertal sind 2026 neue Schriftbilder zu sehen. Das Bilderbuch EIN TAG FÜR UNS erscheint im Baeschlinverlag. www.ruthloosli.ch 

Dejan Gacond | Café L’Antabuse, La Chaux-de-Fonds (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Dejan Gacond | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp

 

Begegnung

Wir sprachen davon, anders zu leben. Zwangsläufig. Wir waren woanders. 
Wir sprachen von Bildern, die sich im Verlauf der Begegnungen verfestigen. Von der Zeit, die bis zum Augenblick eines Fotos verrinnt. Von langsam durchziehenden Ideen. Von der abdriftenden Wirklichkeit. 
Wir erinnerten uns an unsere vergangenen Aktivitäten. 
Er in den Zügen. Ich, hier, im Café Antabuse. 
Erinnerung an den Fluss. Erinnerung an das Fließende. 
All die vorbeiziehenden Städte. 
All die entfliehenden Leben. 
Wir trafen uns in einer Bar ohne Schild, die den Namen eines Medikaments gegen den Alkohol trägt. 
In einem Club des Nichts für all jene, die vom großen Ganzen vergessen wurden. 
Hier ist das Anderswo… und das Anderswo, das ist der Ort der Utopien, weißt du? 
Das Bild ist erstarrt. Der Augenblick ist verdampft.

 


Interview mit dem Autor

Welchen Stellenwert haben Cafés in deiner Vorstellung als Schriftsteller? Sind sie für dich Orte der Inspiration, des Rückzugs oder der Konfrontation mit der Realität?
Dejan Gacond: Angesichts der Geschwindigkeit der Realität sind Cafés Räume willkommener Langsamkeit. Cafés sind wie Fotografien, die den großen Film der Welt anhalten. Ohne dass sie außerhalb der Realität stünden, sind Cafés beruhigende Inseln. Sie sind gleichermaßen Orte der Inspiration wie des Rückzugs. Sie ermöglichen aufrichtige Begegnungen, vielfältige Horizonte, sich vermengende Ideale. Cafés inspirieren mich. Ich verliere mich in ihnen; sie nähren und tränken mich, auch das muss man sagen. Cafés knüpfen dort wieder an die Magie an, wo sich die Welt in ihrer gewaltsamen Beschleunigung verloren hat. Ich gehe nicht dorthin, um zu schreiben, sondern eher, um meine Arbeit des Tages dort ziehen oder sich auflösen zu lassen.

Das Café „L’Antabuse“ strahlt eine gewisse Marginalität aus, ein wahrer Gegenpol zu einer oft glatt und durchgeplant wirkenden Welt. Erkennst du dich in dieser Form der Dissidenz wieder? Ist dein Schreiben ein Akt des Widerstands gegen zeitgenössische Normen?
DG: Mein Schreiben ist kein Widerstand gegen kulturelle Normen, die in der Tat oft glatt und durchgeplant sind. Ich habe jedoch den Willen, die Literatur aus ihren Komfortzonen herauszuholen, Poesie mit Menschen zu teilen, die ihr von vornherein verschlossen gegenüberstehen. Und ich will die etablierten Codes ein wenig aufmischen. Das Antabuse ist ein Ort voller Außenseiter, voller Menschen, die aus dem sozialen Raster fallen oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Ich finde mich dort auf andere Weise wieder. Oft steckt in der rohen Realität des Antabuse mehr Poesie als in den etablierten Museen. Eine Poesie in Freiheit. Intensiv. Ohne Filter. Zudem sind Orte wie das Antabuse Schauplatz von Ereignissen, die sich keine Fiktion hätte ausmalen können…

Wo fühlst du dich zu Hause?
DG: Überall dort, wo es einem „Anderswo“ gleicht.

 

BIO

Dejan Gacond lebt und arbeitet in La Chaux-de-Fonds (Schweiz). Das Wort steht im Mittelpunkt all seiner Projekte. Wörter, die in immersiven Installationen geteilt werden, in Büchern, aber auch auf der Bühne, durch Musik- und Theaterprojekte. Seit etwa fünfzehn Jahren konzipiert und realisiert er gemeinsam mit dem New Yorker Künstler Kit Brown die Installationen A Kaleidoscope of nothingness. Dejan ist zudem auf Musikbühnen zu Hause und arbeitet mit zahlreichen Künstlern und Musikern zusammen, darunter die Underground-Ikone Lydia Lunch.

Bernd Lüttgerding | Café De Kat, Antwerpen

Foto: Alain Barbero | Text: Bernd Lüttgerding

 

Gesang für die Katz‘
Ich trete in den Blick des Zapfers,
der mich von der Theke her taxiert
und stoße gegen einen Hundenapf, der
scheppernd meinen spitzen Tritt pariert.

Gesehen sein ist mir willkommener
Beweis, dass es mich gibt, dass ich
hier wirklich bin und kein verschwommener,
in Zeit sich lösender Gedankenstrich.

Ich greife den Stuhl am Rande bei der
von vielen Fingern gefetteten Lehne,
doch auf ihm sitzend finde ich leider
nicht gleich Haltung. Dies die Szene.

Jetzt werden Stunden eingestampft,
und was sie füllen kann, verdampft.
Was hab ich heut getan geschafft?
Ich trags beschwingt mit halber Kraft,

mir ausgemalt in Gold, gekrönt mit Schaum
nun hin und wieder zum Pissoir
und denke, noch so ein verlornes Jahr
wie die zwei vorigen, doch stört das kaum.

Denn meinen Heimweg kenne ich, ich weiß,
wo Gleise nach den Fahrradreifen schnappen,
ich kenn die Straße vor mir, flirrt und peitscht
sie nicht wie ein nervöser Katzenschwanz?

Erlösung, schön. Ich kenn auch deren Preis,
und ohne Jammern will ich ihn berappen,

wenn Tagesanbruch mir die Brust zerfleischt
und grunzend dort nach meinem Herzen heischt;
mit blutverschmiertem Maul setzt er es in den Glanz
von Gold und Schäumen seiner himmlischen Monstranz.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Bernd Lüttgerding: Literatur ist die Brücke, die mich mit den Dingen des Lebens verbindet; sie ist mein Fahrzeug (oder „Weg“, im Sinne des yāna im Buddhismus, falls das ein zulässiger Vergleich ist), auf dem ich denke und versuche, mich mir selbst, meinen Mitmenschen, der Erde vielleicht, dem Universum oder Gott, wenn man den in diesem Rahmen bemühen will, anzunähern. Leider klingt das ein bisschen aufgeblasen. Ich finde schlichtweg, Literatur ist eine große Sache.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BL: Das Café ist ja eine Illusion. Als sozialer Raum tut es so, als wäre es eine Kreuzung aus Wohnzimmer und Welt, obwohl es auch eine aus Filterblase und Einzelhandel ist. An den traditionelleren belgischen Cafés gefallen mir die großen Fenster, die ersteres betonen. Ich sitze da, ausgestellt (wie in einem Aquarium), aber gleichzeitig beschützt (wie in einem Gewächshaus) und kann mich im Wechsel aufs Sehen und auf meine Sichtbarkeit konzentrieren, wenn mir danach ist. Ich schreibe nicht in Cafés, oder nur, wenn sich meine Arbeit am Schreibtisch festgefahren hat und ich Störung brauche, Widerstände von außen, die meine inneren Widerstände aufwiegen und bestenfalls aufweichen. Am wichtigsten finde ich Cafés für Gespräche. Dort, in diesem schützenden und störenden Raum einem Freund oder einer Freundin gegenüber zu sitzen und zum Beispiel die Darstellung des Hintergrunds im Bild, den Hexameter als Lokomotive einer Erzählung, die Schmerzpunkte der Weltlage zu verhandeln, oder gemeinsam gesprächlich die seltsamen Gärten von Liebe und Trauma zu durchwandeln, davon kann ich meistens ein paar Tage lang zehren.

Warum hast du das Café De Kat ausgewählt?
BL: Als ich noch in Brüssel gewohnt habe, mochte ich das Café Au Daringman mit seiner sublimen Holzvertäfelung mit feuerroten Einlagen und den ebenso feuerroten Tischplatten und hinter der Theke Martine, die, glaube ich, mit ihrer erstaunlichen Kraft auf ihre Gäste einen gleichzeitig belebenden und tröstenden Einfluss hatte. Aber den Daringman gibt es nicht mehr. Außerdem wohne ich wieder in Antwerpen, wo ich zwischen mehreren Cafés wählen kann, die mir gefallen. In De Kat saß ich vor vielen Jahren mal spät abends, als eine Gruppe von Leuten hereinkam und zu schreien und zu poltern begann. Der Wirt hat sie umgehend rigoros beruhigt, denn in De Kat ist nicht Der Kunde König, sondern Die Kunden sind alle zusammen König. Das mag ich.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BL: Schreiben, lesen, mein praktisches Leben bewältigen, spazierengehen, trödeln, Unfug treiben. Das meiste ist aber doch in einem teils höheren, teils niederen Sinne Arbeit.

 

BIO

Bernd Lüttgerding, 1973 in Peine geboren, lebt seit 2008 in Belgien (Antwerpen, Brüssel). Er schreibt Romane (Gesang vor Türen, Berlin 2020), Gedichte (Stäubungen und Der rote Fuchs beider parasitenpresse in Köln) und gelegentlich Rezensionen. Seit 2020 arbeitet er an dem epischen Gedicht Im Wartesaal, in dem sich die Geschichte der Menschheit im Prisma eines müden Einzelmenschen bricht.

Heike Fiedler | Café Gavroche, Genf

Foto: Alain Barbero | Text: Heike Fiedler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Ich bin hier wegen der köstlichen hausgemachten Limonade, wegen der herzlichen Atmosphäre, wegen der engagierten Diskussion junger KünstlerInnen am anderen Tisch, wegen der Sonne, die ihr Licht durch die Glasfassade wirft, wegen des Regens, der fällt, wenn es regnet. Das Café Gavroche ist nach einer Figur aus Victor Hugos Roman „Les Misérables“ benannt. Dieser habe sich, sagt man, von dem Gemälde „La Liberté guidant le peuple“ (Die Freiheit führt das Volk) von Eugène Delacroix inspirieren lassen.
Da hinten ein farbiges Fresko: darauf sieht man eine multikulturelle Demonstration gegen den Krieg, wie das einzige Transparent im Vordergrund zeigt, wenn man es nicht schon beim bloßen Betrachten errät: stop war. An der Wand der kleinen Nische hinter der Bar ein nüchternes Poster im A4-Format, neunzehn goldene Buchstaben auf schwarzem Grund: kein mensch ist illegal.
An einer der anderen Wände, das Gedicht Liberté von Paul Eluard, illustriert von Fernand Léger, natürlich als Reproduktion. Vor einigen Tagen arbeitete ich hier mit Maryam Jafari Azarmani, eine Dichterin aus dem Iran, es ist nicht unbedeutend, es in diesem Kontext zu erwähnen. Da ist auch die Erinnerung an zwei Lesungen, an denen ich im Gavroche teilgenommen habe, von denen die früheste auf die Einführung des Sammelbandes an deiner statt/ à ta place, herausgegeben und organisiert von Les Editions d’en bas, zurückgeht. Rund um meinen Tisch herum unser Kommen und Gehen in der Welt, die, trotz allem, atmet, allem zum Trotz, weitergehen, kreieren, andere Orte und andere Realitäten entdecken, Bücher lesen, vor allem schreibe ich. Im Wort „schreiben“ (écrire) steckt der Schrei (le cri), das Lachen (rire)*; auf der ständigen Suche nach unseren Freiheiten, die Felsen ritzen, gavrocher/ felsritzen** gegen Macht und Herrschaft. Danke an das Café Gavroche, danke an Devrim, seit 20 Jahren die leitende Kellnerin, für diesen Ort der Ruhe in der herrschenden Unruhe. Ich verlasse das Café, um ein türkisches Wort reicher: Devrim bedeutet „Revolution“.   

 

* Wortspiel funktioniert nur im Französischen (Anm. Übers.)
** gavrocher: von der Autorin des Textes beigesteuertes Wort (gavrer – (ein)ritzen und rocher – Felsen, Anm. Übers.)

 


Interview mit der Autorin

Deine Arbeit liegt zwischen Textseite, Stimme, Performance. Hast du schon die Szene im Kopf, wenn du schreibst, denkst du schon an die Stimme und den Körper, oder kommt die performative Dimension erst im Nachhinein?
Heike Fiedler: Ich denke nicht an die Stimme und den Körper, ich schreibe mit der Stimme und mit dem Körper. Mein Schreiben entsteht in dieser Interaktion, die verschiedene Formen annehmen und generieren kann. In diesem Sinne ist Schreiben an sich ein performativer Akt. Der Klang der Wörter, der Klang der Sätze und der Buchstaben ist auch sehr wichtig: diese sonore Materialität der Sprache ruft oft die Fragmente hervor, die in einem bestimmten Text präsent sind. So sind zwischen Klang und Sinn zum Beispiel meine Gedichte, in denen verschiedene Sprachen nebeneinander existieren, entstanden. Was die Bühne betrifft, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass die zu füllende „leere Seite“ selbst eine Bühne darstellt, auf der sich der Text entfaltet. Ich nehme den Raum der Performance als eine Art Verlängerung der Seite wahr, oder aber als „Schreib-Szene“, ein Konzept, das ich aus der Literaturforschung entlehne. Aus dieser Perspektive heraus ist das Performen selbst für mich ein Akt des Schreibens, vor allem, wenn ich audiovisuelle Technik einsetze. Das Zusammenfinden der vorhandenen Elemente, die Gesten, die aufeinanderfolgen und sich überlagern, aber auch die Ko-Präsenz der sich im Performance-Raum befindenden Personen, lassen einen neuen Text entstehen, der (vielleicht) über den hinausgeht, der zu Beginn vorhanden war.     

Wie können wir angesichts der Weltlage noch gemütlich im Café sitzen?
HF: Diese Frage ist allgegenwärtig in einem weiteren Sinn: Wie essen, schreiben, ins Kino gehen, wie an einem warmen Ort schlafen, tanzen, feiern, wie weitermachen angesichts der Weltlage? All das tun, trotz allem, das ist ein Akt des Widerstandes, gewiss ein minimalistischer, dennoch nicht zu ignorieren. Versuchen dem Inaktiv-, Passiv-, Deprimiert-Werden zu widerstehen, während man die Wahl hat oder lernt, zu wählen; unsere täglichen Handlungen hinterfragen, im Bewusstsein neuer Herausforderungen, die sozio- und interkulturelle Forschungen und Praktiken erfolgreich entwickelt und thematisiert haben. Die Welt in die Cafés einlassen: sich treffen, diskutieren. Gemeinsam die kapitalistische und patriarchalische Kolonisierung des Denkens abbauen. Das ist nicht immer bequem, aber ach wie köstlich, wie ein guter Kaffee oder eine gute heiße Schokolade – hergestellt wo? Von wem, unter welchen Bedingungen, wie sind sie bis hierher gelangt, bis zu meinem Mund, in mein Inneres …

Wo fühlst du dich zuhause?
HF: Ich fühle mich in den Räumen wohl, in denen ich ein Fließen, ein Zirkulieren der positiven Energien spüre, also gewaltfreier, einladender und nicht ausgrenzender, horizontaler Energien, um es anders auszudrücken. Die Vorstellung, die ich mit dem Begriff assoziiere, sei es „bei mir“ oder „bei dir“ oder oder einfach „zuhause“, spiegelt diese Aspekte wider. Die Vorstellung vom Fluss verweist auch auf die Durchlässigkeit von Grenzen. Das ist auch ein Lebensprozess, mit Prüfungen, die manchmal schwer zu bewältigen sind. Jedenfalls habe ich es seit meinem jungen Erwachsenenalter vorgezogen, in kollektiven und gemeinschaftlichen Lebensstrukturen zu leben; angefangen damit, dass ich das erfahren habe, junge Student*innen, die wir waren, mit unseren Kindern in einem Chalet in Genf. Dort haben wir, zu mehreren in der gleichen Situation, unsere Freuden und Pflichten geteilt und strukturiert. Zurzeit ist meine Wohnung Teil einer Genossenschaft, mein erweitertes Zuhause. Es ist in diesen Extensionen, in diesen Zwischenräumen, wo Freiräume geschaffen werden.

 

BIO

Heike Fiedler (CH/D) – Schriftstellerin, Performerin, Laut- und visuelle Poetin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Genf, wo sie einen Masterabschluss in Literaturwissenschaft, sowie ein Zertifikat in Gender Studies erworben hat. Heike Fiedler schreibt auf Französisch, auf Deutsch und zwischen den Sprachen. Sie liest und performt ihre Texte auf Festivals international, sie ist in kollektive Projekte involviert, hat bisher acht eigene Bücher veröffentlicht und arbeitet z.Zt. an einer Lyrikübersetzung. Für ihr Schaffen erhält sie Förderungen von Pro Helvetia, der Stadt und dem Kanton Genf. https://heikefiedler.ch/

 

Peter Großmann | Leuthold’s 1910, Castrop-Rauxel

Foto: Alain Barbero | Text: Peter Großmann

 

Mitten im Herzen von Castrop-Rauxel, direkt am Altstadtmarkt, liegt ein Café, das für mich mehr ist als nur ein Ort für Kaffee und Kuchen: Leuthold’s 1910.
Das Gebäude selbst ist historisch, und der Name „1910“ bezieht sich auf das Baujahr des Hauses. Die Einrichtung spielt bewusst mit diesem historischen Flair und erinnert an elegante Brasserien um die Jahrhundertwende. Hohe Decken, eine Galerie und geschmackvolle Details erzeugen eine Art kleine Zeitreise.  

Hier pulsiert ein kleines Stück Ruhrgebietsleben.
In einer ehemaligen Bergarbeiterstadt wie Castrop-Rauxel erfüllt ein Café heute oft weit mehr als nur die klassische Rolle. Es wird zu einer Art sozialem Wohnzimmer der Stadt.  

Früher bestimmten Zechen, Schichtarbeit und harte körperliche Arbeit den Alltag vieler Menschen. Mit dem Ende des Bergbaus verschwanden nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch viele Treffpunkte der alten Arbeiterkultur. Kneipen, Vereinsheime und Kantinen verloren an Bedeutung. Und auch die traditionelle Idee des Frühschoppens, bei der die Bergleute sich am Sonntag vormittag in der Kneipe trafen, um zu reden und natürlich, manchmal auch zu viel zu trinken. Diese Zeiten sind vorbei.

Aber ein Café wie 1910 kann diese Lücke teilweise schließen. Es wird zu einem Ort der Begegnung für unterschiedliche Generationen. Menschen treffen sich dort regelmäßig zum Austausch, erzählen Geschichten aus der guten alten Bergbauzeit und halten damit ein Stück Stadtgeschichte lebendig. Gleichzeitig nutzen jüngere Menschen oder Familien das Café als Treffpunkt, um zu arbeiten, zu lesen oder Freunde zu treffen. 
So entsteht eine Mischung aus Erinnerung und Gegenwart.

Ein Café kann außerdem Symbol für den Wandel einer Stadt sein. Wo früher Fördertürme und Industrie das Bild prägten, entstehen heute kulturelle Orte.  

Gerade in einer Stadt wie Castrop-Rauxel kann ein Café deshalb wie ein kleines städtisches Lagerfeuer wirken: Menschen setzen sich zusammen, erzählen, diskutieren und knüpfen neue Verbindungen. In einer Zeit, in der sich wirtschaftliche Strukturen verändern, helfen solche Orte dabei, Gemeinschaft, Austausch und ein Gefühl von Heimat zu bewahren.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Auf deiner Website steht „Peter Großmann hat zu tun“. Findest du bei deinem Terminkalender noch Zeit, ins Café zu gehen? 
Peter Großmann: Mein Terminkalender ist zwar voll, aber ich habe durch die Arbeit im ARD Morgenmagazin einen großen Vorteil: Ich bin schon zur besten Kaffeezeit gegen 11 wieder zuhause in Dortmund und kann ab und zu deshalb einen schnellen Kaffee genießen. Manchmal im 1910, wie auf dem Foto, aber es gibt jede Menge andere Möglichkeiten in der Nähe, die mich da bestens versorgen. Rund um meinen Wohnort gibt es in ehemaligen Industrieanlagen tolle Locations.

Sind Cafés wichtig? Welche Bedeutung haben solche Orte für dich?
PG: In  Cafes serviert man eigentlich etwas Größeres als gemahlene Bohnen mit Wasser: ein Gefühl von Zuhause. Insofern ist das schon mal ein Argument für einen Besuch. Sitzen, Lesen, Menschen treffen und beobachten oder auch einfach nur Abschalten ebenfalls. Im besten Fall ist der Besuch eine kleine Flucht aus meinem Alltag, der neue Kräfte freisetzt. 

Sport für Kinder ist dir wohl ein Anliegen. In welche Zukunft gehen diese Kinder?
PG: Es wäre schön, wenn Kinder in eine bewegte Zukunft gehen würden. Also zum einen in ein spannendes, aufregendes Leben, das täglich gefühlsmäßig „bewegt“. Zum anderen aber sollte es auch ein Leben in Bewegung sein, die ja aktuell den meisten Kindern fehlt in Zeiten von Eltern-Taxi und Handy.

 

BIO

Peter Großmann ist langjähriger Fernseh- und Radiomoderator für den WDR in Köln. 
Seit Mitte der 2000er Jahre ist er als Autor tätig. Er schreibt Biographien, Bücher, die sich mit Gesundheit und Sport beschäftigen, und hat eine Romanserie über eine Mädchenfußball-Mannschaft veröffentlicht.
Seine Freizeit gehört der Familie und dem Sport. Man findet ihn dann auf dem Rad und auf dem Golfplatz.
Er ist verheiratet, hat 2 Kinder und lebt seit seiner Geburt in Dortmund . 

Dunia Miralles | Brasserie de la Fontaine, La Chaux-de-Fonds (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Dunia Miralles | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach

 

Oft verändern die Cafés diejenigen, die sie allzu eifrig besuchen. Ich gehöre zu den Veränderten. Mein erster Roman beginnt übrigens mit einer Bistro-Szene. 

Ob man hier von den AA geduldete Getränke oder alkoholisierte Tropfen konsumiert, die Bars, Brasserien und Pubs, sogar die Cafeterias und Tea-Rooms verändern uns, wenn wir uns auf ihren häufig wackeligen Stühlen den Hintern durchscheuern. Das erste Mal, als ich eine Kneipe betrat, ohne dass mich ein Erwachsener begleitete, war ich wohl etwa dreizehn. Es war nach der Schule und ich habe einen «Perroquet» (Pastis mit grünem Minzsirup) getrunken. Na ja, das verändert das Dasein und das Verhältnis zur Welt. Im Laufe der Zeit, nachdem ich gesehen hatte, wie viele Freunde ihr Leben an den Grund eines Glases versenkten, ja darin verloren, kam ich, vom Kneipenstuhl zum Bürostuhl, dazu, ein ganzes Buch zu schreiben, während ich in aller Herrgottsfrühe schon einen mit Mineralwasser begradigten Wodka pichelte. 

Gegenwärtig gehe ich selten in ein Café. Zuhause beneble ich mir vor dem Computer nicht mehr die Birne. Dennoch bewahre ich eine gewisse Zärtlichkeit für diese Orte, an denen man zuhören, Menschen treffen, sich austauschen, träumen, erzählen, beobachten, schreiben kann… Die Brasserie de la Fontaine ist der authentische, gesellige Ort, der am nächsten bei der Buchhandlung liegt, die an jedem beliebigen Werktag jedes beliebigen Jahres alle meine literarischen Veröffentlichungen verkauft. Da komme ich nach den Signierstunden hin und manchmal, um etwas Kleines zu essen. Und ja, selbst wenn ich einen Verveine-Orangentee schlürfe, kann ich nur feststellen, dass solche Orte uns verwandeln. Nicht bloss wegen der Flüssigkeiten, die unsere Wahrnehmung verändern, sondern weil man, wenn man genug Zeit dort verbringt, schliesslich seine Seele entblösst oder die von jemand anderem stiehlt. Ob man nun einen Schoppen trinkt oder kalte Milch.

 


Interview mit der Autorin

Was vermag Literatur?
Dunia Miralles: Ich teile die Literatur in drei Kategorien ein: Jene, die lehrt, jene, die entführt, jene, die einen Spiegel vorhält. Letztere ist Balsam für Menschen, die mit misslichen Situationen konfrontiert sind. 

Welche Bedeutung haben die Cafés für dich? 
DM: Ohne den beachtlichen Platz, die die Cafés auf meinem Weg ins Erwachsenenleben eingenommen haben, würde ich wohl anders schreiben. Ich verdanke ihnen – zum Teil – meinen literarischen Stil. Gegenwärtig sind sie für mich bloss noch Orte, an denen ich zwischen zwei Verabredungen an der Wärme warte. Dank Bistros im alten Stil, wie die Brasserie de la Fontaine, mit Gästen jeden Alters und aus allen sozialen Milieus, kann man der wachsenden Einsamkeit widerstehen, die die überhandnehmende Digitalisierung mit sich bringt. 

Wo fühlst du dich zuhause?
DM: Ich habe melancholische Anwandlungen, die mich aus heiterem Himmel vereinnahmen und daran hindern, mich irgendwo zuhause zu fühlen, egal wo. Doch trotz des Niedergangs der Welt und des Pessimismus, der mir anhaftet, ist es für mich lebenswichtig, Freude zu empfinden, ohne Schuldgefühle zu haben. Die durch depressive Zustände oder Anflüge von Verbitterung hervorgerufene Lähmung hat nicht die Kraft, die Menschheit positiv zu verändern. Im Gegenteil. Es ist wichtig, in Momenten einfachen Glücks neue Kraft zu schöpfen, auch wenn diese flüchtig sind. Man braucht weder einen Guru noch ein Selbsthilfebuch, um das zu schätzen, was uns kostenlos geschenkt wird: ein Stück blauer Himmel, das Zwitschern eines Vogels oder das Lächeln eines Kindes.

 

BIO

Dunia Miralles lebt in der Schweiz. Im Jahr 2000 hat der Pariser Verlag Editions Baleine ihren ersten Roman veröffentlicht: Swiss Trash. 2015 wird Inertie mit dem Bibliomedia Preis ausgezeichnet. 2023 bringt sie in Le Baiser d’Anubia die Borderline-Persönlichkeitsstörung zur Sprache, und in Le Gouffre du Cafard das Mobbing in der Schule. 
Dank eines Stipendiums der Association Neuchâteloise pour la Création Littéraire (ANCL) erscheint 2024 Caravelles du Seyon (Alphil-Verlag). Die Erzählung beleuchtet hoffnungsvoll und hoffnungsfroh die spanische Einwanderung der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Autorin hat zudem an mehreren kollektiven Publikationen mitgewirkt. Website: www.dunia-miralles.info

Linda Bühler | Atomic Café, Biel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Linda Bühler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Sie wartet
Auf eine Nachricht?
Das Lächeln des Kellners?
Ihren Matcha? 
Die Rückkehr des Frühlings? 
Dass der Regen endlich aufhört?

Zwischen Komplizenschaft und Lachanfällen
Warten sie
Das richtige Licht
Damit das Paar nebenan sich aus dem Blickfeld ziehen kann
Dass der schöne Tisch hinten frei wird
Der Matcha ist schon kalt
Aber da vor der Bar wird es sehr schön sein du wirst sehen
Im Vertrauen
Sie tut so, als würde sie noch warten
Er fängt den Moment ein

An diesem Ort so oft besucht
Bekannte Gesichter
Andere neue
Die besten Tische sind besetzt
Im Hintergrund Jazzmusik
Die Diskussionen
Das Wasser, das in der Kaffeemaschine kocht
Nehmen Sie Zucker?
Hier
Werden Projekte geboren
Trennen sich Paare
Man gibt Französischkurse
Das macht sechs Franken fünfzig
Sie schreibt sie korrigiert sie träumt sie flieht
Man spricht Französisch oder Schweizerdeutsch
Oder Spanisch oder
Der Marmor des Tisches ist rissig
Die anderen aus Resopal
Das Alte zum wieder gefragten Vintage geworden
Danke schönen Tag
Ein Lächeln

In ihrer Lieblingsbar
Wartet sie

 


Interview mit der Autorin

Warum noch Lesen und Schreiben?
Linda Bühler: Mehr denn je hat Lesen und Schreiben einen Sinn für mich in diesen unruhigen Zeiten. Schreiben, um da frei zu bleiben, wo man noch das Recht hat, selbstständig zu denken. Schreiben, um nicht die Hände in den Schoß zu legen, Schreiben, um Ungerechtigkeiten anzuprangern, oder zum Vergnügen. Und Lesen, Lesen um zu entfliehen, um an etwas anderes zu denken. Um sich eine bessere Welt vorzustellen. Meine dreijährige Tochter ist mir ein Vorbild dabei; wenn ich auf sie hören würde, würden wir den ganzen Tag damit verbringen Geschichten zu lesen. Ich finde das schön.

Welche Bedeutung hat das Café für dich?
LB: Es ist ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen kann, so wie hier. Ich habe dort meine Gewohnheiten; das ermöglicht es mir, aus dem Haus und weg von Hausarbeiten oder Verwaltungssachen zu kommen, die meine Kreativität behindern. Cafés bieten eine Auszeit; sich diese Zeit zu nehmen ist ein Luxus, den man nicht jeden Tag hat. Ich beobachte auch gerne Menschen, manchmal höre ich mit einem Ohr zu und fange Gesprächsfetzen auf, die mich verzaubern. Cafés ermöglichen auch eine tolerierte soziale Einsamkeit, die weniger schwierig zu ertragen ist, als wenn man zu Hause bleibt. Und andere Menschen zu sehen, die arbeiten oder so tun als ob, motiviert mich auch zum Schreiben.

 

BIO

Linda Bühler schloss 2024 ihren Bachelor am Literarischen Institut Biel ab. Ausgefüllt von Mutterschaft und Alltag, erforscht sie mit ihrem Schreiben die generationsübergreifenden Zusammenhänge zwischen Weitergabe und Abstammung – Themen, die ihr sehr am Herzen liegen. Außerdem unterrichtet sie. Allein oder mit AJAR* schreibt sie gerne in Cafés – zu Hause nehmen die Wäsche und das Alltagsleben zu oft überhand.

*AJAR : Association des Jeunes Auteurices Romand-e-s

Emmanuelle Bayamack-Tam | Le Pacha, Villejuif (Frankreich)

Foto: Alain Barbero | Text: Emmanuelle Bayamack-Tam | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

In  Cafés  zu  schreiben  ist  eine  besondere  Sinneserfahrung,  denn  jeder  Ort  besitzt  seine  sonore  Struktur,  seine  Gerüche und  sein  eigenes  Stimmengewirr,  das    Geräusch  der  Kaffeemaschine,  Gläser,  die  aneinanderstoßen,  Gespräche an  den  Tischen  drumherum,  die  Rufe  der  Wettenden,  die  das  Pferderennen  live  verfolgen … 
In Cafés zu schreiben ist manchmal der beste Weg, um den Puls einer fremden Stadt zu fühlen. Ich komme an, ich richte mich ein mit meinen Heften und meinem Computer. Es gibt Orte, wo man mich offen fragt, was ich da mache, andere, an denen ich mich willkommen fühle, ohne dass irgendetwas gesagt wird. An einem Tag fand ich mich mit Unbekannten singend in einer Bar in Cadiz wieder. Ich war bei einer Luftgitarren-Probe in einem Bistrot in Namur dabei — die Instrumente waren unsichtbar, aber ich habe die Musik dennoch gehört.
In Cafés zu schreiben, das heißt in die Stadt, ins Leben einzutauchen, ohne dabei auf das Alleinsein zu verzichten. 
Als ich „Ein Zimmer für mich allein“ wieder las, kam mir der Gedanke, dass ich diesen intimen Raum, den Woolf als Voraussetzung sine qua non für ihr literarisches Schaffen sieht, nicht brauchte, oder genauer, dass ich fähig war, diesen Raum da zu schaffen, wo ich bin. 
In Cafés zu schreiben bedeutet draußen zu sein, ohne aufzuhören drinnen zu sein.

 


Interview mit der Autorin

Wechselst du das Café je nachdem, ob du ein Buch unter dem Namen von Emmanuelle Bayamack-Tam schreibst, oder unter dem von Rebecca Lighieri? Welchen Platz nimmt Le Pacha ein? 
Emmanuelle Bayamack-Tam: Ich entscheide schon lange im Vorhinein, ob ein Buch unter meinem richtigen Namen oder unter meinem Pseudonym veröffentlicht wird, da diese Entscheidung die gesamte Arbeit am Text, seine Themen, seine Struktur beeinflusst. Bei Lighieri weiß ich in der Regel, wo ich hin will, die Handlung ist in Szene gesetzt und die großen Wendungen bereits geplant. Bei Bayamack-Tam tritt die Handlung sehr in den Hintergrund und ich arbeite eher auf poetische Weise. Die Energien sind unterschiedlich, auch der Schreibrhythmus. Dennoch schreibe ich in den gleichen Cafés, welcher Text auch immer gerade in Bearbeitung ist. Le Pacha ist das erste Café, in dem ich geschrieben habe, als ich vor 20 Jahren in Villejuif ankam. Natürlich werde ich ihm auch mal untreu, aber ich komme immer wieder zurück. Dies ist auch ein neuralgischer Punkt der Stadt, ein Ort, an dem sich Menschen aus allen Bereichen und Herkunftsländern kreuzen — manchmal sehr kaputte Menschen, die wissen, dass sie hier mit Menschlichkeit empfangen werden. 

Kann Literatur noch die Welt retten? 
EBT: Wenn die Literatur imstande wäre, die Welt zu retten, wüsste man das seitdem wir Gedichte deklamieren und Geschichten erzählen. Dennoch haben wir Grund, ihr Kräfte zuzuschreiben, denn noch ist sie ein Raum der Freiheit, ja sogar der Überschreitung. Schreiben und Lesen bedeuten zwangsläufig, das Anderssein zu erfahren, und diese Erfahrung ist wertvoll in Zeiten, die zu Intoleranz und ängstlichem Selbstrückzug anleiten, auf das was uns gleicht und in unseren Vorurteilen bestärkt. Als Autorinnen und Autoren haben wir die Möglichkeit und vielleicht sogar die Pflicht, die Randbereiche, die Räume des Widerstands zu erkunden, als auch die Gebiete, die es durch Fiktion, Poesie und Hinterfragen der Sprache zu verteidigen gilt. Anstatt die Welt zu retten, kann Literatur die Gesellschaft aufrütteln, sie zu mehr Bewusstheit und weniger Intoleranz führen. Allerdings darf das Buch kein Nischenprodukt sein, das einer gebildeten und kultivierten Elite vorbehalten ist …

 

BIO

Emmanuelle Bayamack-Tam wurde 1966 in Marseille geboren. Sie lebt aktuell in Villejuif. Seit 1996  veröffentlicht sie bei POL Romane und Theaterstücke, mal unter ihrem Namen, mal unter ihrem Pseudonym Rebecca Lighieri. Arcadie erhielt 2019 den prix du Livre Inter, und La Treizième Heure 2022 den prix Medicis.

Laurent de Sutter | Life is Beautiful, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Laurent de Sutter | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp

 

Die Kunst des Cocktails ist die Kunst des Mischens. Oder besser: Es ist die Kunst, durch Mischen etwas zu schaffen, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile. Es handelt sich um einen paradoxen Überschuss, der nicht nur auf dem Ergebnis gründet, sondern auch auf dessen Voraussetzungen. Denn ein gelungener Cocktail ist mehr als die Summe seiner Zutaten: Er hebt auch die Zutaten selbst über sich hinaus. Der Cocktail ist die Kunst, alle in einem Glas enthaltenen Elemente auf eine neue Ebene zu heben – nämlich auf die Ebene ihrer Möglichkeiten und nicht auf die Ebene ihrer bloßen Realität. Diese Möglichkeit ist auch die Kunst, die Wirklichkeit zu entschärfen. Sie macht das Untrinkbare trinkbar, nämlich den absurd starken Alkohol, der in einem Whisky, Gin oder Mezcal enthalten ist. Die Kraft des Alkohols neigt dazu, alles zu vernichten, und diese Kraft hat er im Überfluss. Doch der Cocktail erlaubt, diese Kraft zu zähmen, indem er sie in etwas Mögliches verwandelt – in etwas Trinkbares, etwas Berauschendes. Denn Alkohol ist niemals nur stark, er ist immer zu stark. Das erlaubt dem Cocktail, dieses Übermaß zu bändigen – wenn auch nur, um ein neues Übermaß zu erzeugen. Die Trinker der Lost Generation, von Raymond Chandler bis Ernest Hemingway, von William Faulkner bis Francis Scott Fitzgerald, haben es bewiesen: Der Cocktail ist nicht dazu da, allein zu bleiben. Der Cocktail ruft nach Vermehrung, ruft nach einer weiteren Mischung: der Mischung von Gläsern, der Mischung von Gesprächen, vielleicht auch der Mischung von Körpern. Man weiß nicht, wozu ein Körper fähig ist, schrieb Spinoza. Cocktail-Liebhaber würden entgegnen: Wenn man es nicht weiß, so hat man doch einen Weg, es herauszufinden: indem man diese Unwissenheit gegen eine andere eintauscht, nämlich die, wozu ein Cocktail fähig ist. Die Hypothese der Cocktail-Liebhaber lautet: Der Cocktail kann alles, denn er ist zu allem fähig. So kann er auch den Körper schlicht alles tun lassen, denn er hat unbegrenzte Verfügungskraft über ihn. Er lädt ein zum Besten und zum Schlechtesten. Darum ist die Kraft des Cocktails so gefährlich: Er ist die höchste, fast tödliche Manifestation des Lebens.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? / Warum noch schreiben und lesen?
Laurent de Sutter: William Burroughs sagte, dass Literatur alles kann, weil nichts sich dem Einfluss des „Wortes” entziehen kann. Sie kann Welten zerstören und wieder aufbauen. Lebende vernichten und wieder auferstehen lassen. Alle Utopien entwerfen und alle Albträume verwirklichen. Unabhängig davon, wie sie heute genutzt wird: Diese Macht wird die Literatur immer behalten.

Wie können wir angesichts der Lage der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
LdS: Was sollen wir denn sonst tun? Jammern?

Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
LdS: Die Vorstellung, das Café sei ein letzter Überrest der Aufklärung oder der letzte Avatar jenes Ortes, an dem sich das Volk versammelt, ist eine ermüdende Illusion. Eigentlich hätten die Porträts der Wirte aus der Literatur des Ancien Régime sie längst zerstreuen müssen. Wenn das Café noch eine Bedeutung hat, dann verdankt es sie nicht sich selbst, seiner fast transzendentalen Form, sondern denen, die es frequentieren. Cafés lassen sich nicht auf eine vorgegebene Art nutzen, im Gegenteil: Sie ergibt sich erst aus der Präsenz derer, die sie besuchen. Das beginnt damit, dass man sich für ein Café entscheidet, man dort ein Getränk wählt, die Entscheidung trifft, wiederzukommen. Ein Café, das sich als militant versteht, dann aber Industrieprodukte serviert, würde mich als Kunden verlieren.

 

BIO

Laurent de Sutter ist Essayist und Verleger. Er lehrt Rechtstheorie an der Vrije Universiteit Brussel und an der Universität Sciences Po Paris. Er ist Autor von rund dreißig Büchern, die in mehr als fünfzehn Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Er leitet die Reihen „Perspectives Critiques” bei den Presses universitaires de France und „Theory Redux” bei Polity Press.