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Prune Antoine | Le Belfort, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Prune Antoine | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach 

 

Das Belfort in Berlin ist das Café, das mich vor Covid gerettet hat. Das einzige, das wunderbarerweise während der Pandemie geöffnet blieb, mit allem, was die Mutter eines kleinen Kindes braucht; Kaffee, Wein, Wodka, leckere Schokoladenbrötchen, „Brunch pompette* (ein denkwürdiges Konzept). Es ist mein Refugium, mein kleines Stück Frankreich auf teutonischem Grund. 

 

*etwa „Brunch beschwipst“, Brunch mit Alkohol

 


Interview mit der Autorin

Du arbeitest seit Jahren über Osteuropa und Regionen politischer oder sozialer Spannungen. Was reizt dich an diesen Gebieten, in denen die Frakturen nach wie vor sichtbar sind?
Prune Antoine: Ich mag von Natur aus die Ambivalenz, das, was nicht definiert und klar ist, was in Bewegung ist. Ich kann nicht mit Gewissheiten umgehen, mit feststehenden Wahrheiten, Leuten, die immer und überall alles wissen: was man denken muss, was gut, was schlecht ist. Ich mag es, mich zu irren, Fehler zu machen, riskante oder absurde Entscheidungen zu treffen, das Leben verspielen, wie im Casino. Der post-sowjetische Raum trägt diesen permanenten Wandel in sich; schon allein deshalb, weil seine Einwohner in einer anderen Welt geboren wurden, aufgewachsen sind und gelebt haben und ihre Identität immer noch zu definieren suchen, oft als Reaktion auf eine herrschende Macht. 

Du wechselst von einem Format zum anderen – Printmedien, Dokumentarfilm, Literatur: Schreibst du je nach Medium unterschiedlich, oder ist es immer der gleiche Blick, der durch diese Formen geht? 
PA: Ich bin immer mehr der Meinung, dass die Art, wie man erzählt, manchmal genauso wichtig ist wie das, was man erzählt. Bestimmte Geschichten, intimere, laufen besser im Podcast, mit der Stimme, andere sind mehr visuell, andere für die Fiktion. Der Blick bleibt der gleiche. Und außerdem verändert sich der Journalismus, auch die Literatur. Seit einigen Jahren bin ich von den hybriden Erzählformen besessen.
Ich glaube nicht mehr an den Roman, weder an den Essay, noch an die Autofiktion, noch an all diese Etiketten, die Verleger und Marketingleute so lieben. Ich glaube, dass wir in einer Welt leben, in der die Grenzen durchlässig sind, in der sich die Bezugspunkte unaufhörlich verschieben und in der die Welt, in der wir aufgewachsen sind (die 80er Jahre), gerade dabei ist, zu zerfallen. Die Literatur muss diese Verschiebungen reflektieren. In meinen Büchern vermische ich oft Fiktion mit Sachliteratur. Die Grenzen zu verwischen scheint mir der ehrlichste Weg zu sein, um widerzuspiegeln, wie sehr die Realität heute fließend geworden ist. Fake News, KI … Ich weiß nicht, was in meinem Leben heute realer, wahrer ist: das, was ich auf meinem Smartphone sehe, meine chats auf WhatsApp oder der Kaffee, den ich mit einem Freund trinke? Und was die KI angeht, glaube ich auch, das der einzig mögliche Widerstand darin besteht, keine Muster erkennen zu lassen. Unvorhersehbar sein, Seitenschritte machen, auf unerwartete Weise Verbindungen knüpfen. Um jeden Preis aus dem Berechenbaren ausbrechen. 

Ein Teil deiner Arbeit räumt den Stimmen der Frauen einen wichtigen Platz ein. Ist das eine bewusste Entscheidung bei deinem Vorgehen, oder etwas, das sich im Laufe deiner Recherchen ergeben hat?
PA: Sich für die Lage der Frau zu interessieren, heißt unweigerlich den Sinn des Wortes „Ungerechtigkeit“ zu entdecken. Dazu braucht man nicht nach Afghanistan zu reisen. Ein einfaches Gespräch mit deiner Großmutter oder einer Freundin, die sich scheiden lässt, erzählt dir alles, was man über Frauenrechte wissen muss, oder die Art, wie Männer zu allem bereit sind, um an der Macht zu bleiben. MeToo war eine Riesenchance, aber an den Strukturen hat sich bis jetzt wenig geändert. Die Justiz, die Politik: immer wird mit zweierlei Maß gemessen. Seit ich meine Tochter habe, frage ich mich ständig: was ist klüger? Zu versuchen, den Weg zu ebnen und die Arschlöcher zu beseitigen, damit sie nicht die gleichen Ungerechtigkeiten auf sich nehmen muss, oder sie zu wappnen, um sie auf das Chaos hier vorzubereiten und sie zu einer Söldnerin zu machen? Ich habe keine Antworten, aber ich hoffe, dass sie ein dickes Fell haben wird. 

Was bedeutet ein Café in deinem Beruf, der von Reisen und einem sehr intensivem  Leben geprägt ist – ein Ort zum Arbeiten, der Pause oder der Beobachtung?
PA: Alles drei. Ich habe drei Monate in Wien gelebt und La mère diabolique geschrieben, während ich fast alle Cafés dieser Stadt abgeklappert habe. Ich liebe es, auf einer Terrasse in Paris zu rauchen, ein Glas Wein zu trinken und die Leute zu beobachten, was nach wie vor unser Nationalsport ist. Wenn man schreibt, pausiert man selten – man bleibt auf der Lauer, eine Geste, ein Blick, eine Art zu sprechen. Schreiben, das heißt auch, das Leben hereinzulassen, es durch sich hindurchfließen zu lassen. 


BIO

Prune Antoine ist Auslandskorrespondentin und Romanautorin mit Basis in Berlin. Sie ist Autorin dreier Bücher: La fille & le moudjahidine, das ihre Freundschaft mit einem aus Dagestan stammenden Flüchtling und Möchtegern-Dschihadisten in Syrien erzählt; L’heure d’été (Poche Points, 2020), ein Porträt von Berlin, zwischen Gentrifizierung, Unsicherheit und freier Liebe in Zeiten der Millenniels; und La mère diabolique (Denoël, 2024), ein Eintauchen in die Ambivalenz der Mutterschaft anhand der Geschichte von Christiane K., die wegen eines fünffachen Kindermordes während der Covid-Pandemie zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In der übrigen Zeit taucht sie in der Welt deutscher Neo-Nazis unter, recherchiert zur Remilitarisierung von Kaliningrad oder befasst sich mit dem Crystal-Meth-Geschäft in Mitteleuropa.

Ruth Loosli | Coalmine Café, Winterthur (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Ruth Loosli

 

Café Coalmine Bar

Eine Bücherwand wo früher Kohle lag
Eine Bücherwand wo ein Ich verschwinden kann
In die Geschichten hineinkriechen
nachdem es den Kaffee getrunken
(Kaffee auf dem Handelsweg aus Indien)

Die Farben der Bücher verlocken
zu einem Ausflug in unbekannte Welten
Das Ich ist ein Insekt sucht nach Nektar
Welche Worte bilden Nektar für meine Fühler
(Suhrkamp hat geliefert)

Das Büchergestell ist hoch man bräuchte
eine Leiter es ist langgezogen von einem Ende 
des Raumes bis zur Bar wo hantiert wird dem 
Milchkaffee ein Muster zugewiesen eine kleine Poesie
(Suhrkamp liefert schon lange nicht mehr)

Doch die Farben der Buchrücken bleiben
Einstweilen verkörpern sie das Einmaleins der Themen
Alles verschiebt sich ein bisschen doch über 
Liebe und Tod kommt niemand hinweg
(Das Muster löst sich auf beim zweiten Blick)

Deshalb schreibe und lese ich! dieses Erforschen
und Verschmelzen der Gegenwärtigkeit lässt Trauer
ebenso zu wie die Feier des Lebens an sich es bleibt
ein Geheimnis es bleibt die Liebe es bleibt die Lücke
(da fallen wir ständig hinein; wir bestellen ein Glas Wasser).

 


Interview mit der Autorin

Wie können wir uns angesichts der gegenwärtigen Weltlage noch gemütlich in ein Café setzen?
Ruth Loosli: Gemütlich ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist ein Forschen, ein Zusammenkommen, ein Austausch. Mit anderen Menschen, Kulturen, Weltansichten. Dabei das universell Verbindende im Auge behalten, den Respekt füreinander.

Warum noch schreiben und lesen?
RL: Den Horizont fortwährend erweitern, auf diese Weise dem Leben zugewandt bleiben. 

Ist das Café (oder das Café, das du gewählt hast) eher ein Rückzugsort, ein Ort der Besinnung oder ein Ort der Versammlung? 
RL: Eher ein Ort der Versammlung. Es werden viele kulturelle Veranstaltungen durchgeführt.

 

BIO

Ruth Loosli, geboren 1959 im Seeland in der Schweiz, lebt in Winterthur. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien; erschienen sind Kindergeschichten, ein Roman, ein Kurzgeschichtenband und mehrere Lyrikbände, der letzte, «Ein Reiskorn auf meiner Fingerkuppe», erschienen im Caracol Verlag, erhielt 2023 einen Anerkennungspreis der Stadt Zürich. Schriftbilder entstehen, eines wurde ausgewählt fürs Plakat von «Zürich liest» 2023. In der Galerie Weiertal sind 2026 neue Schriftbilder zu sehen. Das Bilderbuch EIN TAG FÜR UNS erscheint im Baeschlinverlag. www.ruthloosli.ch 

Dejan Gacond | Café L’Antabuse, La Chaux-de-Fonds (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Dejan Gacond | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp

 

Begegnung

Wir sprachen davon, anders zu leben. Zwangsläufig. Wir waren woanders. 
Wir sprachen von Bildern, die sich im Verlauf der Begegnungen verfestigen. Von der Zeit, die bis zum Augenblick eines Fotos verrinnt. Von langsam durchziehenden Ideen. Von der abdriftenden Wirklichkeit. 
Wir erinnerten uns an unsere vergangenen Aktivitäten. 
Er in den Zügen. Ich, hier, im Café Antabuse. 
Erinnerung an den Fluss. Erinnerung an das Fließende. 
All die vorbeiziehenden Städte. 
All die entfliehenden Leben. 
Wir trafen uns in einer Bar ohne Schild, die den Namen eines Medikaments gegen den Alkohol trägt. 
In einem Club des Nichts für all jene, die vom großen Ganzen vergessen wurden. 
Hier ist das Anderswo… und das Anderswo, das ist der Ort der Utopien, weißt du? 
Das Bild ist erstarrt. Der Augenblick ist verdampft.

 


Interview mit dem Autor

Welchen Stellenwert haben Cafés in deiner Vorstellung als Schriftsteller? Sind sie für dich Orte der Inspiration, des Rückzugs oder der Konfrontation mit der Realität?
Dejan Gacond: Angesichts der Geschwindigkeit der Realität sind Cafés Räume willkommener Langsamkeit. Cafés sind wie Fotografien, die den großen Film der Welt anhalten. Ohne dass sie außerhalb der Realität stünden, sind Cafés beruhigende Inseln. Sie sind gleichermaßen Orte der Inspiration wie des Rückzugs. Sie ermöglichen aufrichtige Begegnungen, vielfältige Horizonte, sich vermengende Ideale. Cafés inspirieren mich. Ich verliere mich in ihnen; sie nähren und tränken mich, auch das muss man sagen. Cafés knüpfen dort wieder an die Magie an, wo sich die Welt in ihrer gewaltsamen Beschleunigung verloren hat. Ich gehe nicht dorthin, um zu schreiben, sondern eher, um meine Arbeit des Tages dort ziehen oder sich auflösen zu lassen.

Das Café „L’Antabuse“ strahlt eine gewisse Marginalität aus, ein wahrer Gegenpol zu einer oft glatt und durchgeplant wirkenden Welt. Erkennst du dich in dieser Form der Dissidenz wieder? Ist dein Schreiben ein Akt des Widerstands gegen zeitgenössische Normen?
DG: Mein Schreiben ist kein Widerstand gegen kulturelle Normen, die in der Tat oft glatt und durchgeplant sind. Ich habe jedoch den Willen, die Literatur aus ihren Komfortzonen herauszuholen, Poesie mit Menschen zu teilen, die ihr von vornherein verschlossen gegenüberstehen. Und ich will die etablierten Codes ein wenig aufmischen. Das Antabuse ist ein Ort voller Außenseiter, voller Menschen, die aus dem sozialen Raster fallen oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Ich finde mich dort auf andere Weise wieder. Oft steckt in der rohen Realität des Antabuse mehr Poesie als in den etablierten Museen. Eine Poesie in Freiheit. Intensiv. Ohne Filter. Zudem sind Orte wie das Antabuse Schauplatz von Ereignissen, die sich keine Fiktion hätte ausmalen können…

Wo fühlst du dich zu Hause?
DG: Überall dort, wo es einem „Anderswo“ gleicht.

 

BIO

Dejan Gacond lebt und arbeitet in La Chaux-de-Fonds (Schweiz). Das Wort steht im Mittelpunkt all seiner Projekte. Wörter, die in immersiven Installationen geteilt werden, in Büchern, aber auch auf der Bühne, durch Musik- und Theaterprojekte. Seit etwa fünfzehn Jahren konzipiert und realisiert er gemeinsam mit dem New Yorker Künstler Kit Brown die Installationen A Kaleidoscope of nothingness. Dejan ist zudem auf Musikbühnen zu Hause und arbeitet mit zahlreichen Künstlern und Musikern zusammen, darunter die Underground-Ikone Lydia Lunch.

Bernd Lüttgerding | Café De Kat, Antwerpen

Foto: Alain Barbero | Text: Bernd Lüttgerding

 

Gesang für die Katz‘
Ich trete in den Blick des Zapfers,
der mich von der Theke her taxiert
und stoße gegen einen Hundenapf, der
scheppernd meinen spitzen Tritt pariert.

Gesehen sein ist mir willkommener
Beweis, dass es mich gibt, dass ich
hier wirklich bin und kein verschwommener,
in Zeit sich lösender Gedankenstrich.

Ich greife den Stuhl am Rande bei der
von vielen Fingern gefetteten Lehne,
doch auf ihm sitzend finde ich leider
nicht gleich Haltung. Dies die Szene.

Jetzt werden Stunden eingestampft,
und was sie füllen kann, verdampft.
Was hab ich heut getan geschafft?
Ich trags beschwingt mit halber Kraft,

mir ausgemalt in Gold, gekrönt mit Schaum
nun hin und wieder zum Pissoir
und denke, noch so ein verlornes Jahr
wie die zwei vorigen, doch stört das kaum.

Denn meinen Heimweg kenne ich, ich weiß,
wo Gleise nach den Fahrradreifen schnappen,
ich kenn die Straße vor mir, flirrt und peitscht
sie nicht wie ein nervöser Katzenschwanz?

Erlösung, schön. Ich kenn auch deren Preis,
und ohne Jammern will ich ihn berappen,

wenn Tagesanbruch mir die Brust zerfleischt
und grunzend dort nach meinem Herzen heischt;
mit blutverschmiertem Maul setzt er es in den Glanz
von Gold und Schäumen seiner himmlischen Monstranz.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Bernd Lüttgerding: Literatur ist die Brücke, die mich mit den Dingen des Lebens verbindet; sie ist mein Fahrzeug (oder „Weg“, im Sinne des yāna im Buddhismus, falls das ein zulässiger Vergleich ist), auf dem ich denke und versuche, mich mir selbst, meinen Mitmenschen, der Erde vielleicht, dem Universum oder Gott, wenn man den in diesem Rahmen bemühen will, anzunähern. Leider klingt das ein bisschen aufgeblasen. Ich finde schlichtweg, Literatur ist eine große Sache.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BL: Das Café ist ja eine Illusion. Als sozialer Raum tut es so, als wäre es eine Kreuzung aus Wohnzimmer und Welt, obwohl es auch eine aus Filterblase und Einzelhandel ist. An den traditionelleren belgischen Cafés gefallen mir die großen Fenster, die ersteres betonen. Ich sitze da, ausgestellt (wie in einem Aquarium), aber gleichzeitig beschützt (wie in einem Gewächshaus) und kann mich im Wechsel aufs Sehen und auf meine Sichtbarkeit konzentrieren, wenn mir danach ist. Ich schreibe nicht in Cafés, oder nur, wenn sich meine Arbeit am Schreibtisch festgefahren hat und ich Störung brauche, Widerstände von außen, die meine inneren Widerstände aufwiegen und bestenfalls aufweichen. Am wichtigsten finde ich Cafés für Gespräche. Dort, in diesem schützenden und störenden Raum einem Freund oder einer Freundin gegenüber zu sitzen und zum Beispiel die Darstellung des Hintergrunds im Bild, den Hexameter als Lokomotive einer Erzählung, die Schmerzpunkte der Weltlage zu verhandeln, oder gemeinsam gesprächlich die seltsamen Gärten von Liebe und Trauma zu durchwandeln, davon kann ich meistens ein paar Tage lang zehren.

Warum hast du das Café De Kat ausgewählt?
BL: Als ich noch in Brüssel gewohnt habe, mochte ich das Café Au Daringman mit seiner sublimen Holzvertäfelung mit feuerroten Einlagen und den ebenso feuerroten Tischplatten und hinter der Theke Martine, die, glaube ich, mit ihrer erstaunlichen Kraft auf ihre Gäste einen gleichzeitig belebenden und tröstenden Einfluss hatte. Aber den Daringman gibt es nicht mehr. Außerdem wohne ich wieder in Antwerpen, wo ich zwischen mehreren Cafés wählen kann, die mir gefallen. In De Kat saß ich vor vielen Jahren mal spät abends, als eine Gruppe von Leuten hereinkam und zu schreien und zu poltern begann. Der Wirt hat sie umgehend rigoros beruhigt, denn in De Kat ist nicht Der Kunde König, sondern Die Kunden sind alle zusammen König. Das mag ich.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BL: Schreiben, lesen, mein praktisches Leben bewältigen, spazierengehen, trödeln, Unfug treiben. Das meiste ist aber doch in einem teils höheren, teils niederen Sinne Arbeit.

 

BIO

Bernd Lüttgerding, 1973 in Peine geboren, lebt seit 2008 in Belgien (Antwerpen, Brüssel). Er schreibt Romane (Gesang vor Türen, Berlin 2020), Gedichte (Stäubungen und Der rote Fuchs beider parasitenpresse in Köln) und gelegentlich Rezensionen. Seit 2020 arbeitet er an dem epischen Gedicht Im Wartesaal, in dem sich die Geschichte der Menschheit im Prisma eines müden Einzelmenschen bricht.

Linda Bühler | Atomic Café, Biel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Linda Bühler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Sie wartet
Auf eine Nachricht?
Das Lächeln des Kellners?
Ihren Matcha? 
Die Rückkehr des Frühlings? 
Dass der Regen endlich aufhört?

Zwischen Komplizenschaft und Lachanfällen
Warten sie
Das richtige Licht
Damit das Paar nebenan sich aus dem Blickfeld ziehen kann
Dass der schöne Tisch hinten frei wird
Der Matcha ist schon kalt
Aber da vor der Bar wird es sehr schön sein du wirst sehen
Im Vertrauen
Sie tut so, als würde sie noch warten
Er fängt den Moment ein

An diesem Ort so oft besucht
Bekannte Gesichter
Andere neue
Die besten Tische sind besetzt
Im Hintergrund Jazzmusik
Die Diskussionen
Das Wasser, das in der Kaffeemaschine kocht
Nehmen Sie Zucker?
Hier
Werden Projekte geboren
Trennen sich Paare
Man gibt Französischkurse
Das macht sechs Franken fünfzig
Sie schreibt sie korrigiert sie träumt sie flieht
Man spricht Französisch oder Schweizerdeutsch
Oder Spanisch oder
Der Marmor des Tisches ist rissig
Die anderen aus Resopal
Das Alte zum wieder gefragten Vintage geworden
Danke schönen Tag
Ein Lächeln

In ihrer Lieblingsbar
Wartet sie

 


Interview mit der Autorin

Warum noch Lesen und Schreiben?
Linda Bühler: Mehr denn je hat Lesen und Schreiben einen Sinn für mich in diesen unruhigen Zeiten. Schreiben, um da frei zu bleiben, wo man noch das Recht hat, selbstständig zu denken. Schreiben, um nicht die Hände in den Schoß zu legen, Schreiben, um Ungerechtigkeiten anzuprangern, oder zum Vergnügen. Und Lesen, Lesen um zu entfliehen, um an etwas anderes zu denken. Um sich eine bessere Welt vorzustellen. Meine dreijährige Tochter ist mir ein Vorbild dabei; wenn ich auf sie hören würde, würden wir den ganzen Tag damit verbringen Geschichten zu lesen. Ich finde das schön.

Welche Bedeutung hat das Café für dich?
LB: Es ist ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen kann, so wie hier. Ich habe dort meine Gewohnheiten; das ermöglicht es mir, aus dem Haus und weg von Hausarbeiten oder Verwaltungssachen zu kommen, die meine Kreativität behindern. Cafés bieten eine Auszeit; sich diese Zeit zu nehmen ist ein Luxus, den man nicht jeden Tag hat. Ich beobachte auch gerne Menschen, manchmal höre ich mit einem Ohr zu und fange Gesprächsfetzen auf, die mich verzaubern. Cafés ermöglichen auch eine tolerierte soziale Einsamkeit, die weniger schwierig zu ertragen ist, als wenn man zu Hause bleibt. Und andere Menschen zu sehen, die arbeiten oder so tun als ob, motiviert mich auch zum Schreiben.

 

BIO

Linda Bühler schloss 2024 ihren Bachelor am Literarischen Institut Biel ab. Ausgefüllt von Mutterschaft und Alltag, erforscht sie mit ihrem Schreiben die generationsübergreifenden Zusammenhänge zwischen Weitergabe und Abstammung – Themen, die ihr sehr am Herzen liegen. Außerdem unterrichtet sie. Allein oder mit AJAR* schreibt sie gerne in Cafés – zu Hause nehmen die Wäsche und das Alltagsleben zu oft überhand.

*AJAR : Association des Jeunes Auteurices Romand-e-s

Emmanuelle Bayamack-Tam | Le Pacha, Villejuif (Frankreich)

Foto: Alain Barbero | Text: Emmanuelle Bayamack-Tam | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

In  Cafés  zu  schreiben  ist  eine  besondere  Sinneserfahrung,  denn  jeder  Ort  besitzt  seine  sonore  Struktur,  seine  Gerüche und  sein  eigenes  Stimmengewirr,  das    Geräusch  der  Kaffeemaschine,  Gläser,  die  aneinanderstoßen,  Gespräche an  den  Tischen  drumherum,  die  Rufe  der  Wettenden,  die  das  Pferderennen  live  verfolgen … 
In Cafés zu schreiben ist manchmal der beste Weg, um den Puls einer fremden Stadt zu fühlen. Ich komme an, ich richte mich ein mit meinen Heften und meinem Computer. Es gibt Orte, wo man mich offen fragt, was ich da mache, andere, an denen ich mich willkommen fühle, ohne dass irgendetwas gesagt wird. An einem Tag fand ich mich mit Unbekannten singend in einer Bar in Cadiz wieder. Ich war bei einer Luftgitarren-Probe in einem Bistrot in Namur dabei — die Instrumente waren unsichtbar, aber ich habe die Musik dennoch gehört.
In Cafés zu schreiben, das heißt in die Stadt, ins Leben einzutauchen, ohne dabei auf das Alleinsein zu verzichten. 
Als ich „Ein Zimmer für mich allein“ wieder las, kam mir der Gedanke, dass ich diesen intimen Raum, den Woolf als Voraussetzung sine qua non für ihr literarisches Schaffen sieht, nicht brauchte, oder genauer, dass ich fähig war, diesen Raum da zu schaffen, wo ich bin. 
In Cafés zu schreiben bedeutet draußen zu sein, ohne aufzuhören drinnen zu sein.

 


Interview mit der Autorin

Wechselst du das Café je nachdem, ob du ein Buch unter dem Namen von Emmanuelle Bayamack-Tam schreibst, oder unter dem von Rebecca Lighieri? Welchen Platz nimmt Le Pacha ein? 
Emmanuelle Bayamack-Tam: Ich entscheide schon lange im Vorhinein, ob ein Buch unter meinem richtigen Namen oder unter meinem Pseudonym veröffentlicht wird, da diese Entscheidung die gesamte Arbeit am Text, seine Themen, seine Struktur beeinflusst. Bei Lighieri weiß ich in der Regel, wo ich hin will, die Handlung ist in Szene gesetzt und die großen Wendungen bereits geplant. Bei Bayamack-Tam tritt die Handlung sehr in den Hintergrund und ich arbeite eher auf poetische Weise. Die Energien sind unterschiedlich, auch der Schreibrhythmus. Dennoch schreibe ich in den gleichen Cafés, welcher Text auch immer gerade in Bearbeitung ist. Le Pacha ist das erste Café, in dem ich geschrieben habe, als ich vor 20 Jahren in Villejuif ankam. Natürlich werde ich ihm auch mal untreu, aber ich komme immer wieder zurück. Dies ist auch ein neuralgischer Punkt der Stadt, ein Ort, an dem sich Menschen aus allen Bereichen und Herkunftsländern kreuzen — manchmal sehr kaputte Menschen, die wissen, dass sie hier mit Menschlichkeit empfangen werden. 

Kann Literatur noch die Welt retten? 
EBT: Wenn die Literatur imstande wäre, die Welt zu retten, wüsste man das seitdem wir Gedichte deklamieren und Geschichten erzählen. Dennoch haben wir Grund, ihr Kräfte zuzuschreiben, denn noch ist sie ein Raum der Freiheit, ja sogar der Überschreitung. Schreiben und Lesen bedeuten zwangsläufig, das Anderssein zu erfahren, und diese Erfahrung ist wertvoll in Zeiten, die zu Intoleranz und ängstlichem Selbstrückzug anleiten, auf das was uns gleicht und in unseren Vorurteilen bestärkt. Als Autorinnen und Autoren haben wir die Möglichkeit und vielleicht sogar die Pflicht, die Randbereiche, die Räume des Widerstands zu erkunden, als auch die Gebiete, die es durch Fiktion, Poesie und Hinterfragen der Sprache zu verteidigen gilt. Anstatt die Welt zu retten, kann Literatur die Gesellschaft aufrütteln, sie zu mehr Bewusstheit und weniger Intoleranz führen. Allerdings darf das Buch kein Nischenprodukt sein, das einer gebildeten und kultivierten Elite vorbehalten ist …

 

BIO

Emmanuelle Bayamack-Tam wurde 1966 in Marseille geboren. Sie lebt aktuell in Villejuif. Seit 1996  veröffentlicht sie bei POL Romane und Theaterstücke, mal unter ihrem Namen, mal unter ihrem Pseudonym Rebecca Lighieri. Arcadie erhielt 2019 den prix du Livre Inter, und La Treizième Heure 2022 den prix Medicis.

Laure Mi Hyun Croset | L’Area, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Laure Mi Hyun Croset | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

L’Area for ever

Ich habe die Nacht immer geliebt. Ob ich nun bis spät in die Nacht lese oder nach einem verrückten Ausflug nach Hause komme, ich habe die Nacht schon immer geliebt.

Ich habe die Area dank eines Freundes entdeckt, Pascal Oïffer, der sowohl die mythischen Orte von Paris als auch die aufstrebenden kennt, denn ich glaube, er liebt das Leben, ist immer neugierig auf menschliche Aktivitäten und darauf, was Menschen bewegt, insbesondere Künstler, deren Universen oft dichter sind als die von Menschen, die weniger Zeit haben, ihre eigene Weltanschauung zu entdecken und auszudrücken.

Als Pascal mir also eine Nachricht schrieb, in der er mich aufforderte, ihn im L’Area zu treffen, weil es „der Ort sei, an dem man sein müsse, vor allem an einem Sonntagabend“, überzeugte ich den Freund, mit dem ich zu Abend aß, dorthin zu gehen. Seitdem ist diese Bar, in der Kunstwerke ohne Großspurigkeit nebeneinander stehen und auf der Speisekarte brasilianische und libanesische Gerichte stehen, als ob diese beiden Küchen von Natur aus miteinander vereinbar wären, zu meinem Stammquartier geworden, wenn ich in Paris bin.

Man trifft dort einen jungen Produzenten, eine Chanel-Muse oder einen schwulen ukrainischen Fotografen, vor allem junge Kreative. Eine echte Casting-Show mit wunderschönen Gesichtern und stilvollen Outfits! Aber was überrascht, ist, dass sie lächeln. Alle sind freundlich und höflich. Keine Arroganz, keine bedrohlichen Flirts, nur eine Art Nachtfamilie.

Es ist die Persönlichkeit des Chefs Edouard, die die fröhliche und inspirierende Atmosphäre dieses fast unwirklichen Ortes schafft, der durch seine Geselligkeit und die stilvollen Gäste besticht. Man bezahlt seine Getränke beim Verlassen des Lokals, denn es gibt jede Menge Freigetränke. Man sollte nur darauf achten, am nächsten Tag nichts vorzuhaben, denn es ist fast unmöglich, nüchtern und vor Schließung der Bar nach Hause zu kommen!

 


Interview mit der Autorin

Was kann Literatur bewirken?
Laure Mi Hyun Croset: Literatur ermöglicht es uns, unsere Vorstellungskraft zu entwickeln, für Schönheit empfänglich zu sein, uns dem Ernst des Lebens zu entziehen, dem Hier und Jetzt zu entfliehen, Empathie für Menschen zu entwickeln, die sich in einer ganz anderen Situation befinden als wir selbst, zu prüfen, ob eine Welt wünschenswert ist, oder uns im Gegenteil bewusst zu machen, was uns droht, wenn wir uns weiter treiben lassen.

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
LMHC: Für mich sind Cafés Orte, an denen man oft findet, was man sucht. Wenn man einen bestimmten Lebensstil zur Schau stellen möchte, wählt man einen luxuriösen oder angesagten Ort, aber man kann auch wegen der Gesellschaft, der Einsamkeit oder des Abenteuers dorthin gehen. Es sind Orte der Gemeinschaft, die man aber auch individuell wahrnehmen kann: um dem Lärm zu Hause zu entfliehen, das Leben in der Bar oder drum herum zu beobachten.

Wo fühlst du dich zu Hause?
LMHC: Ich kann mich überall zu Hause fühlen, manchmal sogar mehr in einem schäbigen Hotel als in meiner luxuriösen Wohnung. Ich fühle mich zu Hause, wenn die materiellen Dinge um mich herum meine Werte nicht beeinträchtigen und meine innersten Gedanken zum Vorschein kommen können.

 

BIO

Laure Mi Hyun Croset ist eine in Seoul geborene Schweizer Romanautorin und Mitglied des Parlaments der frankophonen Schriftstellerinnen. Sie hat acht Werke veröffentlicht, darunter S’escrimer à l’aimer, eine Liebesgeschichte in Briefform (Finalistin des Prix Lettres Frontière), Le beau monde, eine Gesellschaftssatire, erschienen bei Albin Michel (Finalistin des Prix Soroptimist). Polaroïds (Prix Ève de l’Académie Romande), eine Autofiktion über ihre Schamgefühle, und Made in Korea, ein Roman über die Rückkehr eines Adoptivkindes nach Korea, wurden bei Esoope Publishing ins Koreanische übersetzt.

Velibor Čolić | Chez Velibor, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Velibor Čolić | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Das Exil ist, laut Anthony Burgess, ein negativer Zustand. Der Exilant wird „sowohl von den Einheimischen als auch von seinen Landsleuten abgelehnt”. Weggehen, das bedeutet dennoch schon ein bisschen angekommen zu sein. Seit nunmehr dreiunddreißig Jahren ist Weggehen für mich nur eine zweite Haut, ein Langzeitabonnement für Frankreich. Ein schlecht geschnittener Anzug, der mich in einen Fremden verwandelt. Ich habe ständig das Gefühl, zwischen zwei Bahnhöfen, zwischen zwei Bahnsteigen zu sein, irgendwo auf irgendetwas zu warten.  Und doch ist nichts zu tun.  Exil, das ist der Staub, Exil ist der nasse Schwamm des Vergessens; Exil, das heißt überall einen Akzent zu haben, auch zu Hause. Exil, das ist weggehen und dann bleiben, eingeladen werden und dann bleiben, Dinge zu erfinden, ein ganz neues Leben,

und dann bleiben … Letztendlich bedeutet Exil: bleiben.

 

BIO

Geboren 1964 in Jugoslawien. Seit 1992 lebt und arbeitet er in Frankreich. 2008 beginnt er, auf Französisch zu schreiben, der Sprache seines Exils. Er veröffentlicht seine Romane im Gallimard-Verlag. Seine Bücher wurden in sechzehn Sprachen übersetzt. 2019 erhält er die französische Staatsbürgerschaft. Seit 2021 lebt er in Brüssel.

Angelo Vannini | Bistrot littéraire Les Cascades, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Angelo Vannini  | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Das Literaturcafé Les Cascades ist ein Ort, den ich sehr mag, weil ich hinter ihm ein politisches Projekt des Widerstands gegen die Gentrifizierung sehe, eine einfache und entschiedene Ablehnung der kapitalistischen Ausbeutung. Caroline, die Besitzerin, hält die Preise bewusst niedrig. Der Ort wird vor allem von Leuten aus der Nachbarschaft und von jungen Schauspielern frequentiert, die in einer Theaterschule gleich nebenan studieren. Für mich ist es ein wertvoller Ort. Auch wenn die Atmosphäre sehr lebhaft ist, schaffe ich es immer wie durch Zauberei, mich in meine Arbeit zu vertiefen: lesen, schreiben, übersetzen. Gibt es wirklich Grenzen zwischen diesen drei Tätigkeiten? Vor einigen Tagen las ich in Les Cascades und versuchte, die Gedichtsammlung eines in Tokio lebenden Freundes aus dem Japanischen ins Italienische zu übersetzen. Und ähnlich wie Fortini mit Brecht kamen mir Verse in den Sinn, die von seinem Schreiben inspiriert waren:

dato che fotografavi la bella crudeltà
con un filo di formicolio

rinasceva un senso di museo 
dopo Richter Pasolini Nakagami

cercando vicoli perduti
per la penisola di Kii

tutto il dolore del pensare
senza smalti né cammei ti fingo

ogni fine di genealogia
dal paesaggio non più mobile

da du die schöne Grausamkeit fotografiert hast
mit einem leichten Prickeln

wurde ein Sinn für Museen wiedergeboren
nach Richter Pasolini Nakagami

auf der Suche nach verlorenen Gassen
auf der Halbinsel Kii

all der Schmerz des Denkens
ohne Emaille und Kameen forme ich dich

jedes Ende einer Genealogie
aus einer Landschaft, die nicht mehr beweglich ist


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten?
Angelo Vannini: Du sagst „noch”, und ich frage mich, ob sie das jemals getan hat. Wahrscheinlich nicht. Aber ich kenne Menschen, die durch Literatur gerettet wurden, ich glaube, ich habe in meinem Leben mindestens drei oder vier davon getroffen. Das reicht mir.

Wie können wir angesichts der Lage in der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
AV: Das können wir nicht. Jedenfalls nicht „gemütlich“. Ich muss sagen, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr gemütlich tun kann, und vielleicht ist das auch besser so.

Wo fühlst du dich zu Hause?
AV: Nirgendwo. Aber ich komme langsam zu der Überzeugung, dass genau das vielleicht die eigentliche Voraussetzung dafür ist, irgendwo zu Hause zu sein. Lange Zeit habe ich in Worten gelebt, weil ich nicht in der Welt leben konnte; heute sehe ich, dass sogar Worte manchmal unbewohnbar werden. Das ist ein Glück. Denn genau das ermöglicht es uns, gerecht zu sein – oder zumindest danach zu streben –, ohne in dem einzuschlafen, was wir zu sein glauben. Weißt du, mit der Zeit habe ich gelernt, dass man auch mit den Augen schreiben kann, dass die Menschheit zugleich grausam und sanft ist und dass wir alle gleichermaßen – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für diese Grausamkeit und diese Sanftheit verantwortlich sind.

 

BIO

Angelo Vannini ist ein italienischer Schriftsteller, der in Paris lebt. Er ist Autor des Gedichtbands Fogli di sosta (2023), des Romans Stoffe da Shiga (2022) und der poetischen Meditation L’intermissione dei cigni. Cinquantanove giorni alla frontiera della letteratura (2017). Seine Theaterstücke, die er auf Italienisch, Französisch und Englisch verfasst hat, wurden in Mailand (La Triennale), Paris (Centre Pompidou, Panthéon, Mairie du 5e arrondissement) und New York (La MaMa Theatre) aufgeführt. Er leitet die Gedichtsammlung „la lumière obstinément” für den italienischen Verlag Affinità elettive.

Serge Deruette | Le Ropieur, Bergen (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Serge Deruette | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Das Bistrot Le Ropieur auf dem Grand-Place von Mons, aber an einer Ecke. Oder wenn man will, auch an einer Ecke, aber auf dem Grand-Place. Im Herzen der Stadt, aber etwas abseits. Einfach und diskret: das Antidot zum hochtrabenden und pharaonenhaften Bahnhof von Mons. Zufluchtsort einer bunt gemischten Fauna, bescheiden und urwüchsig zugleich. Ein Schlupfwinkel für Künstler, Faulenzer, Schwätzer, Studierende, Mann und Frau, Jung und Alt, die alle miteinander verkehren und sich vermischen. Und von morgens bis abends gehört „der Mann mit dem Hut voller Federn und den Sandalen voller Zehen“ zum Inventar. Kupfertische mit seinen eingravierten Zeichnungen, sowie denen von Poliart und anderen lokalen Künstlern. Auch ein Wandgemälde von Marat. Der Geist von Batia schwebt hier: Batia moûrt soû (tot betrunken – „Das trunkene Schiff“, im guten Französisch Rimbauds), die Satire-Zeitschrift der Gegend!
In Mons ist es mein „Stamm-Café“. Ein Schlupfwinkel ohne allzu viele Markierungen, wo alles auch sein Gegenteil ist. Man findet sich dort unter Kumpeln wieder und man findet sich selbst. Wenn man dort zufällig jemandem begegnet, der in der Nachbarschaft sitzt, begegnet man sich selbst. Sich dort einzuschließen ist eine Befreiung. Ein Ort ohne Überraschungen, aber nicht ohne Entdeckungen. Man hat hier seine Gewohnheiten, doch sind sie immer mit dem Unvorhergesehenen besiedelt, so dass es zur Gewohnheit wird, dort auf das Unvorhergesehene zu warten.
Raum der Ruhe schafft Unruhe, aus reger Betriebsamkeit wird Gelassenheit; man geht hinein, um besser herauszukommen, aus sich selbst und aus der Routine. Man setzt sich dort hin, lässt alles sich setzen, setzt sich aus. Und wenn man dort Ideen austauscht, dann um die eigenen zu verfeinern – obwohl … Man tankt dort Energie, aber nicht mit Wasser: man berauscht sich. Und wenn man benommen wird – manchmal, oder oft, je nachdem –, dann schwebt man auch.
Und dann gibt es den Orval – keinen gelagerten*, übertreiben wir nicht, der ist sehr schwierig zu finden –, aber wenigstens den gut temperierten, wie es für diejenigen, die das zu schätzen wissen, sein muss. 

* l’Orval vieux, der Orval – spezielles, auch teureres Bier, das mindestens 6 Monate, bis zu 20 Jahren gelagert wird.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung hat Geschichte für dich?
Serge Deruette: Normalerweise würde man antworten, dass sie hilft, die Gegenwart zu verstehen. Aber welche Geschichte? Die der „großen Männer“ oder die der breiten Masse? Und welche Gegenwart? Die der guten Werte, so befriedigend für die Demokratie (welcher?), der Freiheit (für wen?), der Menschenrechte (welche und für wen?) …, oder die  der Machtverhältnisse, der Gewalt, der Unterdrückung, der Kriege, die diese guten Werte umso mehr verdecken, je lauter sie beschworen werden 

Und die Geschichtslehre?
SD: Unterrichten bedeutet für mich, meine Studenten dafür zu rüsten sorgfältig zu sein, nicht Intellektuelle, die über allem, sondern im Dienste der Massen stehen. Zeigen, dass Geschichte nicht die der Werte noch der Ideen ist (mein Kurs über die Geschichte des politischen Denkens ist einer der Geschichte der materiellen Bedingungen, ihrer Emergenz und ihrer Evolution), sondern die der Klassen und ihrer Kämpfe untereinander.

Wo fühlst du dich zu Hause?
SD: In der Welt der einfachen Leute, die der Armen und Unterdrückten, die Welt, aus der ich komme und der ich treu bleibe. Im Kampf um eine bessere Welt, die der Arbeitermassen, und in der Solidarität mit den Völkern, die man niederschlägt, unterdrückt und demütigt. 

 

BIO
Serge Deruette geboren und aufgewachsen in La Louvière, Arbeiterstadt im belgischen Kohlebergbau-Gebiet. Er lehrt an der Universität von Mons (UMONS) Zeitgeschichte und Geschichte der politischen Ideen, und zwar als resilienter Kritiker des Mainstream-Denkens: Geschichte aus der Perspektive von unten/ der unteren Schichten, die der Arbeitermassen, die sie schreiben. Er trägt auch dazu bei, die Ideen von Jean Meslier bekannt zu machen, diesem guten atheistischen Priester, Materialisten, Kommunisten und Revolutionär aus den Anfängen der Aufklärung.