Laurent de Sutter | Life is Beautiful, Brüssel
Foto: Alain Barbero | Text: Laurent de Sutter | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp
Die Kunst des Cocktails ist die Kunst des Mischens. Oder besser: Es ist die Kunst, durch Mischen etwas zu schaffen, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile. Es handelt sich um einen paradoxen Überschuss, der nicht nur auf dem Ergebnis gründet, sondern auch auf dessen Voraussetzungen. Denn ein gelungener Cocktail ist mehr als die Summe seiner Zutaten: Er hebt auch die Zutaten selbst über sich hinaus. Der Cocktail ist die Kunst, alle in einem Glas enthaltenen Elemente auf eine neue Ebene zu heben – nämlich auf die Ebene ihrer Möglichkeiten und nicht auf die Ebene ihrer bloßen Realität. Diese Möglichkeit ist auch die Kunst, die Wirklichkeit zu entschärfen. Sie macht das Untrinkbare trinkbar, nämlich den absurd starken Alkohol, der in einem Whisky, Gin oder Mezcal enthalten ist. Die Kraft des Alkohols neigt dazu, alles zu vernichten, und diese Kraft hat er im Überfluss. Doch der Cocktail erlaubt, diese Kraft zu zähmen, indem er sie in etwas Mögliches verwandelt – in etwas Trinkbares, etwas Berauschendes. Denn Alkohol ist niemals nur stark, er ist immer zu stark. Das erlaubt dem Cocktail, dieses Übermaß zu bändigen – wenn auch nur, um ein neues Übermaß zu erzeugen. Die Trinker der Lost Generation, von Raymond Chandler bis Ernest Hemingway, von William Faulkner bis Francis Scott Fitzgerald, haben es bewiesen: Der Cocktail ist nicht dazu da, allein zu bleiben. Der Cocktail ruft nach Vermehrung, ruft nach einer weiteren Mischung: der Mischung von Gläsern, der Mischung von Gesprächen, vielleicht auch der Mischung von Körpern. Man weiß nicht, wozu ein Körper fähig ist, schrieb Spinoza. Cocktail-Liebhaber würden entgegnen: Wenn man es nicht weiß, so hat man doch einen Weg, es herauszufinden: indem man diese Unwissenheit gegen eine andere eintauscht, nämlich die, wozu ein Cocktail fähig ist. Die Hypothese der Cocktail-Liebhaber lautet: Der Cocktail kann alles, denn er ist zu allem fähig. So kann er auch den Körper schlicht alles tun lassen, denn er hat unbegrenzte Verfügungskraft über ihn. Er lädt ein zum Besten und zum Schlechtesten. Darum ist die Kraft des Cocktails so gefährlich: Er ist die höchste, fast tödliche Manifestation des Lebens.
Kurzinterview mit dem Autor
Kann Literatur noch die Welt retten? / Warum noch schreiben und lesen?
Laurent de Sutter: William Burroughs sagte, dass Literatur alles kann, weil nichts sich dem Einfluss des „Wortes” entziehen kann. Sie kann Welten zerstören und wieder aufbauen. Lebende vernichten und wieder auferstehen lassen. Alle Utopien entwerfen und alle Albträume verwirklichen. Unabhängig davon, wie sie heute genutzt wird: Diese Macht wird die Literatur immer behalten.
Wie können wir angesichts der Lage der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
LdS: Was sollen wir denn sonst tun? Jammern?
Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
LdS: Die Vorstellung, das Café sei ein letzter Überrest der Aufklärung oder der letzte Avatar jenes Ortes, an dem sich das Volk versammelt, ist eine ermüdende Illusion. Eigentlich hätten die Porträts der Wirte aus der Literatur des Ancien Régime sie längst zerstreuen müssen. Wenn das Café noch eine Bedeutung hat, dann verdankt es sie nicht sich selbst, seiner fast transzendentalen Form, sondern denen, die es frequentieren. Cafés lassen sich nicht auf eine vorgegebene Art nutzen, im Gegenteil: Sie ergibt sich erst aus der Präsenz derer, die sie besuchen. Das beginnt damit, dass man sich für ein Café entscheidet, man dort ein Getränk wählt, die Entscheidung trifft, wiederzukommen. Ein Café, das sich als militant versteht, dann aber Industrieprodukte serviert, würde mich als Kunden verlieren.
BIO
Laurent de Sutter ist Essayist und Verleger. Er lehrt Rechtstheorie an der Vrije Universiteit Brussel und an der Universität Sciences Po Paris. Er ist Autor von rund dreißig Büchern, die in mehr als fünfzehn Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Er leitet die Reihen „Perspectives Critiques” bei den Presses universitaires de France und „Theory Redux” bei Polity Press.










