Felix Kucher | Theatercafe Cho-Cho-San, Klagenfurt

Foto: Alain Barbero | Text: Felix Kucher

 

Wieder ist es zwei Uhr früh, wieder sind wir die letzten Thekensteher und meditieren unsere leeren Biergläser. Nur Joe tut noch immer so, als läse er die FAZ, die vor ihm auf der Theke liegt. Karl hat mich gerade gebeten, mir einen beliebig großen Teil der Bevölkerung Klagenfurts auszudenken. Nach dem dritten Bier kommt bei ihm der ehemalige Lehrer raus. Die Stadt hat etwa hunderttausend Einwohner.
„Und es ist völlig egal, wie groß“, frage ich. „Von eins bis neunundneunzigtausend.“
Georg rechts neben mir brummseufzt.
„Völlig egal“, sagt Karl. „Vroni, noch eine Runde.“
„Die ganze Bevölkerung sind hundert Prozent, logisch“, sagt Karl überflüssigerweise.
„Habe mir eine Zahl ausgedacht“, sage ich.

Karl hebt den Zeigefinger. „Nicht sagen. Pass auf: Ich verschicke an deine Auserwählten jetzt Briefe, in denen sich eine weiße Postkarte befindet. Alle anderen bekommen eine schwarze.“
Ich sollte nachhause gehen. Jetzt.
„Ich frage dich jetzt: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass du als Bewohner dieser Stadt bei der größeren Gruppe dabei bist?“
Er schaut abwechselnd zu Georg und mir. Ich stelle mir Menschen vor, die leere weiße und schwarze Karten bekommen, auf denen nichts steht.
„Wie soll man wissen,  ob man bei der größeren dabei ist oder bei der kleineren?“, frage ich. „Wenn ich mir mehr als fünfzig Prozent ausdenke, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich beim größeren Teil dabei bin, natürlich größer.“
Die neuen Biere sind da. Wir trinken.
„Ja, das denke ich auch. Es sind ja mehr“, steuert Joe bei.
„Die Frage ist, warum“, sagt Karl.
„Na, weil’s mehr sind. Ach, Karl, es ist verdammt spät.“
„Nein“, sagt Karl. „Die Wahrscheinlichkeit ist größer, weil du dabei bist. Ob du’s glaubst oder nicht: Die erwartete Größe einer Gruppe verändert sich abhängig davon, ob du Mitglied bist.“
Ich blicke auf die Gläser im Regal hinter der Theke. Ich will nirgendwo Mitglied sein.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Felix Kucher: Alles. Aufputschen, beruhigen, Trost spenden, Wut schüren, Mitgefühl erzeugen (phobos kai eleos!) reinigen, beschmutzen, versöhnen, entzweien, aufheitern, betrüben, einschläfern, aufwecken. Ad infinitum.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
FK: So viele verschiedene: Es gibt Cafés wie das Theatercafé in Klagenfurt, wo man an einem Nachmittag unter der Woche der einzige Gast ist. Aus den Lautsprechern schmettert Alfredo Kraus Di quella pira, man versteckt sich vor niemandem hinter einer Großformatzeitung oder sieht einfach nur aus dem Fenster, vorbei an den uralten Sansevierien, die wie Lanzenspitzen die Außenwelt abwehren.
Und es gibt Cafés wie das Jelinek, wo ich mich mit meinem alten Freund Edi zwischen voll besetzten Tischen auf ein Bier und ein Schinkenbrot treffe, wir sofort in das Gespräch des Nebentisches involviert sind und viel später als geplant die Otto-Bauer-Gasse hinaufwanken.

Wo fühlst du dich zu Hause?
FK: Überall, wo ich Freunde und Bekannte habe und treffe.

 

BIO

Geboren am 23. 10. 1965 in Klagenfurt, Kärnten. Studium der Klassischen Philologie, Theologie und Philosophie in Graz, Bologna und Klagenfurt. Arbeitet bei der Bildungsdirektion für Kärnten. Lebt in Klagenfurt und Wien.
Publikationen: Malcontenta. Roman, 2016. Kamnik. Roman, 2018. Sie haben mich nicht gekriegt. Roman, 2021. Vegetarianer. Roman, 2022. (alle: Picus Verlag, Wien). Daneben zahlreiche Beiträge (Kurzgeschichten, Lyrik) in Anthologien und für den ORF (Ö1). Zuletzt: Schnitt (Kurzgeschichte), gesendet auf Ö1 in „Radiogeschichten“ am 29.05.2022.

Theodora Bauer | Café Museum, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Theodora Bauer

 

Das Café Museum. Repräsentation, Repräsentation, Repräsentation. Obwohl mittlerweile Teil der großen Landtmann-Kette, strahlt es für mich nach wie vor den Charme eines edlen, kleinen Wiener Cafés mit der einer solchen Institution eigenen Würde aus. Ich – das muss ich gestehen – bin keine große Kaffehaus-Gängerin. Ich arbeite am liebsten zu Hause in Jogginganzug oder Pyjama, mit einer Tasse Kaffee, aus dem eigenen Vollautomaten frisch heruntergerumpelt, mit zerknittertem Gesichtsausdruck und bedenklicher Haltung auf meinem Schreibtischstuhl. Ins Café Museum gehe ich also nicht zum Schreiben, sondern zu geschäftlichen Treffen – was ja durchaus auch ein mir sehr angenehmer Teil meiner Arbeit ist. Das hier ist das Café, das ich vorschlage, wenn jemand noch nie in einem Wiener Kaffeehaus war und unbedingt ein „echtes“ sehen möchte; wenn jemand ein Interview mit mir führen oder man zukünftige gemeinsame Projekte besprechen will. Die Atmosphäre ist repräsentativ, aber nicht bieder; das Café strahlt Ruhe und eine gewisse unterschwellige Betriebsamkeit gleichzeitig aus. Es wirkt eingewohnt und trotzdem nicht ranzig. Gemütlich und dennoch edel. Ein Ort, der Anonymität und Öffentlichkeit gleichermaßen bietet. Schlicht: Ein durch und durch Wienerisches Café, das ich immer wieder gerne besuche.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Theodora Bauer: Eine große Frage mit einer Antwort, die die Grenzen dieses Interviews sprengen würde.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
TB: Cafés sind für mich schöne Optionen – wenn jemand nicht zu Hause arbeiten kann oder will, gibt es immer die Möglichkeit, ein Wohnzimmer außerhalb der eigenen vier Wände aufzusuchen und dort auch zu verweilen. Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass das in einer Großstadt wie Wien noch möglich ist.

Wo fühlst du dich zu Hause?
TB: In Wien und im Burgenland.

 

BIO

Geboren in Wien, aufgewachsen im Burgenland. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und der Philosophie. Schreibt Romane („Das Fell der Tante Meri“, „Chikago“), Theaterstücke und Kurzprosa. Seit 2018 moderiert sie die Literatursendung „literaTOUR“ auf ServusTV.
Nähere Infos auf www.theodorabauer.at

Dominique Manotti | Corso Quai de Seine, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Dominique Manotti Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Als François Mitterrand, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, 1981 unter allgemeinem Jubel und nach zwanzig Jahren heftiger sozialer und politischer Kämpfe in Frankreich zum Präsidenten der Französischen Republik gewählt wurde, hatte ich sofort den Eindruck, dass diese Wahlen der Linken den Todesstoß versetzten, und das auf Dauer. Jedesmal, wenn ich diese Erinnerung bei einer Diskussion oder einem Treffen erwähne, reagieren meine Gesprächspartner ungläubig. Und dennoch… Ich bin aus der Generation, die den Algerienkrieg erlebt hat. Dieser Krieg hat mich ein für alle Mal verstehen lassen, dass man nicht darauf vertrauen darf, was die Leute und die Organisationen sagen, in der Politik und anderswo, sondern darauf, was sie tun. Als François Mitterrand an die Macht kam, kannte ich seine Rolle als Unterstützer der kolonialen Expansion Frankreichs und seine gewichtige Rolle im Algerienkrieg sehr genau. 1956 stimmt er für die Sonderbefugnisse der französischen Armee auf algerischem Boden und öffnet dadurch eine Büchse der Pandora. Die bösen Geister, die ihr entschlüpft sind, plagen unsere Gesellschaft noch immer. In den Sechziger- und Siebzigerjahren habe ich mich stark im gewerkschaftlichen Milieu Frankreichs engagiert, überzeugt davon, dass wir dabei waren, die Welt zu verändern. Und ich war nicht allein. Ich kannte daher, durch meine Erfahrung in der Gewerkschaft, die tiefe Ignoranz des sozialistischen Parteiapparats gegenüber den sozialen Kämpfen für eine Erneuerung, die das Land erschütterten. Für mich war klar, dass die Machtübernahme und die riesige kollektive Begeisterung, die sie ausgelöst hatte, schwer an der totgeschwiegenen kolonialistischen Vergangenheit zu tragen hatten und außerdem eine echte Verwurzelung in den sozialen Kämpfen fehlte, sodass alles in einer Sackgasse und in Verdrossenheit enden würde. Ich war verzweifelt, habe mein Engagement aufgegeben, Bilanz gezogen und ein Jahrzehnt später damit begonnen, Romane zu schreiben um zu erzählen, wie meine Generation gescheitert ist. Romans noirs natürlich – immer erzählen, was die Leute machen, und nicht, was sie sagen.

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur ?
Dominique Manotti: Es ist schwer, auf eine so allgemeine Frage zu antworten. In meiner Jugend haben mir die Romane, die ich verschlungen habe, die Welt eröffnet. Ich habe Figuren kennengelernt, mit denen ich jahrelang Gespräche geführt habe. Sie haben mich zu lieben und zu hassen gelehrt. Ich habe sie immer wieder getroffen, und sie haben mir dabei geholfen zu verstehen, wer ich war. Wenn ich jetzt ein Romanthema wähle, wenn ich zu schreiben beginne, dann mache ich das, um die Ereignisse, von denen ich erzähle, zu verstehen, sie zu vertiefen, um einen Dialog mit den Männern und Frauen, die mich lesen, zu beginnen.

Welche Bedeutung haben Cafés für Sie?
DM: Das Café Corso, gleich bei mir ums Eck, liegt am Bassin de la Villette, einem der schönsten Plätze von Paris. Immer, wenn ich es sehe, bin ich glücklich. Dieses Café bezeichnet sich als „Pariser Café mit dem Geschmack Italiens“ – alles, was ich liebe. Und gleich daneben ist ein Kino, in das ich oft gehe. Durch den amerikanischen Film noir habe ich den Roman noir entdeckt, das Kino beeinflusst mein Schreiben, ich liebe das Kino. Ich wünsche dem Café Corso, wo ich mich mit Freunden treffe um zu plaudern und über die Filme zu sprechen, die wir uns gerade gegönnt haben, noch viele Jahre.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
DM: In meiner Wohnung.

 

BIO

Geboren 1942 in Paris. Unterrichtete Geschichte zuerst im Gymnasium, später an den Universitäten Vincennes und Paris VIII. Seit ihrer Jugend politisch engagiert, zuerst für die Unabhängigkeit Algeriens, später, in den Sechziger- und Siebzigerjahren, in verschiedenen Bewegungen und Gewerkschaften, später schließlich Romanautorin. Debüt 1995 mit Sombre Sentier (Hartes Pflaster,2004). Sie hat 13 Romane geschrieben, die alle auf Deutsch und teilweise auf Italienisch, Englisch, Spanisch, Katalanisch, Türkisch, Griechisch, Rumänisch und Russisch übersetzt wurden.

Website: dominiquemanotti.com

Maria Sterkl | Café Schopenhauer, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Maria Sterkl

 

Montag

Sie trugen Anzughosen mit Bundfalten und bügelfreie Hemden, niemals sah man sie in Jeans. Im Sommer wischten sie sich den Schweiß von der Stirn, im Winter saßen sie in dicken Jacken im gut beheizten Raum. Fünf, sechs, sieben Männer saßen rund um den kleinen Spieltisch, an dem zwei in ihr Brettspiel vertieft waren. Backgammon. Trictrac. Puff. Scheschbesch. Sie kamen aus Ägypten, sagten sie, als ich sie fragte. Kopten seien sie, sagten sie mir ungefragt. Seit dem elften September musste man als nicht weißer Mann in Wien den Verdacht, in den Islam geboren zu sein, unentwegt aus dem Weg räumen. Jeden Montag spielten sie im Cafe. Wer nicht am Zug war, analysierte. Wer nicht rauchte, gab Feuer. Sie tranken Tee, ich sah ihnen zu. Ich fragte mich, wo ihre Frauen waren. Sie fragten nicht, wer ich war, ich wusste nicht, wie sie hießen. Wir ließen einander in Frieden. So sagte man damals.

Irgendwann kamen sie montags nicht mehr. Ich suchte sie in allen Cafes im Bezirk, ich fand sie nicht. Ich suchte in anderen Vierteln, Bezirken, ging bis zum Stadtrand und darüber hinaus. Ich suchte in der Wüste, im Meer, in den Trümmern verlassener Häuser. Ich suche sie immer noch, nur an den Montagen halte ich inne. Dann frage ich sie um Rat. Sie würfeln, seufzen, machen ihre Züge. Und lassen mich in Frieden.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Maria Sterkl: Literatur kann trösten, verstören, aufrütteln, beruhigen, entfremden, ein Zuhause bieten. Literatur kann Mächtige gefährden, aber auch von Mächtigen missbraucht werden. Literatur ist kein Wert an sich, aber ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass Literatur mir das Leben gerettet hat.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MS: Draußen zuhause sein. Der Raum ist dabei wichtiger als der gute Kaffee und das gute Service, darum mag ich alte Wiener Kaffeehäuser gerne.

Warum hast du Café Schopenhauer ausgewählt?
MS: Vor allem wegen schöner Erinnerungen. Ich war hier in einer Phase meines Lebens sehr gerne und oft, vor allem allein und schreibend. Ich mochte die Stille, das Düstere, die dunklen Bezüge, die alten Männer mit ihren Brettspielrunden. Außerdem gab es damals einen sehr freundlichen Kellner, der zu den verschiedenen Zeitungen im Café seine Einschätzung abgab. Als ich einmal zur Kronen Zeitung griff, sagte er: “Die muss man nicht aufschlagen, um zu wissen, was drin steht.”

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MS: Nachts schlafe ich meistens. Tagsüber verzweifle ich gerne.

 

BIO

Maria Sterkl, lebt in Jerusalem und Haifa. Geboren 1978 in Krems/Donau, Österreich. Studium der Handelswissenschaften in Wien, Sönderborg und Parma. Derzeit Korrespondentin für Israel und Palästina für den STANDARD, regelmäßige Berichterstattung auch in der Frankfurter Rundschau, der Badischen Zeitung und den Blättern der Funke Mediengruppe Berlin. Literarische Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, zuletzt nominiert für die Floriana 2022.

Dominika Meindl | Alter Schlachthof, Wels

Foto: Alain Barbero | Text: Dominika Meindl

 

Das Nachleben der toten Tiere

Seit einem Vierteljahrhundert esse ich kaum Fleisch, und in letzter Zeit ertrage ich den Anblick totgefahrener Tiere neben der Straße kaum noch. Trotzdem habe ich vergangenes Jahr in einem Schlachthof geheiratet. Es war wunderschön.

Bis zum Jahr meiner Geburt wurden an diesem Ort hunderttausende Rinder und Schweine ums Leben gebracht, ich mag es mir gar nicht vorstellen. Heute nennt sich der Alte Schl8hof Wels „sociocultural center * unestablished since 1985“. Wels hat mir bis vor 15 Jahren rein gar nichts bedeutet – dass sich das ins Gegenteil gekehrt hat, liegt nicht nur an dem Mann, den „meinen Mann“ zu nennen ich mir gerade angewöhne. In den Schl8hof war ich auf den ersten Blick verknallt. Hier würde sich etwas anfangen lassen, dachte ich.

Wenn man in Wien etwas auf die Füße stellen möchte, schauen dich die Leute mitleidig an und sagen sarkastisch „super, wir wollten dich schon anrufen“. In Linz sagen sie, „super, mach‘ einmal“. In Wels: „Super! Was brauchst du?“ Und sie meinen es auch so. Wels ist keine coole Stadt, es ist von Autobahnen und Einkaufszentren umschlungen, es hat einen blauen Bürgermeister. Er hasst den Schl8hof, und das ist in meinen Augen eine herzliche Empfehlung für diesen Ort.

Die Bar des Schl8hofs ist natürlich kein Café, auch wenn gute Menschen eine Sitzecke aus dem legendären und schändlich abgerissenen alten Café Urbann gerettet und hier aufgestellt haben. Während des Foto-Shootings war es ganz still. So kenne ich diesen Ort nicht, ich verbinde ihn mit Musik, Gelächter und Menschen, die ich mag. Seit 2016 veranstalte ich hier mit dem KV waschaecht die literarische Reihe „experiment literatur“. Ich darf Kolleginnen und Kollegen einladen, die ich bewundere. Gibt es Besseres?!

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Dominika Meindl: Viel zu wenig. Aber vielleicht verlange ich auch zu viel von ihr. Ist ein Buch vorstellbar, das Vladimir Putin in einen Haufen reuiges Elend verwandelt? Wie schön das wäre. Natürlich bedeutet mir Literatur die Welt. Sie anderen zu vermitteln, ist Sinn meiner Arbeit. Andererseits liebe ich Ausflüge in eine Welt, die ganz ohne Buchstaben auskommt, ins Tote Gebirge etwa. Das sind Stunden in einer Welt, die ohne mich auskommt. Wenn ich zurückkomme, bin ich wieder ganz für die Buchstaben da.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
DM: In ihrer klassischen Form keine besonders große, obwohl ich es sehr genieße, hier Zeitung zu lesen oder Berufliches zu besprechen. Wahrscheinlich bin ich eher ein Wirtshausmensch. Wenn ich ins Black Horse, ins extrazimmer oder in den Schl8hof gehe, summt in meinem Kopf manchmal die Titelmusik von „Cheers“:

Making your way in the world today
Takes everything you’ve got …
Sometimes you wanna go
Where everybody knows your name
And they’re always glad you came

Wo fühlst du dich zu Hause?
DM: In Wilhering, an der Donau, in Wels, im Toten Gebirge

 

BIO

Dominika Meindl, *1978, Bundespräsidentin der Republik Österreich. Bewegt sich zwischen oberösterreichischem Zentralraum und Totem Gebirge als Schriftstellerin, Moderatorin, Journalistin und Literaturveranstalterin. Leitet die gemeinsam mit Anna Weidenholzer, Klaus Buttinger und René Monet gegründeten Original Linzer Worte, die dienstälteste Lesebühne Österreichs. Kuratiert die Reihe experiment literatur in Wels. Regionalsprecherin der GAV OÖ.
Blog „Eine Frau mit recht wenigen Eigenschaften“: www.dominikameindl.at

Sophia Lunra Schnack | Kaffee Monarchie, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Sophia Lunra Schnack

 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Sophia Lunra Schnack: Öffnen und bremsen. Gedankengänge, Emotionen, Überzeugungen in Bewegung setzen. Gerade junge Menschen können sich sozusagen Lebenserfahrung, Reflexionsfähigkeit und sinnliche Bereitschaft anlesen. Literatur kann Zeitabläufe bremsen, sich gegen ein durchgetaktetes Dasein positionieren. Und gegenüber der gegenwärtig zunehmenden Automatisierung und Anonymisierung würde ich sagen, dass Literatur den Menschen, das Menschliche bewahren kann.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SLS: Wenn mir zuhause Stille zum Arbeiten zu radikal wird, wechsle ich in ein Kaffeehaus. Es muss aber die richtige Mischung aus sanftem Stimmenrauschen und Rückzug geben. Da gibt es einige Stammcafés, von denen ich weiß, da geht es, da habe ich eine Ecke, mein Schneckenhaus, aus dem ich aber jederzeit herauskriechen kann um Kontakt aufzunehmen. Ich liebe diese ungezwungene Art, mit unbekannten Personen ins Gespräch kommen zu können, aber nicht zu müssen.

Wo fühlst du dich zu Hause?
SLS: Zu Hause sein hat für mich immer mit Sprache zu tun. Lange Zeit habe ich mich in der französischen Sprache zuhause gefühlt, hatte mit meiner Muttersprache Probleme. Da war es auch sehr naheliegend für mich, in Frankreich zu leben. Das Fluchtverhalten vor meiner Muttersprache habe ich mittlerweile überwunden, jetzt habe ich einen sprachlichen Haupt- und Zweitwohnsitz. Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen in einem Land zu leben, in dessen Klänge ich nicht einfließen kann.

 

BIO

Sophia Lunra Schnack (*1990) lebt und schreibt derzeit überwiegend in Wien. Sie verfasst Lyrik und (lyrische) Prosa in diversen namhaften Literaturzeitschriften, u.a. in den manuskripten, der Poesiegalerie oder Das Gedicht.
2022 erhält sie den rotahorn-Förderpreis und seit 2023 leitet sie einen Lyrikblog für Das Gedicht. Im August 2023 erscheint ihr Debütroman „feuchtes holz“ (Otto Müller).
Derzeit arbeitet sie an ihrer Kurprosasammlung „Fliederkuss“ sowie an einem zweisprachigen Lyrikband „wimpern piniengrün – cils vert de pins“.

Marcus Fischer | Café Weidinger, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Marcus Fischer

 

Das Café Weidinger

Du bist wie ein alter Herr in elegantem, seit Jahrzehnten getragenem, abgestoßenem und zerschlissenem Gewand, der nichts von seiner Würde verloren hat. Die Jungen bewundern deinen Stil. Ich auch, und die Ruhe, die du ausstrahlst. Und die schrulligen, liebenswerten Gestalten, die dich umgeben.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Marcus Fischer: Literatur kann uns die Menschen von innen zeigen. Wir erleben Figuren in ihren Ängsten, ihrer Scham, ihrem Neid, ihrer Liebe, ihrer Wut, ihrer Verzweiflung. Diese Innensicht liefert Literatur besser als jedes andere Medium.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MF: Es fällt mir oft leichter, mich abzuschotten und zu konzentrieren, wenn um mich herum ein gleichmäßiges, wellenartiges Treiben herrscht. Cafés sind dafür der perfekte Ort. Ich setz mir dann Kopfhörer auf, höre oft stundenlang ein und dasselbe Lied und tauche in meine Geschichte ein.

Wo fühlst du dich zu Hause?
MF: Einfache Antwort: in meinen Texten, egal wo ich sie schreibe. Und in der Natur, unter vertrauten Menschen und an liebgewonnenen, inspirierenden Orten – wie dem Kaffeehaus.

 

BIO

Geboren 1965 in Wien, Studium der Germanistik in Berlin, schreibt Prosa und Lyrik. Nach dem Studium Arbeit als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache und als Texter in Werbeagenturen in Berlin und Wien. Publikationen in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Radio. Sein 2022 erschienener Roman „Die Rotte“ (Leykam Verlag) wurde mit dem Rauriser Literaturpreis 2023 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet.

 

Jade Samson-Kermarrec | Nathanja & Heinrich, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Jade Samson-Kermarrec | Übersetzung aus dem Französischen: Sophia Lunra Schnack

 

Jule fragt sich schon, wem Nathanja und Heinrich ähnlich sehen. Existieren sier nur? Die Frage streift sie, ohne sie wirklich zu beschäftigen. Seitdem sie hierherkommt, hätte sie einen der Barkeeper fragen können. Um ehrlich zu sein, hat Jule das sicher schon gemacht, einmal, als sie jedoch stockbetrunken war und ihre Erinnerung, im Alkohol versumpfend, abgedankt hatte und bis zur nächsten Verordnung aufhörte neue Informationen abzuspeichern.

Unmöglich, sich zu erinnern, wenn es keine Erinnerungen gibt.

Auf einer Bank sitzend und am Fenster lehnend, spielt Jule nervös mit dem Gummiband ihres Notizheftes, während sie die gekonnten Bewegungen hinter der Theke beobachtet.

Jule trank und trinkt nicht mehr.

Seither wird sie, ohne Vorwarnung, regelmäßig von der Schwere und den Folgen ihrer Abhängigkeit heimgesucht. Dennoch kann sie nichts dagegen tun, dass sie Lust auf den Cocktail hat, den die Bardame gerade zubereitet. Jule macht die Augen zu. Sie ruft in ihrer sensorischen Erinnerung den Geschmack von Gin Basil auf, das Basilikumblatt, das ihre Nase kitzelt, den klaren und säuerlichen Geruch des Gin und der Zitrone, die scharfe Kälte des Eiswürfels, der auf der Mitte des Whiskyglases schwimmt. Die Verheißung des Geschmacks, der Kühle, des Rausches, der Schwebezustand ist so perfekt, dass sie kaum den Alkohol spürt, das erste Glas so gut, so tückisch, dass es nach dem nächsten ruft, dann nach noch einem, schließlich all ihre Kumpel versammelt. Jule unterdrückt einen Schmollmund, der Geschmack von zu viel überkommt sie wieder, ihre Sprachfähigkeit wie Neuronen, ihr Anstand und Schamgefühl ziehen Leine. Sie macht die Augen wieder auf. Das Aufrufen ihrer Erinnerung hat seine Wirkung getan, ihre Lust ist vergangen.

 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Jade Samson-Kermarrec: Sehr viel Verschiedenes. Sie kann sowohl Rückzugsort sein als auch Ventil für etwas. Ich denke, dass sie mehr als ein Fenster zu einer Welt oder Zugang zu einem anderen Ort ist und tiefgreifende Veränderungen im Inneren wie Äußeren auslösen kann. Ich mag es, mir Literatur als eine Bewegung vorzustellen, als eine Welle, die im Inneren entsteht um sich dann auszubreiten. Ich mag, dass sie sämtliche Paradoxe vereinen kann, das macht sie meiner Meinung nach komplex, vollkommen und vor allem unendlich.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JSK: Als Pariserin war ich mit der Bedeutung des Cafés als Ort des Zusammenkommens seit der Pubertät vertraut. „Auf einen Kaffee gehen“ war Teil des Alltags. In Berlin sind Kaffeehäuser anders, hybrider, weniger vereinheitlicht. Wie auch immer, ich habe Kaffeehäuser immer mit menschlicher Erfahrung verbunden, mit der Beobachtung von KundInnen oder PassantInnen, mit der Körpersprache des Barkeepers/der Barkeeperin und der KellnerInnen. Ich mag diese nicht wirklich anonyme Anonymität, die dort vorherrscht, ich mag diese Zwischenzone und die Möglichkeit Zuschauerin des menschlichen Karussells zu sein, ohne sich jedoch ganz daraus zurückzuziehen. Ein Café (in seiner Bedeutung als Ort und allen anderen Bedeutungsebenen) ist eine Schatzkammer.

Wo fühlst du dich zuhause?
JSK: Das ist eine Frage, die einen das ganze Leben beschäftigen kann. Ich bin 2003 nach Berlin gekommen, ich war 16 Jahre alt und habe mich sofort zuhause gefühlt, obwohl ich nicht viel von dem, was man mir erzählte, verstanden habe. Das war mir gleich ganz klar und seitdem hat mich dieses Gefühl, hier auch „zuhause“ zu sein, nie verlassen. Ich hatte fortan also mehrere „Zuhause“ ; das ist ein Luxus, der jedoch mit dem Nachteil einhergehen kann, sich nirgends komplett zu fühlen. Aber davon abgesehen ist Berlin mein Zuhause, da bin ich bei mir, da bin ich ich selbst.

 

BIO

Jade Samson-Kermarrec ist 1987 in Paris geboren und lebt seit 2013 in Berlin. 2018 gründete sie die französisch-deutsche Theatertruppe „Theater im Nu“ und 2022 das Theaterfestival „Le Lampenfieber“. 2021 trat sie der Berliner Autorinnenvereinigung bei und nimmt seither aktiv an den verschiedenen Initiativen des Netzwerkes teil (Hôtel des Autrices, Calendrier de l‘Avent, La Colec…)

Maud Ruget | Café Butter, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Maud Ruget | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

In einem Café schreiben. Durch das Fenster die Fahrräder, die Straßenbahn,  Spaziergänger mit Kinderwagen oder mit Hund beobachten. Das Zischen der Kaffeemaschine hören und die sanfte Nachmittagsmusik. Den Zitrusdampf eines Oolong-Tees in der Luft riechen. Und doch nur halb da sein, den Geist verzweigt an der Schnittstelle von Gefühl und Wort. Sich an den Tisch der Erinnerung lehnen, dann auf dem Boden einer Tasse die Zukunft betrachten, die am Rande des Möglichen zittert. Andere, noch nicht ganz geborene Welten durchschreiten, die ein Wissen Sie schon? jeden Moment verschlingen kann.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Maud Ruget: Ich war lange misstrauisch gegenüber der Macht, die der Literatur zugeschrieben wird. Ich möchte gerne glauben, dass ein Buch die Welt verändern kann. Ich bezweifle das manchmal. Und ich denke, dass das auch sehr gut so ist. Man muss sich ein bisschen ohnmächtig fühlen, wozu sonst schreiben?

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MR: Zum Arbeiten ins Café zu gehen, zwingt mich, aus meiner Höhle rauszukommen. Ich fahre dreißig Minuten mit der Metro, um in meine Lieblingscafés zu gehen, Orte, die gemütlich sind, und vor allem hell, die ich schon bei meiner Ankunft in Berlin markiert habe. Ich mag es, die Leute dort zu beobachten, die Gesichter einiger Stammgäste und Kellner*innen wiederzufinden. Das gibt mir die Illusion von Stabilität in einem Alltag, der eine ständige Baustelle ist. Vielleicht schreibe ich dort nicht so gut, aber Cafés haben den Vorzug, mir den Geist durchzulüften (und Kuchen zu servieren, seien wir ehrlich).

Wo fühlst du dich zu Hause?
MR: In Berlin, wo sonst? Manchmal ermüdet mich die Stadt, aber ich komme hier immer wieder auf das Gefühl zurück, dass ich zu Hause bin.

 

BIO

1990 in Dijon geboren, zog Maud Ruget durch mehrere Kontinente, bevor sie ihren Koffer 2016 in Berlin abstellte. Ihr Schreiben ist interdisziplinär. Ihre Interessengebiete liegen in der „Poetik der Beziehung“, „Öko-Poetik“ und im post-traumatischen Schreiben. Sie ist mit ihrer Novelle Maelstrom Frankreichs Kandidatin in der Kategorie Literatur der Jeux de la Francophonie 2023

Maria Seisenbacher | Café Ritter Ottakring, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Maria Seisenbacher


ich bezeuge […]

Schnee erreicht uns nur
an weit verzweigten Orten
im streitbaren Stimmen
so lange nicht
so lang

Schlaf findet
ferner verweilt er
ineinander nicht gesehen
der Wahrscheinlichkeit
so lange nicht
so lang

Kristalle beschirmen kleine Narben
nur einmal fiel Rachen
Husten, überschüssig Luft in
Nichts
so lange nicht
so lang

ich weiß:
Finger bilden Leber –
Weichtier vereinzelt ohne Arm
ich weiß: nichts
vom Abbild zielbarer Geschichten
so lange nicht
so lang

entfache wahllos Ränder, Wellen
Flächen oder Kiesel
danach bezeuge ich
vor meiner Haut:
ichhabmichlangenichtgesehen

so lange nicht
so lang
die Welt abdreht

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Maria Seisenbacher: Ein selbstgewählter Zufluchts-, Lern-, Erfahrungs- und Arbeitsort gefüllt und erfüllt mit körperlich-geistiger Leidenschaft.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MS: Ein Zufluchtsort vor mir alleine arbeiten zu müssen. Im Café höre, sehe, lese und beobachte ich andere Menschen und mich.

Warum hast du das Café Ritter Ottakring ausgewählt?
MS: Aufgrund der Architektur, der Stille, des Standorts, der samtbezogenen Bänke mit Mehlspeisen im Kaffee.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MS: Vieles und Nichts und dann wieder gar nichts und viel Nichts.

 

BIO

Maria Seisenbacher, lebt und arbeitet als Lyrikerin und Übersetzerin in Leichte Sprache in Wien. Mag.a der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Dipl. Sozialpädagogin. Einladungen zu internationalen Lyrikfestivals, Stipendien und Preise, zuletzt erschien der Gedichtband „Hecken sitzen“ im Limbus Verlag mit Drucken von Isabel Peterhans. www.mariaseisenbacher.com