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Laure Mi Hyun Croset | L’Area, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Laure Mi Hyun Croset | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

L’Area for ever

Ich habe die Nacht immer geliebt. Ob ich nun bis spät in die Nacht lese oder nach einem verrückten Ausflug nach Hause komme, ich habe die Nacht schon immer geliebt.

Ich habe die Area dank eines Freundes entdeckt, Pascal Oïffer, der sowohl die mythischen Orte von Paris als auch die aufstrebenden kennt, denn ich glaube, er liebt das Leben, ist immer neugierig auf menschliche Aktivitäten und darauf, was Menschen bewegt, insbesondere Künstler, deren Universen oft dichter sind als die von Menschen, die weniger Zeit haben, ihre eigene Weltanschauung zu entdecken und auszudrücken.

Als Pascal mir also eine Nachricht schrieb, in der er mich aufforderte, ihn im L’Area zu treffen, weil es „der Ort sei, an dem man sein müsse, vor allem an einem Sonntagabend“, überzeugte ich den Freund, mit dem ich zu Abend aß, dorthin zu gehen. Seitdem ist diese Bar, in der Kunstwerke ohne Großspurigkeit nebeneinander stehen und auf der Speisekarte brasilianische und libanesische Gerichte stehen, als ob diese beiden Küchen von Natur aus miteinander vereinbar wären, zu meinem Stammquartier geworden, wenn ich in Paris bin.

Man trifft dort einen jungen Produzenten, eine Chanel-Muse oder einen schwulen ukrainischen Fotografen, vor allem junge Kreative. Eine echte Casting-Show mit wunderschönen Gesichtern und stilvollen Outfits! Aber was überrascht, ist, dass sie lächeln. Alle sind freundlich und höflich. Keine Arroganz, keine bedrohlichen Flirts, nur eine Art Nachtfamilie.

Es ist die Persönlichkeit des Chefs Edouard, die die fröhliche und inspirierende Atmosphäre dieses fast unwirklichen Ortes schafft, der durch seine Geselligkeit und die stilvollen Gäste besticht. Man bezahlt seine Getränke beim Verlassen des Lokals, denn es gibt jede Menge Freigetränke. Man sollte nur darauf achten, am nächsten Tag nichts vorzuhaben, denn es ist fast unmöglich, nüchtern und vor Schließung der Bar nach Hause zu kommen!

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur bewirken?
Laure Mi Hyun Croset: Literatur ermöglicht es uns, unsere Vorstellungskraft zu entwickeln, für Schönheit empfänglich zu sein, uns dem Ernst des Lebens zu entziehen, dem Hier und Jetzt zu entfliehen, Empathie für Menschen zu entwickeln, die sich in einer ganz anderen Situation befinden als wir selbst, zu prüfen, ob eine Welt wünschenswert ist, oder uns im Gegenteil bewusst zu machen, was uns droht, wenn wir uns weiter treiben lassen.

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
LMHC: Für mich sind Cafés Orte, an denen man oft findet, was man sucht. Wenn man einen bestimmten Lebensstil zur Schau stellen möchte, wählt man einen luxuriösen oder angesagten Ort, aber man kann auch wegen der Gesellschaft, der Einsamkeit oder des Abenteuers dorthin gehen. Es sind Orte der Gemeinschaft, die man aber auch individuell wahrnehmen kann: um dem Lärm zu Hause zu entfliehen, das Leben in der Bar oder drum herum zu beobachten.

Wo fühlst du dich zu Hause?
LMHC: Ich kann mich überall zu Hause fühlen, manchmal sogar mehr in einem schäbigen Hotel als in meiner luxuriösen Wohnung. Ich fühle mich zu Hause, wenn die materiellen Dinge um mich herum meine Werte nicht beeinträchtigen und meine innersten Gedanken zum Vorschein kommen können.

 

BIO

Laure Mi Hyun Croset ist eine in Seoul geborene Schweizer Romanautorin und Mitglied des Parlaments der frankophonen Schriftstellerinnen. Sie hat acht Werke veröffentlicht, darunter S’escrimer à l’aimer, eine Liebesgeschichte in Briefform (Finalistin des Prix Lettres Frontière), Le beau monde, eine Gesellschaftssatire, erschienen bei Albin Michel (Finalistin des Prix Soroptimist). Polaroïds (Prix Ève de l’Académie Romande), eine Autofiktion über ihre Schamgefühle, und Made in Korea, ein Roman über die Rückkehr eines Adoptivkindes nach Korea, wurden bei Esoope Publishing ins Koreanische übersetzt.

Velibor Čolić | Chez Velibor, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Velibor Čolić | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Das Exil ist, laut Anthony Burgess, ein negativer Zustand. Der Exilant wird „sowohl von den Einheimischen als auch von seinen Landsleuten abgelehnt”. Weggehen, das bedeutet dennoch schon ein bisschen angekommen zu sein. Seit nunmehr dreiunddreißig Jahren ist Weggehen für mich nur eine zweite Haut, ein Langzeitabonnement für Frankreich. Ein schlecht geschnittener Anzug, der mich in einen Fremden verwandelt. Ich habe ständig das Gefühl, zwischen zwei Bahnhöfen, zwischen zwei Bahnsteigen zu sein, irgendwo auf irgendetwas zu warten.  Und doch ist nichts zu tun.  Exil, das ist der Staub, Exil ist der nasse Schwamm des Vergessens; Exil, das heißt überall einen Akzent zu haben, auch zu Hause. Exil, das ist weggehen und dann bleiben, eingeladen werden und dann bleiben, Dinge zu erfinden, ein ganz neues Leben,

und dann bleiben … Letztendlich bedeutet Exil: bleiben.

 

BIO

Geboren 1964 in Jugoslawien. Seit 1992 lebt und arbeitet er in Frankreich. 2008 beginnt er, auf Französisch zu schreiben, der Sprache seines Exils. Er veröffentlicht seine Romane im Gallimard-Verlag. Seine Bücher wurden in sechzehn Sprachen übersetzt. 2019 erhält er die französische Staatsbürgerschaft. Seit 2021 lebt er in Brüssel.

Angelo Vannini | Bistrot littéraire Les Cascades, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Angelo Vannini  | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Das Literaturcafé Les Cascades ist ein Ort, den ich sehr mag, weil ich hinter ihm ein politisches Projekt des Widerstands gegen die Gentrifizierung sehe, eine einfache und entschiedene Ablehnung der kapitalistischen Ausbeutung. Caroline, die Besitzerin, hält die Preise bewusst niedrig. Der Ort wird vor allem von Leuten aus der Nachbarschaft und von jungen Schauspielern frequentiert, die in einer Theaterschule gleich nebenan studieren. Für mich ist es ein wertvoller Ort. Auch wenn die Atmosphäre sehr lebhaft ist, schaffe ich es immer wie durch Zauberei, mich in meine Arbeit zu vertiefen: lesen, schreiben, übersetzen. Gibt es wirklich Grenzen zwischen diesen drei Tätigkeiten? Vor einigen Tagen las ich in Les Cascades und versuchte, die Gedichtsammlung eines in Tokio lebenden Freundes aus dem Japanischen ins Italienische zu übersetzen. Und ähnlich wie Fortini mit Brecht kamen mir Verse in den Sinn, die von seinem Schreiben inspiriert waren:

dato che fotografavi la bella crudeltà
con un filo di formicolio

rinasceva un senso di museo 
dopo Richter Pasolini Nakagami

cercando vicoli perduti
per la penisola di Kii

tutto il dolore del pensare
senza smalti né cammei ti fingo

ogni fine di genealogia
dal paesaggio non più mobile

da du die schöne Grausamkeit fotografiert hast
mit einem leichten Prickeln

wurde ein Sinn für Museen wiedergeboren
nach Richter Pasolini Nakagami

auf der Suche nach verlorenen Gassen
auf der Halbinsel Kii

all der Schmerz des Denkens
ohne Emaille und Kameen forme ich dich

jedes Ende einer Genealogie
aus einer Landschaft, die nicht mehr beweglich ist


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten?
Angelo Vannini: Du sagst „noch”, und ich frage mich, ob sie das jemals getan hat. Wahrscheinlich nicht. Aber ich kenne Menschen, die durch Literatur gerettet wurden, ich glaube, ich habe in meinem Leben mindestens drei oder vier davon getroffen. Das reicht mir.

Wie können wir angesichts der Lage in der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
AV: Das können wir nicht. Jedenfalls nicht „gemütlich“. Ich muss sagen, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr gemütlich tun kann, und vielleicht ist das auch besser so.

Wo fühlst du dich zu Hause?
AV: Nirgendwo. Aber ich komme langsam zu der Überzeugung, dass genau das vielleicht die eigentliche Voraussetzung dafür ist, irgendwo zu Hause zu sein. Lange Zeit habe ich in Worten gelebt, weil ich nicht in der Welt leben konnte; heute sehe ich, dass sogar Worte manchmal unbewohnbar werden. Das ist ein Glück. Denn genau das ermöglicht es uns, gerecht zu sein – oder zumindest danach zu streben –, ohne in dem einzuschlafen, was wir zu sein glauben. Weißt du, mit der Zeit habe ich gelernt, dass man auch mit den Augen schreiben kann, dass die Menschheit zugleich grausam und sanft ist und dass wir alle gleichermaßen – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für diese Grausamkeit und diese Sanftheit verantwortlich sind.

 

BIO

Angelo Vannini ist ein italienischer Schriftsteller, der in Paris lebt. Er ist Autor des Gedichtbands Fogli di sosta (2023), des Romans Stoffe da Shiga (2022) und der poetischen Meditation L’intermissione dei cigni. Cinquantanove giorni alla frontiera della letteratura (2017). Seine Theaterstücke, die er auf Italienisch, Französisch und Englisch verfasst hat, wurden in Mailand (La Triennale), Paris (Centre Pompidou, Panthéon, Mairie du 5e arrondissement) und New York (La MaMa Theatre) aufgeführt. Er leitet die Gedichtsammlung „la lumière obstinément” für den italienischen Verlag Affinità elettive.

Serge Deruette | Le Ropieur, Bergen (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Serge Deruette | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Das Bistrot Le Ropieur auf dem Grand-Place von Mons, aber an einer Ecke. Oder wenn man will, auch an einer Ecke, aber auf dem Grand-Place. Im Herzen der Stadt, aber etwas abseits. Einfach und diskret: das Antidot zum hochtrabenden und pharaonenhaften Bahnhof von Mons. Zufluchtsort einer bunt gemischten Fauna, bescheiden und urwüchsig zugleich. Ein Schlupfwinkel für Künstler, Faulenzer, Schwätzer, Studierende, Mann und Frau, Jung und Alt, die alle miteinander verkehren und sich vermischen. Und von morgens bis abends gehört „der Mann mit dem Hut voller Federn und den Sandalen voller Zehen“ zum Inventar. Kupfertische mit seinen eingravierten Zeichnungen, sowie denen von Poliart und anderen lokalen Künstlern. Auch ein Wandgemälde von Marat. Der Geist von Batia schwebt hier: Batia moûrt soû (tot betrunken – „Das trunkene Schiff“, im guten Französisch Rimbauds), die Satire-Zeitschrift der Gegend!
In Mons ist es mein „Stamm-Café“. Ein Schlupfwinkel ohne allzu viele Markierungen, wo alles auch sein Gegenteil ist. Man findet sich dort unter Kumpeln wieder und man findet sich selbst. Wenn man dort zufällig jemandem begegnet, der in der Nachbarschaft sitzt, begegnet man sich selbst. Sich dort einzuschließen ist eine Befreiung. Ein Ort ohne Überraschungen, aber nicht ohne Entdeckungen. Man hat hier seine Gewohnheiten, doch sind sie immer mit dem Unvorhergesehenen besiedelt, so dass es zur Gewohnheit wird, dort auf das Unvorhergesehene zu warten.
Raum der Ruhe schafft Unruhe, aus reger Betriebsamkeit wird Gelassenheit; man geht hinein, um besser herauszukommen, aus sich selbst und aus der Routine. Man setzt sich dort hin, lässt alles sich setzen, setzt sich aus. Und wenn man dort Ideen austauscht, dann um die eigenen zu verfeinern – obwohl … Man tankt dort Energie, aber nicht mit Wasser: man berauscht sich. Und wenn man benommen wird – manchmal, oder oft, je nachdem –, dann schwebt man auch.
Und dann gibt es den Orval – keinen gelagerten*, übertreiben wir nicht, der ist sehr schwierig zu finden –, aber wenigstens den gut temperierten, wie es für diejenigen, die das zu schätzen wissen, sein muss. 

* l’Orval vieux, der Orval – spezielles, auch teureres Bier, das mindestens 6 Monate, bis zu 20 Jahren gelagert wird.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung hat Geschichte für dich?
Serge Deruette: Normalerweise würde man antworten, dass sie hilft, die Gegenwart zu verstehen. Aber welche Geschichte? Die der „großen Männer“ oder die der breiten Masse? Und welche Gegenwart? Die der guten Werte, so befriedigend für die Demokratie (welcher?), der Freiheit (für wen?), der Menschenrechte (welche und für wen?) …, oder die  der Machtverhältnisse, der Gewalt, der Unterdrückung, der Kriege, die diese guten Werte umso mehr verdecken, je lauter sie beschworen werden 

Und die Geschichtslehre?
SD: Unterrichten bedeutet für mich, meine Studenten dafür zu rüsten sorgfältig zu sein, nicht Intellektuelle, die über allem, sondern im Dienste der Massen stehen. Zeigen, dass Geschichte nicht die der Werte noch der Ideen ist (mein Kurs über die Geschichte des politischen Denkens ist einer der Geschichte der materiellen Bedingungen, ihrer Emergenz und ihrer Evolution), sondern die der Klassen und ihrer Kämpfe untereinander.

Wo fühlst du dich zu Hause?
SD: In der Welt der einfachen Leute, die der Armen und Unterdrückten, die Welt, aus der ich komme und der ich treu bleibe. Im Kampf um eine bessere Welt, die der Arbeitermassen, und in der Solidarität mit den Völkern, die man niederschlägt, unterdrückt und demütigt. 

 

BIO
Serge Deruette geboren und aufgewachsen in La Louvière, Arbeiterstadt im belgischen Kohlebergbau-Gebiet. Er lehrt an der Universität von Mons (UMONS) Zeitgeschichte und Geschichte der politischen Ideen, und zwar als resilienter Kritiker des Mainstream-Denkens: Geschichte aus der Perspektive von unten/ der unteren Schichten, die der Arbeitermassen, die sie schreiben. Er trägt auch dazu bei, die Ideen von Jean Meslier bekannt zu machen, diesem guten atheistischen Priester, Materialisten, Kommunisten und Revolutionär aus den Anfängen der Aufklärung. 

Volkmar Mühleis | Forcado Pastelaria, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Volkmar Mühleis

 

Das Forcado ist für mich ein Buch der Ruhe – man betritt den Raum, wird von feinster Patisserie begrüßt, dem freundlichen Lächeln der lebenslustigen Damen hinter der Theke, versucht sich am weichen Klang der portugiesischen Aussprache, um die eigene Wahl anzudeuten, bestellt ein Getränk dazu, je nach Tageszeit Kaffee oder Porto, und geht danach in den tiefen, hellen Bauch des Cafés, um gemütlich Platz zu nehmen. Es ist kein altes Café, kein betont modernes, es läuft keine Musik, nur die Stille der Gespräche und Lektüren erfüllt die Atmosphäre (ein Blick aufs Smartphone inbegriffen, Laptops jedoch sind verpönt). Er kam und setzte sich vor die Kaffeetasse / sprach langsam mit ernster Stimme / so liebenswert und wild wie einer der / den Schlüssel seiner Tage in den Worten fand – Gastão Cruz. So höre ich in mich hinein, beim Lesen dieser Worte, bedanke mich für Kaffee und Gebäck, welche mir die Frau auf einem weißen Tablett reicht. Ein älteres Paar sitzt am Tisch gegenüber, schweigt, er schaut aus dem Fenster, sie blättert in einer Zeitschrift, dann zeigt sie ihm eine Stelle und er nickt, mit verschmitzten Augen. Vorne an der Theke hat sich eine Schlange gebildet, immer wieder strömen Touristen vom nahegelegenen Horta Museum herein. Ich sitze gut gepolstert im Bauch des Cafés, blättere in meinem Buch, lass Seiten und Zeit an mir vorüberstreifen, geschäftige Passanten und Straßenbummler. Mich weckt / das Geräusch eines Vogels. / Vielleicht ist es der Abend / der fliegen will – Beginn eines Gedichts von Eugénio de Andrade, und wie schnell auch die Zeit vergeht, die beiden Gastgeberinnen haben Zeit, stellen irgendwann diskret die ersten Stühle hoch, aber bleiben Sie ruhig sitzen, so eilig ist es nicht. Sie selbst scheinen es zu genießen, einen Gast zu sehen, der sich Zeit lässt. Also doch noch einen Porto nach dem Kaffee? Claro!

 


Kurzinterview mit dem Autor

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
Volkmar Mühleis:  Nichts schöner, als im Café mit lieben Leuten zu reden, gemeinsam das Geschehen zu genießen, zu lesen, aus dem Fenster zu schauen. In der Brasserie Verschueren in Brüssel lernte ich den Dichter Rashid kennen, wir haben uns nie unsere Nachnamen gesagt, seit einigen Jahren scheint er weitergezogen – ein feinsinniger, weltgewandter Mann, mit einer großen Sehnsucht im Blick (ihm habe ich einen Abschnitt in meinem Brüsseler Tagebuch gewidmet, das 2022 erschienen ist). Allein mit einem Buch wiederum sind die Stunden im Café auf andere Art ein Genuss – intim, inmitten anderer, mit den eigenen Gedanken auf Reise…

Du bist Autor und Musiker. Wie gehen diese beiden künstlerischen Ausdrucksformen bei dir zusammen?
VM: Das Schreiben bildet den roten Faden durch all meine Tätigkeiten – ich schreibe Gedichte, Geschichten, Lieder, komponiere Musik, arbeite an philosophischen Texten. Tag und Zeitpunkt bestimmen den Rhythmus zwischen alledem. Dichtung braucht ein gutes Gehör für Worte, Philosophie auch ein literarisches Gespür, Musik lebt nicht nur vom Einfühlungsvermögen allein, sie bedarf ebenso der kritischen Sicht auf das Leben. Diese Durchdringung empfinde ich als ungemein bereichernd.  

Wo fühlst du dich zu Hause?
VM: Unter wohlgesinnten Menschen, in meiner deutschen Muttersprache, bei berührender Musik, an Orten, die zur Betrachtung einladen…

 

BIO

Volkmar Mühleis (*1972) ist Schriftsteller, Philosoph und Musiker, er unterrichtet Philosophie und Ästhetik an der LUCA School of Arts in Brüssel und Gent. Zu seiner Veröffentlichungen zählen drei Gedichtbände, drei Novellen, zwei Tagebücher sowie mehrere philosophische Monographien. Mit seinem Improvisationsensemble Brussels Cleaning Masters seit 2015 zahlreiche Auftritte: in Les Ateliers Claus, Brüssel, dem Kunstmuseum Solingen, 019 Gent, Alter Schlachthof Eupen, u.a. Mehr Info auf www.volkmarmuehleis.eu 

 

Philippe Marczewski | Le Kleyer, Lüttich (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Philippe Marczewski | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Ich gehe im Winter gerne vormittags ins Kleyer, wenn das schwache Sonnenlicht durch die kleinen grünen Fenster fällt und auf die Tische scheint – abgenutzte Tische, die schon seit Ewigkeiten dort zu stehen scheinen. Das gefällt mir vielleicht am besten. Um diese Zeit sind nicht viele Leute da, man hat das Gefühl, den Raum für sich allein zu haben. Es ist eine gute Zeit zum Lesen oder um nichts zu tun und einfach nur die Wintersonne zu genießen.

Gegen 17 Uhr ist es anders. Ich komme herein, es herrscht ein Höllenlärm, meine Brille beschlägt sich. Ich muss mich mit einer Tischecke begnügen, die mir Fremde überlassen. Seltsamerweise ist das meine Lieblingszeit zum Arbeiten. Wenn ich beispielsweise bei einem Text nicht weiterkomme oder mich mehr als sonst schwer tue, mich aus den unergründlichen Zweifeln zu befreien, die das Schreiben mit sich bringt, reicht eine einstündige Arbeitssitzung, umgeben vom Trubel im Kleyer am Ende des Tages, um mich wieder aufzurichten. Um die Maschine anzukurbeln. Ich kann es mir nicht erklären.

Das Kleyer liegt am Rande des bourgeoisesten Viertels der Stadt. Dennoch ist es ein beliebtes Café, und je nach Tageszeit kann man dort sehr unterschiedliche politische Gespräche hören. Alte Konservative sitzen neben progressiven Aktivisten. Außerdem ist es ein Café der Fans des Royal Football Club Liégeois, in dem sich auch viele Fans des anderen Clubs, Standard de Liège, treffen. Kurz gesagt, es ist das, was ich einen Ort der Reibung nenne: ein nicht sehr großer Raum, in dem die Wäsche sozusagen wie in der Trommel einer Waschmaschine durchgeschüttelt wird.

Ich habe viele Freunde, die das Kleyer besuchen, aber ich treffe sie fast nie zufällig. Das ist für mich ein weiteres großesRätsel.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur bewirken?
Philippe Marczewski: Eine Form der Sprache suchen, um auszudrücken, wer wir sind.

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
PM: Selbst die wenigen reinen Konsumenten, die ich gekannt habe, suchten ein wenig soziale Interaktion. Es sind Orte, an denen man mit der Welt in Berührung kommt, mit Freunden wie mit Fremden.

Wo fühlst du dich zu Hause?
PM: Bei den Menschen, die ich liebe; in einer offenen Landschaft mit einem riesigen Himmel; und in einigen Städten, mit einem Buch und etwas zum Schreiben.

 

BIO

Philippe Marczewski ist Schriftsteller und Lehrer. Seine ersten beiden Bücher wurden vom Verlag Inculte veröffentlicht: Blues pour trois tombes et un fantôme (2019), eine melancholische Erzählung, die die Stimmungen seiner Heimatstadt Lüttich erkundet, und Un corps tropical (2021), ein bissiger Roman über zeitgenössische Abenteuer (Prix Victor Rossel, besondere Erwähnung der Jury des Prix Senghor). Im März 2024 veröffentlichte der Verlag Éditions du Seuil seinen Roman Quand Cécile (besondere Erwähnung beim European Union Prize for Literature, 2025), der ohne Traurigkeit von Abwesenheit, Trauer, Erinnerung und Vergessen handelt. Er schreibt eine Rubrik über die Erkundung des Territoriums in der Zeitschrift Imagine Demain le monde und veröffentlicht verschiedene Artikel und Chroniken in der Zeitschrift Wilfried.

 

 

Kurt Ryslavy | À la Mort Subite, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Kurt Ryslavy

 

1987 habe ich diese typische Brüsseler Brasserie entdeckt und zu schätzen gelernt, mehr als zehn Jahre vor ihrer Klassifizierung als kulturelles Erbe. Es gab immer freie Sitzplätze, die Wände ein angenehmes (Nikotin-)Kolorit, die beeindruckende Raumhöhe machte Raucher cubanischer Zigarren ohne Begleitung nicht zu Besucher-störenden Blickfängern. Die grosszügige Dekoration aus sich gegenüberliegenden Spiegeln locken die Aussicht in die Ewigkeit, innenarchitektonisch raffiniert nicht zu niedrig an den Wänden angebracht. Wo ich herkomme, ist der Stil der grossen Cafés meist älter als dieses Brüsseler Juwel, was dort hingegen den Konservativismus zu pflegen hilft, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

Wie viele Künstler in der Geschichte benutzte ich eine derartige Atmosphäre um sich von den engen eigenen Wänden lösen zu können, sich mit anderen intellektuellen Welten (Büchern) aueinandersetzen zu können, die Wartezeit (vor/ nach) cinemathek zu überbrücken und Heizkosten zu sparen. Heute bin ich weniger da, mehr Touristen sind zu sehen.

Neuankömmlingen in Brüssel zeige ich gerne À la Mort Subite, es ist für mich immer noch ein Ort der geistigen, atmosphärischen Ruhe, mit professioneller, atmospärischer Bedienung und Humor, beschränktem Essen und lokalen Getränken, ein positiver Aspekt, der den Tourismus nicht überborden lässt.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann die Literatur (machen)?
Kurt Ryslavy: Die Literatur kann Interesse erwecken und zum Lesen verführen. Mehr nicht.

Das Café (bzw. Das Café, das du ausgewählt hast) ist eher ein Ort des Rückzugs, der Andacht oder eher ein Ort der Versammlung?
KR: Weder noch. Wie der Name schon sagt, ist die Brasserie ein Ort der Überraschung, oder nicht einmal das, denn wenn man plötzlich stirbt, hat man keine Zeit mehr überrascht zu sein. Aber ich würde sagen ein Ort der Inspiration, der Entdeckung, der Befreiung, des Tief Luft holens. Hin und wieder jemanden zu Treffen ist auch gut. Dazu muss ich sagen, dass dieser Ort früher für mich wichtiger war als heute – weil ich mir so einen Ort inzwischen bei mir zu Hause schaffen konnte. 1987, als ich nach Brüssel kam hatte ich das nicht zu Hause.

Wo fühlst Du Dich zu Hause?
KR: Dort wo mich nichts belastet. Das ist weder Österreich noch Belgien. Das ist keine Kirche, keine Synagoge, keine Moschée. Das ist auch kein Fussballstadium oder Menschenmenge.

 

BIO

Kurt Ryslavy ist Österreicher und lebt seit 1987 in Brüssel, der Heimat des Surrealismus. Die Originalität seines Ansatzes liegt darin, dass er seine künstlerische Tätigkeit mit einer trockenen geschäftlichen Tätigkeit verbindet. Er interessiert sich für Philosophie, Literatur und Kunst (er schätzt Montaigne, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Paul Feyerabend, u. a.) und widmet sich seit 1991 dem Handel mit österreichischem Wein (um nicht an der Akademie der Schönen Künste unterrichten zu müssen), mehr aus Leidenschaft für die philosophischen als für die technischen Aspekte des Weins. Er ist dennoch Mitglied der Königlich-Flämischen Akademie Belgiens für Wissenschaft und Kunst.

Watson Charles | Café associatif La Commune, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Watson Charles | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Café de La Commune libre d’Aligre

In einem gleichzeitig schlichten und atypischen Dekor beschert das Café La Commune denjenigen, die auf ein Glas oder zum Diskutieren kommen, heitere Ruhe inmitten des Lärms und des erstickenden Geruchs, die Paris kennt. Vor der mit Plakaten tapezierten Wand, die zur Revolte oder zum Kampf gegen die Ungerechtigkeiten aufrufen, erzählt mir Guillaume von seinem nächsten „Poesie in Freiheit“ genannten Abend, den er einmal pro Monat im Café organisiert. Er lädt Menschen hierher ein, um ihre Gedichte vorzulesen oder auch um Brel oder Ferrat zu interpretieren. Sie an diesem Ort zu befinden ist die beste Möglichkeit, dieser Welt zu entkommen, die wir mitleidslos als schlecht oder als grotesk verurteilen. La Commune ist der Ort, durch den ich die Welt aufgeladen von Melodien wahrnehme, und wo ich länger bleibe, um der Stimme dieses Mannes zuzuhören, der von anderswo kommt und mir von seinem Exil erzählt, von seiner langen, beinahe fantasierten Reise, oder um meinen Kaffee an einer Schulbank zu trinken, während ich einen Blick in die Ecke der Bar werfe, die auch als Küche dient, mit ihren an der Wand hängenden Geräten und dem Kellner mit seiner metallisch-rauen Stimme, der seine Gäste und die Bewohner des Viertels warmherzig empfängt. Der Großstadtlärm rund um das Café d’Aligre erinnert mich an Port-au-Prince. Dieser Ort, an den ich regelmäßig komme, um Freunde zu treffen, ist die Tür geworden, durch die ich die Welt betrete, und ich verirre mich dort tatsächlich. Auf dem alten, an der Wand stehenden Klavier spielt ein Mann Noten, als würde er die diskrete und schöne Stimme einer Frau begleiten, die ein Lied aus ihrer fernen Heimat summt, das von der Arbeit der Menschen auf den Feldern erzählt. In meinem Heft beginne ich meine Gedichte niederzuschreiben, um das Bild dieses gleichzeitig einfachen und erhebenden Moments festzuhalten. 

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung haben die Dichtung und das Schreiben von Romanen?
Watson Charles: Ich glaube, dass die Dichtung und der Roman, wie ich es immer gesagt habe, eine der künstlerischen und intellektuellen Formen sind, die uns erlauben, die Realität und das menschliche Wesen in seiner umfassendsten Dimension zu erfassen. Ich lehne jede Hierarchisierung der Genres ab, wie das historisch seit der Antike festgelegt wurde. Auf diese beiden literarischen Genres zurückzugreifen erlaubt es mir, die Welt in ihrer Gesamtheit zu begreifen. Es stimmt, dass ich durch die Dichtung zur Literatur gekommen bin, aber ich räume auch der Fiktion größte Wichtigkeit ein.

Kann man heute von Engagement in der Literatur sprechen?
WC: Wenn auch das Engagement in der Literatur historisch betrachtet zu einem bestimmten Zeitpunkt als Infragestellung der Souveränität eines Landes und seiner dominanten Kultur aufgetreten ist, so ist es heute nichtsdestoweniger durch die Federn von Schriftstellern präsent, die die Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaft kritisieren. Ich denke, dass das Schreiben für einen Schriftsteller ein politischer Akt ist. Der Blick, den er auf die Wirklichkeit wirft, erlaubt es, die Welt zu hinterfragen und zu verändern. Ich glaube, Schreiben ist ein Katalysator, der den Menschen sowohl ein individuelles als auch kollektives Bewusstwerden ermöglicht.

 

BIO

Watson Charles hat Literatur an der École Normale Supérieure von Port-au-Prince (Haiti) studiert. Er ist Autor des Sammelbandes Seins noirs (éditions Aethalidès 2022), des Romans Le ciel sans boussole (éditions Moires 2021), der im Rahmen des Prix Senghor du premier roman francophone et francophile mit einer « Mention spéciale » ausgezeichnet wurde, sowie des Novellenbandes Le Goût des ombres (éditions Unicité 2024), für den er den Preis Christiane Baroche de la Société des Gens de Lettres erhielt.

Brahim Saci | L’impondérable, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Brahim Saci | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Wenn es einen Ort gibt, der mir lieb und teuer, ja fast lebenswichtig, ist, dann ist es das Literatur-Café L’impondérable in Paris. Jeden Sonntag um 18 Uhr wird es zu einem Treffpunkt der Seelen, der Poesie, Musik, der Ideen. Es ist der Schriftsteller, Dichter, Journalist Youcef Zirem, der darin die Seele ist. Seine Energie, seine Menschlichkeit, machen aus diesem wöchentlichen Moment ein essentielles Atemholen, zusammen mit Mourad und Sofiane, den herzlichen Gastgebern des L’Impondérable, die uns mit besonderer Freundlichkeit empfangen. 

Die Atmosphäre da ist freundschaftlich, fast brüderlich. Der Austausch ist immer respektvoll, tiefgründig. Man redet dort über Literatur, die Künste, das Leben – und vor allem schreibt man dort. Es ist an diesem Ort, wo ich die Inspiration für den Großteil meiner zwanzig Gedichtbände gefunden habe. Oft bleibe ich spät in der Nacht am Tisch sitzen, einen kalt gewordenen Kaffee neben mir, und warte darauf, dass die Muse kommt und sich gegenüber setzt. Die Cafés sind für mich kreative Zufluchtsorte, Heimstätten des freien Denkens. 

Jeder Winkel des L’Impondérable scheint von wartenden Worten bewohnt zu sein.
Man hört dort Lachen, Verse, vielversprechende Stille.
Es ist ein Ort der lebendigen Erinnerung, aber auch der poetischen Zukunft.
Man begegnet dort den Stimmen, die von Woanders her kommen, gemischte Sprachen, sich vermischende Geschichten.
Es ist ein sanfter Widerstand gegen die Brutalität der Welt.
Eine Insel der Schönheit im Pariser Tumult.

In Paris, der Stadt der Dichter, haben die Cafés so viele Werke entstehen sehen. Verlaine, Aragon, Camus, Kateb Yacine …, alle haben an diesen belebten Orten geschrieben. L’Impondérable reiht sich in diese lebendige Tradition ein.
Es ist mehr als ein Café. Es ist ein Raum der Kreativität, der Freiheit, wo das Wort zirkuliert, wo die Stille inspiriert, wo die sich kreuzenden Blicke mehr als Worte sagen.
Dieses Café trage ich in mir. Es ist die Verlängerung meiner Stimme, meiner Texte, meines Seins. 

 


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? 
Brahim Saci: Ja, sie kann nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Sie wird die Welt vielleicht nicht in einem konkreten Sinn retten, aber sie rettet die Geister. Lesen bedeutet lernen zu denken, zu zweifeln, zu fühlen. Literatur hilft uns, die Welt und andere besser zu verstehen. Sie weckt das Bewusstsein und bildet kritische Geister. Kinder ans Lesen zu gewöhnen bedeutet, ihnen innere Freiheit zu vermitteln, eine stille Kraft, um eine gerechtere Zukunft aufzubauen.

Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
B.S: Ja, das Café ist nach wie vor ein Ort des freien Austauschs, ein Raum, in dem Ideen ungehindert zirkulieren können. Es ist ein Ort, an dem Masken fallen, an dem man diskutiert, teilt, zuhört. In einer zunehmend digitalen Welt sind Cafés nach wie vor physische Orte der sozialen Verbindung und des lebendigen Wortes. Sie bewahren sich ihre Funktion als Ideenschmiede, wie früher die literarischen Salons.

Wo fühlst du dich zu Hause? 
B.S: Ich fühle mich an Orten zu Hause, an denen ein Austausch stattfindet, da wo man ganz man selbst sein kann. Das kann in einem Café sein, in einem Buch oder in einem ehrlichen Gespräch. Es sind diese Freiräume, die mir das Gefühl geben, dazuzugehören.

 

BIO 

Brahim Saci ist ein französisch-kabylischer Schriftsteller, Journalist, Liedermacher. Geboren zwischen zwei Ufern, erforscht er in seinen Texten Exil, Liebe, Erinnerung und Freiheit. Als Autor von zwanzig Gedichtbänden ist er eine einzigartige und engagierte Stimme am Schnittpunkt der Kulturen. In der Pariser Literaturszene ist er sehr aktiv, er holt sich seine Inspiration in Cafés, vor allem im Literatur-Café L’Impondérable, wo er oft bis spät in die Nacht schreibt.  

 

Nika Pfeifer | Wiels’ CAFÉ, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Nika Pfeifer

 

Ein Ort tut so, als wäre er offen, und ist es! Das WIELS. Kein Museum, sondern ein Experimentierfeld, ein Möglichkeitsraum, eine ehemalige Brauerei, die sich weigert, bloß Vergangenheit zu sein. Die riesigen Kupferkessel glänzen immer noch. Nicht, um zu erinnern. Sie sind Oberfläche von etwas, das bleibt, ohne da zu sein. Im WIELS ist nichts einfach da und alles bleibt Spur. Man wird Teil dieses Spiels. Jeder Gang durch die Räume: eine Verschiebung. Jüngst bei Willem Oorebeek: Fantastisch! Wie er Buchstaben und Text in dreidimensionale, performative Medien verwandelt, künstlerische Objekte, die Schrift als Bild, Plastizität und Raum erlebbar machen, spiegeln (uns), was mit unseren Augen passiert, wenn wir Bilder en masse konsumieren. Seine BLACKOUT-Serien sind ästhetische Absperrung und Einladung zugleich: Schwarze Tintenfelder, durch die das Bild wie ein Schatten schimmert, es verschwindet nicht, es fordert Nähe: Komm näher, verändere deinen Standpunkt, dein Licht. Sehen wird zur Geste, Raumwahrnehmung zur Bewegung. Licht, Fläche, Konstruktion von Sichtbarkeit, alles wird Thema. Dies nur ein Mini-Eindruck von vielen Besuchen, DENN: Vor allem ist da das Café, das Interface im Erdgeschoss. Kaffee? Ja. Kaffee! Oder Tee. Manchmal Bier, ironiquement genoug. In dieser Architektur mit ihren irrsinnig hohen Fenstern, Licht in jeder Ritze, egal ob draußen Regen fällt oder Dunst hängt. Das Licht wirft immer wieder neue Winkel in den Raum. Die Suppe dampft, Eiswürfel klackern, der Raum erzeugt Resonanz, durch Lichtreflexe, Geräuschspuren, sachte Bewegungen. Tische laden zum Schreiben ein, Stühle zum Zuhören. Gedanken werden durch die Architektur geführt, abstrahieren, fragmentieren, setzen sich – und uns – neu zusammen. Das WIELS funktioniert, weil es Raum lässt. Für alles, auch für das, was man nicht gesucht hat. Und wenn man geht, nimmt man was mit: Bilder, Fragen, Ideen, Begegnungen, neue Freund*innen. Das WIELS bleibt die Bühne, auf der sich all dies abspielt. Bis auf montags. Da ist geschlossen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Nika Pfeifer: Hm, was kann Literatur…? Ich würde sagen: vieles, wenn nicht ALLES. Alles, was im Auge des Betrachters, der Betrachterin liegt. Niemand kann das wissen oder vorhersagen. Auf jeden Fall kann sie das, was hinter den Augen liegt, zum Leuchten bringen. Große Magie.

Ist das Café eher Rückzugsort, Ort der Sammlung oder Versammlung?
NP: Ein Rückzugssammlungversammlungsortortort, würd ich sagen. Alain hat mich nach meinem Lieblingscafé in Brüssel gefragt, und es sind mir so viele sensationelle Orte eingefallen, traditionelle Cafés, Bars, coole Kneipen, Brasséries, auf gut Wienerisch Beisln, dass die Wahl schwer fiel. Das Café WIELS habe ich gewählt, weil es einer meiner ersten Schreiborte in Brüssel war. Es kombiniert alles, was meine Gedanken in Bewegung setzt. Ein Möglichkeitsraum. Kein statisches Museum, sondern ein lebendiges Experiment, wo Kunst produziert und erlebt wird. Was ich daran mag: Es ist ein transformativer Ort. Er zeigt nicht nur, er tauscht aus.

Wo fühlst du dich zu Hause?
NP: Zwei Ideen:
zuhause: eine koordinate
aus sehnsucht & abwesenheit
Und:
„willkommen zuhause“
lese ich & frage mich wo
dieses zuhause eigentlich wohnt
PS: Sylvia Petter hat es so wunderbar in einem Kürzestgedicht formuliert:
I don’t belong,
I long to be.

 

BIO

Nika Pfeifer ist als Autorin und Künstlerin zwischen Wien, Brüssel und in internationalen Projekten tätig. Sie wurde u. a. mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet, war Max Kade Fellow in den USA und Gastdozentin an internationalen Universitäten. Pfeifer arbeitet an der Schnittstelle von Literatur, Kunst und Film; ihr Werk umfasst Lyrik, Prosa, Radioarbeiten und Kurzfilme. 2024 erschien ihr Lyrikband TIGER TOAST bei Ritter, begleitet von Publikationen in internationalen Zeitschriften und Anthologien.