Schlagwortarchiv für: Barbara Rieger

Bernd Lüttgerding | Café De Kat, Antwerpen

Foto: Alain Barbero | Text: Bernd Lüttgerding

 

Gesang für die Katz‘
Ich trete in den Blick des Zapfers,
der mich von der Theke her taxiert
und stoße gegen einen Hundenapf, der
scheppernd meinen spitzen Tritt pariert.

Gesehen sein ist mir willkommener
Beweis, dass es mich gibt, dass ich
hier wirklich bin und kein verschwommener,
in Zeit sich lösender Gedankenstrich.

Ich greife den Stuhl am Rande bei der
von vielen Fingern gefetteten Lehne,
doch auf ihm sitzend finde ich leider
nicht gleich Haltung. Dies die Szene.

Jetzt werden Stunden eingestampft,
und was sie füllen kann, verdampft.
Was hab ich heut getan geschafft?
Ich trags beschwingt mit halber Kraft,

mir ausgemalt in Gold, gekrönt mit Schaum
nun hin und wieder zum Pissoir
und denke, noch so ein verlornes Jahr
wie die zwei vorigen, doch stört das kaum.

Denn meinen Heimweg kenne ich, ich weiß,
wo Gleise nach den Fahrradreifen schnappen,
ich kenn die Straße vor mir, flirrt und peitscht
sie nicht wie ein nervöser Katzenschwanz?

Erlösung, schön. Ich kenn auch deren Preis,
und ohne Jammern will ich ihn berappen,

wenn Tagesanbruch mir die Brust zerfleischt
und grunzend dort nach meinem Herzen heischt;
mit blutverschmiertem Maul setzt er es in den Glanz
von Gold und Schäumen seiner himmlischen Monstranz.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Bernd Lüttgerding: Literatur ist die Brücke, die mich mit den Dingen des Lebens verbindet; sie ist mein Fahrzeug (oder „Weg“, im Sinne des yāna im Buddhismus, falls das ein zulässiger Vergleich ist), auf dem ich denke und versuche, mich mir selbst, meinen Mitmenschen, der Erde vielleicht, dem Universum oder Gott, wenn man den in diesem Rahmen bemühen will, anzunähern. Leider klingt das ein bisschen aufgeblasen. Ich finde schlichtweg, Literatur ist eine große Sache.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BL: Das Café ist ja eine Illusion. Als sozialer Raum tut es so, als wäre es eine Kreuzung aus Wohnzimmer und Welt, obwohl es auch eine aus Filterblase und Einzelhandel ist. An den traditionelleren belgischen Cafés gefallen mir die großen Fenster, die ersteres betonen. Ich sitze da, ausgestellt (wie in einem Aquarium), aber gleichzeitig beschützt (wie in einem Gewächshaus) und kann mich im Wechsel aufs Sehen und auf meine Sichtbarkeit konzentrieren, wenn mir danach ist. Ich schreibe nicht in Cafés, oder nur, wenn sich meine Arbeit am Schreibtisch festgefahren hat und ich Störung brauche, Widerstände von außen, die meine inneren Widerstände aufwiegen und bestenfalls aufweichen. Am wichtigsten finde ich Cafés für Gespräche. Dort, in diesem schützenden und störenden Raum einem Freund oder einer Freundin gegenüber zu sitzen und zum Beispiel die Darstellung des Hintergrunds im Bild, den Hexameter als Lokomotive einer Erzählung, die Schmerzpunkte der Weltlage zu verhandeln, oder gemeinsam gesprächlich die seltsamen Gärten von Liebe und Trauma zu durchwandeln, davon kann ich meistens ein paar Tage lang zehren.

Warum hast du das Café De Kat ausgewählt?
BL: Als ich noch in Brüssel gewohnt habe, mochte ich das Café Au Daringman mit seiner sublimen Holzvertäfelung mit feuerroten Einlagen und den ebenso feuerroten Tischplatten und hinter der Theke Martine, die, glaube ich, mit ihrer erstaunlichen Kraft auf ihre Gäste einen gleichzeitig belebenden und tröstenden Einfluss hatte. Aber den Daringman gibt es nicht mehr. Außerdem wohne ich wieder in Antwerpen, wo ich zwischen mehreren Cafés wählen kann, die mir gefallen. In De Kat saß ich vor vielen Jahren mal spät abends, als eine Gruppe von Leuten hereinkam und zu schreien und zu poltern begann. Der Wirt hat sie umgehend rigoros beruhigt, denn in De Kat ist nicht Der Kunde König, sondern Die Kunden sind alle zusammen König. Das mag ich.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BL: Schreiben, lesen, mein praktisches Leben bewältigen, spazierengehen, trödeln, Unfug treiben. Das meiste ist aber doch in einem teils höheren, teils niederen Sinne Arbeit.

 

BIO

Bernd Lüttgerding, 1973 in Peine geboren, lebt seit 2008 in Belgien (Antwerpen, Brüssel). Er schreibt Romane (Gesang vor Türen, Berlin 2020), Gedichte (Stäubungen und Der rote Fuchs beider parasitenpresse in Köln) und gelegentlich Rezensionen. Seit 2020 arbeitet er an dem epischen Gedicht Im Wartesaal, in dem sich die Geschichte der Menschheit im Prisma eines müden Einzelmenschen bricht.

Heike Fiedler | Café Gavroche, Genf

Foto: Alain Barbero | Text: Heike Fiedler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Ich bin hier wegen der köstlichen hausgemachten Limonade, wegen der herzlichen Atmosphäre, wegen der engagierten Diskussion junger KünstlerInnen am anderen Tisch, wegen der Sonne, die ihr Licht durch die Glasfassade wirft, wegen des Regens, der fällt, wenn es regnet. Das Café Gavroche ist nach einer Figur aus Victor Hugos Roman „Les Misérables“ benannt. Dieser habe sich, sagt man, von dem Gemälde „La Liberté guidant le peuple“ (Die Freiheit führt das Volk) von Eugène Delacroix inspirieren lassen.
Da hinten ein farbiges Fresko: darauf sieht man eine multikulturelle Demonstration gegen den Krieg, wie das einzige Transparent im Vordergrund zeigt, wenn man es nicht schon beim bloßen Betrachten errät: stop war. An der Wand der kleinen Nische hinter der Bar ein nüchternes Poster im A4-Format, neunzehn goldene Buchstaben auf schwarzem Grund: kein mensch ist illegal.
An einer der anderen Wände, das Gedicht Liberté von Paul Eluard, illustriert von Fernand Léger, natürlich als Reproduktion. Vor einigen Tagen arbeitete ich hier mit Maryam Jafari Azarmani, eine Dichterin aus dem Iran, es ist nicht unbedeutend, es in diesem Kontext zu erwähnen. Da ist auch die Erinnerung an zwei Lesungen, an denen ich im Gavroche teilgenommen habe, von denen die früheste auf die Einführung des Sammelbandes an deiner statt/ à ta place, herausgegeben und organisiert von Les Editions d’en bas, zurückgeht. Rund um meinen Tisch herum unser Kommen und Gehen in der Welt, die, trotz allem, atmet, allem zum Trotz, weitergehen, kreieren, andere Orte und andere Realitäten entdecken, Bücher lesen, vor allem schreibe ich. Im Wort „schreiben“ (écrire) steckt der Schrei (le cri), das Lachen (rire)*; auf der ständigen Suche nach unseren Freiheiten, die Felsen ritzen, gavrocher/ felsritzen** gegen Macht und Herrschaft. Danke an das Café Gavroche, danke an Devrim, seit 20 Jahren die leitende Kellnerin, für diesen Ort der Ruhe in der herrschenden Unruhe. Ich verlasse das Café, um ein türkisches Wort reicher: Devrim bedeutet „Revolution“.   

 

* Wortspiel funktioniert nur im Französischen (Anm. Übers.)
** gavrocher: von der Autorin des Textes beigesteuertes Wort (gavrer – (ein)ritzen und rocher – Felsen, Anm. Übers.)

 


Interview mit der Autorin

Deine Arbeit liegt zwischen Textseite, Stimme, Performance. Hast du schon die Szene im Kopf, wenn du schreibst, denkst du schon an die Stimme und den Körper, oder kommt die performative Dimension erst im Nachhinein?
Heike Fiedler: Ich denke nicht an die Stimme und den Körper, ich schreibe mit der Stimme und mit dem Körper. Mein Schreiben entsteht in dieser Interaktion, die verschiedene Formen annehmen und generieren kann. In diesem Sinne ist Schreiben an sich ein performativer Akt. Der Klang der Wörter, der Klang der Sätze und der Buchstaben ist auch sehr wichtig: diese sonore Materialität der Sprache ruft oft die Fragmente hervor, die in einem bestimmten Text präsent sind. So sind zwischen Klang und Sinn zum Beispiel meine Gedichte, in denen verschiedene Sprachen nebeneinander existieren, entstanden. Was die Bühne betrifft, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass die zu füllende „leere Seite“ selbst eine Bühne darstellt, auf der sich der Text entfaltet. Ich nehme den Raum der Performance als eine Art Verlängerung der Seite wahr, oder aber als „Schreib-Szene“, ein Konzept, das ich aus der Literaturforschung entlehne. Aus dieser Perspektive heraus ist das Performen selbst für mich ein Akt des Schreibens, vor allem, wenn ich audiovisuelle Technik einsetze. Das Zusammenfinden der vorhandenen Elemente, die Gesten, die aufeinanderfolgen und sich überlagern, aber auch die Ko-Präsenz der sich im Performance-Raum befindenden Personen, lassen einen neuen Text entstehen, der (vielleicht) über den hinausgeht, der zu Beginn vorhanden war.     

Wie können wir angesichts der Weltlage noch gemütlich im Café sitzen?
HF: Diese Frage ist allgegenwärtig in einem weiteren Sinn: Wie essen, schreiben, ins Kino gehen, wie an einem warmen Ort schlafen, tanzen, feiern, wie weitermachen angesichts der Weltlage? All das tun, trotz allem, das ist ein Akt des Widerstandes, gewiss ein minimalistischer, dennoch nicht zu ignorieren. Versuchen dem Inaktiv-, Passiv-, Deprimiert-Werden zu widerstehen, während man die Wahl hat oder lernt, zu wählen; unsere täglichen Handlungen hinterfragen, im Bewusstsein neuer Herausforderungen, die sozio- und interkulturelle Forschungen und Praktiken erfolgreich entwickelt und thematisiert haben. Die Welt in die Cafés einlassen: sich treffen, diskutieren. Gemeinsam die kapitalistische und patriarchalische Kolonisierung des Denkens abbauen. Das ist nicht immer bequem, aber ach wie köstlich, wie ein guter Kaffee oder eine gute heiße Schokolade – hergestellt wo? Von wem, unter welchen Bedingungen, wie sind sie bis hierher gelangt, bis zu meinem Mund, in mein Inneres …

Wo fühlst du dich zuhause?
HF: Ich fühle mich in den Räumen wohl, in denen ich ein Fließen, ein Zirkulieren der positiven Energien spüre, also gewaltfreier, einladender und nicht ausgrenzender, horizontaler Energien, um es anders auszudrücken. Die Vorstellung, die ich mit dem Begriff assoziiere, sei es „bei mir“ oder „bei dir“ oder oder einfach „zuhause“, spiegelt diese Aspekte wider. Die Vorstellung vom Fluss verweist auch auf die Durchlässigkeit von Grenzen. Das ist auch ein Lebensprozess, mit Prüfungen, die manchmal schwer zu bewältigen sind. Jedenfalls habe ich es seit meinem jungen Erwachsenenalter vorgezogen, in kollektiven und gemeinschaftlichen Lebensstrukturen zu leben; angefangen damit, dass ich das erfahren habe, junge Student*innen, die wir waren, mit unseren Kindern in einem Chalet in Genf. Dort haben wir, zu mehreren in der gleichen Situation, unsere Freuden und Pflichten geteilt und strukturiert. Zurzeit ist meine Wohnung Teil einer Genossenschaft, mein erweitertes Zuhause. Es ist in diesen Extensionen, in diesen Zwischenräumen, wo Freiräume geschaffen werden.

 

BIO

Heike Fiedler (CH/D) – Schriftstellerin, Performerin, Laut- und visuelle Poetin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Genf, wo sie einen Masterabschluss in Literaturwissenschaft, sowie ein Zertifikat in Gender Studies erworben hat. Heike Fiedler schreibt auf Französisch, auf Deutsch und zwischen den Sprachen. Sie liest und performt ihre Texte auf Festivals international, sie ist in kollektive Projekte involviert, hat bisher acht eigene Bücher veröffentlicht und arbeitet z.Zt. an einer Lyrikübersetzung. Für ihr Schaffen erhält sie Förderungen von Pro Helvetia, der Stadt und dem Kanton Genf. https://heikefiedler.ch/

 

Angelo Vannini | Bistrot littéraire Les Cascades, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Angelo Vannini  | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Das Literaturcafé Les Cascades ist ein Ort, den ich sehr mag, weil ich hinter ihm ein politisches Projekt des Widerstands gegen die Gentrifizierung sehe, eine einfache und entschiedene Ablehnung der kapitalistischen Ausbeutung. Caroline, die Besitzerin, hält die Preise bewusst niedrig. Der Ort wird vor allem von Leuten aus der Nachbarschaft und von jungen Schauspielern frequentiert, die in einer Theaterschule gleich nebenan studieren. Für mich ist es ein wertvoller Ort. Auch wenn die Atmosphäre sehr lebhaft ist, schaffe ich es immer wie durch Zauberei, mich in meine Arbeit zu vertiefen: lesen, schreiben, übersetzen. Gibt es wirklich Grenzen zwischen diesen drei Tätigkeiten? Vor einigen Tagen las ich in Les Cascades und versuchte, die Gedichtsammlung eines in Tokio lebenden Freundes aus dem Japanischen ins Italienische zu übersetzen. Und ähnlich wie Fortini mit Brecht kamen mir Verse in den Sinn, die von seinem Schreiben inspiriert waren:

dato che fotografavi la bella crudeltà
con un filo di formicolio

rinasceva un senso di museo 
dopo Richter Pasolini Nakagami

cercando vicoli perduti
per la penisola di Kii

tutto il dolore del pensare
senza smalti né cammei ti fingo

ogni fine di genealogia
dal paesaggio non più mobile

da du die schöne Grausamkeit fotografiert hast
mit einem leichten Prickeln

wurde ein Sinn für Museen wiedergeboren
nach Richter Pasolini Nakagami

auf der Suche nach verlorenen Gassen
auf der Halbinsel Kii

all der Schmerz des Denkens
ohne Emaille und Kameen forme ich dich

jedes Ende einer Genealogie
aus einer Landschaft, die nicht mehr beweglich ist


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten?
Angelo Vannini: Du sagst „noch”, und ich frage mich, ob sie das jemals getan hat. Wahrscheinlich nicht. Aber ich kenne Menschen, die durch Literatur gerettet wurden, ich glaube, ich habe in meinem Leben mindestens drei oder vier davon getroffen. Das reicht mir.

Wie können wir angesichts der Lage in der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
AV: Das können wir nicht. Jedenfalls nicht „gemütlich“. Ich muss sagen, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr gemütlich tun kann, und vielleicht ist das auch besser so.

Wo fühlst du dich zu Hause?
AV: Nirgendwo. Aber ich komme langsam zu der Überzeugung, dass genau das vielleicht die eigentliche Voraussetzung dafür ist, irgendwo zu Hause zu sein. Lange Zeit habe ich in Worten gelebt, weil ich nicht in der Welt leben konnte; heute sehe ich, dass sogar Worte manchmal unbewohnbar werden. Das ist ein Glück. Denn genau das ermöglicht es uns, gerecht zu sein – oder zumindest danach zu streben –, ohne in dem einzuschlafen, was wir zu sein glauben. Weißt du, mit der Zeit habe ich gelernt, dass man auch mit den Augen schreiben kann, dass die Menschheit zugleich grausam und sanft ist und dass wir alle gleichermaßen – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für diese Grausamkeit und diese Sanftheit verantwortlich sind.

 

BIO

Angelo Vannini ist ein italienischer Schriftsteller, der in Paris lebt. Er ist Autor des Gedichtbands Fogli di sosta (2023), des Romans Stoffe da Shiga (2022) und der poetischen Meditation L’intermissione dei cigni. Cinquantanove giorni alla frontiera della letteratura (2017). Seine Theaterstücke, die er auf Italienisch, Französisch und Englisch verfasst hat, wurden in Mailand (La Triennale), Paris (Centre Pompidou, Panthéon, Mairie du 5e arrondissement) und New York (La MaMa Theatre) aufgeführt. Er leitet die Gedichtsammlung „la lumière obstinément” für den italienischen Verlag Affinità elettive.

Kurt Ryslavy | À la Mort Subite, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Kurt Ryslavy

 

1987 habe ich diese typische Brüsseler Brasserie entdeckt und zu schätzen gelernt, mehr als zehn Jahre vor ihrer Klassifizierung als kulturelles Erbe. Es gab immer freie Sitzplätze, die Wände ein angenehmes (Nikotin-)Kolorit, die beeindruckende Raumhöhe machte Raucher cubanischer Zigarren ohne Begleitung nicht zu Besucher-störenden Blickfängern. Die grosszügige Dekoration aus sich gegenüberliegenden Spiegeln locken die Aussicht in die Ewigkeit, innenarchitektonisch raffiniert nicht zu niedrig an den Wänden angebracht. Wo ich herkomme, ist der Stil der grossen Cafés meist älter als dieses Brüsseler Juwel, was dort hingegen den Konservativismus zu pflegen hilft, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

Wie viele Künstler in der Geschichte benutzte ich eine derartige Atmosphäre um sich von den engen eigenen Wänden lösen zu können, sich mit anderen intellektuellen Welten (Büchern) aueinandersetzen zu können, die Wartezeit (vor/ nach) cinemathek zu überbrücken und Heizkosten zu sparen. Heute bin ich weniger da, mehr Touristen sind zu sehen.

Neuankömmlingen in Brüssel zeige ich gerne À la Mort Subite, es ist für mich immer noch ein Ort der geistigen, atmosphärischen Ruhe, mit professioneller, atmospärischer Bedienung und Humor, beschränktem Essen und lokalen Getränken, ein positiver Aspekt, der den Tourismus nicht überborden lässt.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann die Literatur (machen)?
Kurt Ryslavy: Die Literatur kann Interesse erwecken und zum Lesen verführen. Mehr nicht.

Das Café (bzw. Das Café, das du ausgewählt hast) ist eher ein Ort des Rückzugs, der Andacht oder eher ein Ort der Versammlung?
KR: Weder noch. Wie der Name schon sagt, ist die Brasserie ein Ort der Überraschung, oder nicht einmal das, denn wenn man plötzlich stirbt, hat man keine Zeit mehr überrascht zu sein. Aber ich würde sagen ein Ort der Inspiration, der Entdeckung, der Befreiung, des Tief Luft holens. Hin und wieder jemanden zu Treffen ist auch gut. Dazu muss ich sagen, dass dieser Ort früher für mich wichtiger war als heute – weil ich mir so einen Ort inzwischen bei mir zu Hause schaffen konnte. 1987, als ich nach Brüssel kam hatte ich das nicht zu Hause.

Wo fühlst Du Dich zu Hause?
KR: Dort wo mich nichts belastet. Das ist weder Österreich noch Belgien. Das ist keine Kirche, keine Synagoge, keine Moschée. Das ist auch kein Fussballstadium oder Menschenmenge.

 

BIO

Kurt Ryslavy ist Österreicher und lebt seit 1987 in Brüssel, der Heimat des Surrealismus. Die Originalität seines Ansatzes liegt darin, dass er seine künstlerische Tätigkeit mit einer trockenen geschäftlichen Tätigkeit verbindet. Er interessiert sich für Philosophie, Literatur und Kunst (er schätzt Montaigne, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Paul Feyerabend, u. a.) und widmet sich seit 1991 dem Handel mit österreichischem Wein (um nicht an der Akademie der Schönen Künste unterrichten zu müssen), mehr aus Leidenschaft für die philosophischen als für die technischen Aspekte des Weins. Er ist dennoch Mitglied der Königlich-Flämischen Akademie Belgiens für Wissenschaft und Kunst.

Watson Charles | Café associatif La Commune, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Watson Charles | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Café de La Commune libre d’Aligre

In einem gleichzeitig schlichten und atypischen Dekor beschert das Café La Commune denjenigen, die auf ein Glas oder zum Diskutieren kommen, heitere Ruhe inmitten des Lärms und des erstickenden Geruchs, die Paris kennt. Vor der mit Plakaten tapezierten Wand, die zur Revolte oder zum Kampf gegen die Ungerechtigkeiten aufrufen, erzählt mir Guillaume von seinem nächsten „Poesie in Freiheit“ genannten Abend, den er einmal pro Monat im Café organisiert. Er lädt Menschen hierher ein, um ihre Gedichte vorzulesen oder auch um Brel oder Ferrat zu interpretieren. Sie an diesem Ort zu befinden ist die beste Möglichkeit, dieser Welt zu entkommen, die wir mitleidslos als schlecht oder als grotesk verurteilen. La Commune ist der Ort, durch den ich die Welt aufgeladen von Melodien wahrnehme, und wo ich länger bleibe, um der Stimme dieses Mannes zuzuhören, der von anderswo kommt und mir von seinem Exil erzählt, von seiner langen, beinahe fantasierten Reise, oder um meinen Kaffee an einer Schulbank zu trinken, während ich einen Blick in die Ecke der Bar werfe, die auch als Küche dient, mit ihren an der Wand hängenden Geräten und dem Kellner mit seiner metallisch-rauen Stimme, der seine Gäste und die Bewohner des Viertels warmherzig empfängt. Der Großstadtlärm rund um das Café d’Aligre erinnert mich an Port-au-Prince. Dieser Ort, an den ich regelmäßig komme, um Freunde zu treffen, ist die Tür geworden, durch die ich die Welt betrete, und ich verirre mich dort tatsächlich. Auf dem alten, an der Wand stehenden Klavier spielt ein Mann Noten, als würde er die diskrete und schöne Stimme einer Frau begleiten, die ein Lied aus ihrer fernen Heimat summt, das von der Arbeit der Menschen auf den Feldern erzählt. In meinem Heft beginne ich meine Gedichte niederzuschreiben, um das Bild dieses gleichzeitig einfachen und erhebenden Moments festzuhalten. 

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung haben die Dichtung und das Schreiben von Romanen?
Watson Charles: Ich glaube, dass die Dichtung und der Roman, wie ich es immer gesagt habe, eine der künstlerischen und intellektuellen Formen sind, die uns erlauben, die Realität und das menschliche Wesen in seiner umfassendsten Dimension zu erfassen. Ich lehne jede Hierarchisierung der Genres ab, wie das historisch seit der Antike festgelegt wurde. Auf diese beiden literarischen Genres zurückzugreifen erlaubt es mir, die Welt in ihrer Gesamtheit zu begreifen. Es stimmt, dass ich durch die Dichtung zur Literatur gekommen bin, aber ich räume auch der Fiktion größte Wichtigkeit ein.

Kann man heute von Engagement in der Literatur sprechen?
WC: Wenn auch das Engagement in der Literatur historisch betrachtet zu einem bestimmten Zeitpunkt als Infragestellung der Souveränität eines Landes und seiner dominanten Kultur aufgetreten ist, so ist es heute nichtsdestoweniger durch die Federn von Schriftstellern präsent, die die Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaft kritisieren. Ich denke, dass das Schreiben für einen Schriftsteller ein politischer Akt ist. Der Blick, den er auf die Wirklichkeit wirft, erlaubt es, die Welt zu hinterfragen und zu verändern. Ich glaube, Schreiben ist ein Katalysator, der den Menschen sowohl ein individuelles als auch kollektives Bewusstwerden ermöglicht.

 

BIO

Watson Charles hat Literatur an der École Normale Supérieure von Port-au-Prince (Haiti) studiert. Er ist Autor des Sammelbandes Seins noirs (éditions Aethalidès 2022), des Romans Le ciel sans boussole (éditions Moires 2021), der im Rahmen des Prix Senghor du premier roman francophone et francophile mit einer « Mention spéciale » ausgezeichnet wurde, sowie des Novellenbandes Le Goût des ombres (éditions Unicité 2024), für den er den Preis Christiane Baroche de la Société des Gens de Lettres erhielt.

Brahim Saci | L’impondérable, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Brahim Saci | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Wenn es einen Ort gibt, der mir lieb und teuer, ja fast lebenswichtig, ist, dann ist es das Literatur-Café L’impondérable in Paris. Jeden Sonntag um 18 Uhr wird es zu einem Treffpunkt der Seelen, der Poesie, Musik, der Ideen. Es ist der Schriftsteller, Dichter, Journalist Youcef Zirem, der darin die Seele ist. Seine Energie, seine Menschlichkeit, machen aus diesem wöchentlichen Moment ein essentielles Atemholen, zusammen mit Mourad und Sofiane, den herzlichen Gastgebern des L’Impondérable, die uns mit besonderer Freundlichkeit empfangen. 

Die Atmosphäre da ist freundschaftlich, fast brüderlich. Der Austausch ist immer respektvoll, tiefgründig. Man redet dort über Literatur, die Künste, das Leben – und vor allem schreibt man dort. Es ist an diesem Ort, wo ich die Inspiration für den Großteil meiner zwanzig Gedichtbände gefunden habe. Oft bleibe ich spät in der Nacht am Tisch sitzen, einen kalt gewordenen Kaffee neben mir, und warte darauf, dass die Muse kommt und sich gegenüber setzt. Die Cafés sind für mich kreative Zufluchtsorte, Heimstätten des freien Denkens. 

Jeder Winkel des L’Impondérable scheint von wartenden Worten bewohnt zu sein.
Man hört dort Lachen, Verse, vielversprechende Stille.
Es ist ein Ort der lebendigen Erinnerung, aber auch der poetischen Zukunft.
Man begegnet dort den Stimmen, die von Woanders her kommen, gemischte Sprachen, sich vermischende Geschichten.
Es ist ein sanfter Widerstand gegen die Brutalität der Welt.
Eine Insel der Schönheit im Pariser Tumult.

In Paris, der Stadt der Dichter, haben die Cafés so viele Werke entstehen sehen. Verlaine, Aragon, Camus, Kateb Yacine …, alle haben an diesen belebten Orten geschrieben. L’Impondérable reiht sich in diese lebendige Tradition ein.
Es ist mehr als ein Café. Es ist ein Raum der Kreativität, der Freiheit, wo das Wort zirkuliert, wo die Stille inspiriert, wo die sich kreuzenden Blicke mehr als Worte sagen.
Dieses Café trage ich in mir. Es ist die Verlängerung meiner Stimme, meiner Texte, meines Seins. 

 


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? 
Brahim Saci: Ja, sie kann nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Sie wird die Welt vielleicht nicht in einem konkreten Sinn retten, aber sie rettet die Geister. Lesen bedeutet lernen zu denken, zu zweifeln, zu fühlen. Literatur hilft uns, die Welt und andere besser zu verstehen. Sie weckt das Bewusstsein und bildet kritische Geister. Kinder ans Lesen zu gewöhnen bedeutet, ihnen innere Freiheit zu vermitteln, eine stille Kraft, um eine gerechtere Zukunft aufzubauen.

Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
B.S: Ja, das Café ist nach wie vor ein Ort des freien Austauschs, ein Raum, in dem Ideen ungehindert zirkulieren können. Es ist ein Ort, an dem Masken fallen, an dem man diskutiert, teilt, zuhört. In einer zunehmend digitalen Welt sind Cafés nach wie vor physische Orte der sozialen Verbindung und des lebendigen Wortes. Sie bewahren sich ihre Funktion als Ideenschmiede, wie früher die literarischen Salons.

Wo fühlst du dich zu Hause? 
B.S: Ich fühle mich an Orten zu Hause, an denen ein Austausch stattfindet, da wo man ganz man selbst sein kann. Das kann in einem Café sein, in einem Buch oder in einem ehrlichen Gespräch. Es sind diese Freiräume, die mir das Gefühl geben, dazuzugehören.

 

BIO 

Brahim Saci ist ein französisch-kabylischer Schriftsteller, Journalist, Liedermacher. Geboren zwischen zwei Ufern, erforscht er in seinen Texten Exil, Liebe, Erinnerung und Freiheit. Als Autor von zwanzig Gedichtbänden ist er eine einzigartige und engagierte Stimme am Schnittpunkt der Kulturen. In der Pariser Literaturszene ist er sehr aktiv, er holt sich seine Inspiration in Cafés, vor allem im Literatur-Café L’Impondérable, wo er oft bis spät in die Nacht schreibt.  

 

Anne Morelli | Brasserie Verschueren, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Anne Morelli | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach  

 

Ich habe mich für dieses Treffen mit Alain Barbero in der Brasserie Verschueren verabredet. Ihr Geschäftsführer, Bertrand Sassoye, ist mir sympathisch und wir teilten eine Reihe von Ideen. Doch eines Tages trennten sich unsere Wege …
Ich habe 100 Mal in meinem Leben gegen die Banken und ihre Betrügereien gedonnert, indem ich gesagt habe: „Man sollte denen eine Bombe reinwerfen“. 
Trotz dieser Behauptung habe ich es nie getan, aber Bertrand Sassoye schon! 
Die Gruppe, der er angehörte (die „Cellules communistes combattantes“) achtete darauf, nur die wenig vertretbaren Symbole des Kapitalismus anzugreifen: Unternehmen, die Waffen produzierten, Banken, Räumlichkeiten der NATO oder der Gendarmerie, das Rekrutierungsbüro der Armee. Diese Anschläge (etwa zwanzig) waren so geplant, dass sie niemals Unschuldige treffen sollten.
Doch am 1. Mai 1985 führt ein Übermittlungsfehler zum Tod von zwei Feuerwehrmännern.
Die Gruppe wird Ende desselben Jahres verhaftet und 1988 zu lebenslanger Haft verurteilt. 
Als das Datum ihrer möglichen bedingten Haftentlassung erreicht ist, bleiben sie jedoch bis 2000 und 2003 in Haft. 
Mörder, die Frau und Kinder getötet haben, werden nach sieben oder acht Jahren Haft wegen guter Führung freigelassen, aber sie mussten beweisen, dass sie ihren Ideen abgeschworen hatten.
Vielleicht durch eine öffentliche Erklärung, dass der Kapitalismus von nun an moralisch sei?
Ich bin einem ganz anderen Weg als sie gefolgt.
Durch das Unterrichten an der Universität und die Populärwissenschaft der Kämpfe der Vergangenheit versuchte ich, ganze Generationen (1200 Studenten besuchten jedes Jahr meinen Kurs über historische Kritik an der Universität Brüssel) für kritisches Denken und Handeln zu sensibilisieren. 
Meine Art, bei jungen Menschen die Samen gegen Verzweiflung und das Gefühl der Ohnmacht, die sie allzu oft befallen, zu säen.

 


Interview mit der Autorin

Wie können wir angesichts der Weltlage noch gemütlich in einem Café sitzen? 
Anne Morelli: Während Tausende unschuldiger Menschen aus ihrem angestammten Land vertrieben, deportiert, bombardiert, ausgehungert und ermordet werden, vor unseren Augen, kann es sicherlich unpassend erscheinen, sich gemütlich in ein Café zu setzen, um dort sein Lieblingsgetränk zu genießen. 
Aber das Café kann auch – fernab der Überwachung durch unsere Mobiltelefone – ein Ort der Begegnung, des Gesprächs, der Entwicklung von Projekten sein. Ein Ort des Widerstands gegen lügende Medien,  gegen mitschuldige Politiker. Ist die Französische Revolution etwa nicht in Cafés gereift?

Kann Literatur noch die Welt retten? / Warum noch schreiben und lesen? 
AM: Tausende von Büchern – und sei es nur auf Französisch – werden zu jedem „literarischen rentrée“ veröffentlicht. Und jedes Jahr werden Hunderttausende von Exemplaren dieser Bücher in den Reißwolf geschickt. 
Jeder Autor glaubte, ein geniales und einzigartiges Werk geschrieben zu haben. 
Der „Markt“ des Verlagswesens hat nur die „rentablen“ Bücher behalten, die ihre Werbung zum Erfolg führt. 
Künstliche Intelligenz ist, wie es scheint, in der Lage, Romane zu schreiben. Ich bezweifle das nicht (die Regale der Buchhändler sind voller Unsinn), aber wird sie mit „Krieg und Frieden“ konkurrieren können? Bescheiden gesagt, ich freue mich, dass einige meiner Bücher einen politischen Einfluss hatten: gegen die nationalistische Dummheit zum Beispiel, die in jedem Land die Geschichte verdreht, um sich selbst als besonderes Volk darzustellen. 
Oder um die Leser vor Kriegspropaganda zu warnen, indem sie deren immer ähnliche, immer wirksame Mechanismen entlarvt.

Kann es eine literarische Sprache für Aktivismus geben? Oder ist das (bei dir) getrennt? 
AM: Es gibt keine spezielle Sprache für den Aktivismus, aber für ein breites Publikum verständlich zu schreiben und zu sprechen ist unerlässlich, wenn man seine Ideen verbreiten will. Das bedeutet nicht, dass man seine Gedanken extrem vereinfachen muss, aber man muss sie so ausdrücken, dass sie gehört werden. Eine Anstrengung, die nicht alle „Intellektuellen“ auf sich nehmen …

 

BIO

Anne Morelli ist Historikerin und Honorarprofessorin an der Universität Brüssel (ULB). 
Die von ihr herausgegebenen Sammelbände bieten eine andere Geschichte als die klassische Version des Nationalismus: die Geschichte der Rebellen, der Subversiven, der Ausländer, der emigrierten Belgier und Kriegsflüchtlinge … Ihr kleines Buch „Principes élémentaires de propagande de guerre“ (Elementare Prinzipien der Kriegspropaganda) ist zu einem Klassiker geworden, der regelmäßig aktualisiert und in acht Sprachen übersetzt wurde, darunter Japanisch und Esperanto.

Nika Pfeifer | Wiels’ CAFÉ, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Nika Pfeifer

 

Ein Ort tut so, als wäre er offen, und ist es! Das WIELS. Kein Museum, sondern ein Experimentierfeld, ein Möglichkeitsraum, eine ehemalige Brauerei, die sich weigert, bloß Vergangenheit zu sein. Die riesigen Kupferkessel glänzen immer noch. Nicht, um zu erinnern. Sie sind Oberfläche von etwas, das bleibt, ohne da zu sein. Im WIELS ist nichts einfach da und alles bleibt Spur. Man wird Teil dieses Spiels. Jeder Gang durch die Räume: eine Verschiebung. Jüngst bei Willem Oorebeek: Fantastisch! Wie er Buchstaben und Text in dreidimensionale, performative Medien verwandelt, künstlerische Objekte, die Schrift als Bild, Plastizität und Raum erlebbar machen, spiegeln (uns), was mit unseren Augen passiert, wenn wir Bilder en masse konsumieren. Seine BLACKOUT-Serien sind ästhetische Absperrung und Einladung zugleich: Schwarze Tintenfelder, durch die das Bild wie ein Schatten schimmert, es verschwindet nicht, es fordert Nähe: Komm näher, verändere deinen Standpunkt, dein Licht. Sehen wird zur Geste, Raumwahrnehmung zur Bewegung. Licht, Fläche, Konstruktion von Sichtbarkeit, alles wird Thema. Dies nur ein Mini-Eindruck von vielen Besuchen, DENN: Vor allem ist da das Café, das Interface im Erdgeschoss. Kaffee? Ja. Kaffee! Oder Tee. Manchmal Bier, ironiquement genoug. In dieser Architektur mit ihren irrsinnig hohen Fenstern, Licht in jeder Ritze, egal ob draußen Regen fällt oder Dunst hängt. Das Licht wirft immer wieder neue Winkel in den Raum. Die Suppe dampft, Eiswürfel klackern, der Raum erzeugt Resonanz, durch Lichtreflexe, Geräuschspuren, sachte Bewegungen. Tische laden zum Schreiben ein, Stühle zum Zuhören. Gedanken werden durch die Architektur geführt, abstrahieren, fragmentieren, setzen sich – und uns – neu zusammen. Das WIELS funktioniert, weil es Raum lässt. Für alles, auch für das, was man nicht gesucht hat. Und wenn man geht, nimmt man was mit: Bilder, Fragen, Ideen, Begegnungen, neue Freund*innen. Das WIELS bleibt die Bühne, auf der sich all dies abspielt. Bis auf montags. Da ist geschlossen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Nika Pfeifer: Hm, was kann Literatur…? Ich würde sagen: vieles, wenn nicht ALLES. Alles, was im Auge des Betrachters, der Betrachterin liegt. Niemand kann das wissen oder vorhersagen. Auf jeden Fall kann sie das, was hinter den Augen liegt, zum Leuchten bringen. Große Magie.

Ist das Café eher Rückzugsort, Ort der Sammlung oder Versammlung?
NP: Ein Rückzugssammlungversammlungsortortort, würd ich sagen. Alain hat mich nach meinem Lieblingscafé in Brüssel gefragt, und es sind mir so viele sensationelle Orte eingefallen, traditionelle Cafés, Bars, coole Kneipen, Brasséries, auf gut Wienerisch Beisln, dass die Wahl schwer fiel. Das Café WIELS habe ich gewählt, weil es einer meiner ersten Schreiborte in Brüssel war. Es kombiniert alles, was meine Gedanken in Bewegung setzt. Ein Möglichkeitsraum. Kein statisches Museum, sondern ein lebendiges Experiment, wo Kunst produziert und erlebt wird. Was ich daran mag: Es ist ein transformativer Ort. Er zeigt nicht nur, er tauscht aus.

Wo fühlst du dich zu Hause?
NP: Zwei Ideen:
zuhause: eine koordinate
aus sehnsucht & abwesenheit
Und:
„willkommen zuhause“
lese ich & frage mich wo
dieses zuhause eigentlich wohnt
PS: Sylvia Petter hat es so wunderbar in einem Kürzestgedicht formuliert:
I don’t belong,
I long to be.

 

BIO

Nika Pfeifer ist als Autorin und Künstlerin zwischen Wien, Brüssel und in internationalen Projekten tätig. Sie wurde u. a. mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet, war Max Kade Fellow in den USA und Gastdozentin an internationalen Universitäten. Pfeifer arbeitet an der Schnittstelle von Literatur, Kunst und Film; ihr Werk umfasst Lyrik, Prosa, Radioarbeiten und Kurzfilme. 2024 erschien ihr Lyrikband TIGER TOAST bei Ritter, begleitet von Publikationen in internationalen Zeitschriften und Anthologien.

Vincent Lisita | L’ Aragon, Pau (Frankreich)

Foto: Alain Barbero | Text: Vincent Lisita | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp

 

Niemand aus meiner Familie hätte es gewagt, die Tür der Brasserie L’Aragon zu öffnen: „zu exklusiv“ – ein Tabu, mit dem ich (auch heute noch) jeden Tag ringe.
Seit 1994 bin ich das einzige konstante Element dieser Brasserie, die sich aus der Ferne mit den Pyrenäen misst: Chefs, Personal, Stammgäste, Einrichtung, alles um mich herum verändert sich immer wieder mal … Aber ich kann nur hier arbeiten, nichts lenkt mich ab, kein Geräusch stört mich. Ich habe keinen festen Tisch, sondern mag eine Zeit lang diesen Platz und dann jenen, wie die Katzen … Nichts, keine Uhr oder Kalender, weder das Kommen noch das Gehen der anderen sagt mir, welchen Tag und welche Uhrzeit wir haben. Ich war der Erste, der einen Laptop mitbrachte – seitdem habe ich Schule gemacht! –, und die neuesten Sitzbänke sind ideal: Ich kann stundenlang schreiben, ohne Nackenschmerzen zu bekommen. Lachen Sie nicht: Das ist ein echtes Thema für Autoren, die sich den 50 Jahren nähern!
Seit langem kommen meine Angehörigen unangemeldet zu mir, und jedes Mal entschuldigen sie sich dafür … dabei sollten sie sich ein für alle Male klar machen, dass sie mich nur dann stören, wenn sie nicht kommen.
Im Aragon habe ich in vollen Zügen sämtliche Intimitäten erlebt, die dreißig Jahre mit sich bringen können … Aber lassen Sie mich an ein goldenes Zeitalter zurückdenken. Als ich Student war, setzte ich mich an einen dieser Tische, die man auf Ihrem Foto erahnen kann, lieber Alain – diese Tische, die vom Boulevard aus nicht zu sehen sind … Dort schrieb ich meinen ersten Roman, unter strengster Geheimhaltung, da meine Eltern glaubten, ich sei in der Vorlesung. Ich hielt mich, relativ gesehen, für den „Jean-Claude Romand des Romans”!
Gestehen muss ich eine gelegentlich Untreue gegenüber meiner Lieblingsbrasserie. Die stellt sich dann ein, wenn ich von meinen Verlegern unter Druck gesetzt werde, mein Manuskript abzugeben, und ich den gesprächigsten Stammgästen entkommen muss …
Dennoch kehre ich immer wieder ins Aragon zurück. 
Zwar habe ich noch nicht mit dem Wirt gesprochen. Aber ich weiß genau, wo meine Urne ihren Platz finden wird!

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur bewirken? 
Vincent Lisita: Wir drängen uns auf einer großen Kugel, die mit voller Geschwindigkeit ins Nichts geschleudert wird … 
Glücklicherweise fördert die Literatur den Austausch von Emotionen und Ideen! Sie reist wie das Licht, und Tausende von Jahren können ihre Sender von ihren Empfängern trennen. Manchmal predigt sie sogar denen, die sich nicht bekehren lassen …
Wird man in unseren Cafés beim nächsten Urknall viel Aufhebens darum machen?

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
VL: Da ich kein richtiges Büro habe, arbeite ich in der größten Brasserie meiner Stadt. Wenn ich auf Reisen bin, bin ich meinen Reisezielen ebenso treu wie den Cafés, die ich dort entdeckt habe: Sa Musclera in Binibeca, Pasticceria Rio Marin in Venedig, Pré aux Clercs in Saint-Germain-des-Prés …
An anderen Orten bin ich zerstreut, in Cafés finde ich wieder zu mir selbst. 

Wo fühlst du dich zu Hause?
VL: Ich werde nicht mehr „in meinem alten Familienhaus” antworten, da ich mich dazu entschließen muss, es zu verkaufen … Ich fühle mich also zu Hause, sobald ich ungestört in mich selbst eintauchen kann. Wenn möglich mit einem langen Kaffee ohne Zucker!

 

BIO

Vincent Lisita wurde 1977 in Pau geboren und ist Kunsthistoriker. 
Seit über dreißig Jahren beschäftigt er sich mit den Denkmälern seiner Heimatstadt und dem Werk und Leben von Charles Trenet.
Seine Schubladen und sein Klavier sind voll mit Romanen, Liedern … oder umgekehrt!

Anicée Willemin | Brasserie Le Cardinal, Neuchâtel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Anicée Willemin | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach

 

Heute habe ich nichts getan. Aber Vieles hat sich in mir getan. Roberto Juarroz

Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Eines Tages im Februar 2024, eines Tages im Januar 2025. Raumzeitliche Verwerfung. Von Neuenburg nach Lausanne, dann zurück nach Neuenburg, ins Café, das ich ganz besonders mag, das *Cardinal*.
Jugendstil, barockes Ambiente, Lileengrün, Grünspangrün, minzgrüne Kacheln, goldkupfergondelnde Blumen, wundersame Landschaften, Vögel – fein ziselierte Kraniche und Pfauen. Eine Grafik, fast wie von Hokusai. 
Sich gut fühlen, sich hier gut fühlen. 
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist. 
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Café Auftakt zur Begegnung, Café Auftakt zu jeder Begegnung. 
Eine imaginierte, unvordenkliche, unbeschreibliche Begegnung. 
Moment der Gnade in sich selbst und ausserhalb von sich selbst.
Frenetische Beobachtung, getrennte Zeit.
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist.
Wenn der Geist da ist, wenn der Geist kommt.
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt 
Moment der Einberufung, Moment in der Schwebe.
Ein Anflug von «Der Himmel über Berlin», das Verlangen nach etwas Hörbarem, etwas Sagbarem, nach etwas, was man schreiben könnte. 
– Dieses Café gefällt mir ganz besonders gut, ich fühle mich von seinem Dekor repräsentiert. –
Anmutige Vögel, Wildblumen, imaginäre Blüten, grazile Sonnenblumen. 
Ich bin ganz durcheinander von all dem Kachelgrün. 
Ein Ort für Tagträumereien. 
Ein von Grün durchwirkter Ort wie eine bezaubernde Apnoe. 
Frenetische Beobachtung, gemeinsame Zeit.
Ich drehe mich um / der Flieder blüht. (Gilbert Trolliet)
Narcissus poeticus
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Wenn der Geist da ist, wenn der Geist kommt. 
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist. 
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Historisches Pastell, wie ein Bonbon von einst – neu belebtes Bonbon. Grün. Grün wie mein Traum.
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt 

Als Begleitung im Hintergrund: La Grâce et la Rencontre von Colette Nys-Mazure, erschienen im Februar 2024 bei Éditions POESIS, in der Reihe Habiter poétiquement le monde. 

 


Interview mit der Autorin

Wie können wir uns angesichts der gegenwärtigen Weltlage noch gemütlich in ein Café setzen? 
Anicée Willemin: Um nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. In einer stillen und/oder lärmenden Dringlichkeit.

Warum noch schreiben und lesen?
AW: Schritt für Schritt dem goldenen Pfeil folgen, dem roten Faden. Demjenigen, den man sich für sich wünscht. Demjenigen, den unsere Schritte sich für sich wünschen. Die Schritte sind ein Gedanke. Die Schritte sind eine Schrift. Die Schritte sind eine Lektüre. Pfeil und Faden. Faden und Schritte. Diejenigen, die man gerne kommen sähe. Diejenigen, von denen man sich wünscht, sie kommen zu sehen. Kommen sehen. Sehen, was kommt. Faden und Pfeil. Schritte und Faden. Kommen sehen. 

Ist das Café (oder das Café, das du gewählt hast) eher ein Rückzugsort, ein Ort der Besinnung oder ein Ort der Versammlung? 
AW: All diese Facetten in verschiedenen Momenten. Manchmal bloß eine davon. Manchmal gerade die andere. Manchmal bloß die dritte. Manchmal noch eine andere. Manchmal all diese Facetten miteinander vermischt, in einer vollständigen Symbiose. Ich mag diese Idee einer aneinander, ineinander gefügten Pluralität, die so ein Ganzes bildet. Und sich erinnert. Und sich erhebt. Sich erhebt angesichts der Ungerechtigkeit der Welt. Der große Aufstand. Rückzug, Besinnung, Sammlung und Versammlung.  – Man kann das Gefühl haben, in sich hineinzusinken und einen Augenblick meditativer Besinnung erleben, während man zugleich in vielfältiger Begleitung ist und sich versammelt, seine eigenen Stücke zusammensammelt. – Das Café ist ein Schritt an sich. Das Café ist Schritte in sich. Und aus sich hinaus.

 

BIO

Anicée Willemin ist a-ni-c. Sie ist und wird, was sie gerade wird. Getragen vom dröhnenden Atem des Absoluten hat sie den Blick vor allem auf poetisch-fragmentierte Räume gerichtet und ihre Musik genährt, während diese sie nährte. Sie kommt aus einem kleinen Juradorf und ist eine frische Vierzigerin, die sich durch Feld und Wiesen tollt und tummelt und ohne Unterlass das Leben ausprobiert, desgleichen das Leben des grünenden Schreibens. Ihr erster Gedichtband, Les balcons étaient comme des roses d’eau entêtantes (Die Balkone waren wie betörend duftende Wasserrosen) ist im März 2023 bei den Editions du Griffon in Neuenburg (Schweiz) erschienen.