Catherine Cusset | L’Élephant du Nil, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Catherine Cusset | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

        Es gibt viele Cafés auf dem Platz bei der Métrostation Saint-Paul, fünf Minuten von meinem Haus entfernt. L’éléphant du Nil hat mich angezogen, weil das ein echtes Pariser Café ist, mit Zinktheke, kleinen dunklen Holztischen, Bistrostühlen und alten Fliesen. Ich fühle mich dort wohl. Eine Durchreiche öffnet sich zur Küche, wo der Koch gutes und preiswertes Essen zubereitet. Die Kellner sind jung und freundlich, und sie lächeln – im Gegensatz zum Klischee des typischen Pariser Kellners.
        Hier komme ich in Paris an, wenn ich aus New York anreise. Dreißig Jahre lang landete ich drei- oder viermal im Jahr in Roissy, holte meinen Koffer ab, nahm den RER, stieg in Châtelet um und stieg in Saint-Paul gegenüber dem L’éléphant du Nil aus. An der Theke bestellte ich einen Grand Crème, im Stehen, neben Stammgästen, die gerade einen Espresso oder ein Glas Wein tranken. Manchmal blieb ein Croissant übrig, buttrig und knusprig. Es ist Mittag in Paris und 6 Uhr morgens in New York. Der heiße, süße Milchkaffee läuft durch meine Kehle, ich schlucke einen Bissen Croissant hinunter, diese vertrauten Geschmäcker sagen mir, dass ich angekommen bin, dass ich zu Hause bin.
        Im Café lese ich, aber ich schreibe nicht. Zum Schreiben brauche ich Stille und einen abgetrennten Raum. Virginia Woolf hatte nicht Unrecht, als sie auf der Notwendigkeit eines eigenen Zimmers bestand. Ich gehe vom Bett zum Schreibtisch, vom Schlaf und von den Träumen zum Schreiben, ohne Übergang. Ich beginne den Tag nie mit einem Frühstück im Éléphant du Nil, obwohl ich den Grand Crème und die Croissants so sehr liebe. Nur, wenn ich aus New York ankomme.

 


Interview mit der Autorin

Was kann die Literatur leisten?
Catherine Cusset: Kafka schreibt, dass sie die Axt für das gefrorene Meer in uns sein muss. Ja. Sie öffnet uns – uns selbst, dem anderen, der Welt. Sie macht uns größer, reicher, bewegt uns fort. Es gibt zwei Arten von Literatur: in der einen geht es um Unterhaltung, in der andern um Suche. Obwohl ich diejenigen bewundere, die Bücher schreiben, die von Teenagern verschlungen werden, bevorzuge ich die andere Art. Ich lese nicht für die Handlung, sondern für die Bedeutung, für die lebendige Anwesenheit eines menschlichen Geistes. Gute Bücher sind solche, bei denen man das Ende bereits kennt und die man noch einmal lesen kann, ohne sich je zu langweilen. Ich lese und schreibe, weil ich auf der Suche bin – nach Wahrheit, nach Sinn, nach Verbindung, nach Kohärenz, nach Andersartigkeit, nach mir selbst.
        Es fällt mir schwer, ohne schreiben zu leben. Ich werde sehr schnell depressiv. Nur das Schreiben macht mein Leben erträglich. Weil es vereint, sammelt, Bedeutung schafft, die Erinnerung bewahrt, Zugang zum Anderen und zum Besten von einem selbst gibt. Schreiben ist eine einsame Tätigkeit, aber das einzige echte Mittel, die Einsamkeit zu verlassen.

 

BIO

Catherine Cusset, geboren 1963 in Paris, ist Autorin von fünfzehn Romanen, die zwischen 1990 und 2021 bei Gallimard erschienen und in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt wurden, darunter Janes Roman (Grand Prix des lectrices d’Elle 2000), Hockneys Leben (Prix Anaïs Nin) und Die Definition von Glück. Als ehemalige Studentin der École Normale Supérieure in der Rue d’Ulm, Absolventin der klassischen Philologie und Autorin einer Dissertation über Sade unterrichtete Cusset zwölf Jahre lang in Yale, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Nach dreißig Jahren in New York lebt sie heute zwischen Paris und der Halbinsel Crozon in der Bretagne.

Alexandre Delas | Le Réveil du 10ème, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Alexandre Delas Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach 

 

Ich habe mein altes Exemplar des Idioten mitgebracht, weil ich schon immer den Idealismus von Prinz Mychkine bewundert habe, der Charakterzug, der allen großen literarischen Kräften, die in allen Revolutionen auf Papier am Werk waren, gemein ist.

Die Revolution? 
Wie wäre es, wenn wir stattdessen über die Liebe sprechen.
Alain teilt meine Vorliebe für die alten Kinos.
„In den 80er Jahren machte ich einen Test, ich nahm die Mädchen immer mit ins Christine, um Mauvais Sang (Leos Carax, „Die Nacht ist jung“) zu sehen. Wenn sie diesen Film nicht mochten, dann wusste ich, dass zwischen uns nichts möglich sein würde.“
Ich frage Alain, ob es geklappt hat.
Er antwortet mir lächelnd: „Die Frau, mit der ich mein Leben teile, fand ihn ganz gut, mehr auch nicht.“ 

Manch einer könnte den Prinzen heutzutage ohne weiteres umbenennen, „Miskine“
(Bemerk. Übers.: französisches Wortspiel mit „miskine“, Neologismus aus dem Arabischen für „erbärmlich, arm“), doch ich möchte daran glauben, dass das Ideal immer einen Versuch wert ist.

Der Moment für das Foto kommt.
Wenn Brassens und Ferré mit im Bild sein dürfen, an meiner Seite, dann bin ich in sehr guten Kreisen.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung haben Cafés für dich? 
Alexandre Delas: Ein Café ist ein exzellentes Mittel gegen Einsamkeit in großen Städten. Es ist eine Blase mitten in der Welt und gleichzeitig außerhalb der Welt. Hier ein Rat: lächelt und sprecht mit eurem Tischnachbarn, selbst wenn diese Person nicht sympathisch wirkt. Vielleicht ist sie auch einsam wie ihr.

Wo fühlst du dich zu Hause? 
AD: Überall da, wo ich ein Fremder bin. 

 

BIO

Alexandre Delas lebt und arbeitet in Paris. Les Premières funérailles ist sein erster Roman (englische Version beim Autor). Er beschreibt eine ultra-kapitalistische Diktatur der extremen Rechten, die nach einem „Welt“-Krieg in Frankreich an der Macht sind, in der niemand mehr das Recht hat, zu sprechen, die Auswirkung auf die Psyche seiner Helden und Personen, die sich kreuzen — ihre Identität, ihre sentimentale Erziehung und ihr Entdecken der Arbeitswelt.
Alexandre Delas, gut informiert über die globalisierte Welt, hat seinem Text durch eigene mannigfaltige Berufserfahrung in Asien und den USA Nahrung gegeben.
https://linktr.ee/alexandre_delas

 

 

Vincent Crouzet | Tandem, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Vincent Crouzet Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Um Alain zu treffen, habe ich einfach das Tandem gewählt, denn da fühle ich mich wohl. Wie im Familienkreis. Es ist nicht eins dieser Wein-Bistros, wo laut geredet wird, wo man sich in Pose wirft. Es ist ein Ort des kleinen Raums, wie auf einer Terrasse, wo es einfach zugeht. Es ist der Raum von Philippe und Nicolas, die zwei  unzertrennlichen Brüderchen, die das Tandem hochhalten wie ein örtliches Markenzeichen, diese Blase der fröhlichen hedonistischen Ruhe, bevor man die rue de la Butte aux Cailles hinaufgeht, die lauter und weiter weg ist. Man kommt nicht, um ein Glas im Tandem zu trinken, sondern um zu frühstücken, Mittag zu essen, sich Zeit zu nehmen, und sich an einem Dekor zu erfreuen, das sich nicht verändert, sich nicht bewegt, in einer Zeit, in der die verrückten Dekorateure so reizende Bistros hinpfuschen. Hier gibts echte Holztische, Kacheln, die schon viel gesehen haben, eine strahlende Bar, die wie dafür gemacht ist, sich einen Moment mit Nikolas an die Theke zu lehnen und sich ihm zu überlassen …
Weil man auch ins Tandem kommt, um sehr guten Bio-Wein zu trinken, außerhalb von Moden und Tendenzen. Der naturbelassene Wein ist dort nicht verboten, wird aber auch nicht verklärt. Nichts wird aufgezwungen. Das Kriterium hier ist nach wie vor die echte Freude, nicht der Schein. Und diese Freude am Genießen passt mit der einfachen, ehrlichen Küche von Philippe zusammen, die auf Familienrezepten, mit „Ausflügen“ Richtung Asien, beruht …
Ich komme oft ins Tandem, fast täglich, begleitet von der Frau meiner Gedanken. Denn hier muss ich nichts vorspielen. Und die Beleuchtung – im Herbst, im Winter – ist warm, gemütlich. Nichts ist überspitzt. Das ist wichtig in einer Welt der Überbietung. 
Sich niederlassen. Zuhören. Und wenn ich allein komme, das passiert oft, dann ist Nikolas wie ein weiterer Gast, präsent, aufmerksam, neugierig, mitteilsam. Dies ist ein Bistro, wo ich nicht auf Abwege gerate, denn es repräsentiert auch meinen Fixpunkt, meine rechte Mitte.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Vincent Crouzet: Die Frage … ganz ehrlich: Freiheit kreieren. Die des Schöpfers, des Schriftstellers. Die der Leserinnen und Leser. Dieses Stück Freiheit steckt auch im Reisen. Lesen, schreiben, das heißt weggehen. Ich glaube tief und fest an die Kraft des Romans, die den Schriftsteller von sich selbst wegbringt. Ich verstehe die Neugier für die Autofiktion, aber unser Reichtum als Roman-Autoren bleibt es, Welten zu erschaffen und sie zu den Lesern zu bringen. Ich denke nicht an die Literatur, sondern an Literaturen. Die meinen bleiben übrigens reines Fluchtverhalten …

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
VC: Ich habe nicht diese Beziehung des Schriftstellers zu Cafés. Ich schreibe dort nie. Und ich gestehe, dass ich sehr skeptisch bin, wenn ich einen Schriftsteller, eine Schriftstellerin, in einem Bistro arbeiten sehe. Die Cafés sind offenbar ein Klischee, für mich sind sie die bevorzugten Orte für Treffen, aber ich gebe zu, dass sie vor allem zu meiner persönlichen Freude gehören. Ich liebe es, mich dort allein aufzuhalten, am Morgen, um zu beobachten, wie die Stadt sich wachschüttelt, und auch ihre Akteure. In einer Stadt, die mir fremd ist, nehme ich dort die Energie dieser Welt auf. Aber auch, leider, manchmal, zu oft, ihre Nöte.

Wo fühlst du dich zu Hause?
VC: Das ist eine heikle Frage in diesem Moment, für mich, denn seit einigen Monaten navigiere ich zwischen mehreren Orten. Ich schwanke zwischen der Lust auf Unterhaltung, Gewimmel, und der Notwendigkeit der Ruhe. Zwischen den Lichtern der Stadt und der Stille. Ich glaube, wir rotieren alle zwischen Paradoxen: an der kollektiven Energie teilhaben, oder in einer privilegierten Umgebung zu sich selbst finden. Ich bin in den Bergen großgeworden, in einem Wintersport-Ort, in Les Arcs, in Savoie. Wenn ich mich in diesen Höhen befinde, und in dieser spielerischen Atmosphäre, der Natur und dem Sport gewidmet, ja, da fühle ich mich gut. Aber ich werde schnell von der Lust wieder woanders einzutauchen, eingenommen.

 

BIO

Vincent Crouzet ist 59 Jahre alt, hat seine Jugend in den Bergen verbracht, studierte in Grenoble, entschied sich in einem Moment seines Lebens für den Beruf im Nachrichtendienst und nahm dann an Geheimoperationen seines Landes, Frankreich, teil, hauptsächlich in Zentral- und im südlichen Afrika. Von da an Romanautor, mittlerweile hat er vierzehn Texte „auf dem Buckel“, hauptsächlich Spionage-Romane, aber auch Erzählungen für Jugendliche und einen Essay. Seit zwei Jahren entwickelt er unter dem Pseudonym Viktor K, eine literarische Serie über die Aktionen der DGSE (Direction générale de la Sécurité extérieure), erschienen bei Éditions Robert Laffont. 

Sandrine Malika Charlemagne | Le Surcouf, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Sandrine Malika Charlemagne Übersetzung aus dem Französischen: Christiane Barabas & Daniela Gerlach

 

Ich sah ihm dabei zu, wie er sich irgendwie unbeholfen auf den hohen Hocker hievte, eine zarte Silhouette in seiner Lederjacke, die er trotz der prallen Sonne draußen trug. Er lehnte seinen Stock gegen die Theke, versuchte das Gleichgewicht zu finden. Seine mandelförmigen, gletscherfarbenen Augen kreuzten sich einen Augenblick, in dem ich glaubte, die Nostalgie einer Zeit flackern zu sehen, deren einziger Hüter er wäre, mit den meinen.
Die Sanftheit, die von diesem durch die Jahre gebleichten Gesicht ausging. Ein Einheimischer? Ich war ihm in dem Café noch nie begegnet. Er hatte das Profil eines Adlers, seine lichten, blassgrauen Haare in Flaumfedern. Den Rücken gebeugt, die Beine in seiner Hose aus grobem Stoff schlotternd, fixierte er einen Punkt in der Ferne. Der kleine Mann deutete ein Lächeln an, in seiner ruhigen Einsamkeit. Ich hatte plötzlich Lust auf ihn zuzugehen, seine Hand zu nehmen, die Wärme seiner Haut zwischen meinen Fingern zu spüren. Woran dachte er? Ich fragte mich, ob er merkte, dass ich ihn beobachtete. Und dann, das Trugbild des Lebens. Ich sah den Mann am Ausgang eines Bahnhofs auf einem alten Koffer sitzen, wo eilige Menschen an ihm vorbeiliefen, ohne ihn überhaupt zu sehen. Ich sah wie er die Hand ausstreckte. Auf eine Geste des Mitgefühls, des Wohlwollens, einer flüchtigen Freundschaft wartete. Aber nur die Vögel sammelten sich mit einem Anschein von Zuneigung um ihn. Er, auf seinem Koffer, mitten unter den Tauben, er lächelte, ein Lächeln, das die Feinheit seiner abgemagerten Züge zur Geltung brachte. Er lächelte dem Leben zu, das bald, wie in einem Buch, sich wieder über ihm schließen würde.

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Sandrine Malika Charlemagne: Sie zeigt Welten – vom Alltäglichsten bis zum Barocksten – sie hilft einem, sich zu konstruieren – wach zu bleiben – zu staunen – und manchmal heilt sie die leidende Seele. Sie ist auch der Ort des Geheimnisses. Eine Leinwand, auf der man tausendundeine Landschaft entdeckt. Mit der Literatur kommt man überall hin. Ein bisschen wie in einem Film. Die Figuren sind ewig. Man fühlt sich lebendig, wenn man liest. Man atmet anders. Man denkt anders. Man diversifiziert unseren Zugang zur Sprache. Vielleicht lieben wir auch anders.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SMC: Durchgangsorte, wo man die Leute beobachten, ihrem Reden oder Schweigen zuhören kann. Von den Menschen um uns herum träumen. 

Wo fühlst du dich zu Hause?
SMC: Angesichts der Grenzenlosigkeit der Natur. Berge. Wälder. Wüsten. Ozeane.

 

BIO

Sandrine Malika Charlemagne begann eine Schauspielausbildung am Cours Nordey, spielte vor allem am Theater Gérard Philippe in Saint-Denis unter der Leitung von Jean-Claude Fall, schrieb Anastasia, das in France Culture gesendet wurde, veröffentlichte drei Romane, zwei Theaterstücke und zwei Gedichtbände,  leitete Workshops in Vitry-sur-Seine, Sevran-Beaudottes, Cergy-Saint-Christophe, Saint-Denis und reiste hier und dort herum. 
Die Stalkerin (Edition Velvet) erscheint im November 2023.

Kamel Bencheikh | Café de la Gare, Paris [2/2]

Foto: Alain Barbero | Text: Kamel Bencheikh Übersetzung aus dem Französischen: Andreas Unterweger

Diese Stadt, die meine vorbestimmte Umgebung bildet, faltet sich auf meinem Marsch wieder zusammen, sie gibt mir die Gelegenheit, sie zu durchdringen, als hätte sie sich in ein instabiles Nadelöhr verwandelt. Die Passerelle des Arts ist nun um die Vorhängeschlösser erleichtert, die unerschöpfliche Liebe verheißen. Die Rue de Seine, richtig benannt, wirft mich in die Arme des Boulevard Saint-Germain, wo die Lichter der Cafés das Getuschel der Menschen an den Tischen beleuchten.

Die Nacht ist feucht unter den fluoreszierenden Blicken der Veranden. Ich spreche von Helligkeit, während nur die Straßenlaternen die Gehsteige beleuchten. Die Sonne schenkt der Stadt selbst tagsüber nur selten ihre Fackeln. Der Star unter den Sternen neigt dazu, sich zu verstecken, wagt nicht, seine leuchtenden Stacheln zu zeigen. Im Norden aber nutzt der Hügel von Montmartre dieses Licht, um die Trauben an den Hängen des Clos des Saules zu adeln. Hier, auf den Anhöhen der Megacity, erinnert sich das moderne Babel an seine großzügigen, prophetischen Ländereien.

Der Aufstieg nach Ménilmontant durch die Rue Oberkampf ist für mich Atheisten der Aufstieg nach Golgotha. Der Regen hat angesichts meiner Hartnäckigkeit den Mut verloren, aber die Bewölkung der Nacht begleitet mich hingebungsvoll und still. Ist sie es, die mir jetzt gerade, während ich diesen Abschnitt schreibe, die Hand auf die Schulter legt? Ist sie es, die mich davon überzeugt, dass meine Einsamkeit ein Lob ist, das man gerne empfangen kann? Oder ist es der Ruf des Freitagabends, nicht jener des Gebets, sondern der Ruf eines kleinen Biers bei Akli im Café de la Gare mit meinem Freund Youcef?

Die Stadt begleitet mich bis zu den Buttes Chaumont wie eine verträumte und laute Freundin. Mein glühendes Gedächtnis kennt jede Windung dieser Straßen, in denen mich meine Schritte zu den erlahmenden Reklamen pilgern ließen. Jetzt muss ich noch ein Stückchen weiter hinauf, damit mein Rücken endlich auf dem grauen Sofa, das mich erwartet, Halt findet. Und dann wird mir der Blick auf den Montmartre als jenes strahlende Geschenk angeboten, das ich schon nicht mehr zu erhoffen wagte.

 


BIO

Kamel Bencheikh wurde in Sétif auf dem Hochplateau im Osten Algeriens geboren und lebt in Paris.
Er ist Lyriker und Autor von Kurzgeschichten und Romanen. Seine letzten Veröffentlichungen umfassen folgende literarischen Bereiche: Poètes algériens de langue française (Anthologie), La Reddition de l’hiver (Die Kapitulation des Winters. Erzählungen), L’Impasse (Die Sackgasse, Roman), Là où tu me désaltères (Wo du meinen Durst löschst, Gedichtband).
Seine Texte wurden in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht, darunter Promesses, Alif, Artère, Les Refusés, À l’Index, A littérature action, Écriture française dans le monde
Sein Roman Un si grand brasier (Ein so großes Inferno) und sein Essay L’Islamisme ou la crucifixion de l’Occident (Der Islamismus oder die Kreuzigung des Westens) erscheinen demnächst bei Frantz Fanon (Algerien) und Altava (Frankreich).
Er nahm an den Gemeinschaftsarbeiten La Révolution du sourire, (Die Revolution des Lächelns, éditions Frantz Fanon) und Les Années Boum (Die Jahre des Booms, Chihab éditions) teil. Außerdem ist er Kolumnist in mehreren Zeitungen und Zeitschriften wie Le Matin d’Algérie, L’Orient-Le Jour, Tribune Juive, Le Vif
Kamel Bencheikh gilt als Feminist und universalistischer Aktivist. Er war Initiator des Aufrufs zur Einführung des Laizismus in Algerien.

 

Kamel Bencheikh | Café de la Gare, Paris [1/2]

Foto: Alain Barbero | Text: Kamel Bencheikh Übersetzung aus dem Französischen: Andreas Unterweger

 

Als ich neulich durch die Straßen von Paris spazierte, fragte ich mich, wie ich die Gastfreundschaft dieser so verwundbaren Stadt beschreiben sollte. Nichts erlaubt es mir, sie abzuwägen, wenn sich kein bekanntes Gesicht in meinen Augen spiegelt. Die Stadt ist wie der Anspruch, sich auf die Bühne eines einzigen Theaters zu quetschen, sie ist der Anschein von beschäftigten Menschen, die grundlos herumrennen, sie ist ein Paar, das sich in der beruhigenden Milde des Abends an der Hand hält, die Terrassen der Cafés am Quai de Valmy, das tägliche Tohuwabohu. Die Stadt tut so, als würde sie dich mit dem Applaus empfangen, den du verdienst, du versuchst, ihr etwas Süßes ins Ohr zu flüstern und erhältst keine Antwort. Die tumultartige Stille ist ihre Art, dir zu antworten. Die Stadt flieht vor dir. Du hast keine andere Wahl, als ihr nachzulaufen. Ihr Himmel, ob regnerisch oder mit Fackeln bestückt, befindet sich immer und ewig am selben Ort – er hat sich eindeutig für das höchste Stockwerk entschieden!

Der Himmel stützt sich auf seine Stratuswolken oder auf die Funken seiner glorreichen Lampe, während die Pflastersteine, auf die du trittst, deinen Füßen entgleiten. Man stellt sich nie die Frage, warum der Himmel da hängt, während die Erde, wenn man lange auf ihr geht, wie ein Rollteppich nach hinten flieht. Die Gebäude verwandeln sich in urbane Berge, die Straßen in Schluchten. Die Melancholie gräbt ihre Furche tief in deine Brust, während du versuchst, diese vor dem Wind zu schützen. Das Lächeln auf den Gesichtern der Passanten wiegt die Strenge des Wetters nicht auf. Dieses Lächeln spiegelt die stillschweigende Zustimmung der nach Geschwätz gierenden Bürger wider. Die Blicke der Unbekannten verraten den Gemütszustand der Stadt eben so genau wie das Plätschern der Kanäle. Wahre Dichter verlangen nicht nach Begleitung. Vielleicht bin ich kein wahrer Dichter. Ich schreibe über Gefühle, die mir die Nacht bringt, deren gedämpfte Dunkelheit die glänzenden Treppen der Rue de Crimée umschließt. Ich durchquere allein die Stadt, von der Höhe von Belleville kerzengerade abwärts, bis ich, mit der Pupille, den gewaltigen Fluss berühre, der die beiden Ufer trennt. Von einem Ende meines Weges zum anderen derselbe Lichtschein: er vervielfacht sich, je weiter ich gehe. Haufen von Dunkelheit, gefallen von einem komatösen Himmel, erobern die Ecken der Parks. Es könnte sein, dass es meine Einsamkeit ist, die mich bestraft und die mir Lektionen erteilt.

Fortsetzung folgt…

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann Literatur?
Kamel Bencheikh: Man tritt in die Literatur ein wie in einen Kampf. Worte sind für mich wie ein Überlebensanzug. Ich schreibe, um nicht in die Knie zu gehen, um das Unannehmbare nicht zu akzeptieren. Worte sind wie ein Schlag in den Bauch der Bestie. Die Literatur kann Frauen und Männer von dem sich abzeichnenden Unausweichlichen befreien. Literatur ist zweifellos der Sieg des Lichts über die Dunkelheit.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
KB: Cafés sind die Heimat derjenigen, die nur mit solchen, die ihnen ähnlich sind, sozialisieren können, ein Ort, an dem man allein sein kann, aber trotzdem von Menschen umgeben ist. Und sie sind auch der Ort, an dem man seine Mitmenschen trifft, seine anderen Ichs, um Neuigkeiten, Schulterklopfen, brüderliche Umarmungen und Emotionen auszutauschen.

Wo fühlst du dich zu Hause?
KB: Ich fühle mich überall dort zu Hause, wo ich unverfälschte Luft atme, wo Freiheit nicht vermarktet wird, wo das Recht, zu sagen, was einem in den Sinn kommt, garantiert ist. Ich bin überall dort zu Hause, wo der Laizismus die absolute Regel ist, wo die republikanischen Werte nicht nur in die Luft geworfene Worte sind, sondern eine greifbare Realität, an der man sich jeden Tag misst.

 

BIO

Kamel Bencheikh wurde in Sétif auf dem Hochplateau im Osten Algeriens geboren und lebt in Paris.
Er ist Lyriker und Autor von Kurzgeschichten und Romanen. Seine letzten Veröffentlichungen umfassen folgende literarischen Bereiche: Poètes algériens de langue française (Anthologie), La Reddition de l’hiver (Die Kapitulation des Winters. Erzählungen), L’Impasse (Die Sackgasse, Roman), Là où tu me désaltères (Wo du meinen Durst löschst, Gedichtband).
Seine Texte wurden in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht, darunter Promesses, Alif, Artère, Les Refusés, À l’Index, A littérature action, Écriture française dans le monde
Sein Roman Un si grand brasier (Ein so großes Inferno) und sein Essay L’Islamisme ou la crucifixion de l’Occident (Der Islamismus oder die Kreuzigung des Westens) erscheinen demnächst bei Frantz Fanon (Algerien) und Altava (Frankreich).
Er nahm an den Gemeinschaftsarbeiten La Révolution du sourire, (Die Revolution des Lächelns, éditions Frantz Fanon) und Les Années Boum (Die Jahre des Booms, Chihab éditions) teil. Außerdem ist er Kolumnist in mehreren Zeitungen und Zeitschriften wie Le Matin d’Algérie, L’Orient-Le Jour, Tribune Juive, Le Vif
Kamel Bencheikh gilt als Feminist und universalistischer Aktivist. Er war Initiator des Aufrufs zur Einführung des Laizismus in Algerien.

Dominique Manotti | Corso Quai de Seine, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Dominique Manotti Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Als François Mitterrand, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, 1981 unter allgemeinem Jubel und nach zwanzig Jahren heftiger sozialer und politischer Kämpfe in Frankreich zum Präsidenten der Französischen Republik gewählt wurde, hatte ich sofort den Eindruck, dass diese Wahlen der Linken den Todesstoß versetzten, und das auf Dauer. Jedesmal, wenn ich diese Erinnerung bei einer Diskussion oder einem Treffen erwähne, reagieren meine Gesprächspartner ungläubig. Und dennoch… Ich bin aus der Generation, die den Algerienkrieg erlebt hat. Dieser Krieg hat mich ein für alle Mal verstehen lassen, dass man nicht darauf vertrauen darf, was die Leute und die Organisationen sagen, in der Politik und anderswo, sondern darauf, was sie tun. Als François Mitterrand an die Macht kam, kannte ich seine Rolle als Unterstützer der kolonialen Expansion Frankreichs und seine gewichtige Rolle im Algerienkrieg sehr genau. 1956 stimmt er für die Sonderbefugnisse der französischen Armee auf algerischem Boden und öffnet dadurch eine Büchse der Pandora. Die bösen Geister, die ihr entschlüpft sind, plagen unsere Gesellschaft noch immer. In den Sechziger- und Siebzigerjahren habe ich mich stark im gewerkschaftlichen Milieu Frankreichs engagiert, überzeugt davon, dass wir dabei waren, die Welt zu verändern. Und ich war nicht allein. Ich kannte daher, durch meine Erfahrung in der Gewerkschaft, die tiefe Ignoranz des sozialistischen Parteiapparats gegenüber den sozialen Kämpfen für eine Erneuerung, die das Land erschütterten. Für mich war klar, dass die Machtübernahme und die riesige kollektive Begeisterung, die sie ausgelöst hatte, schwer an der totgeschwiegenen kolonialistischen Vergangenheit zu tragen hatten und außerdem eine echte Verwurzelung in den sozialen Kämpfen fehlte, sodass alles in einer Sackgasse und in Verdrossenheit enden würde. Ich war verzweifelt, habe mein Engagement aufgegeben, Bilanz gezogen und ein Jahrzehnt später damit begonnen, Romane zu schreiben um zu erzählen, wie meine Generation gescheitert ist. Romans noirs natürlich – immer erzählen, was die Leute machen, und nicht, was sie sagen.

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur ?
Dominique Manotti: Es ist schwer, auf eine so allgemeine Frage zu antworten. In meiner Jugend haben mir die Romane, die ich verschlungen habe, die Welt eröffnet. Ich habe Figuren kennengelernt, mit denen ich jahrelang Gespräche geführt habe. Sie haben mich zu lieben und zu hassen gelehrt. Ich habe sie immer wieder getroffen, und sie haben mir dabei geholfen zu verstehen, wer ich war. Wenn ich jetzt ein Romanthema wähle, wenn ich zu schreiben beginne, dann mache ich das, um die Ereignisse, von denen ich erzähle, zu verstehen, sie zu vertiefen, um einen Dialog mit den Männern und Frauen, die mich lesen, zu beginnen.

Welche Bedeutung haben Cafés für Sie?
DM: Das Café Corso, gleich bei mir ums Eck, liegt am Bassin de la Villette, einem der schönsten Plätze von Paris. Immer, wenn ich es sehe, bin ich glücklich. Dieses Café bezeichnet sich als „Pariser Café mit dem Geschmack Italiens“ – alles, was ich liebe. Und gleich daneben ist ein Kino, in das ich oft gehe. Durch den amerikanischen Film noir habe ich den Roman noir entdeckt, das Kino beeinflusst mein Schreiben, ich liebe das Kino. Ich wünsche dem Café Corso, wo ich mich mit Freunden treffe um zu plaudern und über die Filme zu sprechen, die wir uns gerade gegönnt haben, noch viele Jahre.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
DM: In meiner Wohnung.

 

BIO

Geboren 1942 in Paris. Unterrichtete Geschichte zuerst im Gymnasium, später an den Universitäten Vincennes und Paris VIII. Seit ihrer Jugend politisch engagiert, zuerst für die Unabhängigkeit Algeriens, später, in den Sechziger- und Siebzigerjahren, in verschiedenen Bewegungen und Gewerkschaften, später schließlich Romanautorin. Debüt 1995 mit Sombre Sentier (Hartes Pflaster,2004). Sie hat 13 Romane geschrieben, die alle auf Deutsch und teilweise auf Italienisch, Englisch, Spanisch, Katalanisch, Türkisch, Griechisch, Rumänisch und Russisch übersetzt wurden.

Website: dominiquemanotti.com

Baya Streiff | Le Murmure fracassant, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Baya Streiff | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Alles beginnt mit einem Ende der Nacht wie ein Schattentheater, mit seinen weißen Wolken, die aussehen wie Hängeleuchten. Ist es der schwere Duft der Buchsbaumblüten, der das Nasenloch packt, oder diese schlichte Freude, den Klang dieser Klarinette aus der Métro entwischen zu hören, die mich dazu bringt, meine Schritte auf dem lockeren Pflaster laut hallen zu lassen? Die Stadt frohlockt. Die Luft verströmt einen berauschenden Duft nach warmer Brioche. Überall, auf dem Asphalt, ein Festspiel bunter Silhouetten, wie ein riesiges Kaleidoskop. Darüber tirilieren hunderte Vögel ihre fröhliche Morgenkantante. In den Gastgärten schwadronieren Großsprecher schon vor ihren Schönen. Auf dem Tisch, vergessen, laue Cocktails … Gegengenüber laufen ängstliche Menschen in alle Richtungen über den Boulevard, wie geköpfte Hühner. Einem Floristen begegnen, vor dem sich alte Blumenstrauß-Auskenner anstellen, mit Händen wie Marionettenspieler, in widerstreitenden Erinnerungen verloren. Draußen der Himmel, wie eine Kuppel. Von wo mir dieses Bedürfnis kommt, ein wenig im lüsternen Frühlingslicht zu bummeln, bevor ich mich endlich hinsetze, schlotternden Herzens, um mir den ersten Kaffee des Morgens in der Bar „Le Murmure fracassant“ schmecken zu lassen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann die Literatur?
Baya Streiff: Die Literatur hat mich seit jeher begleitet. Sie verleiht dem Leben Eleganz und ist außerdem eine treue Freundin. Schreiben ist ein bisschen wie rückwärtsgehen, um die Zeit umzukehren… Die Literatur lässt mich an einen Riss in der Zeit denken, der alle Geschichten möglich macht.


Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BS: Die Cafés stehen für die glücklichen Stunden, oft auch für die des Wartens. Manchmal kann dieses Warten quälend werden und sich in eine Ungeduld verwandeln, die mich durchschüttelt und die mir gefällt. Es ist schwindelerregend zu sehen, wie eine Abwesenheit den Raum einnehmen kann. In diesen Momenten wollen meine Gedanken nicht dorthin, wo ich sie haben will!


Wo fühlst du dich zuhause ?
BS: Hier in diesem Café, in dem sich die ganze Unruhe der Stadt verabredet zu haben scheint. Alles Gemurmel der Welt ist hier vereint. Es wirkt auf mich wie eine Pforte des Möglichen. Man kann Bücher lesen oder seine Schallplatte mitbringen, um für Stimmung im Café zu sorgen. Ich habe hier schon Bücher verlassen oder welche gefunden, auf der Bank im Stich gelassen. Sein traumhaftes Universum gefällt mir, mit seinen monumentalen Toren des Paradieses, der Hölle und der Abgründe. Alles regt hier zum Träumen an und kitzelt die Phantasie.

 

BIO

Baya Streiff arbeitet in Paris bei der Jugendgerichtshilfe. Ihre Leidenschaft fürs Reisen, die Photographie und die Literatur speisen ihre Phantasie und ihre romanhafte Sicht auf das Leben.
Ihr erster Roman « Les hasards exagérés » („Die übertriebenen Zufälle“), bei den Éditions du 7e Ciel veröffentlicht, zeichnet die Geschichte Monas nach, in der sich Geheimnisse und Gewissensbisse andeuten und uns von hier nach dort auf dem Schachbrett des Lebens führen, um auf den weißen und schwarzen Feldern des Wegs zur Reife voranzuschreiten. Dieser Roman fragt danach, wie man die Desillusionierungen des Erwachsenenalters vorausahnen kann.
Das Buch fiel dem Regisseur Philippe Faucon auf, der es verfilmen wird.

Elsa Flageul | Bistro Chantefable, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Elsa Flageul | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Unmöglich, in Cafés zu schreiben.
Unter Menschen zu schreiben. Mit der Musik zu schreiben, mit dem Radio, mit meinen Kindern. Unmöglich die Worte und Menschen zu verquirlen, die Worte und die Gespräche, das Geräusch der Kaffeemaschine, die herausgeputzte Bedienung, die Mamas ad libitum, die kleinen Kümmernisse, die zu trösten sind. Das Leben auf der einen Seite, die Worte auf der anderen. Und dabei müssen die Worte am Leben saugen, es greifen, es erwarten; sie müssen an der Straßenecke lauern, so mit einem Hauch von bösem Jungen, von bösem Mädchen: gib mir alles was du hast, los, erzähl mir alles was du weißt, was du sonst niemandem sagst, vor allem das, was du niemandem sagst, ey verdammt, worauf wartest du noch. Worte wie losgelassene Hunde. Die täglich Nahrung brauchen, vernebelte und vom Leben gebeutelte Morgen, fiebrige Abende und Körper, die sich finden, Entzücken und Gewitterstürme, die angeschwemmte Zeit auf dem Gesicht, auf der Brust, auf dem Herzen.
Die tägliche Nahrung.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Elsa Flageul: Die gemütliche Einsamkeit des Lesens, und die nicht immer gemütliche, aber stets geliebte Einsamkeit des Schreibens.

Was bedeuten dir Cafés?
EF: Orte der Wärme, der Freude und der verlorenen Zeit.

Warum hast du das Bistro Chantefable ausgewählt?
EF: Weil ich die Pariser Brasserien liebe, die ich vielleicht wegen der Filme von Claude Sautet bevorzuge, und das Le Chantefable ist, außer eine typische Brasserie zu sein und in der Nähe meiner Wohnung zu liegen, voller Menschen, die so warmherzig wie der Ort selbst sind.

Was machst du, wenn du nicht in Cafés bist?
EF: Ich schreibe, ich kümmere mich um meine Kinder, ich lebe.

 

BIO

Elsa Flageul ist Schriftstellerin und lebt in Paris, wo sie auch geboren wurde. Sie hat sechs Romane im Julliard Verlag, danach im Mialet-Barrault Verlag veröffentlicht. Ihr letzter Roman „Hôtel du bord des larmes“ ist im März 2021 erschienen. Zur Zeit arbeitet sie an ihrem nächsten Roman.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Marcelo Lapuente Mahl, Café A, Paris

Marcelo Lapuente Mahl | Café A, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Marcelo Lapuente Mahl
Übersetzung:  Murillo Cândido de Sousa & Daniela Gerlach

 

Ich schlafe ein

Meine Schläfen pochen
Die schwere Brille nehme ich ab
und lege sie langsam
auf den Tisch

Die kurzsichtigen Augen
formen unscharfe Bilder
Leute erzählen unwichtige Geschichten
über ihre Abenteuer in der Welt

Ungeduldig
trommle ich mit den Fingerspitzen
auf die dunkle Holzplatte
Eins, zwei, drei …
Eins, zwei, drei …
und ich weiß, es ist schon spät

Nur noch eine Tasse Kaffee
und endlich bin ich
eingeschlafen.

(Paris, Nov/Dez 2021)

 

Original (Portugiesisch)


Eu adormeço

Minhas têmporas latejam
Retiro os óculos pesados
e os coloco lentamente
sobre a mesa

Nos olhos míopes
se forjam imagens desfocadas
Pessoas dizendo histórias sem importância
sobre suas aventuras pelo mundo

Impaciente
bato com a ponta dos dedos
no tampo de madeira escura
Um, dois, três…
Um, dois, três…
e sei que já é tarde

Só mais uma xícara de café
e eu finalmente
adormeço.

(Paris, nov/déc 2021)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Marcelo Lapuente Mahl: Auf diese Frage sind mehrere Antworten möglich. Ich mag den Gedanken, dass Literatur die komplexeste Manifestation einer Sprache ist. Im Falle der portugiesischen Sprache haben wir wunderbare Beispiele dafür: Fernando Pessoa, Carlos Drummond de Andrade, João Guimarães Rosa, Jorge Amado, Clarisse Lispector, Mia Couto, Pepetela, José Saramago… Die in Portugiesisch geschaffene Literatur ist eine unendliche Welt, die meine Bewunderung erregt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MLM: Cafés sind Orte der Zusammenkunft. Ich fühle mich wohl in einem gemütlichen und geselligen Café, wo man über das Leben nachdenken, Pläne für die Zukunft schmieden oder einfach die Zeit verstreichen lassen kann. Für mich repräsentieren Cafés eine der wichtigsten Einrichtungen des modernen urbanen Lebens.

Warum hast du das Café A ausgewählt?
MLM: Das Café A befindet sich in den Räumlichkeiten der Résidence Les Récollets, ein demokratischer Ort, der ausländische Künstler und Forscher in Paris willkommen heißt. Diese pluralistische Bestimmung des Raumes macht das Wesen des Café A aus. Hier kann man mit Journalisten, bildenden Künstlern, Professoren, Fotografen, Schriftstellern, Filmemachern und Musikern diskutieren, um sich über Ideen, Projekte und Visionen auszutauschen. Eine ideale Umgebung, um die Vielfalt der Welt zu beobachten.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MLM: Wenn ich nicht mit meinen Freunden zusammen bin, widme ich mich der Lehrtätigkeit und den Verwaltungsangelegenheiten an der Universität. Aber ich habe immer Zeit einen Kaffee auf dem Campus zu nehmen. Ich habe das Glück, in einer Region zu arbeiten, in der ausgezeichneter Kaffee hergestellt wird, und die Liebhaber dieses Getränks, wie ich, profitieren täglich davon.

 

BIO

Marcelo Lapuente Mahl, Brasilianer, ist Geschichtsforscher und Dichter. Er ist Professor an der Bundesuniversität von Uberlândia im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais und unterrichtet Geschichte und Journalismus. Neben der akademischen Arbeit ist er Autor mehrerer Gedichtbände, darunter „Fogo Fátuo – combustão espontânea“ (2020), „Entre Ruínas – imagens de Herculano e Pompeia – uma arqueologia poética“ (2022) sowie „É hora de sentir“, das sich an ein jüngeres Publikum richtet. In Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Alterjor entwickelte Marcelo Lapuente Mahl außerdem das Projekt Audiolivropoesia www.usp.br/alterjor/.