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Raoul Eisele | Café Weingartner, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Raoul Eisele

 

im Café beschreibst du deine Vorstellung von Liebe, sagst ne m’oublie pas

du erzählst vom Takt der Wählscheibe, vom
Wählton und diesem immer wiederholenden
Auflegen, als du versuchtest den Mut zu finden
anzurufen; es klingelte einmal, zweimal
und du den Hörer wieder auflegtest, du immer
wieder deine Finger auf die Zahlen, diese
kleine Scheibe legtest, sie ans Ende schobst
sie zurückschnellte, es klackerte, es tönte und
dein erneutes Auflegen, Aufheben des Hörers
und wir an der Caféhauswand Telefon lasen, wir
die Tür zu einer anderen Zeit, zu einer anderen
Welt öffneten, den Hörer ans Ohr gelegt, den
Hörer hielten, der uns keine Geschichten mehr
erzählt, er ist stumm, kein Ton, kein Anschluss
am Ende der Leitung, keine Stimme, kein
Wort ihrer Schönheit, die man sich an manchen
Tagen, die man sich manchmal wünschte;
wie gerne würde man sie hören, diese
erste Liebe, dieses erstmalige Verliebtsein und
dieses Kribbeln im Bauch, dieses Krabbeln der
Schmetterlinge, sagst papillon, sagst
coup de foudre und ich denke an meine
erste Liebe, die bleibt einem im Herzen
stecken, bleibt als Knötchen zurück oder
der erste Kuss, dieses fast kindliche Lippe an
Lippen ohne je darüber nachgedacht zu haben
und man später nach einem gemeinsamen Kaffee
nach einem Bier fragt, wenn die Hemmschwelle
gesunken, die Nervosität etwas in den
Hintergrund gerückt und dem in die Augen
schauen, kein hastiges Wegzucken folgt, kein
Suchen an Wänden, an Böden des Cafés
wenn sich die Füße unter dem Tisch berühren
und man dieses Bauchgefühl wiedererlangt, dieses
Lächeln, Zucken der Finger an der Wählscheibe
als man versuchte den Mut zu finden, ihr zu sagen
dass man sie mag, dass man sich gerne mit ihr träfe
den Hörer wieder auflegte, den Hörer viel zu oft
in der Hand, ohne je und je etwas zu sagen, zu sagen: man sei verliebt

 


Kurzinterview mit dem Autor

 

Was bedeutet Literatur für dich?
Raoul Eisele: Literatur ist Sprache und Sprache ist alles, was der Mensch je wusste und erlebte. Somit ist alles Geschriebene ein notwendiger Teil des menschlichen (Über)Lebens – ohne diesen hätten wir nichts, woran wir uns orientieren, woran wir festmachen könnten, was, wo und wann geschah, wüssten nichts über unsere Vergangenheit, über uns selbst. Es sind Geschichten, Gedichte und Schriften, die wir heranziehen, um eine vergangene Welt nachzuempfinden, um Gefühlen Ausdruck zu geben, sie erneut zu durchleben und aus ihnen zu lernen. Literatur ist somit ein Ausleben und Ausprobieren, ein Aufzeigen und Aufmerksammachen auf Missstände, sowie ein Erforschen des eigenen Innenraums, um sich und seine Umwelt besser zu verstehen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RE: Kaffeehäuser waren für mich lange Raum der Entfaltung, der Ruhe und des gleichzeitigen Umtriebs, einem Flanieren gleichend, Menschen Kommen und Gehen sehen, sich Auszutauschen. Mittlerweile haben Kaffeehäuser für mich etwas an Raum verloren – heute sind sie mir viel seltener Arbeitsplatz oder Inspirationsraum.

Warum hast du das Café Weingartner ausgewählt?
RE: Es war eines der ersten Kaffeehäuser, die ich noch vor meiner Wien-Zeit kennenlernte – es war also irgendwo der Anfang meiner Kaffeehaus-Liebe.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RE: Allerlei Aktivitäten mit Menschen, die mir wichtig sind, aber auch viel ganz für mich allein wie Lesen, Schreiben, die Arbeit am Theater, sofern dies denn gerade möglich ist.

 

BIO

Raoul Eisele, geboren 1991, wohnhaft in Wien, studierte Germanistik und Komparatistik. 2017 debütierte er mit seinem Lyrikband „morgen glätten wir träume“, Graz: Edition Yara. 2021 erscheint sein Lyrikband „einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“, Berlin: Schiler&Mücke.
2019 wurde er mehrfach preislich ausgezeichnet und erhielt 2020 das Startstipendium für Literatur der Stadt Wien, sowie eine Residency im Salzburger Künstlerhaus. Im Herbst 2021 ist er Stadtschreiber in Stuttgart. Seit 2020 ist er, neben Martin Peichl, Mitbegründer der Lesereihe „Mondmeer & Marguérite“.

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Sophia Fritz, Café Schwesterherz, Café, Köln, Cologne

Sophia Fritz | Café Schwesterherz, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Sophia Fritz, Auszug aus „Neue Männer, alte Löcher“

 

Betrunken hat sie mir die fünf häufigsten Gedanken aufgezählt, die sie hat, wenn er in sie eindringt, und ihre Top One ist der Gedanke an den Blumenstrauß auf dem Schreibtisch und wie sie versucht, den Blickkontakt mit der Vase zu halten. Wir haben neue Wörter dafür erfunden.
Wir sagen Würstelbox, wir sagen Freigetränk, wir sagen Schlupfwinkel, wir sagen Fingerfood, wir sagen Aschenbecher, wir sagen Comfort Zone, wir sagen Sommerloch, wir sagen Weinkeller.
Wenn sie von ihrem Freund erzählt, dann nur, dass sie nicht wirklich miteinander kommunizieren, dass sie nur tröpfeln, dass sie sich nur manchmal in einander kippen, dass sie sich ab und zu mischen und das dann Einheit nennen.
Sie sagt, dass sie ihm in den letzten sieben Jahren für alle Entscheidungen die Schuld gegeben hat, dass sie ihn zum Täter und sich zum Opfer gemacht hat und dass es so schwierig ist, aus den Rollen rauszukommen, die kein Rollenspiel mehr sind und dass man eine Beziehung vielleicht beenden sollte, wenn es keine Begegnung auf Augenhöhe mehr geben kann.
Sie sagt, sie hält nicht viel von Vorsätzen, aber dass sie nächstes Jahr mutig genug sein wird, um eine Strichliste für die schwachen Momente anzulegen und sie dann an der Kühlschranktür zu befestigen, und ich möchte ihr die Striche um den Bauchnabel malen, ich möchte sie fragen, ob sie dich ab und zu mit einem EXIT Schild verwechselt oder mit einem Aufenthaltsraum, ob sie manchmal vor den Erfrischungsgetränken steht und an dich denken muss, ob du genau eine Playlist hast oder ob du immer wieder verschiedene anlegst, ob du ein Lied hast, zu dem du immer in jemanden eindringst, ob wir dir manchmal gleichzeitig schreiben, ob ich auch meine Finger an der Innenseite ihrer Oberschenkel, ob ich ihr auch das Kleid hochschieben darf.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Sophia Fritz: Literatur ist für mich Gefühl und Berechnung, und mein bestmöglichster Versuch, die Welt in Ordnung zu finden. Durch Literatur kann man die innere Gefühlswelt zum Freilichtmuseum machen.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SF: Cafés sind für mich wie liebe Nachrichten von Freunden, die nicht auf eine Antwort warten. Orte, die einen gut aushalten können, bestenfalls Orte, in die man absichtslos kommen darf.

Warum hast du das Café Schwesterherz ausgewählt?
SF: Weil ich den Namen so mag, und seine Bedeutung. Weil ich Schwesterlichkeit und Liebe liebe.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
SF: Ich schreibe an meinem Küchentisch weiter. Ich mache eine gute Bolognese und schaue aus Zugfenstern auf Feldwege.Ich genieße die Schwimmbadschwere nach dem Schwimmen.

 

BIO

Sophia Fritz, geb. 1997 in Tübingen, ist Studentin an der HFF in München, Abteilung Drehbuch. Vor ihrem Studium arbeitete sie ein Jahr lang in einem Waisenhaus in Bolivien und ließ sich anschließend zur Sterbebegleiterin ausbilden. Ihr dritter Roman erscheint im März 2019 im Herder- Verlag. Seit Juni 2019 ist sie unter Vertrag bei der Röll Literaturagentur. Momentan ist sie für die Arbeit an zwei seriellen Unterhaltungsformaten unter Vertrag.

 

 

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Manuela Bibrach | Café Enjoy, Bischofswerda

Foto: Alain Barbero | Text: Manuela Bibrach

 

Ich habe das Gehenlassen geübt
an jungen Vögeln an Katzen
in weißen Räumen im scharfen Geruch
von Desinfektion
einmal zertrat ich eine sterbende Maus
nach Tagen noch spürte ich
ihren Körper unter meinem Schuh
eine sanfte Wölbung
über die ich beim Gehen abrollte
und die verletzte Schlange
deren Kopf ich zertrümmerte
liegt sicher noch heute in der Wiese
auf die ich sie trug
ein filigranes Skelett
es ist nicht so
dass ich mich daran gewöhnte
ich lernte es nicht
wie all die anderen stummen Vokabeln
des Lebens eine blutige Anfängerin
werde ich sein
im letzten Moment
wer hätte den Mut mich hinüber zu tragen
und wer das Recht es zu tun

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Manuela Bibrach: Ich liebe dich so wie das Salz in der Suppe, sagte die Prinzessin und wurde vom König aus dem Schloss geworfen, weil er den Wert des Salzes nicht hoch genug einschätzte. Ich kann den Wert von Salz ermessen und sagen, dass Literatur mir ebenso wichtig ist wie dieses.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MB: Cafés ziehen mich an, weil mich das Hintergrundrauschen der Gespräche der anderen Gäste öffnet und inspiriert. Ich nutze Cafés für die einsame Arbeit am Text und für den Austausch mit anderen Autor*innen. Während meines Literaturstipendiums in Breslau 2018 saß ich am liebsten im „Literatka“ und arbeitete an meinem Manuskript. Echte (Wiener) Kaffeehauskultur kann man hier allerdings nicht erleben, das bleibt für mich ein nostalgischer Traum.

Warum hast du Café Enjoy ausgewählt?
MB: Das Café Enjoy in Bischofswerda ist eines der Cafés, in denen ich mich öfter mit anderen Autor*innen treffe. Ich wähle meine Cafés nach mehreren Kriterien aus: exzellenter Espresso, nicht zu laut, nicht zu leise, keine Häkeldeckchen auf den Tischen. Im hinteren Bereich des enjoy ist es dunkel und geheimnisvoll und man kann phantastische Cocktails genießen.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MB: Wenn ich nicht im Café bin, findet man mich aktuell schreibend und lesend zu Hause am Rechner, im Gespräch mit einem meiner Kater oder im Wohnmobil und auf Entdeckertour mit meinem Liebsten.


BIO

Sie stammt aus Dresden und ist Dipl.-Ing. (FH) für Landschaftsnutzung und Naturschutz, Vertiefung Umweltbildung und –psychologie. Sie schreibt, seit sie schreiben kann, vor allem Lyrik und Kurzprosa. Vor circa dreizehn Jahren ging sie mit ihren Texten das erste Mal an die Öffentlichkeit, seitdem gewann sie vier Literaturpreise und bekam von der Sächsischen Kulturstiftung Sachsen ein Literaturstipendium in Breslau finanziert. Sie ist bisher dreizehn Mal umgezogen und lebt jetzt in der Oberlausitz. Für die täglichen Brötchen arbeitet sie als Texterin.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Klaus Berndl, Café Steinecke, Café, Bistrot, Berlin

Klaus Berndl | Café Steinecke, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Klaus Berndl

 

Es könnte auch anders sein. Wäre es 1312, dann wüchse hier struppiges, stachliges Gras, dann wäre, was hohle Holzdekoration ist, ein heller Birkenhain, und jene drei Handwerker da drüben, in Arbeitshosen, wären Bauern, und sie sprächen hevellisch und nicht polnisch, und sicher säßen wir zusammen, denn man sitzt zusammen, 1312, man isst zusammen, damit man einander nicht umbringt, denn die, mit denen man speist, tötet man nicht. Die drei gehen, lassen eine Tasche stehen – dass würde ihnen 1312 nicht passieren; ich rufe ihnen hinterher.

Ich könnte auch die Frau da drüben sein, Mittvierzigerin: Dann wäre ich dick geschminkt – fast schon maskiert – und ich wöge wohl doppelt so viel und streckte den Arm viel behäbiger zur Tasse, als ich es tue, nähme einen Schluck, spülte mit dem Kaffee den Mund, setze die Tasse wieder ab und läse weiter: Einführung in die Betriebswirtschaftslehre. Ein paar Sätze, dann kommt meine Verabredung: Meine Tochter? Nein. Wir begrüßen uns aber mit Umarmung, sie setzt sich, wir plaudern, und dann schiebe ich ihr einige Medikamentenschächtelchen zu, lege den Finger auf die erste und erkläre – wie lang mein violetter Nagel ist! – dann auf die nächste, und sie nickt. Ich weiß genau, sie wird es sich nicht merken. Doch es sind keine Beipackzettel darin, in diesen Schachteln ist anderes als draufsteht.

Wäre es 2312, wäre hier wieder Wiese, Stille – kein Vogel, keine Fliege – und ich säße auf einer steinernen Rundbank, die Teil des Denkmals wäre für jenes längst vergessene Attentat von 2020 – geblieben davon wäre nur ein kleiner Park, ein Aussichtspunkt, über den die schiffgroßen Wolken gemächlich trieben, trudelten – die Palmenzweige über mir raschelten rauh, und da träte ein bleicher Mann auf den Rasen, hager. Er käme direkt auf mich zu, raschen Schrittes. Fixierte mich.

Es könnte auch anders sein, wo- oder wannanders. Es könnte gar nichts sein. Ich könnte schweigen.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für Dich?
Klaus Berndl: Literatur ist die einzige Form der Kommunikation, die wirklich sinnvoll ist. Nur hier kann man etwas so sagen, wie man es wirklich sagen will, und also alles zum Ausdruck bringen, was man ausdrücken möchte. Nur diese Kommunikation ist wirklich vollständig; nur sie bereitet wirklich Freude.

Welche Bedeutung haben Cafés für Dich?
KB: Wärme. Ruhe. Kaffee, Kaffeeduft. Und lauter Menschen, die einen in Ruhe lassen: Ruhebänkchen im Würfelspiel des Lebens. Orte des Seins. Orte.

Sein.

Warum hast Du das Café Steinecke ausgewählt?
KB: Für die meisten Gäste ist es kein Aufenthaltsraum, sondern Treffpunkt zwischen S-Bahn-Station und Baumarkt. Hier trifft man sich, holt man sich ab, hier handelt man etwas aus. Niemand bleibt hier lange. Niemand hebt den Kopf und sieht die Schönheit dieses Raumes: diese Höhe, diese Kopffreiheit; eine Ahnung der Unendlichkeit. Hier sieht man die Sonne im Norden untergehen.

Hier bleibe ich unbemerkt. Hier bin ich sicher.

Was machst Du, wenn Du nicht im Café bist?
KB: Ich denke, dann bin ich auch.

 

BIO

1966 geboren in Mayen, aufgewachsen in Bayern, lebhaft in Berlin. Spätantike, Frühmittelalter. Hoch- und Spätmittelalter. Frühneuzeit. (18. Jahrhundert). 20. Jahrhundert. (Gegenwart)
www.klausberndl.de  www.wortrandale.de  www.889fmkultur.de

Feindberührung: Hamburg, 2004. (Hg.) Wenn im Norden das Licht schmilzt: Tübingen, 2020. Der Brand: Berlin, 2022. Martha-Saalfeld-Preis, Agatha-Christie-Preis usw., Burgschreiber zu Beeskow 2016.

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Christian Szabo | Verse Toujours, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Christian Szabo (Christone), Auszug aus dem Lied „It’s up to you“ | Übersetzung aus dem Französischen: Iris Harlammert

 

They just go to work endless hours a day
Without givin’ a damn, it’s not their way.
Bein’ indifferent, they won’t even try,
Watchin’ life is just passing by.

But you, you had a dream once.
So make it come true.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Christian Szabo: Meine Mutter ist Professorin für Literatur, so ist das Schreiben für mich immer präsent gewesen, von frühester Jugend an bis heute. Als Musiker betreibe ich eine bestimmte Form des Schreibens mittels der Texte und meiner Lieder, die ich auf Englisch schreibe.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
CS: Sie sind untrennbar mit Büchern verbunden. Ich suche gerne Cafés auf, um mich in ein Buch zu vertiefen. Ich reise viel und das Erste, was ich mache, wenn ich in einer Stadt ankomme ist, mir mein Café zu suchen, wie eine Oase. Wenn ich dorthin zurückkomme, finde ich meine Orientierung wieder, bin bekannt wie ein Stammgast. Ein „home away from home“. Die ersten Erinnerungen an eine Stadt sind oft die Erinnerungen an ein Café. Die Erwähnung von Salzburg zum Beispiel erinnert mich an das, was ich in den Cafés dort gehört habe.

Warum hast du das „Verse Toujours“ ausgewählt?
CS: Das ist mein Stammcafé, der Ort wo ich jeden Tag hingehe. Ich mag die Dekoration, typisch für die französischen Cafés mit ihren Referenzen an das Kino und an die Literatur. Ein echtes Café des Viertels an der Ecke meiner Straße, in einem der liebenswerten Ecken von Paris in der Nähe des Jardin des Plantes. Die Kellner kennen mich gut, ich bin sehr lokalpatriotisch im 5. Arrondissement.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
CS: Ich gebe Konzerte und zwischen den Konzerten reise ich und finde andere Cafés.

 

BIO

Christian Szabo hat immer davon geträumt Musik zu machen. Seine Leidenschaft hat ihn auch nicht verlassen, als er sich mit einem Diplom in Ökonomie in der Tasche in Monaco niedergelassen hat. In Paris hat er – unter dem Namen Christone – begonnen Konzerte zu geben. Als Liebhaber des Reisens nimmt er seine Musik immer mit, nach Brasilien, Spanien und Indonesien, er ist immer am Spielen, immer am Schreiben. Sein Song „Another Chance“ hat große Beachtung gefunden, seitdem nimmt er mit Defy Records in New York  auf. Neue Veröffentlichungen stehen unmittelbar bevor.

https://www.christonemusic.com/

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Ron Winkler, Ocelot, Café, Bistrot, Berlin

Ron Winkler | Ocelot, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Ron Winkler

 

Erratum

Ich muss das noch mal sagen: Die Füllmenge muss ein Roman sein, wenn nicht ein Gedicht. Deswegen hab ich all die Kommas bei mir, diese Regentropfen der Grammatik. Eine Tram fährt vor fürs Militär. Brauchst du einen Beleg dafür? Eine Tüte oder eine Geste, die das Überleben überlebt? Voller Sätze, die etwas unterhalb von hundert Grad durch die Tankmaschine müssen. Alle, die hereinkommen, blättern etwas um, fragen sich nach einem Namen. Ich hatte auch so ein Dynamitfahrrad, wie es vor dem Laden steht, der Handlung, dem Café. Das Fenster zwischen ihm und mir blüht ganztags Menschen ab, während ich in mein Notizbuch flirre (auf der einkommenssteuerabgewandten Seite meines Lebens). Ich muss das noch mal sagen. Die Welt (das Leben) ist das Cover zu diesem Ort (dem Leben). Und das Kaffeemehl sind alle einzelnen Sekunden, die ich hier gewesen, hier geworden bin. Ich stehe im Impressum: als das Material, Bezugsgröße für die durch Blumen geehrte Vase auf dem Tisch. Den es nicht gibt, den Sachverhalt, den fülle ich aus. So lexikalisch, wie ich bin. Mit Totenflecken, glaube ich. Vielleicht auch Koffeinextraktgestirnen im Kraftfeld der Achillesvase. Brennpunkten, zu keinem Text versammelt, zu keiner ozelotischen Geschwindigkeit. Eine Hitze weidet in der Stadt, mindestens zehntausend Seiten stark. Heu mit vielen Buchstaben: Weinbergspark. Eine Minute hier besteht aus zwanzig Bäumen, die ich nicht noch einmal sage. Bäume, die viel vorrätiger erscheinen als ich, viel draußener als ich, viel parkiger als ich. Aber ich kann gut desinfiktionalisieren, mich. Und bekomme trotzdem auf die Lippen: von den Bienenschwärmen aller Bücher. Von den Ganglien. Von den als Wort verpackten neuartigen Momenten. Die etwas vorahmen, ausrahmen, umahnen. Manchmal etwas Dreck einfahren ins Zentrum allen Feinpapiers. Das ziehe von der Steuer ab. Das tilge aus den Kommata. Das wünsche deinen ärgsten Schreibblockaden.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Ron Winkler: Oh.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RW: Sie können mich vor dem eigenen Apartment retten. Im Café erlege ich mir etwas Fremdes auf, andere Energien, Stimmen. Und die spezielle Nötigung durch andere Menschen. Ich kann begegnen oder nicht. Ich kann auf Poesie stellen oder versuchen, mich eine Zeitlang ihrer Mechanismen zu entledigen. Reboots sind essentiell.

Warum hast du das Ocelot ausgewählt?
RW: Wegen der Nähe und der Expertise, wegen Charme und Atmosphäre. Weil hier das Wahre, Schöne und Brillante eine Heimat ist und hat. Weil das Licht gut ist, die Balance zwischen der Ruhe dieses Ortes und all den äußeren Immissionen ausgeglichen. Wegen der Wärme der Familie: Maria, Ludwig, Jane, Eva, Magda, Lia, Alex, Hannah, Julia und Cecilia.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RW: Kind und Schach und Einkaufen und Bücher. Anregung und Unruhe aufstöbern. Gründe überlegen, ins Café zu gehen.

 

BIO

Ron Winkler, 1973 in Jena geboren, schreibt und übersetzt vor allem Gedichte. Herausgeber zahlreicher Lyrikanthologien. Seine Gedichte wurden in über fünfundzwanzig Sprachen übersetzt. In Mexiko, der Ukraine, England und der Slowakei erschienen Auswahlbände.

www.ronwinkler.de

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Adrian Kasnitz, Traumathek, Café, Bistrot, Köln

Adrian Kasnitz | Traumathek, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Adrian Kasnitz

 

„Im Raben werden Filme gezeigt“, sagte Freisenberg.
„Was für Filme?“
„Weiß nicht genau. Von Studenten der Kunsthochschule.“
„Wann denn?“
„In einer halben Stunde.“
Bender hörte es knacken. Freisenberg legte auf und rannte die Treppe hoch. Kaum hatte Bender aufgelegt, stand Freisenberg in der Tür, rief: „Bist du endlich fertig?“
Er schickte seine Gedanken zum Fenster und ließ seinen Unikram liegen, das französische Buch und die Mitschrift einer Vorlesung, die er an diesem Abend ins Reine schreiben wollte. Aber dazu würde es nicht mehr kommen.
Sie gingen geradewegs zu ihren Rädern, die vor dem Haus standen, schwangen sich auf und fuhren, ohne auf Verkehrszeichen oder Ampeln zu achten, Richtung Weiher und dann Richtung Rudolfplatz. Sie stiegen ab, ketteten die Räder an eine Laterne und reduzierten ihre persönliche Geschwindigkeit. Sie musterten sich gegenseitig, achteten auf Frisur und Kleidung des anderen, fuhren sich durchs Haar, klopften sich ab, wischten die Stirn, verschnauften. Dann ging die Tür auf, sie standen im Café Rabe. Das Licht war dämmrig, der Raum verraucht.

Aus: Studentenroman (unveröffentlicht)

 


Kurzinterview mit dem Autor 

 

Was bedeutet Literatur für dich? 
Adrian Kasnitz: Literatur ist immer ein Eintauchen in eine fremde Welt, in eine andere Perspektive. Es ist für mich die erotischste Kunst, denn alles was in Literatur passiert, passiert im Kopf, in der Phantasie. Hier ziehen sich nicht nur zwei Menschen an, sondern alle Dinge sind miteinander verstrickt, berühren sich und stoßen sich ab.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AK: Ich gehe oft ins Café. Cafés sind Arbeitsorte für mich. Gar nicht so sehr, dass ich hier schreibe. Dafür treffe ich hier Leute, manchmal Freunde, oft aber Kollegen, Journalisten, Fotografen. Die Wohnungen in Köln sind klein, gar nicht vergleichbar mit den Wohnungen, die ich an anderen Orten gesehen habe. Das Wohnzimmer der Kölner ist manchmal die Kneipe, manchmal das Café. Für mich ist das Café der repräsentative Ort, der meiner Wohnung fehlt.

Warum hast du die Traumathek ausgewählt?
AK: Lange Zeit bin ich in ein Café in der Nachbarschaft ein- und ausgegangen. Das hat aber in den letzten Jahren seinen Charme verloren. Ich mag das Café in der Traumathek, die ja ursprünglich eine Videothek ist und in letzter Zeit auch immer mehr ein Programmkino und ein Veranstaltungsort geworden ist. Die Plakate beschwören die Welt der alten französischen oder italienischen Filme herauf, die ich als Jugendlicher spät abends mit meiner Mutter schaute, wenn sie keinen Nachtdienst hatte und nicht schlafen konnte.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
AK: Ich mag lange Spaziergänge, Stadtspaziergänge in andere Stadtviertel, kleine dérives an Orte, die ich noch nicht gut kenne und die ich manchmal überrasche.

 


 BIO

Adrian Kasnitz, an der Ostsee geboren und in den westfälischen Bergen aufgewachsen, lebt seit vielen Jahren in Köln. Er veröffentlichte zuletzt den sechsten Teilband des Gedicht-Zyklus Kalendarium in der parasitenpresse und den Roman Bessermann im Launenweber Verlag.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Johanna Hansen, Petit Rouge, Café, Bistrot, Düsseldorf

Johanna Hansen | Petit Rouge, Düsseldorf

Foto: Alain Barbero | Text: Johanna Hansen

 

Schönheitspflaster an diesem Abend
sind ein Dutzend Austern.

Dabei glaubt sie, entweder zu gefallen
oder parfümiert unter den Armen die Zügel zu halten
von Behauptungen, durch die kein Weg führt,
der länger ist als eine Erwähnung.

Um den Hals das Perlencollier.
Das muss der Neid ihr lassen.

Sie hat schlanke Beine an ihrem Platz,
die jedes Mal ankommen.
Klappert mit Absätzen, Blockabsatz
an Stiefeln, an Tischbeinen,
unter Kronleuchtern.

Ihr gegenüber gibt er den Schnellkurs im Schulterzucken,
zieht einen Vorsprung aus dem Nichts,
will alles im Griff haben, während sie versucht,
mit den Augen zu atmen,
ohne den Überblick zu verlieren.

Sie servierte gern Sommer auf weißem Porzellan.
Den ganzen Sommer.

Was so ein Wunsch ist: nichts soll verloren gehen.
Nicht das Abendetui.
Auch nicht vertrautes Kopfschütteln.
Wie es sich anfühlt, dabei ertappt zu werden,
wenn das Herz in den Mund schwappt.

Mit geübtem Blick bringt sie im Spiegel hinter der Bar
ihre Zunge auf Hochglanz.

Da passt sie wie eine zweite Haut.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Johanna Hansen: Eine freie Fläche fürs Flanieren der Gedanken. In jeder Lebenslage. Ganz besonders bei Schlaflosigkeit. Ratlosigkeit. Auch Trost und Erkenntnisgewinn. Muße. Vor allem aber: Herzraum. Mundraum. Luftraum.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JH: Sie spielen keine große Rolle mehr für mich, seitdem die Kaffeehauskultur, in der ich aufwuchs, um mich mit Freunden über alles und nichts auszutauschen, an so vielen Stellen und nicht nur in meiner Stadt verschwunden ist zugunsten von Coffee to Go Ketten.

Warum hast du Petit Rouge ausgewählt?
JH: Das Petit Rouge war die ideale Verbindung von Kaffee, Kuchen und Bistroküche, Chansons und origineller Malerei. Ein feiner, intimer Raum direkt um die Ecke, den ich gern aufsuchte, wenn ich Lust auf einen kurzfristigen Tapetenwechsel oder ein zwangloses Treffen zwischendurch hatte. Leider hat dieses kleine ungewöhnliche Café den Lockdown nicht überlebt. Das bedauere ich sehr.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
JH: Tagsüber verbringe ich Zeit im Atelier, male oder schreibe, in den Pausen erhole ich mich bei Spaziergängen am Rheinufer, lese, abends schaue ich fern und ins Facebook und tauche immer mal wieder mit Kopfhörern bei youtube vor allem ins Musik-und Literaturprogramm ab. Außerdem organisiere ich meine Arbeit und kümmere mich um die Alltagsdinge. Ab und zu lade ich Freunde nachhause ein. Kurzausflüge zu Lesungen, Ausstellungen und anderen Kulturveranstaltungen kommen auch vor und bringen weitere Farben in mein Leben.

 


BIO

Kindheit am Niederrhein. Studium der Germanistik und Philosophie in Bonn. 1. und 2. Staatsexamen. Zunächst Journalistin und Lehrerin. 1991 Beginn der künstlerischen Tätigkeit.
Autorin und Malerin. Seit 1993 zahlreiche Ausstellungen, seit 2008 literarische Veröffentlichungen. Zuletzt: „Zugluft der Stille“, Edition offenes Feld 2020, 2019 Postpoetry-Preis NRW

Seit 2013 Herausgeberin der Literaturzeitschrift WORTSCHAU.
www.wortschau.com

In Zusammenarbeit mit Musikern, Komponisten und Videokünstlern entstanden Performances, Poesiefilme und spartenübergreifende literarische, musikalische und bildnerische Projekte.

www.johannahansen.de

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Dominique Zay, Ad'hoc Café, Café, Bistrot, Amiens

Dominique Zay | Ad’hoc Café, Amiens

Foto: Alain Barbero | Text: Dominique Zay | Übersetzung aus dem Französischen: Iris Harlammert

 

Ein Foto, das uns angeht, das uns befragt, das uns auffordert, eine Emotion zu erleben – und wir haben die Wahl. Landschaften in Gesichtern, hier und anderswo, draußen früher oder später in einer Bar, ein Foto verströmt sowohl Stimmungen als auch Stille, die Unruhe als auch die Ruhe.
Dies ist eine Zauberei, die die Zeit anhält, um die Bewegung besser feiern zu können und die den Bruchteil einer Sekunde in Ewigkeit verwandelt.
Die Farben beneiden Schwarzweiß und nehmen uns mit auf eine Reise in Bildern. Obwohl sich nichts mehr bewegt, verändert sich alles. Die Welt ändert sich, wenn der Blick verweilt und – spürbar – wir ebenso.

 


Interview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Dominique Zay: Ein Fenster, eine Lichtquelle, Widerstandskraft …

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
DZ: Ein anderes zu Hause, wo ich Gast bin. Und außerdem eine großartige Show, bei der ich die Leute beobachte, ich erfinde ihnen Drehbücher des Lebens … unerschöpflich.

Warum hast du das „Ad´hoc Café“ ausgewählt?
DZ: Es war das Café, das mich ausgewählt hat: ich habe mich hingesetzt es erschien mir sofort so, dass die Welt wohl geordnet war, ganz einfach. Alles war an seinem Platz und ich ebenfalls, in Einklang.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
DZ: Krimimessen, Comics, Gefängnisworkshops, und Schreiben, Schreiben …
Eigentlich bin ich wenig in Cafés, ich bin ein Einzelgänger, der versucht sich zu ändern.

 

BIO

Dominique Zay hat keine Kindheit gehabt, er ist direkt im Alter von 16 Jahren auf die Welt gekommen, in einem Zirkus. Später fand man ihn in den Kulissen eines Theaters und sein Konterfei erschien auf den Titelbildern von Kriminalromanen.
Seine Spur verlor sich am Rande eines Waldes.
Sein Name taucht wieder auf, weil er eine politische Partei gründete, die das „Ende von allem“ predigt. Im Jahr 2000 verweigert er den Nobelpreis für Unvollkommenheit. 2010 verabschiedet er sich vom Eiskunstlauf. 2013 beginnt er mit Comics.
Er ist nicht mehr zu stoppen, selbst Interpol hat aufgegeben.
Letztes Detail: Dominique Zay hat keine Ähnlichkeit mit George Clooney!

Blog Entropy, Bastian Schneider, Alain Barbero, Barbara Rieger, Chante Cocotte, Café, Kaffeehaus, Köln, Cologne

Bastian Schneider | Chante Cocotte, Köln

Foto: Alain Barbero | Text: Bastian Schneider

 

Glanzstück

Im Café saß ein Mann. Aus seinem linken Nasenloch ragte ein kleines Haar. Die Haarspitze glänzte in der Sonne. Die Sonne schien durch das Fenster. Am Fenster saß eine junge Frau und biß in ein Schnittlauchbrot. Der Schnittlauch leuchtete grün. Auf ihrem rechten Handgelenk hatte die Frau einen aufgespannten Regenschirm tätowiert. Die Regenschirmspitze zeigte auf den Mann. Der Mann putzte sich die Nase. Das Nasenhaar glänzte.

 


Kurzinterview mit dem Autor 

Was bedeutet Literatur für dich?
Bastian Schneider: Literatur ist für mich Lust an der Sprache, eine große Weltwahrnehmungsmaschine und manchmal auch einfach wunderbar geeignet, sich zu zerstreuen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
BS: Ich gehe seit über 20 Jahren regelmäßig in Cafés, zum Freunde treffen, Leute beobachten und zum Arbeiten. Kaffeehäuser sind mich eine Art erweitertes Wohn- und Arbeitszimmer.

Warum hast du Chante Cocotte ausgewählt?
BS: Der Kaffee ist gut, die Tische sind super fürs Schreiben, die unverputzten Backsteinwände strahlen Wärme aus und weil das Café nicht so groß ist, hat man dort auch seine Ruhe. Außerdem mag ich die kleine Terrasse im Hinterhof.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
BS: Dann sehne ich mich danach, im Kaffeehaus zu sein!

 


BIO

Bastian Schneider studierte deutsche und französische Literatur in Marburg und Paris sowie Sprachkunst in Wien. Zuletzt erschienen von ihm die Kurzprosabände „Die Schrift, die Mitte, der Trost“ (2018) und „Paris im Titel“ (2020) im Wiener Sonderzahl Verlag. Er lebt in Köln und Wien.