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Serge Deruette | Le Ropieur, Bergen (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Serge Deruette | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Das Bistrot Le Ropieur auf dem Grand-Place von Mons, aber an einer Ecke. Oder wenn man will, auch an einer Ecke, aber auf dem Grand-Place. Im Herzen der Stadt, aber etwas abseits. Einfach und diskret: das Antidot zum hochtrabenden und pharaonenhaften Bahnhof von Mons. Zufluchtsort einer bunt gemischten Fauna, bescheiden und urwüchsig zugleich. Ein Schlupfwinkel für Künstler, Faulenzer, Schwätzer, Studierende, Mann und Frau, Jung und Alt, die alle miteinander verkehren und sich vermischen. Und von morgens bis abends gehört „der Mann mit dem Hut voller Federn und den Sandalen voller Zehen“ zum Inventar. Kupfertische mit seinen eingravierten Zeichnungen, sowie denen von Poliart und anderen lokalen Künstlern. Auch ein Wandgemälde von Marat. Der Geist von Batia schwebt hier: Batia moûrt soû (tot betrunken – „Das trunkene Schiff“, im guten Französisch Rimbauds), die Satire-Zeitschrift der Gegend!
In Mons ist es mein „Stamm-Café“. Ein Schlupfwinkel ohne allzu viele Markierungen, wo alles auch sein Gegenteil ist. Man findet sich dort unter Kumpeln wieder und man findet sich selbst. Wenn man dort zufällig jemandem begegnet, der in der Nachbarschaft sitzt, begegnet man sich selbst. Sich dort einzuschließen ist eine Befreiung. Ein Ort ohne Überraschungen, aber nicht ohne Entdeckungen. Man hat hier seine Gewohnheiten, doch sind sie immer mit dem Unvorhergesehenen besiedelt, so dass es zur Gewohnheit wird, dort auf das Unvorhergesehene zu warten.
Raum der Ruhe schafft Unruhe, aus reger Betriebsamkeit wird Gelassenheit; man geht hinein, um besser herauszukommen, aus sich selbst und aus der Routine. Man setzt sich dort hin, lässt alles sich setzen, setzt sich aus. Und wenn man dort Ideen austauscht, dann um die eigenen zu verfeinern – obwohl … Man tankt dort Energie, aber nicht mit Wasser: man berauscht sich. Und wenn man benommen wird – manchmal, oder oft, je nachdem –, dann schwebt man auch.
Und dann gibt es den Orval – keinen gelagerten*, übertreiben wir nicht, der ist sehr schwierig zu finden –, aber wenigstens den gut temperierten, wie es für diejenigen, die das zu schätzen wissen, sein muss. 

* l’Orval vieux, der Orval – spezielles, auch teureres Bier, das mindestens 6 Monate, bis zu 20 Jahren gelagert wird.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung hat Geschichte für dich?
Serge Deruette: Normalerweise würde man antworten, dass sie hilft, die Gegenwart zu verstehen. Aber welche Geschichte? Die der „großen Männer“ oder die der breiten Masse? Und welche Gegenwart? Die der guten Werte, so befriedigend für die Demokratie (welcher?), der Freiheit (für wen?), der Menschenrechte (welche und für wen?) …, oder die  der Machtverhältnisse, der Gewalt, der Unterdrückung, der Kriege, die diese guten Werte umso mehr verdecken, je lauter sie beschworen werden 

Und die Geschichtslehre?
SD: Unterrichten bedeutet für mich, meine Studenten dafür zu rüsten sorgfältig zu sein, nicht Intellektuelle, die über allem, sondern im Dienste der Massen stehen. Zeigen, dass Geschichte nicht die der Werte noch der Ideen ist (mein Kurs über die Geschichte des politischen Denkens ist einer der Geschichte der materiellen Bedingungen, ihrer Emergenz und ihrer Evolution), sondern die der Klassen und ihrer Kämpfe untereinander.

Wo fühlst du dich zu Hause?
SD: In der Welt der einfachen Leute, die der Armen und Unterdrückten, die Welt, aus der ich komme und der ich treu bleibe. Im Kampf um eine bessere Welt, die der Arbeitermassen, und in der Solidarität mit den Völkern, die man niederschlägt, unterdrückt und demütigt. 

 

BIO
Serge Deruette geboren und aufgewachsen in La Louvière, Arbeiterstadt im belgischen Kohlebergbau-Gebiet. Er lehrt an der Universität von Mons (UMONS) Zeitgeschichte und Geschichte der politischen Ideen, und zwar als resilienter Kritiker des Mainstream-Denkens: Geschichte aus der Perspektive von unten/ der unteren Schichten, die der Arbeitermassen, die sie schreiben. Er trägt auch dazu bei, die Ideen von Jean Meslier bekannt zu machen, diesem guten atheistischen Priester, Materialisten, Kommunisten und Revolutionär aus den Anfängen der Aufklärung. 

Volkmar Mühleis | Forcado Pastelaria, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Volkmar Mühleis

 

Das Forcado ist für mich ein Buch der Ruhe – man betritt den Raum, wird von feinster Patisserie begrüßt, dem freundlichen Lächeln der lebenslustigen Damen hinter der Theke, versucht sich am weichen Klang der portugiesischen Aussprache, um die eigene Wahl anzudeuten, bestellt ein Getränk dazu, je nach Tageszeit Kaffee oder Porto, und geht danach in den tiefen, hellen Bauch des Cafés, um gemütlich Platz zu nehmen. Es ist kein altes Café, kein betont modernes, es läuft keine Musik, nur die Stille der Gespräche und Lektüren erfüllt die Atmosphäre (ein Blick aufs Smartphone inbegriffen, Laptops jedoch sind verpönt). Er kam und setzte sich vor die Kaffeetasse / sprach langsam mit ernster Stimme / so liebenswert und wild wie einer der / den Schlüssel seiner Tage in den Worten fand – Gastão Cruz. So höre ich in mich hinein, beim Lesen dieser Worte, bedanke mich für Kaffee und Gebäck, welche mir die Frau auf einem weißen Tablett reicht. Ein älteres Paar sitzt am Tisch gegenüber, schweigt, er schaut aus dem Fenster, sie blättert in einer Zeitschrift, dann zeigt sie ihm eine Stelle und er nickt, mit verschmitzten Augen. Vorne an der Theke hat sich eine Schlange gebildet, immer wieder strömen Touristen vom nahegelegenen Horta Museum herein. Ich sitze gut gepolstert im Bauch des Cafés, blättere in meinem Buch, lass Seiten und Zeit an mir vorüberstreifen, geschäftige Passanten und Straßenbummler. Mich weckt / das Geräusch eines Vogels. / Vielleicht ist es der Abend / der fliegen will – Beginn eines Gedichts von Eugénio de Andrade, und wie schnell auch die Zeit vergeht, die beiden Gastgeberinnen haben Zeit, stellen irgendwann diskret die ersten Stühle hoch, aber bleiben Sie ruhig sitzen, so eilig ist es nicht. Sie selbst scheinen es zu genießen, einen Gast zu sehen, der sich Zeit lässt. Also doch noch einen Porto nach dem Kaffee? Claro!

 


Kurzinterview mit dem Autor

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
Volkmar Mühleis:  Nichts schöner, als im Café mit lieben Leuten zu reden, gemeinsam das Geschehen zu genießen, zu lesen, aus dem Fenster zu schauen. In der Brasserie Verschueren in Brüssel lernte ich den Dichter Rashid kennen, wir haben uns nie unsere Nachnamen gesagt, seit einigen Jahren scheint er weitergezogen – ein feinsinniger, weltgewandter Mann, mit einer großen Sehnsucht im Blick (ihm habe ich einen Abschnitt in meinem Brüsseler Tagebuch gewidmet, das 2022 erschienen ist). Allein mit einem Buch wiederum sind die Stunden im Café auf andere Art ein Genuss – intim, inmitten anderer, mit den eigenen Gedanken auf Reise…

Du bist Autor und Musiker. Wie gehen diese beiden künstlerischen Ausdrucksformen bei dir zusammen?
VM: Das Schreiben bildet den roten Faden durch all meine Tätigkeiten – ich schreibe Gedichte, Geschichten, Lieder, komponiere Musik, arbeite an philosophischen Texten. Tag und Zeitpunkt bestimmen den Rhythmus zwischen alledem. Dichtung braucht ein gutes Gehör für Worte, Philosophie auch ein literarisches Gespür, Musik lebt nicht nur vom Einfühlungsvermögen allein, sie bedarf ebenso der kritischen Sicht auf das Leben. Diese Durchdringung empfinde ich als ungemein bereichernd.  

Wo fühlst du dich zu Hause?
VM: Unter wohlgesinnten Menschen, in meiner deutschen Muttersprache, bei berührender Musik, an Orten, die zur Betrachtung einladen…

 

BIO

Volkmar Mühleis (*1972) ist Schriftsteller, Philosoph und Musiker, er unterrichtet Philosophie und Ästhetik an der LUCA School of Arts in Brüssel und Gent. Zu seiner Veröffentlichungen zählen drei Gedichtbände, drei Novellen, zwei Tagebücher sowie mehrere philosophische Monographien. Mit seinem Improvisationsensemble Brussels Cleaning Masters seit 2015 zahlreiche Auftritte: in Les Ateliers Claus, Brüssel, dem Kunstmuseum Solingen, 019 Gent, Alter Schlachthof Eupen, u.a. Mehr Info auf www.volkmarmuehleis.eu 

 

Philippe Marczewski | Le Kleyer, Lüttich (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Philippe Marczewski | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Ich gehe im Winter gerne vormittags ins Kleyer, wenn das schwache Sonnenlicht durch die kleinen grünen Fenster fällt und auf die Tische scheint – abgenutzte Tische, die schon seit Ewigkeiten dort zu stehen scheinen. Das gefällt mir vielleicht am besten. Um diese Zeit sind nicht viele Leute da, man hat das Gefühl, den Raum für sich allein zu haben. Es ist eine gute Zeit zum Lesen oder um nichts zu tun und einfach nur die Wintersonne zu genießen.

Gegen 17 Uhr ist es anders. Ich komme herein, es herrscht ein Höllenlärm, meine Brille beschlägt sich. Ich muss mich mit einer Tischecke begnügen, die mir Fremde überlassen. Seltsamerweise ist das meine Lieblingszeit zum Arbeiten. Wenn ich beispielsweise bei einem Text nicht weiterkomme oder mich mehr als sonst schwer tue, mich aus den unergründlichen Zweifeln zu befreien, die das Schreiben mit sich bringt, reicht eine einstündige Arbeitssitzung, umgeben vom Trubel im Kleyer am Ende des Tages, um mich wieder aufzurichten. Um die Maschine anzukurbeln. Ich kann es mir nicht erklären.

Das Kleyer liegt am Rande des bourgeoisesten Viertels der Stadt. Dennoch ist es ein beliebtes Café, und je nach Tageszeit kann man dort sehr unterschiedliche politische Gespräche hören. Alte Konservative sitzen neben progressiven Aktivisten. Außerdem ist es ein Café der Fans des Royal Football Club Liégeois, in dem sich auch viele Fans des anderen Clubs, Standard de Liège, treffen. Kurz gesagt, es ist das, was ich einen Ort der Reibung nenne: ein nicht sehr großer Raum, in dem die Wäsche sozusagen wie in der Trommel einer Waschmaschine durchgeschüttelt wird.

Ich habe viele Freunde, die das Kleyer besuchen, aber ich treffe sie fast nie zufällig. Das ist für mich ein weiteres großesRätsel.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur bewirken?
Philippe Marczewski: Eine Form der Sprache suchen, um auszudrücken, wer wir sind.

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
PM: Selbst die wenigen reinen Konsumenten, die ich gekannt habe, suchten ein wenig soziale Interaktion. Es sind Orte, an denen man mit der Welt in Berührung kommt, mit Freunden wie mit Fremden.

Wo fühlst du dich zu Hause?
PM: Bei den Menschen, die ich liebe; in einer offenen Landschaft mit einem riesigen Himmel; und in einigen Städten, mit einem Buch und etwas zum Schreiben.

 

BIO

Philippe Marczewski ist Schriftsteller und Lehrer. Seine ersten beiden Bücher wurden vom Verlag Inculte veröffentlicht: Blues pour trois tombes et un fantôme (2019), eine melancholische Erzählung, die die Stimmungen seiner Heimatstadt Lüttich erkundet, und Un corps tropical (2021), ein bissiger Roman über zeitgenössische Abenteuer (Prix Victor Rossel, besondere Erwähnung der Jury des Prix Senghor). Im März 2024 veröffentlichte der Verlag Éditions du Seuil seinen Roman Quand Cécile (besondere Erwähnung beim European Union Prize for Literature, 2025), der ohne Traurigkeit von Abwesenheit, Trauer, Erinnerung und Vergessen handelt. Er schreibt eine Rubrik über die Erkundung des Territoriums in der Zeitschrift Imagine Demain le monde und veröffentlicht verschiedene Artikel und Chroniken in der Zeitschrift Wilfried.

 

 

Kurt Ryslavy | À la Mort Subite, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Kurt Ryslavy

 

1987 habe ich diese typische Brüsseler Brasserie entdeckt und zu schätzen gelernt, mehr als zehn Jahre vor ihrer Klassifizierung als kulturelles Erbe. Es gab immer freie Sitzplätze, die Wände ein angenehmes (Nikotin-)Kolorit, die beeindruckende Raumhöhe machte Raucher cubanischer Zigarren ohne Begleitung nicht zu Besucher-störenden Blickfängern. Die grosszügige Dekoration aus sich gegenüberliegenden Spiegeln locken die Aussicht in die Ewigkeit, innenarchitektonisch raffiniert nicht zu niedrig an den Wänden angebracht. Wo ich herkomme, ist der Stil der grossen Cafés meist älter als dieses Brüsseler Juwel, was dort hingegen den Konservativismus zu pflegen hilft, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

Wie viele Künstler in der Geschichte benutzte ich eine derartige Atmosphäre um sich von den engen eigenen Wänden lösen zu können, sich mit anderen intellektuellen Welten (Büchern) aueinandersetzen zu können, die Wartezeit (vor/ nach) cinemathek zu überbrücken und Heizkosten zu sparen. Heute bin ich weniger da, mehr Touristen sind zu sehen.

Neuankömmlingen in Brüssel zeige ich gerne À la Mort Subite, es ist für mich immer noch ein Ort der geistigen, atmosphärischen Ruhe, mit professioneller, atmospärischer Bedienung und Humor, beschränktem Essen und lokalen Getränken, ein positiver Aspekt, der den Tourismus nicht überborden lässt.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann die Literatur (machen)?
Kurt Ryslavy: Die Literatur kann Interesse erwecken und zum Lesen verführen. Mehr nicht.

Das Café (bzw. Das Café, das du ausgewählt hast) ist eher ein Ort des Rückzugs, der Andacht oder eher ein Ort der Versammlung?
KR: Weder noch. Wie der Name schon sagt, ist die Brasserie ein Ort der Überraschung, oder nicht einmal das, denn wenn man plötzlich stirbt, hat man keine Zeit mehr überrascht zu sein. Aber ich würde sagen ein Ort der Inspiration, der Entdeckung, der Befreiung, des Tief Luft holens. Hin und wieder jemanden zu Treffen ist auch gut. Dazu muss ich sagen, dass dieser Ort früher für mich wichtiger war als heute – weil ich mir so einen Ort inzwischen bei mir zu Hause schaffen konnte. 1987, als ich nach Brüssel kam hatte ich das nicht zu Hause.

Wo fühlst Du Dich zu Hause?
KR: Dort wo mich nichts belastet. Das ist weder Österreich noch Belgien. Das ist keine Kirche, keine Synagoge, keine Moschée. Das ist auch kein Fussballstadium oder Menschenmenge.

 

BIO

Kurt Ryslavy ist Österreicher und lebt seit 1987 in Brüssel, der Heimat des Surrealismus. Die Originalität seines Ansatzes liegt darin, dass er seine künstlerische Tätigkeit mit einer trockenen geschäftlichen Tätigkeit verbindet. Er interessiert sich für Philosophie, Literatur und Kunst (er schätzt Montaigne, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Paul Feyerabend, u. a.) und widmet sich seit 1991 dem Handel mit österreichischem Wein (um nicht an der Akademie der Schönen Künste unterrichten zu müssen), mehr aus Leidenschaft für die philosophischen als für die technischen Aspekte des Weins. Er ist dennoch Mitglied der Königlich-Flämischen Akademie Belgiens für Wissenschaft und Kunst.

Watson Charles | Café associatif La Commune, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Watson Charles | Übersetzung aus dem Französischen: Georg Renöckl

 

Café de La Commune libre d’Aligre

In einem gleichzeitig schlichten und atypischen Dekor beschert das Café La Commune denjenigen, die auf ein Glas oder zum Diskutieren kommen, heitere Ruhe inmitten des Lärms und des erstickenden Geruchs, die Paris kennt. Vor der mit Plakaten tapezierten Wand, die zur Revolte oder zum Kampf gegen die Ungerechtigkeiten aufrufen, erzählt mir Guillaume von seinem nächsten „Poesie in Freiheit“ genannten Abend, den er einmal pro Monat im Café organisiert. Er lädt Menschen hierher ein, um ihre Gedichte vorzulesen oder auch um Brel oder Ferrat zu interpretieren. Sie an diesem Ort zu befinden ist die beste Möglichkeit, dieser Welt zu entkommen, die wir mitleidslos als schlecht oder als grotesk verurteilen. La Commune ist der Ort, durch den ich die Welt aufgeladen von Melodien wahrnehme, und wo ich länger bleibe, um der Stimme dieses Mannes zuzuhören, der von anderswo kommt und mir von seinem Exil erzählt, von seiner langen, beinahe fantasierten Reise, oder um meinen Kaffee an einer Schulbank zu trinken, während ich einen Blick in die Ecke der Bar werfe, die auch als Küche dient, mit ihren an der Wand hängenden Geräten und dem Kellner mit seiner metallisch-rauen Stimme, der seine Gäste und die Bewohner des Viertels warmherzig empfängt. Der Großstadtlärm rund um das Café d’Aligre erinnert mich an Port-au-Prince. Dieser Ort, an den ich regelmäßig komme, um Freunde zu treffen, ist die Tür geworden, durch die ich die Welt betrete, und ich verirre mich dort tatsächlich. Auf dem alten, an der Wand stehenden Klavier spielt ein Mann Noten, als würde er die diskrete und schöne Stimme einer Frau begleiten, die ein Lied aus ihrer fernen Heimat summt, das von der Arbeit der Menschen auf den Feldern erzählt. In meinem Heft beginne ich meine Gedichte niederzuschreiben, um das Bild dieses gleichzeitig einfachen und erhebenden Moments festzuhalten. 

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung haben die Dichtung und das Schreiben von Romanen?
Watson Charles: Ich glaube, dass die Dichtung und der Roman, wie ich es immer gesagt habe, eine der künstlerischen und intellektuellen Formen sind, die uns erlauben, die Realität und das menschliche Wesen in seiner umfassendsten Dimension zu erfassen. Ich lehne jede Hierarchisierung der Genres ab, wie das historisch seit der Antike festgelegt wurde. Auf diese beiden literarischen Genres zurückzugreifen erlaubt es mir, die Welt in ihrer Gesamtheit zu begreifen. Es stimmt, dass ich durch die Dichtung zur Literatur gekommen bin, aber ich räume auch der Fiktion größte Wichtigkeit ein.

Kann man heute von Engagement in der Literatur sprechen?
WC: Wenn auch das Engagement in der Literatur historisch betrachtet zu einem bestimmten Zeitpunkt als Infragestellung der Souveränität eines Landes und seiner dominanten Kultur aufgetreten ist, so ist es heute nichtsdestoweniger durch die Federn von Schriftstellern präsent, die die Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaft kritisieren. Ich denke, dass das Schreiben für einen Schriftsteller ein politischer Akt ist. Der Blick, den er auf die Wirklichkeit wirft, erlaubt es, die Welt zu hinterfragen und zu verändern. Ich glaube, Schreiben ist ein Katalysator, der den Menschen sowohl ein individuelles als auch kollektives Bewusstwerden ermöglicht.

 

BIO

Watson Charles hat Literatur an der École Normale Supérieure von Port-au-Prince (Haiti) studiert. Er ist Autor des Sammelbandes Seins noirs (éditions Aethalidès 2022), des Romans Le ciel sans boussole (éditions Moires 2021), der im Rahmen des Prix Senghor du premier roman francophone et francophile mit einer « Mention spéciale » ausgezeichnet wurde, sowie des Novellenbandes Le Goût des ombres (éditions Unicité 2024), für den er den Preis Christiane Baroche de la Société des Gens de Lettres erhielt.

Brahim Saci | L’impondérable, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Brahim Saci | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Wenn es einen Ort gibt, der mir lieb und teuer, ja fast lebenswichtig, ist, dann ist es das Literatur-Café L’impondérable in Paris. Jeden Sonntag um 18 Uhr wird es zu einem Treffpunkt der Seelen, der Poesie, Musik, der Ideen. Es ist der Schriftsteller, Dichter, Journalist Youcef Zirem, der darin die Seele ist. Seine Energie, seine Menschlichkeit, machen aus diesem wöchentlichen Moment ein essentielles Atemholen, zusammen mit Mourad und Sofiane, den herzlichen Gastgebern des L’Impondérable, die uns mit besonderer Freundlichkeit empfangen. 

Die Atmosphäre da ist freundschaftlich, fast brüderlich. Der Austausch ist immer respektvoll, tiefgründig. Man redet dort über Literatur, die Künste, das Leben – und vor allem schreibt man dort. Es ist an diesem Ort, wo ich die Inspiration für den Großteil meiner zwanzig Gedichtbände gefunden habe. Oft bleibe ich spät in der Nacht am Tisch sitzen, einen kalt gewordenen Kaffee neben mir, und warte darauf, dass die Muse kommt und sich gegenüber setzt. Die Cafés sind für mich kreative Zufluchtsorte, Heimstätten des freien Denkens. 

Jeder Winkel des L’Impondérable scheint von wartenden Worten bewohnt zu sein.
Man hört dort Lachen, Verse, vielversprechende Stille.
Es ist ein Ort der lebendigen Erinnerung, aber auch der poetischen Zukunft.
Man begegnet dort den Stimmen, die von Woanders her kommen, gemischte Sprachen, sich vermischende Geschichten.
Es ist ein sanfter Widerstand gegen die Brutalität der Welt.
Eine Insel der Schönheit im Pariser Tumult.

In Paris, der Stadt der Dichter, haben die Cafés so viele Werke entstehen sehen. Verlaine, Aragon, Camus, Kateb Yacine …, alle haben an diesen belebten Orten geschrieben. L’Impondérable reiht sich in diese lebendige Tradition ein.
Es ist mehr als ein Café. Es ist ein Raum der Kreativität, der Freiheit, wo das Wort zirkuliert, wo die Stille inspiriert, wo die sich kreuzenden Blicke mehr als Worte sagen.
Dieses Café trage ich in mir. Es ist die Verlängerung meiner Stimme, meiner Texte, meines Seins. 

 


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? 
Brahim Saci: Ja, sie kann nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Sie wird die Welt vielleicht nicht in einem konkreten Sinn retten, aber sie rettet die Geister. Lesen bedeutet lernen zu denken, zu zweifeln, zu fühlen. Literatur hilft uns, die Welt und andere besser zu verstehen. Sie weckt das Bewusstsein und bildet kritische Geister. Kinder ans Lesen zu gewöhnen bedeutet, ihnen innere Freiheit zu vermitteln, eine stille Kraft, um eine gerechtere Zukunft aufzubauen.

Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
B.S: Ja, das Café ist nach wie vor ein Ort des freien Austauschs, ein Raum, in dem Ideen ungehindert zirkulieren können. Es ist ein Ort, an dem Masken fallen, an dem man diskutiert, teilt, zuhört. In einer zunehmend digitalen Welt sind Cafés nach wie vor physische Orte der sozialen Verbindung und des lebendigen Wortes. Sie bewahren sich ihre Funktion als Ideenschmiede, wie früher die literarischen Salons.

Wo fühlst du dich zu Hause? 
B.S: Ich fühle mich an Orten zu Hause, an denen ein Austausch stattfindet, da wo man ganz man selbst sein kann. Das kann in einem Café sein, in einem Buch oder in einem ehrlichen Gespräch. Es sind diese Freiräume, die mir das Gefühl geben, dazuzugehören.

 

BIO 

Brahim Saci ist ein französisch-kabylischer Schriftsteller, Journalist, Liedermacher. Geboren zwischen zwei Ufern, erforscht er in seinen Texten Exil, Liebe, Erinnerung und Freiheit. Als Autor von zwanzig Gedichtbänden ist er eine einzigartige und engagierte Stimme am Schnittpunkt der Kulturen. In der Pariser Literaturszene ist er sehr aktiv, er holt sich seine Inspiration in Cafés, vor allem im Literatur-Café L’Impondérable, wo er oft bis spät in die Nacht schreibt.  

 

Nika Pfeifer | Wiels’ CAFÉ, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Nika Pfeifer

 

Ein Ort tut so, als wäre er offen, und ist es! Das WIELS. Kein Museum, sondern ein Experimentierfeld, ein Möglichkeitsraum, eine ehemalige Brauerei, die sich weigert, bloß Vergangenheit zu sein. Die riesigen Kupferkessel glänzen immer noch. Nicht, um zu erinnern. Sie sind Oberfläche von etwas, das bleibt, ohne da zu sein. Im WIELS ist nichts einfach da und alles bleibt Spur. Man wird Teil dieses Spiels. Jeder Gang durch die Räume: eine Verschiebung. Jüngst bei Willem Oorebeek: Fantastisch! Wie er Buchstaben und Text in dreidimensionale, performative Medien verwandelt, künstlerische Objekte, die Schrift als Bild, Plastizität und Raum erlebbar machen, spiegeln (uns), was mit unseren Augen passiert, wenn wir Bilder en masse konsumieren. Seine BLACKOUT-Serien sind ästhetische Absperrung und Einladung zugleich: Schwarze Tintenfelder, durch die das Bild wie ein Schatten schimmert, es verschwindet nicht, es fordert Nähe: Komm näher, verändere deinen Standpunkt, dein Licht. Sehen wird zur Geste, Raumwahrnehmung zur Bewegung. Licht, Fläche, Konstruktion von Sichtbarkeit, alles wird Thema. Dies nur ein Mini-Eindruck von vielen Besuchen, DENN: Vor allem ist da das Café, das Interface im Erdgeschoss. Kaffee? Ja. Kaffee! Oder Tee. Manchmal Bier, ironiquement genoug. In dieser Architektur mit ihren irrsinnig hohen Fenstern, Licht in jeder Ritze, egal ob draußen Regen fällt oder Dunst hängt. Das Licht wirft immer wieder neue Winkel in den Raum. Die Suppe dampft, Eiswürfel klackern, der Raum erzeugt Resonanz, durch Lichtreflexe, Geräuschspuren, sachte Bewegungen. Tische laden zum Schreiben ein, Stühle zum Zuhören. Gedanken werden durch die Architektur geführt, abstrahieren, fragmentieren, setzen sich – und uns – neu zusammen. Das WIELS funktioniert, weil es Raum lässt. Für alles, auch für das, was man nicht gesucht hat. Und wenn man geht, nimmt man was mit: Bilder, Fragen, Ideen, Begegnungen, neue Freund*innen. Das WIELS bleibt die Bühne, auf der sich all dies abspielt. Bis auf montags. Da ist geschlossen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was kann Literatur?
Nika Pfeifer: Hm, was kann Literatur…? Ich würde sagen: vieles, wenn nicht ALLES. Alles, was im Auge des Betrachters, der Betrachterin liegt. Niemand kann das wissen oder vorhersagen. Auf jeden Fall kann sie das, was hinter den Augen liegt, zum Leuchten bringen. Große Magie.

Ist das Café eher Rückzugsort, Ort der Sammlung oder Versammlung?
NP: Ein Rückzugssammlungversammlungsortortort, würd ich sagen. Alain hat mich nach meinem Lieblingscafé in Brüssel gefragt, und es sind mir so viele sensationelle Orte eingefallen, traditionelle Cafés, Bars, coole Kneipen, Brasséries, auf gut Wienerisch Beisln, dass die Wahl schwer fiel. Das Café WIELS habe ich gewählt, weil es einer meiner ersten Schreiborte in Brüssel war. Es kombiniert alles, was meine Gedanken in Bewegung setzt. Ein Möglichkeitsraum. Kein statisches Museum, sondern ein lebendiges Experiment, wo Kunst produziert und erlebt wird. Was ich daran mag: Es ist ein transformativer Ort. Er zeigt nicht nur, er tauscht aus.

Wo fühlst du dich zu Hause?
NP: Zwei Ideen:
zuhause: eine koordinate
aus sehnsucht & abwesenheit
Und:
„willkommen zuhause“
lese ich & frage mich wo
dieses zuhause eigentlich wohnt
PS: Sylvia Petter hat es so wunderbar in einem Kürzestgedicht formuliert:
I don’t belong,
I long to be.

 

BIO

Nika Pfeifer ist als Autorin und Künstlerin zwischen Wien, Brüssel und in internationalen Projekten tätig. Sie wurde u. a. mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet, war Max Kade Fellow in den USA und Gastdozentin an internationalen Universitäten. Pfeifer arbeitet an der Schnittstelle von Literatur, Kunst und Film; ihr Werk umfasst Lyrik, Prosa, Radioarbeiten und Kurzfilme. 2024 erschien ihr Lyrikband TIGER TOAST bei Ritter, begleitet von Publikationen in internationalen Zeitschriften und Anthologien.

Bénédicte Vidaillet | Tok’ici, Lille

Foto: Alain Barbero | Text: Bénédicte Vidaillet | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Im Tok’ici  („Hier klopfen“)

In dieser Welt der großen Machtverrückten – toqués au pouvoir – gibt es glücklicherweise das Tok.

Kochmützen – toques – sind hier zu finden. Keine mit Sternen übersäte, aber solche, die uns Sterne in die Augen treiben. Gefüllte Bao, Tahchin, Won-Ton-Suppe und Tarator-Sesamsauce, Cromesquís oder flämischer Waterzooi-Eintopf. Gib´s zu: dir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. 

Klopf-klopf – toque –, tritt ein. Kein Kamin, aber Lächeln, Begrüßung, ein Gläschen, ein paar Worte und oft mehr.

Und wenn du einen Fimmel hast – ein bisschen toqué bist –, kannst du deine Ticks, deine tocs, mit ins Tok schleppen. Richte deinen Barhocker genau über die Fugen der Bodenfliesen aus, überquere die Schwelle eher zweimal als einmal, bekreuzige dich vor jedem Schluck: Das verleiht dir nur Stil, man macht nicht viel Aufhebens davon.

Und aus – et tok!

 


Interview mit der Autorin

Aktivismus und Literatur – wie geht das bei dir zusammen?
Bénédicte Vidaillet: Mir gefällt nicht, was aus dieser Welt wird. Anstatt zu heulen oder allein wütend zu sein, bin ich aktiv und gründe Vereine, um zusammen mit anderen einen Park im Vorort und dann eine große Brachfläche im Zentrum von Lille vor einer verrückten Urbanisierung zu schützen, die uns und unsere Geschichten, unsere Erinnerungen und unsere sensiblen Bande mit unserem Lebensraum enteignen. Und die jeden Tag die lebendige Welt, tierische und pflanzliche, ein Stück mehr zerstört. Und ich schreibe: Manifeste, lautstarke Appelle, Essays. Schreiben und Handeln sind für mich eng miteinander verknüpft.

Was sind deine Ziele?
BV: Als Aktivisten versuchen wir, etwas anderes zu verteidigen und zu erfinden als die Stadt und das Leben, die die Vorschriften dieser Experten, die „zu unserem Wohl“ urbanisieren, uns zuweisen. Wir drücken unsere Suche nach einer Welt aus, die unseren Bestrebungen, Wünschen, unserem Bewusstsein, mehr entspricht. Eine Welt, die uns Lust auf das Leben macht, das wir mit unseren Körpern, unseren Sinnen und unserer Sensibilität bewohnen können.  

Wie soll die aussehen? 
BV: Im Grunde wollen wir die einfachen und wesentlichen Dinge: Luft zum Atmen, langfristig sauberes Trinkwasser, verschonte Böden, die uns ernähren, Schönheit; wir wollen in Reichweite unserer Schritte oder Fahrradreifen den Rhythmus der Natur spüren, einen Kohlkopf oder einen Baum wachsen sehen, staunen, uns treffen, diskutieren, lernen, Erfahrungen machen, in Bewegung sein. 

Uns lebendig fühlen. 

 

BIO

Ich liebe Wörter. Kein Wunder, dass ich Psychoanalytikerin geworden bin. Auch dass ich schreibe, Artikel, Bücher. Einige sind ins Italienische oder Englische übersetzt worden. Das letzte heißt: Pourquoi nous voulons tuer GretaNos raisons inconscientes de détruire le monde (Warum wir Greta töten wollen – Unsere unbewussten Gründe, die Welt zu zerstören, érès, 2023) 

Jean Portante | Café La Liberté, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Jean Portante | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach 

 

In Luxemburg war ich ein eifriger Cafégänger. Es gab eins, das mythischste, in der Zwischenzeit verschwunden, das mein zweites Zuhause war, jeden Abend oder fast jeden, bis zum Morgengrauen; das Bier floss da in Strömen. Das war in den Siebziger Jahren. Es gab endlose Diskussionen zu führen. Nach unseren Träumen kam die Zukunft. Die Utopie in Reichweite der Wünsche. Liebeleien für eine Nacht keimten da auf und erstarben. Es hieß „Chez Malou“. Studierende, Künstler, Politiker, Anwälte vermischten sich dort. Ich habe dort meinen ersten Dichter getroffen: Edmond Dune.
Der Autor von „Je vous écris d’un café triste“. Ich denke oft an ihn. Der traurige Poet. Er ist es wohl, der mir den ersten Stupser gab, der mich hin zur Poesie trieb. Dann ging ich weg. Nach Paris. Ich wollte Dichter werden. Schriftsteller. Ich schrieb meine ersten Bücher. Danach die anderen. Aber ich brauchte keine Cafés mehr. Außerdem waren die legendären Orte im Niedergang. Es gab noch in den Achtziger Jahren das Saint-Claude auf dem Boulevard Saint-Germain, wo man Dichtern begegnen konnte, aber ganz schnell hat es einem Geschäft für schicke Kleidung Platz gemacht. In den anderen, Les Deux-Magots, le Flore, Lipp, La Closerie des Lilas trieben die Touristen die Preise in die Höhe. 
Und ich war ein Sans-le-sou, ohne einen Pfennig. Wie alle meine Dichter- und Künstlerfreunde. Man traf sich mal bei dem einen, mal beim anderen, trank Wein für drei Groschen, ins Café ging ich nur zu Verabredungen. Das Sarah Bernhardt vor allem, in Châtelet, denn alle Metros führten dorthin. La Liberté schließlich, an der Edgard Quinet, näher bei mir zu Hause. Da, wo Sartre am Ende seines Lebens hinging. Aber weder die Kellner noch die Kunden wissen das. Ich schon. Deswegen setze ich mich nie an den selben Tisch. Als wäre ich auf der Suche nach dem Stuhl, den er ausgewählt hätte. 

 


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? 
Jean Portante: Die Literatur erzählt die Welt. Sie schafft eine Welt. Sie bereichert die Vorstellungskraft für die Welt. Aber gegen das Auseinanderdriften der Welt hat sie keine Waffen. Sie hat keine Waffen gegen die Kriege, die Hungersnöte, die Diktaturen, das Geld, den ethischen Bankrott, die Lüge, die Entmenschlichung, den zunehmend allgemeiner werdenden Sinnverlust … Ein Gedicht, ein Roman, eine Novelle, ein Theaterstück sind nur intime Momente, die sich an das Innerste des Lesers wenden, ihm Vergnügen bereiten, ihn manchmal warnen, ihm helfen zu verstehen, ihn menschlicher machen, ihm Horizonte eröffnen, aber an seiner sozialen Lage ändern sie nichts. Was ist eine Bibliothek wert gegen eine Bombe, die in Gaza, in der Ukraine oder anderswo auf das Gebäude fällt, das sie beherbergt. Wenn die Menschheit sich eine Zukunft geben will, muss sie eine soziale Utopie schaffen. Auf diesem Boden könnte die Literatur vielleicht ihre Samen pflanzen, aber ob sie die Zeit hat. Es gibt jetzt eine Dringlichkeit. Das Haus brennt schon.  

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JP: Ich weiß, dass es Schriftsteller gibt, die sich in die Ecke eines Cafés setzten, um Notizen zu machen, und sogar um zu schreiben, oder einfach, um ihrem Geist zu erlauben,  abzuschweifen,  ich nicht.  Beziehungsweise nicht mehr.  Oder nicht mehr in Paris.  Wenn ich woanders bin,  mache ich mich  systematisch  auf die  Suche  
nach den Cafés,  die andere Schriftsteller vor mir frequentiert haben.  Ich suche dort die Stadt zu lesen,  bevor ich sie mit Schritten durchmesse.  Und ich mache mir Notizen …

Wo fühlst du dich zu Hause?
JP: Um zu schreiben: bei mir, an meinem Schreibtisch, in Paris, umgeben von meinen Büchern. Ansonsten, auf der ganzen Welt.

 

BIO

Jean Portante wurde 1950 als Sohn italienischer Eltern in Differdange (Luxemburg) geboren. Er lebt in Paris. Sein reiches Werk, bestehend aus ungefähr fünfzig Büchern – Poesie, Romane, Essays, Theaterstücke – wurde weitgehend übersetzt. In Frankreich ist er Mitglied der Academie Mallarmé. 2003 erhielt er für sein Buch L’étrange langue den Prix Mallarmé. 2011 wurde er in Luxemburg mit dem Prix national geehrt. Seit 2018 schreibt er seine Bücher in zwei Sprachen, Französisch und Italienisch. Seit mehr als 30 Jahren übt er eine Tätigkeit als literarischer Übersetzer aus.

Marius Daniel Popescu | Café Romand, Lausanne

Foto: Alain Barbero | Text: Marius Daniel Popescu | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach 

 

Du bist mehrere hundert Mal hier gewesen. Mit René-Luc, der dir von Gustave Roud erzählte, ihr habt Weißwein aus der Gegend getrunken. Mit Dominique, er erzählte dir von seinen Schülern und seinen Gedichten, ihr habt auf die Gesundheit aller Bewohner der Rue de Maupas angestoßen. Mit Marie-José, Sarah und Oana, ihr habt Fondue moitié-moitié gegessen und ihr seid zusammen größer geworden. Mit Michel und Véronique, ihr habt über Bücher und über das Schreiben gesprochen. Mit Pierre Louis, ihr seid von Zeit zu Zeit bis zur Sperrstunde geblieben. Mit François, da habt ihr über die Jagd gesprochen und Bier getrunken. Mit Jean-Christophe, ihr habt an eine nächste Nummer der Literaturzeitschrift « le persil » gedacht. Mit Daniel und Vincent, ihr habt Gedichte aus dem Alltagsleben aufgesagt. Mit Jean-Louis, genannt «Le Papillon» (der Schmetterling). Mit Béatrice, ihr habt der Welt die Finger und eure Augen gezeigt. Mit Isaac, ihr seid in euren News und Kurzgeschichten geschwommen. Mit Dominique und Véronique, ihr habt über die in einer Gitarre versteckten Worte gelächelt. Mit Victor, ihr habt mit Bob Dylan gelebt. Mit Francine, Ingrid, Robert und seiner Frau, mit Ramon, Philippe und Sergueï. Mit vielen anderen Frauen und Männern aus Lausanne und von anderswo. 

Du trittst ein, du hast zwei Plätze für mittags reserviert, du schaust ins Lokal, du siehst die Kellnerinnen und die Kellner hinten im Saal, du gehst zwischen den Tischen durch, du gehst auf sie zu, du grüsst sie, sie sagen «Guten Tag», eine der Kellnerinnen kümmert sich um dich, sie begleitet dich zu eurem Tisch, sie zeigt darauf, sie sagt «Hier ist es». 

Heute bist du mit Alain hier, ihr werdet Papet vaudois essen (würzige Würste auf Lauch und Kartoffeln an einer typischen Sauce), ihr werdet über euer Leben reden, über das, worauf ihr Lust habt, über eure m und eure d und eure i. Hier wird Alain von dir Fotos machen. Du wirst ihn anschauen: als nähmen Times New Roman, Calibri, Garamond und Bahnschrift zusammen ein Calamin-Bad. 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur? 
Marius Daniel Popescu: Leben erfassen Leben erschaffen Leben schenken Leben überraschen Leben denken Leben sehen Leben hören Leben vermitteln Leben vergehen lassen Leben bringen Leben lenken Leben zeigen Leben erfinden Leben weitergeben Leben überleben Leben gewinnen Leben verdienen Leben behalten Leben vervielfachen Leben hervorbringen Leben verstehen Leben nähren Leben ankurbeln Leben zur Blüte bringen Leben aussprechen Leben lang dauern  Leben fortsetzen Leben ankündigen Leben schützen Leben schreien Leben leben Leben lernen Leben lehren Leben erhalten Leben sichern Leben entwickeln Leben teilen. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MDP: Allein sein und mit den andern sein. Allein sein. Mit den andern sein. Die anderen sein. Mich selbst sein. Ankommen. Sprechen. Schauen. Essen. Trinken. Sprechen. Schauen. Weggehen. 

Wo fühlst du dich zuhause? 
MDP: In den Wohnungen und den Häusern. In den Cafés den Bars den Restaurants. Im Blick der anderen. In den Worten. In den Büchern. In den Träumen. In den Straßen. In den Wäldern. Auf den Feldern. In den Bussen Zügen U-Bahnen Flugzeugen. In meinem Gedächtnis. In den Wörtern. 

 

BIO

Marius Daniel Popescu wurde am 10. Juni 1963 in Rumänien geboren und lebt seit dem 01.08.1990 in der Schweiz. 
Als Lyriker und Romanautor französischer Sprache hat er zahlreiche Literaturpreise erhalten. Den Rilke-Preis, Sierre/Siders, 2006 für «Arrêts déplacés» (Editions Antipodes, Lausanne); den Walser-Preis Biel/Bienne für «La Symphonie du Loup» (Editions José Corti, Paris – deutsch von Michèle Zoller, Die Wolfssymphonie, Engeler, 2013); den Waadtländer Literaturpreis, Lausanne 2008; den Grand Prix Littéraire du Web, Paris, 2012; den Prix de l’Inaperçu, Paris, 2012; den Eidgenössischen Literaturpreis, Bern, 2012, für «Les Couleurs de l’hirondelle» (Editions José Corti, Paris, 2012, deutsch von Yla von Dach, Die Farben der Schwalbe, verlag die brotsuppe, Biel/Bienne 2017).