Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Patrizia Murari, Les Formigues, Dénia

Patrizia Murari | Les Formigues, Dénia

Foto: Alain Barbero | Text: Patrizia Murari | Übersetzung (aus dem Spanischen): Daniela Gerlach

 

Zeiten des Sommers

Es ist nicht Mittag und es ist nicht Mitternacht, es ist irgendeine Stunde und ein viertel.
Ein Glockenschlag, zweimal Miauen der Straßenkatzen und dann Stille.
Es ist keine Heldenstunde, um sich zu einem Abenteuer aufzuschwingen, es überwältigt die Stille, wo der Durchflug einer Wespe oder das Kreisen einer Fliege wie klingendes Metall einen Festzug begleiten.
Festzug Materie gewordener Träume und Traumbilder, Lichter und Schatten, die den Raum erweitern und zusammenziehen.
Zeit der Marionetten ohne Marionettenspieler, des Theaters ohne Schauspieler, des Tanzes ohne Musik, der Spiegelbilder ohne Spiegel.
Es sind Zeiten des Sommers, Zeiten des Wassers und des Feuers.
Ich denke nach ohne zu denken. 

 

Original (Spanisch)

 

TIEMPOS DE VERANO

No es mediodía y no es medianoche, es una hora cualquiera más un cuarto.
Un latido de campana, dos maullidos de gatos callejeros y después el silencio.
No es una hora épica para emprender aventuras, abruma el silencio donde el pasaje de una avispa o el rodar de una mosca resuenan como metales acompañando un desfile.
Desfile de sueños e imaginarios echos materia, luces y sombras que dilatan y contraen el espacio.
Tiempo de títeres sin titerero, de teatro sin actores, de baile sin música, de reflejos sin espejo.
Son tiempos de verano, tiempos de agua y fuego.
Reflexiono sin pensar.

 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Patrizia Murari: Sie bedeutet buchstäblich die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben.

Welche Bedeutung haben Bars für dich?
PM: Zusammentreffen, Auseinandergehen, Völlerei, Schaufenster, Pause, Zurschaustellung, Fluchtort …, Toiletten für Frauen und Männer.

Warum hast du die Bar Formigues ausgewählt?
PM: Es ist eine typische Bar des Viertels, ohne ästhetische Ansprüche. Ein Ort mit viel „theatralischem Material“ und seinen aktuellen Figuren, … erschwingliche Preise. 

Was machst du, wenn du nicht in Bars bist?
PM: Alles andere: ich esse schlafe telefoniere schreibe restauriere reinige denke lese schaue untersuche und schlafe wieder.

 

BIO

Italienerin aus Padua, studierte Bühnenbildnerin der Academia de Venecia. Seit 1998 in Spanien. Ich habe tausend Jobs gemacht, von der Geschäftsfrau bis zur audiovisuellen Produzentin, von der Raumgestalterin zur Tellerwäscherin, von der Frau und Stiefmutter zur Altenpflegerin, von der Köchin zum Theater. Heute, mit 66 Jahren, kultiviere ich die Kreativität und das Handwerkliche, … das verbessert die körperliche und geistige Gesundheit …, hat mir der Arzt geraten!   

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Teresa Juan López, Códigos del Arte, Dénia

Teresa Juan López | Códigos del Arte, Dénia

Foto: Alain Barbero | Text: Teresa Juan López | Übersetzung (aus dem Spanischen): Daniela Gerlach

 

 

Der, der findet …

Ich bin Reise und bin Ziel. Das schützende Heim. Ich bin das Meer, das erfrischt; der Fels, die Zeit wo keine Zeit existiert. Ich bin die Freude in der Umarmung, Distanz und auch die Stille, die von einem Baum ausgeht. Der beobachtende Blick und die Rückkehr nach Hause, wo das Schlichte wohnt. 
Ich bin der Sand, auf dem du gehst, deine Schuhe, wenn das Leben dich langsam umkreist. Der Mut, die Geduld. Ich bin das Wunder der lebenden Dinge.
Ich bin Raum, bin der Rhythmus, der die Musik vorgibt. Über das Herbstgras schreitend, bin ich heute der klare Blick und das transparente Wort.
Ich bin dein Frieden und deine Gerechtigkeit. Ich bin der Tempel und das Gebet; das Vertrauen, wenn du auf dem Pfad des Erwachens und der Passion voranschreitest. Ich bin Begeisterung und Freude. Ankunft schon, wo die Wegstrecke noch lang schien, voller Biegungen und Schatten.
Ich bin Licht. Und mit bloßen Füßen erleuchte ich diese gesegnete Erde.
Ich bin frei, während ich die Saat der Sterne über dem Feuer alter Erinnerungen verstreue. 
Ich bin, der ich bin.
Offene Flut der Lobpreisungen. Stärke, in der sich der Wind versteckt.
Ich bin, der ich bin.
Ich bin der Gesang, der leise zwischen dem Schilfgras des Flusses erklingt.
Weil ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich der bin, der ich bin.

 

Original (Spanisch)

 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Poesie/ Literatur für dich? 
Teresa Juan López: Es ist die Übersetzung meiner Seele, ihr Ausdruck und ihre Schönheit. Die ultimative Manifestation von Größe, die sich auf der Erde materialisiert.

Was bedeuten Cafés für dich?
TJL: Ein Durchgangsort. Ein Café sammelt Fragmente verschiedener Leben, die gerettet werden können, wenn man ihnen zuhört. Manchmal ist es ein Ort der Inspiration, denn es passieren Geschichten auf einem reduzierten Raum und zu gleicher Zeit. Manchmal auch ein Ort, von dem aus etwas beginnt oder endet.

Warum hast du „Códigos del Arte“ gewählt?
TJL: „Códigos del Arte“ hat meine Poesie, meine Bewegungen, meine Musik aufgenommen, als ich nach Dénia kam. Hier habe ich Konzerte und poetische Sitzungen organisiert. Ich finde, es ist ein gemütliches Café, das man weiterempfehlen kann.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist? 
TJL: Ich tanze, experimentiere mit Farbe und Stimme, filme und kreiere Geschichten mit meinen Versen. Meine Welt ist wie ein riesiger Fächer aus Orten, Reisen und Leidenschaften.

 

BIO

Geboren in Madrid, 1979. Multidisziplinäre Künstlerin. Dichterin, Erzählerin, Reisende, Liebhaberin des Tanzes, der Malerei, Musik, Fotografie und jeglichen Ausdrucks des Künstlerischen und Schönen. Zurzeit lebt sie in Dénia (Valencia).
Autorin des zweisprachigen Bandes „Poemas de las cinco/ Poems at Five (Editorial Algorfa, 2020) und „Cantos del Alma/ Soul Songs“ (Editorial Algorfa, 2022), außerdem Mitbegründerin des poetisch-musikalischen Duos Celêstial Echoes, das bereits eine Platte herausgebracht hat. 
Ihre Bücher gehen über das normale Buchkonzept hinaus und werden in Szene gesetzt, wobei die Mischung aus Poesie, Musik, Tanz und Video bei jedem Auftritt für eine einzigartige Version sorgt. 
Ihre ganzheitliche Vision der Kunst verleiht ihren Kreationen eine Aura der Inspiration und großer Sensibilität für diejenigen, die sie empfangen.
Web: https://mareas2.webnode.es/
Instagram: @teresajuanlopez

 

 

 

 

 

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Ángel Rebollar, Hotel Chamarel, Dénia

Ángel Rebollar | Hotel Chamarel, Dénia

Foto: Alain Barbero | Text: Ángel Rebollar | Übersetzung (aus dem Spanischen): Daniela Gerlach

 

Wie ein blinder Akrobat
(Freiheit kostet mehr als Unterwerfung)

Wie ein blinder Akrobat
auf einem gespannten Drahtseil
in einer dunklen traurigen Nacht,
den Urinstinkt suchend
den die Sicht erschwert.

So erhebt sich die Freiheit
ohne das Korsett der Vernunft
das sie versklavt,
wie das reine Denken, 
wenn es den Filtern entflieht, die es beschneiden.

Wir sind frei, ohne es zu wollen,
auf unbewusste Art,
durch die beharrliche Kraft
die uns fordert und bereichert,
wir sind es, weil wir leben, weil wir geboren worden sind.

Später lernen wir das Laufen
mit den Regeln und Vorschriften
der furchtsamen Gesellschaft,
deren Stricke den Instinkt ersticken, 
und, einmal erstickt, uns beugen werden,
und so hören wir auf zu sein
umgeformt schon
in wohlerzogene Automaten.

Dann, allmählich, kultivieren wir uns,
wie jene, die die Leben einordnen, sagen
jene, die die Regeln der Welt aufstellen, 
die Herren, die dir die Tage rauben
und dir dein Geld nehmen,
ohne dass du es merkst,
für die Achterbahn des Schwindels,
das hormonelle Gefüge ohne Reue,
wo die sensorische Intelligenz
uns dazu bringt, Gefühle, schicklich zurückgehalten, 
nicht zu entfesseln.

Um die eingetrichterten Ängste zu brechen,
gilt es, die Schlingen des Unsinns zu durchschneiden,
die Bequemlichkeit altbekannter Wege zu verlassen,
die Routen, die uns markiert wurden, zurückzugehen,
die vorgegebene Richtung zu missachten
und wieder auf dem dunklen Draht zu gehen
wie ein Akrobat mit verbundenen Augen
um uns in der Leere 
erwachter sinnlicher Sexualität wiederzufinden,
dieser Nächte, in denen wir auf die ersehnten
Wüsten der Freiheit treffen.

 

Original (Spanisch)

 

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Poesie für dich?
Ángel Rebollar: Sie ist eine dringende Notwendigkeit, sie ist ein Ort des Aufgenommenwerdens, in dem ich mich schütze, in dem ich Vorlieben und Abneigungen hin und her drehe, die Rastlosigkeit und die Stille, ein Ort, wo die Ungerechtigkeit besiegt wird und man Frieden findet, wo ich Bilis speie und mich an den Trost klammere, wo ich sterbe und wieder auferstehe, der Lebensraum, in dem ich Antworten auf meine Fragen finde. Letztendlich ist sie der Ort, wo Licht in meine Dunkelheit gelangt. 

Was bedeuten Cafés/ Bars für dich?
ÁR: Ein Heim, um in Gesellschaft zu sein, eine familiäre Agora, wo man die Leute trifft, mit denen man Energie, Muße, Ideen, Lachen und Sorgen austauscht, Komplotte schmiedet. Hier kennen sich Frauen und Männer, öffnen sich Türen zur Geschwisterlichkeit, sogar Liebe, gelegentlich gibt es auch Meinungs-
verschiedenheiten. Sie sind eben lebendige Orte. Außerdem ist es ein intimer Treffpunkt aller Kunstdisziplinen, ein Tempel für den Hexensabbat.

Warum hast du die Lobby des Chamarel gewählt?
ÁR: Ich frequentiere normalerweise keine Cafés, aber dies hier ist ein gemütlicher Ort, mit einer romantischen Dekoration, ein stilles Plätzchen voller Harmonie und geeignet, um die eigenen Gefühle zu ordnen. In diesem Raum habe ich während vieler Jahre an poetischen Sitzungen und Lesungen teilgenommen, darunter einige voller Magie. In diesen Möbeln, die zugleich nützlich und dekorativ sind, sind die Poren des Holzes auch imprägniert mit meinem poetischen Empfinden, wie auch dem vieler anderer Dichter und Dichterinnen. Der blumengeschmückte Innenhof, im Sommer eine Bühne, hat unter dem Licht des Mondes und der Sterne unsere deklamierten Reime aufgenommen. 

Was tust du, wenn du nicht im Café bist?
ÁR: Mein Leben leben, das scheint einfältig, ist es aber nicht. Ich bin 67 Jahre alt und das gestattet mir eine lebendigere Vision der Gegenwart. Ich mache Sport, lese, höre Musik aller möglichen Richtungen, ich denke über die Gesellschaft nach, die meine Generation denen, die nachkommen, hinterlässt, und ich schreibe ohne irgendwelche Ansprüche, einzig zur Befriedigung.

 

BIO

Ich bin ein Sohn des sogenannten „Ameisen-Viertels“, einer Gemeinde aus Wellblechhütten in den Nachkriegsjahren. Mir meines sozialen Umfelds bewusst, wuchs ich auf. Mit 14 Jahren begann ich zu arbeiten, wodurch mein Bewusstsein erwachte, und aus dem Untergrund stellte ich mich gegen die grausame Diktatur. Ich bin Vater, was mir die Sicht auf das Leben erschloss, die Gefühle und die Liebe erforschen ließ, weit über das Physische hinaus. 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Linn Penelope Micklitz, Café Kater, Leipzig

Linn Penelope Micklitz | Café Kater, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Linn Penelope Micklitz, Auszug aus dem Buch „Abraum, schilfern“

 

1740: Sidonia von Hedwig Zäunemann ist gerade aufgewacht und fühlt sich schon außerhalb ihres Körpers, als hätte dieser Körper nichts mehr mit ihr zu schaffen. Eine Müdigkeit, die Trauer gleicht, sammelt sich hinter ihrem Gesicht, sodass die Haut sich wölbt, aufwirft und von ihr wegstrebt. Nichts bringt sie zustande, nur das Schreiben an sich scheint ihr tröstlich. Sie verläuft sich an den Tisch und greift nach dem Briefpapier.
Es ist ja doch so, dass schon das Aussprechen oder Aufschreiben dieses Gefühls des »Nichtfühlen Könnens« eben jenes erträglich macht. Es rutscht sozusagen von den Schultern in den Bauch, was zwar nicht angenehmer ist, ganz im Gegenteil, aber dafür sorgt, dass man weniger einsinkt, und die Ablösung der Haut sich auf das Gesicht beschränkt.
Sidonia spitzt den Stift. Beim Anblick der Späne droht sie kurz die Fassung zu verlieren. Wohin mit solchen Resten. Ihr scheint, dass solche und andere Fragen, die in den letzten Monaten des Öfteren von ihr Besitz ergriffen haben, nicht ihre eigenen sind. Wie sie es auch betrachtet, nichts kann sie finden, nichts, was sie rührt, nichts, was sie betrifft. Bis auf die Reste des Bleistifts, bei denen sie aber nicht begreift, was sie mit ihnen zu schaffen hat.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Linn Penelope Micklitz: Arbeit, Einfachheit, Lebendigkeit.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
LPM: Zeit allein unter Menschen verbringen, Essen ohne aufräumen zu müssen.

Warum hast du das Café Kater ausgewählt?
LPM: Ich mochte die Einrichtung, das Essen und den Kaffee schon immer, vor einem Jahr bin ich dann ganz in die Nähe gezogen und versuche nun ab und an dort Zeit zu verbringen.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
LPM: Ich mache meinen Kaffee selber.

 

BIO

Linn Penelope Micklitz, geboren 1992 im Thüringer Wald, studierte Philosophie und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut, arbeitet als Literaturkritikerin und Autorin in Leipzig. 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Isabella Feimer, Café Cinema, Berlin

Isabella Feimer | Café Cinema, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Isabella Feimer

 

Himmel, hier / ici, Delphine a pensée à Thomas

 

                 Dunkel, dunkel ist der Himmel, während der Blick das Licht sucht, draußen, wie er nur Minuten davor die Frühlingsblumen gefunden hat, die Märzenbecher, die Winterrosen, die Krokusse / eiliges Vorbeiziehen quert das Licht
Die Plakate, denke ich, Zeiten, die einmal waren, und sepia waren sie und rostrot in einer Wellenbewegung, Geschichten, denke ich, die ich mir in die Realität sehne, den erzählten Schmerz sehne ich mir in mein Herz, in dem es kälter wird / das Herz hat zu viele Risse bekommen, mein Herz schreibt Nostalgie in diesen Tagen größer
                 Diese Tage, dunkelgrau wie der Staub, der auf den Scheinwerfern an der Decke sitzt, sie geben kaum noch Licht, sind abgehangen, wie die Fassade der Straße gegenüber, wie sie im Damals war, zur Wende / nur die Straßenbahnen waren Licht, las ich, waren das Bisschen Sonne
Abgehangen der Schleier Zeit, Zeit ist eine andere geworden, kein Blick in eine bessere, sie fällt im Angesicht des Jetzt in sich zusammen, in jeder Begegnung tut sie das / zwischen Flüchtenden habe ich mich bewegt, Geflohenen, die Antworten suchten, wann der Zug und welcher und welches Gleis und nach ihrem Koffer, dem einen, den sie tragen konnten
Mit dem Schluck Kaffee verschlucke ich mich an meinem Gewissen, huste, räuspere mich, huste die Zeit, die ist, aus mir, verräuspere mich in Worten, die ich nicht auszusprechen wage / vage die Vorstellung, wie es damals war, als Ost und West sich hier getroffen haben, im Plüsch des Sofas, las ich, wurde geküsst, wurde nähergerückt, was eine Mauer bislang trennte
                Grau, grau und schmutzig die Zeit, ich stehe auf aus ihr, dem Himmel, hier, dem es an Blau und Hoffnung fehlt, gehe ein paar Schritte, lese an der Wand / ici, Delphine a pensée à Thomas
wer waren diese Menschen, die in Liebe zueinander, und wenn nicht in Liebe, dann in einem Wunsch, wer waren all die Menschen, die hier in diesen dunklen, dunklen Räumen aneinander, miteinander dachten, wer werden sie in Zukunft sein?
Das Wort Zukunft fährt mir kalt und kälter in die Glieder, ich denke, vor lauter falschem Himmel sehe ich sie nicht, nicht für andere in Licht / der Blick sucht weiterstets nach Licht, drinnen, draußen, wie er zuvor nur nichts gefunden hat
Abgehangenes Nichts schreibt sich in diesen Tagen größer, schreibt sich dunkel, dunkel, färbt die Winterrosen schwarz

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Isabella Feimer: Literatur ist mir ein Loslassen und Festhalten, ein geerdeter Schwebezustand; eine Kunstform, die in ihrem Sein als Abbild der Welt, die Welt deutlicher zeichnen kann, als sie ist.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
IF: Zwischenorte, viele Stimmen, tatsächliche und jemals gewesene, die sich mit meiner inneren Stimme verbinden können. Das Jetzt und die Geschichte sammeln sich in Cafés, und auch ein Hauch von etwas, das einmal sein wird.

Warum hast du das Café Cinema ausgewählt?
IF: In der dunklen und geschichtsträchtigen Atmosphäre des CC findet sich meine Leidenschaft für das Kino wieder; es ist ein magischer Ort, der so gar nicht in seine Umgebung hineinpasst und ihr dadurch eine Form gibt. Im CC findet sich so manche Geschichte.

Was machst du, wenn du nicht im Café sitzt?
IF: Tatsächlich spazieren, in Bewegung sein, an Frühlingsblüten schnuppern, die Winterkälte aushalten, usw., ich bin oft im Kino, das Kino ist ein einem Café entgegengesetzter Ort. 

 

BIO

Industriestadtaufgewachsen, nicht ganz Land, nicht ganz Stadt, schon früh der Wunsch nach Richtung Weite, ist so, wenn man im Dazwischen sitzt; Kunsteskapismus, zuerst Theater, dann flügge in die Literatur, die es gut mit mir meinte (hier: ein Dankeschön)
eine Reisende bin ich, reise in Texten, Taten und dem Fantastischen, in der Welt; bebildere mich dabei, lasse in meinem Tun die Bilder Weiterwachsen, und in den Bildern findet meine Stimme ihren Platz.

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Katharina Bendixen, Museumscafé Goetz, Leipzig

Katharina Bendixen | Museumscafé Goetz, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Katharina Bendixen

 

Straßencafé

Früher, wenn ich den Braten oder das Gemüse nicht essen wollte, brachten meine Eltern unseren Esstisch auf die Straße. Es war ein großer Tisch, aus massivem Holz, mit einer zusätzlichen Platte, um ihn zu vergrößern. Gemeinsam trugen meine Eltern den Tisch nach unten, ich trug meinen vollen Teller und einen Stuhl hinterher. Wie eine Kellnerin breitete meine Mutter die Tischdecke über das Holz. Ich musste mich setzen, meine Eltern verschwanden nach oben in die Wohnung. Aus den geöffneten Fenstern hörte ich bald die Stimme des Nachrichtensprechers, später sanfte Filmmusik. Ab und zu tauchte im Fensterrahmen über mir der Kopf meiner Mutter oder meines Vaters auf, und ich griff den Löffel etwas fester, aß aber nicht.
Manchmal kamen Hunde vorbei, und wenn es dunkel genug war, warf ich den Tieren Brotkanten oder Speckränder zu. Das war ein Glück. Das größte Glück aber war es, wenn ein anderes Kind aus der Straße dieselbe Strafe bekommen hatte wie ich. Oft war sein Teller mit einem Gericht gefüllt, das mir schmeckte, und ihm ging es mit meinem Essen ebenso. Mit ein wenig Geschick gelang es uns, über die Straße hinweg die Teller zu tauschen. An solchen Abenden mussten weder das andere Kind noch ich mit hungrigem Magen schlafen gehen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Katharina Bendixen: Sehr vieles – in wenigen Worten vielleicht ein starkes Gefühl der Verbundenheit, das ich in Momenten des Lesens oder (seltener) des Schreibens empfinde.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
KB: Orte der Begegnung, in denen ich mit dem richtigen Menschen im richtigen Moment ebenfalls eine große Verbundenheit fühlen kann.

Warum hast du das Museumscafé Goetz im Unikatum Kindermuseum ausgewählt?
KB: Weil es in Leipzig einer der extrem wenigen öffentlichen Orte ist, an denen über die Anwesenheit von Kindern nicht die Augen verdreht werden. Weil es in der perfekten Sonntagnachmittag-Laufrad-Tour-Entfernung von unserer Wohnung liegt. Weil es dort Kinderbücher, Spielzeug und jede Menge Spiele gibt. Weil Kaffee, Kuchen und Kekse lecker sind. Und weil niemand ein Problem damit hat, wenn die Saftschorle umkippt.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
KB: Schreiben, lesen. Kochen, Brot backen, Kuchen backen. Podcasts hören. Kinder irgendwohin bringen oder von irgendwo abholen. Mit den Kindern zum See radeln und hoffen, dass sie ein paar Minuten zu zweit und ohne Streit im flachen Wasser spielen. Wenn das nicht klappt (also so gut wie immer), mich zu ihnen ins Wasser setzen und mitspielen, bis wir nicht mehr können vor Lachen.

 

BIO

Katharina Bendixen, *1981 in Leipzig, schreibt Bücher für Kinder (Loewe), Jugendliche (Mixtvision) und Erwachsene (poetenladen). Ihre Texte erhielten zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. den Kranichsteiner Literaturförderpreis (2014), das Heinrich-Heine-Stipendium (2017) und ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds (2020/21). Zuletzt erschien der Jugendroman „Taras Augen“ (2022), der mit dem Lesekompass der Leipziger Buchmesse und dem Klima-Buchtipp der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet wurde. Auf dem Blog Other Writers Need to Concentrate (www.other-writers.de) setzt sie sich für eine bessere Vereinbarkeit von Schreiben und Care-Arbeit und einen familienfreundlichen Literaturbetrieb ein. Sie ist Vorstandsmitglied des Sächsischen Literaturrats e.V. und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Elisabeth R. Hager, Fräulein Wild, Berlin

Elisabeth R. Hager | Fräulein Wild, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Elisabeth R. Hager

 

Café Rainer  oder

Die Geburt der Autorin aus dem Geist der Melange

Seit ich Geld habe, um es zu verschleudern, zieht es mich in Kaffeehäuser. Mein erstes und immer noch mein liebstes, ist das Café Rainer in St. Johann in Tirol. Ein düsteres fast schon wienerisch anmutendes Café, das sich wundersamerweise in ein Tiroler Skigebiet verirrt hat. Genau wie ich – Kopfwesen mit den langen Fühlern – wundersamerweise in eine tatkräftige Tiroler Bergbauernfamilie hineingeboren wurde. Im Café Rainer habe ich als Gymnasiastin viele Stunden verbracht. Wenn ich eine Freistunde hatte oder eine brauchte, setzte ich mich in die dunkelste Ecke. Ich blies Rauchringe in Richtung der dunklen Holzverkleidung, trank meine Melange und träumte von der Zukunft. An den Nachmittagen war ich mit Freund:innen hier, unterhielt mich oder lachte oder stritt. Doch wie oft im Leben, geschah das Wichtigste am Abend. Abends gab es dort alle paar Monate eine Lesung. Vom zwölften bis zum achtzehnten Jahr hab ich kaum eine Veranstaltung versäumt. Damals erlebte ich H. C. Artmann, Robert Schindel, Sabine Gruber, Robert Menasse, Evelyn Schlag. Wie Traumwesen kamen sie mir vor, Vorahnungen meiner eigenen, undeutlich schraffierten Zukunft. Wann immer ich heute mit meiner Familie in St. Johann bin, gehe ich ins Café Rainer. Wie ein Lachs kehre ich zurück an die Stätte meiner geistigen Geburt. Mein Mann bestellt dann gerne ein Omelett. Unsere große Tochter das Überraschungseis. Und ich trinke meine Melange und freue mich darüber, wie trefflich hier das Profane und das Heilige ineinanderfließen. Auch wenn schon lang keine Lesungen mehr stattfinden, auch wenn H. C. Artmann seit vielen Jahren tot ist und kaum ein Mensch noch ernsthaft raucht: Das Café Rainer macht weiter. Und es ist noch immer voll mit Zukunft bis unter die vertäfelten Decken.

 


Kurzinterview

Was bedeutet Literatur für dich?
Elisabeth R. Hager: Im Schreiben & im Lesen von Literatur komme ich mir selbst und der Welt am nächsten. Literatur ist meine bevorzugte Art der Berührung, ein Trostort und Begegnungsstätte mit noch unbekannten Freund:innen…

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
ERH: Sie sind Ruheinseln, Zeltplätze, Arbeitsorte, Präsentierteller und Flirtzone. An jedem besetzten Tisch gelten andere Gesetze. Das Private und das Öffentliche schmiegen sich hier einander an. Das Café ist ihre Verlandungszone, ein Ort der Begegnung. 

Warum hast du Fräulein Wild ausgewählt?
ERH: Es gibt den Ort, an dem ich mich physisch aufhalte und – wenn ich alleine bin – fast immer einen zweiten. Diesen zweiten Ort, meinen Headspace, bewohnen meine Gefühle. Das Fräulein Wild ist ein Ort, an dem ich oft schreibe. Die Gründe sind profan. Es liegt auf halber Strecke zwischen dem Kindergarten meiner kleinen Tochter und unserem Haus. Außerdem sind die Sessel bequem, der Kaffee schmeckt gut und – I must admit – der Name spricht zu mir…

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
ERH: Ich atme, tanze, lese 
Spiele mit den Worten
mit den Kindern 
anderswo.

 

BIO

Elisabeth R. Hager ist Schriftstellerin, Klangkünstlerin und Mitarbeiterin in der Hörspielabteilung von Deutschlandfunk Kultur. Für ihren Roman »Fünf Tage im Mai« erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. das Hilde Zach Literaturstipendium der Stadt Innsbruck 2018. Sie lebt mit ihrer Familie zwischen Berlin, Tirol und Neuseeland. Ihr dritter Roman »Der tanzende Berg« erscheint im August 2022 im Klett-Cotta Verlag.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Petra Piuk, Café Europa, Wien, Vienne

Petra Piuk | Café Europa, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Petra Piuk

 

und du tanzt 

und du tanzt tanzt impro und ballett und deine ballettlehrerin lacht immer noch und du tanzt in verlassenen fabrikshallen und auf den fahrenden wägen am ring tanzt flamenco auf tischen glaubst dass du flamenco tanzt tanzt mit den leuten vom broadway in der u6 und hip hop auf dem laufsteg und im film tanzt du betrunken auf der brüstung bevor du in die tiefe stürzt tanzt sieben stockwerke unter der erde tanzt mit comicfiguren auf der feria baila! und deine füße versinken im sand baila! baila! und du tanzt in neonbeleuchtenden wäldern und polizisten kesseln euch ein weil ihr vor der oper sirtaki tanzt und auf der tanzfläche wirst du verprügelt und auf der wiese zwischen den studios im arsenal zeigt dir eine freundin wie man sich auf zehenspitzen dreht ohne die balance zu verlieren und verliert ihre und du versuchst immer noch die balance nicht zu verlieren zoomst dich vom wohnzimmer ins tanzstudio nach new york zoomst dich in den nächten in die clubs verschwitzte körper dicht an dicht tanzt allein im café

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Petra Piuk: Spiel mit Sprache und Form. Experiment. Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Lachen, das im Hals stecken bleibt. Der Finger in der Wunde. Jedenfalls: kein beschaulicher Ort. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
PP: Ich hab jahrelang in Cafés, Café-Bars oder Kino-Bars gearbeitet. Und auch wenn es immer nur Nebenjobs waren, die Arbeit hinter der Bar hab ich geliebt. Vielleicht sitze ich in Lokalen deshalb noch immer am liebsten an der Bar. Ich treffe da Leute, lese Zeitungen, schreibe, plane neue Projekte.  

Warum hast du das Café Europa ausgewählt?
PP: Das Europa war früher mein zweites Wohnzimmer. Ich hab in einem Club ums Eck gearbeitet und war vor der Arbeit im Europa, manchmal auch nach der Arbeit, um zu frühstücken. Und an den freien Tagen war ich auch da. Ich hab hier geschrieben, gelernt, gefeiert. Heute bin ich viel seltener im Europa, aber es ist nach wie vor eines meiner Lieblingscafés. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
PP: Zuhause schreiben oder in Zügen. Und tanzen.

 

BIO

Geboren 1975 in Güssing, lebt in Wien. Schreibt Romane, Kurzprosa, Kinderbücher, Drehbücher und Theatertexte. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Wortmeldungen-Literaturpreis der Crespo Foundation 2018. Gisela-Scherer-Stipendium 2020. petrapiuk.at

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Tanja Raich, Cafemima, Wien

Cécile Calla | Lass uns Freunde bleiben, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Cécile Calla | Übersetzung aus dem Französischen: Barbara Peveling

 

Das Jahr Null der Sprache

Die Sirenen der Bombenangriffe ertönen pausenlos. Im Schlaf, beim Aufwachen, bei der Arbeit, während der Kaffeepausen, in dem Bus oder der Bahn und in jeder freien Minute. Das Ende des Krieges, die Kapitulation und das riesige Meer der Schuld kleben an mir. Ich bin nie allein, es gibt immer diese Geister, dieses Gewicht, das mir auf meine Lungen drückt, die Kehle zuschnürt, den Appetit verdirbt, meine Eingeweide umdreht und mich erschauern lässt. Ich versuche, das Alphabet der Herkunft zu entschlüsseln, ein vertrautes Wort zu rekonstruieren, das Unausgesprochene und die verschlüsselten Botschaften zu erkennen; ich lerne eine besonders schwierige Fremdsprache und das ohne jegliche Hilfe. Der ohrenbetäubende Lärm der Explosionen ist nichts anderes, als die Zerstörung dieser höllischen Logorrhoe*, dieser betäubenden Wörter, dieser leeren Formulierungen, dieser Witze, die nur Namen tragen. Ich werfe alles in den Reißwolf, um nur noch winzige Bruchstücke zu erhalten, Atome, die ich dann nach Lust und Laune und in völliger Freiheit zusammensetzen kann, ohne der familiären Gebrauchsanweisung zu folgen. Es ist das Jahr Null meiner Sprache. Ich lerne wieder sprechen, lesen und schreiben. Ich werde mich von meinem Bauch, meinem Mund und meinem Geschlecht leiten lassen. Die körperliche Dreifaltigkeit ist mein als Kompass. Die Nerven der Weg. Das Pulsieren des Herzens der Motor.

 

*Bei einer Logorrhoe kommt es zu einem nahezu ununterbrochenen und übermäßig schnellen Redefluss. 

 


Interview mit der Autorin

Was ist Literatur für dich?
Cécile Calla: Es ist ein Raum zum Denken, um die gegenwärtige und vergangene Welt zu verstehen, ein Ort der Freiheit, der Entdeckung und einer notwendigen Disziplin.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
CC: Es sind Orte, an denen ich die Einsamkeit genießen kann, Zufluchtsorte zum Schreiben, seit ich Mutter bin. Dort kann ich meine Gedanken nach Belieben schweifen lassen. In einem Café gelingt es mir oft, eine Textblockade zu lösen oder eine gute Einleitung zu finden.

Warum hast du Lass uns Freunde bleiben gewählt?
CC: Weil es unaufgeregt ist, so typisch berlinerisch mit seinen Möbeln, die aussehen, als wären sie von einem Flohmarkt, und auch, weil es an einer Straßenkreuzung liegt. Ich gehe gerne am frühen Morgen hin, wenn viel los ist und Menschen unterschiedlicher Herkunft und Horizonte zusammenkommen: die Leute aus dem Kiez natürlich, Freunde und Bekannte, die ich treffe, aber auch einige Touristen oder Arbeiter von den nahe gelegenen Baustellen, die sich einen großen Kaffee holen.

 Was tust du, wenn du nicht im Café bist?
CC: Ich arbeite in meinem Büro, das sich in einem Künstlerhaus befindet.

 

BIO

Cécile Calla, 1977 in Paris geboren, lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie schreibt für deutsch-und französischsprachigen Medien und hat ihre erste Kurzgeschichte bei den Literaturmagazin Stadtsprachen im September 2020 veröffentlicht. Sie hat den feministischen Blog Medusablätter gegründet, der einen neuen Blick auf feministische Debatten wirft und produziert mit Barbara Peveling den deutsch-französischen Podcast Medusa spricht (Méduse parle). Sie ist Mitglied des Netzwerkes französischsprachiger Autorinnen in Berlin. Zuvor war sie Korrespondentin der Tageszeitung „Le Monde“ (2007 – 2010) und Chefredaktorin des deutsch-französischen Magazins „ParisBerlin“ (2012 – 2015).

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Heinrich Steinfes, Eiscafé Fragola, Stuttgart

Heinrich Steinfest | Eiscafé Fragola, Stuttgart

Foto: Alain Barbero | Text: Heinrich Steinfest

 

Talleyrand sagte über den Kaffee, er müsse „heiß wie die Hölle, schwarz wie der Teufel, rein wie ein Engel, süß wie die Liebe sein.“ In der Tat ist es in den meisten Kaffeehäusern immer unglaublich heiß (allerdings nicht mehr ganz so höllisch wie in Zeiten, als Schwaden von Zigarettenqualm die Räume erfüllten und alle ein wenig so aussahen, als seien sie von Renoir gemalt worden). Der Hitze entgehend, sitze ich so gerne in den „Schanigärten“ der Cafés – der Freiluftmalerei huldigend –, wo ja mancher Kaffee dann noch immer schwarz wie der Teufel und hoffentlich rein wie ein Engel ist. Wer aber auf den Zucker verzichtet … nun, die Liebe kann ja auch bitter und schwermütig sein, vielleicht ist sie dann sogar noch ein wenig intensiver und tiefer, so wie jener Grund am Boden eines hochkonzentrierten Espressos.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Heinrich Steinfest: Das Leben einatmen und eine Geschichte ausatmen.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
HS: Na ja, das ist halt in der Jugend losgegangen, denn im Café war es eindeutig spannender als in der Schule. Früher waren es für mich die bedeutenden Wiener Kaffeehäuser, weil man sich da selbst so bedeutsam vorkam, zwischenzeitlich sitz ich aber viel lieber in den hinterzimmerartigen Café-Bereichen kleiner Bäckereien oder großer Supermärkte, im Strandbadcafé oder im Eiscafé.

Warum hast du Eiscafé Fragola ausgewählt?
HS: Weil ich da im Freien sitzen kann. In einer Art von erweitertem Zimmer, mit Blick auf den Platz, auf die Kirche, den Markt, die Vorbeiziehenden, die Eisesser, die Flaneure, die Eiligen und die Langsamen. Ich bin dort allein, aber unter Menschen.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
HS: Dann schreibe ich zu Hause und mach mir selbst den Kaffee.

 

BIO

In Australien geborener Wiener, der nach einem Vierteljahrhundert Stuttgart nun im Odenwald nahe Heidelberg lebt, allerdings immer wieder vom Wiener Magneten angezogen wird. Und der von seinen einundsechzig Lebensjahren dreißig Jahre dafür verwendet hat, einen Haufen Bücher in die Welt zu bringen.