Schlagwortarchiv für: Café

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Tanja Raich, Cafemima, Wien

Cécile Calla | Lass uns Freunde bleiben, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Cécile Calla | Übersetzung aus dem Französischen: Barbara Peveling

 

Das Jahr Null der Sprache

Die Sirenen der Bombenangriffe ertönen pausenlos. Im Schlaf, beim Aufwachen, bei der Arbeit, während der Kaffeepausen, in dem Bus oder der Bahn und in jeder freien Minute. Das Ende des Krieges, die Kapitulation und das riesige Meer der Schuld kleben an mir. Ich bin nie allein, es gibt immer diese Geister, dieses Gewicht, das mir auf meine Lungen drückt, die Kehle zuschnürt, den Appetit verdirbt, meine Eingeweide umdreht und mich erschauern lässt. Ich versuche, das Alphabet der Herkunft zu entschlüsseln, ein vertrautes Wort zu rekonstruieren, das Unausgesprochene und die verschlüsselten Botschaften zu erkennen; ich lerne eine besonders schwierige Fremdsprache und das ohne jegliche Hilfe. Der ohrenbetäubende Lärm der Explosionen ist nichts anderes, als die Zerstörung dieser höllischen Logorrhoe*, dieser betäubenden Wörter, dieser leeren Formulierungen, dieser Witze, die nur Namen tragen. Ich werfe alles in den Reißwolf, um nur noch winzige Bruchstücke zu erhalten, Atome, die ich dann nach Lust und Laune und in völliger Freiheit zusammensetzen kann, ohne der familiären Gebrauchsanweisung zu folgen. Es ist das Jahr Null meiner Sprache. Ich lerne wieder sprechen, lesen und schreiben. Ich werde mich von meinem Bauch, meinem Mund und meinem Geschlecht leiten lassen. Die körperliche Dreifaltigkeit ist mein als Kompass. Die Nerven der Weg. Das Pulsieren des Herzens der Motor.

 

*Bei einer Logorrhoe kommt es zu einem nahezu ununterbrochenen und übermäßig schnellen Redefluss. 

 


Interview mit der Autorin

Was ist Literatur für dich?
Cécile Calla: Es ist ein Raum zum Denken, um die gegenwärtige und vergangene Welt zu verstehen, ein Ort der Freiheit, der Entdeckung und einer notwendigen Disziplin.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
CC: Es sind Orte, an denen ich die Einsamkeit genießen kann, Zufluchtsorte zum Schreiben, seit ich Mutter bin. Dort kann ich meine Gedanken nach Belieben schweifen lassen. In einem Café gelingt es mir oft, eine Textblockade zu lösen oder eine gute Einleitung zu finden.

Warum hast du Lass uns Freunde bleiben gewählt?
CC: Weil es unaufgeregt ist, so typisch berlinerisch mit seinen Möbeln, die aussehen, als wären sie von einem Flohmarkt, und auch, weil es an einer Straßenkreuzung liegt. Ich gehe gerne am frühen Morgen hin, wenn viel los ist und Menschen unterschiedlicher Herkunft und Horizonte zusammenkommen: die Leute aus dem Kiez natürlich, Freunde und Bekannte, die ich treffe, aber auch einige Touristen oder Arbeiter von den nahe gelegenen Baustellen, die sich einen großen Kaffee holen.

 Was tust du, wenn du nicht im Café bist?
CC: Ich arbeite in meinem Büro, das sich in einem Künstlerhaus befindet.

 

BIO

Cécile Calla, 1977 in Paris geboren, lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie schreibt für deutsch-und französischsprachigen Medien und hat ihre erste Kurzgeschichte bei den Literaturmagazin Stadtsprachen im September 2020 veröffentlicht. Sie hat den feministischen Blog Medusablätter gegründet, der einen neuen Blick auf feministische Debatten wirft und produziert mit Barbara Peveling den deutsch-französischen Podcast Medusa spricht (Méduse parle). Sie ist Mitglied des Netzwerkes französischsprachiger Autorinnen in Berlin. Zuvor war sie Korrespondentin der Tageszeitung „Le Monde“ (2007 – 2010) und Chefredaktorin des deutsch-französischen Magazins „ParisBerlin“ (2012 – 2015).

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Heinrich Steinfes, Eiscafé Fragola, Stuttgart

Heinrich Steinfest | Eiscafé Fragola, Stuttgart

Foto: Alain Barbero | Text: Heinrich Steinfest

 

Talleyrand sagte über den Kaffee, er müsse „heiß wie die Hölle, schwarz wie der Teufel, rein wie ein Engel, süß wie die Liebe sein.“ In der Tat ist es in den meisten Kaffeehäusern immer unglaublich heiß (allerdings nicht mehr ganz so höllisch wie in Zeiten, als Schwaden von Zigarettenqualm die Räume erfüllten und alle ein wenig so aussahen, als seien sie von Renoir gemalt worden). Der Hitze entgehend, sitze ich so gerne in den „Schanigärten“ der Cafés – der Freiluftmalerei huldigend –, wo ja mancher Kaffee dann noch immer schwarz wie der Teufel und hoffentlich rein wie ein Engel ist. Wer aber auf den Zucker verzichtet … nun, die Liebe kann ja auch bitter und schwermütig sein, vielleicht ist sie dann sogar noch ein wenig intensiver und tiefer, so wie jener Grund am Boden eines hochkonzentrierten Espressos.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Heinrich Steinfest: Das Leben einatmen und eine Geschichte ausatmen.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
HS: Na ja, das ist halt in der Jugend losgegangen, denn im Café war es eindeutig spannender als in der Schule. Früher waren es für mich die bedeutenden Wiener Kaffeehäuser, weil man sich da selbst so bedeutsam vorkam, zwischenzeitlich sitz ich aber viel lieber in den hinterzimmerartigen Café-Bereichen kleiner Bäckereien oder großer Supermärkte, im Strandbadcafé oder im Eiscafé.

Warum hast du Eiscafé Fragola ausgewählt?
HS: Weil ich da im Freien sitzen kann. In einer Art von erweitertem Zimmer, mit Blick auf den Platz, auf die Kirche, den Markt, die Vorbeiziehenden, die Eisesser, die Flaneure, die Eiligen und die Langsamen. Ich bin dort allein, aber unter Menschen.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
HS: Dann schreibe ich zu Hause und mach mir selbst den Kaffee.

 

BIO

In Australien geborener Wiener, der nach einem Vierteljahrhundert Stuttgart nun im Odenwald nahe Heidelberg lebt, allerdings immer wieder vom Wiener Magneten angezogen wird. Und der von seinen einundsechzig Lebensjahren dreißig Jahre dafür verwendet hat, einen Haufen Bücher in die Welt zu bringen.

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Tanja Raich, Cafemima, Wien

Tanja Raich | Cafemima, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Tanja Raich, Auszug aus dem Roman „Schwerer als das Licht“ (Verlag Blessing, 2022). Erscheint am 24.8.22!

 

Ich erinnere mich an diesen Tag, der schon lange zurückliegt. Eines Morgens regnete es alle möglichen Formen und Farben. Nagas- und Hibiskusblüten, Orchideen und Amaryllis, ein buntes Treiben zwischen den Bäumen und hoch in der Luft. Ich hatte nie zuvor etwas Schöneres gesehen. Der Wind wirbelte die Blüten über die Baumkronen, wirbelte sie über die ganze Insel. Sie flogen wie Schmetterlinge durch die Luft und sanken irgendwo zu Boden. Eine Hibiskusblüte schlug mir ins Gesicht und hinterließ einen stechenden Schmerz. Und dann war alles kahl. Keine Knospen, nichts folgte nach. Und als die Blüten verdorrten, gab es endgültig keine Farben, kein Leuchten mehr. Alles wurde stumpf und braun und grau.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich? 
Tanja Raich: Literatur ist für mich das Eintrittstor in neue Welten, Literatur eröffnet neue Perspektiven und Erfahrungen, führt mich auf Reisen, lässt mich in Gedankenwelten hinein, berührt mich und schockiert mich – im Idealfall gehe ich als neuer Mensch daraus hervor: als Lesende und als Schreibende. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
TR: Da muss ich unterscheiden zwischen Wien und Italien. In Italien sind sie Treffpunkt, da geht es auch mehr um den Kaffee an sich, selten verliere ich einen Tag darin. In Wien sind sie tatsächlich ein erweitertes Wohnzimmer, auch wenn ich dort selten schreibe. Ich mag das Kaffeehaus als Ort der ersten Begegnung, wenn ich Autor:innen kennenlerne, mit denen ich Bücher realisieren möchte zum Beispiel. Manchmal verliere ich mich darin, und das passiert mir nur in Wien: Man trifft sich auf eine Melange und stolpert um zwei Uhr nachts wieder auf die Straße. Dabei fühlt es sich gar nicht an, als wär man in Wien, vielleicht irgendwo an einem Ort ohne Raum und Zeit. 

Warum hast du Cafemima ausgewählt?
TR: Ich liebe Märkte und das Cafemima ist ein Marktlokal, bunt und chaotisch. Meine Wohnung sieht ziemlich ähnlich aus. Viele Pflanzen und bunte Dinge, die ich von meinen Reisen mitgebracht habe. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
TR: Dann bin ich irgendwo draußen, im Park, im Prater, oder ich fahre mit dem Fahrrad über die Donauinsel. 

 

BIO

Tanja Raich, 1986 in Meran (Italien) geboren, sie lebt als Lektorin und Autorin in Wien. 2015 initiierte sie eine neue Literaturreihe bei Kremayr & Scheriau mit Fokus auf deutschsprachige Debüts, wo sie bis 2020 als Programmleiterin tätig war. Derzeit leitet sie das Literatur- und Kinderbuchprogramm beim Leykam Verlag. Ihr Debütroman „Jesolo“ (Blessing 2019) wurde für den Österreichischen Buchpreis Debüt 2019 sowie für den Alpha Literaturpreis 2019 nominiert. Ihr zweiter Roman „Schwerer als das Licht“ wird im August 2022 bei Blessing erscheinen. 
tanjaraich.at

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Richard Wall, Café Traxlmayr, Linz

Richard Wall | Café Traxlmayr, Linz

Foto: Alain Barbero | Text: Richard Wall

 

 

 



Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich? 
Richard Wall: Auftrag, Glück, Perspektivenwechsel, Widerstand, Selbstvergewisserung.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RW: Eine große Bedeutung, obwohl ich gewiss kein „Kaffeehausliterat“ bin. Dennoch entstanden in den Cafés zwischen Krakau, Venedig, Paris und Prag Gedichte oder Notizen. Ich schätze in ihnen Ruhe, das Angebot möglichst vieler Zeitungen, eine diskrete Bedienung. Das Kaffeehaus sehe ich auch als Bühne: Blicke kreuzen sich, und unwillkürlich, aus den Augenwinkeln, nimmt man Bewegungen war, Ankommende und Aufbrechende …

Warum hast du das Café Traxlmayr ausgewählt?
RW: Das Café Traxlmayr besteht seit 1847, der Zubau, in dem ich meistens sitze, wurde von Mauriz Balzarek, einem Schüler Otto Wagners, 1905 im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltet. Nachdem im Verlaufe der vergangenen 40 Jahre an die zehn Kaffeehäuser in Linz zugesperrt haben, ist das Traxlmayr die einzige Oase mit einem historischen Flair. Ich habe hier, als ich noch literarische Veranstaltungen organisiert habe, den Ablauf zweisprachiger Lesungen mit Kolleginnen und Kollegen aus Tschechien und Irland besprochen; unvergesslich die Treffen mit Jiří Stránský, Josef Hrubý, Eva Bourke, Moya Cannon, Rita Ann Higgins und vielen anderen. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RW: Im Garten arbeiten, schreiben, collagieren, meine Frau bekochen, querfeldein Gehen, unterwegs sein … 

 

BIO

Richard Wall ist 1953 geboren. Schreibt Lyrik, Essays und erzählerische Prosa. Als Bildender Künstler auf dem Gebiet der Collage, Malerei und Zeichnung tätig. In den 1990er-Jahre Organisator der Reihe „Tage irischer Literatur/The Road West“ im Stifterhaus Linz. In diesem Zusammenhang Übersetzung der Lyrik von Cathal Ó Searcaigh, Macdara Woods, Gabriel Rosenstock u.a. 
„Artist in Residence“ im Heinrich Böll-Cottage auf Achill-Island 2014; Projektstipendium des Bundes 2016; Einladung zum internationalen Lyrikfestival „Meridian“ in Czernowitz 2020. Etwa zwanzig Buchveröffentlichungen, zuletzt: Das Jahr der Ratte. Ein pandämonisches Diarium. Löcker Verlag, Wien 2021.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Assaf Alassaf, Eckkneipe, Berlin

Assaf Alassaf | Eckkneipe, Berlin

Foto: Alain Barbero | Text: Assaf Alassaf | Freie Übersetzung: Rim George Hachicho & Daniela Gerlach

 

Und die Ampel ist rot (der Halt) 

Ich stehe an der Verkehrsampel, warte zusammen mit den anderen, um die Seite zu wechseln, jene betrachtend, die mich in ihrem Warten umgeben: die junge Frau, die Griffe ihres Trolleys haltend, im Gespräch mit ihrer Freundin, der junge Mann mit orientalischen Gesichtszügen, der damit beschäftigt ist, auf sein Telefon zu schauen und seine Augen von Zeit zu Zeit auf die Ampel richtet, der große schlanke Mann in seinem eleganten Anzug, mit seiner schwarzen Ledertasche, der mit einer Handbewegung seine Armbanduhr unter dem Hemdsärmel hervorzieht, vier oder fünf Jugendliche mit ihren lauten Stimmen und ihrem Gelächter; wir teilen uns das gleiche Warten ohne uns über die vergehende Zeit zu beklagen.
Ich erinnere mich an die erste Zeit nach meiner Ankunft hier. Ich überquerte die Straße, das Rot ignorierend; aus keinem anderen Grund als dem der Weigerung, zu diesem Ort zu gehören, verstieß ich gegen seine unzähligen Regeln.
Das Überqueren der Straße war ein kleiner Test für das Ungleichgewicht in der Beziehung zwischen mir als Individuum und der Gemeinschaft, in der ich lebe, zwischen dem freien Willen und der Unterordnung unter das Gesetz der Gemeinschaft. In diesem Moment des Aufbegehrens wurde ein kleiner skandalöser Akt, wie die Straße zu überqueren und dabei die Ampel zu missachten oder achtlos eine Zigarettenkippe auf den Boden zu werfen, unbewusst zu einem Akt des Widerstandes gegen das wachsende Gefühl des Identitätsverlustes und gegen das Zerrinnen der eigenen Seele, sodass die Identifikation mit den anderen und der Umwelt erschwert, zu einem Stachel, wurde, der in die verwundete Identität stach und dieses verdammte Ungleichgewicht noch vertiefte.

Die Ampel hat uns noch keine Erlaubnis gegeben!

Ich erinnere mich an eine andere Art von Aufbegehren, die ich in einem seichten Film gesehen habe, der die Geschichte eines bösen Prinzen erzählt, der mit Gewalt und Zwang bekam, was er wollte: Geld und Macht, Frauen und Kinder. Aber in dem Moment, als er eine Frau wirklich liebt, identifiziert er sich mit der allgemeinen menschlichen Natur und wünscht sich, so wie die anderen zu sein, also jemand, der sich den Normen der Gemeinschaft unterwirft; und so bittet er die Frau um ihre Einwilligung, ihn zu heiraten und ihre Kinder zu legitimieren, was dann sein Freibrief auf dem Weg hin zur Zugehörigkeit zur Gruppe, zur Nation und zum Volk, ihren Bräuchen und ihren Gesetzen wäre.
Auf dem Höhepunkt des Films, als die Frau versucht, dem Prinzen zu entkommen, nähert sich ihr seine Mutter, eine Hexe, berührt deren Lende mit ihren Fingern und sagt zu ihrem Sohn: Nimm sie jetzt gegen ihren Willen. Sie hat ihren Eisprung und ist mehr als an jedem anderen Tag fruchtbar und bereit für die Schwangerschaft.

Die Ampel ist immer noch rot!

Mich hat immer die Fähigkeit einiger Menschen erstaunt, die Natur und die Lebewesen, ihre Tagesabläufe, ihr Verhalten und ihre Handlungen sowie ihre kleinen, kaum wahrnehmbaren Veränderungen detailliert zu beobachten, als ob sie ganz auf den verborgenen Rhythmus des Lebens lauschten; und sie gestalten aus ihren Lauten und ihrem Schweigen und dem kosmischen Wissen heraus etwas, womit sie die Welt, die Leute und ein Stück Zukunft lesen, fernab der Pseudowissenschaft, des okkulten Wissens „al-mandab“ und der Alchemie. 

Meine deutsche Freundin liest Wolken und Winde und weiß, ob jene ferne Wolke Regen bringen wird oder nicht, wann sie kommt und wie lange es regnen wird, ganz ohne GPS oder Google-Wetter! Dieses Wissen hat sie aus ihren langen Beobachtungen von Wolken und Regen in ihrer kleinen Stadt gewonnen.
Meine Freundin sagt über ihren Vater: Er hat ein Auge, „das sich nicht täuscht“. Es bestimmt das Geschlecht des Fötus im Mutterleib, noch bevor es ein Arzt und ein Ultraschallgerät bestätigen.
In meinem Dorf Muhassan gab es Anfang des letzten Jahrhunderts einen kultivierten Mann, einen Führer, der Deir ez-Zor und die ganze syrische Wüste kannte; es genügte, ihm die Farbe des Erdbodens und die Form ihrer Bäume und Felsen zu beschreiben, um zu wissen, um welche Gegend es sich handelte. Er las die Sterne und Windrichtungen während der Jahreszeiten, um die Hirten zu ihren abgelegenen Weiden zu führen, um die Spur von verloren gegangenen Menschen und Vieh zu finden und sie zu ihren Familien zurückzubringen. Er starb in den frühen fünfziger Jahren, und dieses Jahr wurde nach ihm benannt (das Jahr des Ali Kusa)
Nach seinem Tod gab es niemanden mehr wie ihn. 

Es tritt ein kurzes Schweigen ein, die beiden Freundinnen hören auf zu reden und blicken gemeinsam zur Ampel, der elegante Herr sieht alle zwei Sekunden auf seine Uhr, der Mann mit den orientalischen Zügen lässt seine Hand mit dem Telefon sinken, und auch die Jugendlichen sind verstummt und haben ihre Hände aus den Jackentaschen genommen, des Lärms und des Wartens überdrüssig geworden. 

Ich nähere mich dem Bordstein und meine Füße nehmen schon den Farbwechsel der Ampel vorweg, endlich bewege ich mich fort zwischen den Passanten, die wieder in ihr Stimmengewirr verfallen, und ich erinnere mich, mitten auf der Straße, dass ich – als ich Kind war – einem dieser Wahrsager begegnete, der mir etwas prophezeite, was mir damals nicht gefiel. An jenem Tag nahm ich mir vor, hart daran zu arbeiten, dass seine Prophezeiung sich nicht erfüllt. Ich habe mit diesem Unterfangen über Jahre Erfolg gehabt, aber je weiter ich auf dem guten Weg voranschritt und ohne es zu beabsichtigen, habe ich auch andere Menschen enttäuscht, besonders andere Frauen.

 

Original (Arabisch)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Assaf Alassaf: Die unilaterale Literatur war schon immer ein Mittel, dieser Welt um mich herum einen Sinn zu geben. Sie ist wie ein kleines Werkzeug, das sich in die komplexen und überlagerten Schichten des Lebens gräbt, um sie  zum Zweck der Betrachtung, Analyse, des Dialogs und des Verständnisses in Form von Fragen und Ideen an die Oberfläche zu holen; und zum anderen, um der heutigen Komplexität unseres Lebens und seines Drucks gegen einen scheinbar sicheren Raum – wo aber letztendlich die ganze Gefahr liegt – zu entfliehen. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
AA: Um die Wahrheit zu sagen, ich habe eine kindliche und verträumte Vorstellung vom Café als alternativem Ort zum Zuhause und für eine kurze Zeit des Tages. Ein Ort, der es dem Individuum erlaubt, eine kleine Ecke zu finden, in der es sich nach Belieben einrichtet, wo es entdeckt, was es will und tut, was es will. Nach zahlreichen Erfahrungen und Besuchen in Cafés verschiedener Länder, scheint mir ein Gedanke die Zunge herauszustrecken und zeigt mir und meiner Wahrnehmung seinen ganzen Sarkasmus: Ihr geht hier an einen Ort, der nur von Vorübergehenden frequentiert wird.

Warum hast du das Eckkneipe-Café ausgewählt?
AA: Wenn die Corona-Pandemie die Welt geschlossen hat und uns in die Häuser ein-, mitsamt sozialer Distanz und Zoom-Meetings, dann hat sie leider und unglücklicherweise auch das Café in Kreuzberg geschlossen, in das ich früher gegangen bin. Also bin ich auf die nächstgelegene Alternative in meiner Umgebung ausgewichen – das war das Café Eckkneipe.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
AA: Ich habe viele Aufgaben und viel Verantwortung, die an mein Leben geknüpft sind: für meine Arbeit, die Familie und all die, die gerade in meinem Alltag wichtig sind. Und ich gehe dreimal pro Woche zum Volleyballspielen, das einen vorrangigen Platz in meiner Terminliste einnimmt.

 

BIO

Assaf Alassaf, geboren 1976 im syrischen Deir ez-Zor, studierte Zahnmedizin in Damaskus. Er arbeitete hauptberuflich als Zahnarzt und nebenbei als Journalist. Seit 2007 hat er zahlreiche Artikel in arabischen Tageszeitungen wie Al Hayat und Al Mustakbal veröffentlicht. 2013 zog er von Damaskus nach Nouakchott in Mauretanien, wo er als Zahnarzt tätig war, und 2014 nach Beirut, wo er in einem medizinischen Zentrum für syrische Flüchtlinge arbeitete. Heute wohnt er in Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Auf Facebook schreibt Assaf Alassaf seit 2013 literarische Anekdoten über die Revolution und den Krieg in seiner Heimat, über seine Reise nach Mauretanien, sein Leben im Libanon und die Zahnarztpraxis. Posts und Geschichten über „Abu Jürgen“, den deutschen Botschafter, entstanden in der Zeit zwischen November 2014 und Februar 2015 und wurden 2015 in der Übersetzung von Sandra Hetzl unter dem Titel „Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter“ (Roman) im verlag mikrotext veröffentlicht. Anfang Januar 2016 erhielt er ein Stipendium für einen Gastaufenthalt im Literarischen Colloquium Berlin, von Mai bis Juli 2016 war er Stipendiat auf Schloss Solitude.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, José F.A. Oliver, Eiscafé Venezia, Hausach

José F.A. Oliver | Eiscafé Venezia, Hausach

Foto: Alain Barbero | Text: José F.A. Oliver

 

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
José F.A. Oliver: Stets eine Begegnung mit mir selbst.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
JO: Sie sind eine Stimmung. Ein Zeitgeschenk für die innere und äußere Kommunikation.
Entspannte Dialoge mit all meinen Sinnen und Wahrnehmungen.
Cafés sind eine Handreichung an die Schönheit des Lebens. Orte, an denen die Seele durchatmet.

Warum hast du das Eiscafé Venezia ausgewählt?
JO: Es ist mir ein freundschaftliches Daheim, weil sich Gastfreundschaft, Handwerk und Genuss treffen.
Annett und Damiano Colle sind Herzensumarmung, Zuspruch und Respekt. Ihr „Benvenuto“ heißt stets „Willkommen!“

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
JO: Mir andere Orte der inneren Ruhe suchen.

 

BIO

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Linn Schiffmann, Wohnzimmer Cafebar, Dortmund

Linn Schiffmann | Wohnzimmer Cafebar, Dortmund

Foto: Alain Barbero | Text: Linn Schiffmann

 

Der fremde Gast

Er zog ein, als die Hühner nur noch drei Wochen zu leben hatten. Wir sahen uns zum ersten Mal und obwohl er von sich erzählte und dabei lachte, mochte ich ihn nicht. „Ich finde ihn nett“, sagte meine Freundin, nachdem sie mit ihm fünf Sätze gewechselt hatte.
Der Hund konnte ihn schon leiden. Glaube ich zumindest. Vielleicht sollte ich aber nicht zu viel im Namen meines Tieres sagen. Womöglich hat der Hund nur feinere Manieren als ich. Schließlich ist er keine Katze. 

Die letzte Lebenswoche der Hühner brach an. Ich hoffte, dass es auch die letzte Woche des Gastes bei uns sei.
Was an ihm mich so irritierte, vermochte ich nur unscharf zu erfassen. Wir sprachen die gleiche Sprache. Aber meinten unsere Wortkombinationen auch dasselbe? Ich merkte, dass er zwar Fragen stellte, aber die Antworten nicht wahrnahm. 

Als er ging, hatten die Hühner noch fünf Tage zu leben.
Er drückte mich und dankte mir. Ich wartete vor dem Haus, bis er auf seinem Fahrrad nicht mehr zu sehen war. Erleichterung breitete sich aus.

Erst als die Hühner zur Suppe geworden waren, fiel mir auf, dass er nie den Garten betreten hatte.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Linn Schiffmann: Durch Lesen und Schreiben habe ich die Möglichkeit, mich aus Raum und Gegenwart zu lösen. Ich kann mich aber auch in die Literatur hinein graben und darin ein neues Tunnelsystem schaffen, das mir dabei hilft, uns Menschen zu verstehen. 

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
LS: Idealerweise ist ein Café für mich ein Ort, wo die Gespräche freier fließen können. Ein Ort, der genügend Sogkraft hat, um uns für ein paar Stunden auf den Polstern zu halten und uns zugleich die Freiheit gibt ohne Angst unsere Gedanken zu teilen.

Warum hast du Wohnzimmer Cafebar ausgewählt?
LS: Mit dem Wohnzimmer verbinde ich ein paar schöne Erinnerungen an meine Teenagerzeit und mit meiner damaligen Freundin, mit der ich mich öfters im Wohnzimmer getroffen habe. Seitdem hat das Wohnzimmer sich etwas verändert. Aber ich finde, dass es immer noch ein Café mit Charme ist. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
LS: Ich verbringe viel Zeit vor der Tastatur. Gerade arbeite ich an drei Manuskripten. Ab und zu kommen auch Bestellungen für Origami Kraniche rein und ich verbringe einen Vormittag mit Papier falten. Seit Anfang 2021 produziere ich außerdem meinen Podcast WORTWISCHER über Literatur und Literaturbetrieb. Dafür bin ich immer auf der Suche nach interessanten Autor*innen und Verlagen aus dem Ruhrgebiet.

 

BIO

Linn Schiffmann, geboren am Freitag, den 13. Juli 1990 in Dortmund, schreibt Prosa und manchmal auch Lyrik, sie faltet Kunst aus Papier und kreiert, was ihr sonst noch so gefällt.
Seit 2020 ist Linn Mitglied beim LiteraturRaumDortmundRuhr und seit 2021 veröffentlicht sie monatlich eine Folge des WORTWISCHERs, Podcast über Literatur und Literaturbetrieb mit Fokus Ruhrgebiet.
www.linnschiffmann.de
@linnschiffmann auf Instagram & TikTok
@wortwischer_podcast auf Instagram

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Marcelo Lapuente Mahl, Café A, Paris

Marcelo Lapuente Mahl | Café A, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Marcelo Lapuente Mahl
Übersetzung:  Murillo Cândido de Sousa & Daniela Gerlach

 

Ich schlafe ein

Meine Schläfen pochen
Die schwere Brille nehme ich ab
und lege sie langsam
auf den Tisch

Die kurzsichtigen Augen
formen unscharfe Bilder
Leute erzählen unwichtige Geschichten
über ihre Abenteuer in der Welt

Ungeduldig
trommle ich mit den Fingerspitzen
auf die dunkle Holzplatte
Eins, zwei, drei …
Eins, zwei, drei …
und ich weiß, es ist schon spät

Nur noch eine Tasse Kaffee
und endlich bin ich
eingeschlafen.

(Paris, Nov/Dez 2021)

 

Original (Portugiesisch)


Eu adormeço

Minhas têmporas latejam
Retiro os óculos pesados
e os coloco lentamente
sobre a mesa

Nos olhos míopes
se forjam imagens desfocadas
Pessoas dizendo histórias sem importância
sobre suas aventuras pelo mundo

Impaciente
bato com a ponta dos dedos
no tampo de madeira escura
Um, dois, três…
Um, dois, três…
e sei que já é tarde

Só mais uma xícara de café
e eu finalmente
adormeço.

(Paris, nov/déc 2021)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Marcelo Lapuente Mahl: Auf diese Frage sind mehrere Antworten möglich. Ich mag den Gedanken, dass Literatur die komplexeste Manifestation einer Sprache ist. Im Falle der portugiesischen Sprache haben wir wunderbare Beispiele dafür: Fernando Pessoa, Carlos Drummond de Andrade, João Guimarães Rosa, Jorge Amado, Clarisse Lispector, Mia Couto, Pepetela, José Saramago… Die in Portugiesisch geschaffene Literatur ist eine unendliche Welt, die meine Bewunderung erregt.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
MLM: Cafés sind Orte der Zusammenkunft. Ich fühle mich wohl in einem gemütlichen und geselligen Café, wo man über das Leben nachdenken, Pläne für die Zukunft schmieden oder einfach die Zeit verstreichen lassen kann. Für mich repräsentieren Cafés eine der wichtigsten Einrichtungen des modernen urbanen Lebens.

Warum hast du das Café A ausgewählt?
MLM: Das Café A befindet sich in den Räumlichkeiten der Résidence Les Récollets, ein demokratischer Ort, der ausländische Künstler und Forscher in Paris willkommen heißt. Diese pluralistische Bestimmung des Raumes macht das Wesen des Café A aus. Hier kann man mit Journalisten, bildenden Künstlern, Professoren, Fotografen, Schriftstellern, Filmemachern und Musikern diskutieren, um sich über Ideen, Projekte und Visionen auszutauschen. Eine ideale Umgebung, um die Vielfalt der Welt zu beobachten.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
MLM: Wenn ich nicht mit meinen Freunden zusammen bin, widme ich mich der Lehrtätigkeit und den Verwaltungsangelegenheiten an der Universität. Aber ich habe immer Zeit einen Kaffee auf dem Campus zu nehmen. Ich habe das Glück, in einer Region zu arbeiten, in der ausgezeichneter Kaffee hergestellt wird, und die Liebhaber dieses Getränks, wie ich, profitieren täglich davon.

 

BIO

Marcelo Lapuente Mahl, Brasilianer, ist Geschichtsforscher und Dichter. Er ist Professor an der Bundesuniversität von Uberlândia im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais und unterrichtet Geschichte und Journalismus. Neben der akademischen Arbeit ist er Autor mehrerer Gedichtbände, darunter „Fogo Fátuo – combustão espontânea“ (2020), „Entre Ruínas – imagens de Herculano e Pompeia – uma arqueologia poética“ (2022) sowie „É hora de sentir“, das sich an ein jüngeres Publikum richtet. In Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Alterjor entwickelte Marcelo Lapuente Mahl außerdem das Projekt Audiolivropoesia www.usp.br/alterjor/.

 

 

 

 

 

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Romina Nikolic, Theatercafe, Jena, Iéna

Romina Nikolić | Theatercafé, Jena

Foto: Alain Barbero | Text: Romina Nikolić

 

Ob ich überhaupt noch glücklich sein kann,
fragst du und ich sag: schau, der klare
Nachthimmel, der eiskalte Garten…
Gelassen kaut ein Hirsch an den Zweigen
der klein gewachsenen Kirsche im Dunkeln,
eingewickelt in eine Decke steh ich am weit
offenen Fenster und wünschte, du wärst hier,
nackt und noch wach… Ich sag: schau, das Glück
ist ein kräftiges Tier, Orion, das Funkeln
im Augenblick, als ein Zweig zerknickt

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Romina Nikolić: Literatur ist mein Lebensinhalt. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht auf die ein oder andere Weise damit beschäftige, auch wenn ich nicht jeden Tag selbst schreiben kann.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RN: Cafés sind quasi Außenstellen meines Büros, wo sich neben dem Schreiben hervorragend Ideen und Konzepte mit Projektpartnern spinnen lassen. Wie wichtig sie für meine Arbeit sind, ist mir im vergangenen Jahr erst so richtig und dann auch gleich richtig schmerzlich bewusst geworden, als Treffen dort nicht mehr möglich waren. 

Warum hast du das Theatercafé ausgewählt?
RN: Da bin ich wohl etwas nostalgisch… Es ist hübsch und gemütlich und ich kenne es seit meiner Studienzeit. Gegenüber ist das Gartenhäuschen von Friedrich Schiller, in dem damals ganz ausgezeichnete Literaturseminare von Jan Röhnert stattfanden, zu denen er die Autoren, deren Werke wir behandelt haben, persönlich eingeladen hat. Hinterher sind wir meist noch geschlossen rüber ins Theatercafé und haben die Gespräche einfach bei Kaffee oder Pastis weitergeführt. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RN: Dann führe ich einfach anderswo Gespräche! Oder schreibe. Wo immer mich meine Arbeit hinführt. Am liebsten aber auf Burg Ranis.

 

BIO

Romina Nikolić, in Suhl geboren, ist in Schönbrunn/Thüringen aufgewachsen. Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Jena und Braunschweig. Seit 2009 Projektarbeit bei diversen Lesereihen, Werkstätten, literarischen Initiativen und Vereinen in Thüringen. 2012 wurde sie für ihre Projektarbeit mit dem Walter-Dexel-Stipendium ausgezeichnet. 2022 erscheint ihr Lyrikband „Unterholz“. Lebt als Lyrikerin, Librettistin, Herausgeberin und Literaturvermittlerin in Jena.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Jana Volkmann, Raphaela Edelbauer, Café Kriemhild, Wien, Vienne

Raphaela Edelbauer & Jana Volkmann | Café Kriemhild, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Raphaela Edelbauer, Auszug aus dem Roman „Die Inkommensurablen“ (erscheint 2023)

 

Dann brach das Abendlicht herein: trügerisch und drückend und plötzlich.
Mitten in der Bewegung hatte die nautische Dämmerung die Stadt überrascht; die noch vom Schweiße feuchten Arme der Menschen gekapert, über die auf einmal gischtig die Gänsehaut jagte, denn man war von der Tageswärme her noch leicht bekleidet. Den ganzen Sommer lang hatte der feste Stoff eines trägen Sommers den Himmel überwölbt, gewitterlos und voll von warmem Resttag. So hatte man sich in den Gastgärten der Heurigenbezirke noch genährt.
Auf einmal aber nahm man wahr, dass die Zeiger der Ziffernblätter herabgestürzt waren, und, von ihrem eigenen Schwung überrascht, wieder über neun pendelten. Zugleich standen Sterne und der schwüle Abglanz des Sommertags noch am Himmel und erschraken voreinander.
Die Menschen, deren freigelegte Haut mit einem Mal wie in Wellenkämmen überschaudert war, saßen noch lachend in den Gastgärten und versuchten, diesen Donnerschlag in Anekdoten zu ertränken. Die Draperie der Lichtstreuung färbte sich derweil immer mehr ins Schwarze. Bald rötlich, bald schon an den Stuckfirsten der Seilerstätte zerschlagen, spannte sich der Abend über sie. Mit einem Mal brach sich die Erregung die Bahn wie ein säuselnder Riss und es war allen klar. Morgen würde das Ultimatum ablaufen.

Salvenschuss, Turmschlag, es war Krieg.

Aber die Sperrstunde war noch nicht nahe. Sie würde sich bis morgen früh nicht sehen lassen. Mehr und mehr Menschen drängten auf die Straße, wo die Schanigärten doch längst bis zum Brechen gefüllt waren. Also richtete man sich auf der Straße ein, wie um nach außen zu zeigen, dass der eigene Körper schon nicht mehr der eigene war, sondern der Öffentlichkeit gehörte. Was rational noch für eine träge Nacht herausgezögert wurde, war im Habitus schon beschlossene Sache: Ein Volkskörper, ein Kriegskörper.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Raphaela Edelbauer: Literatur ist sowohl angewandte Philosophie als auch der direkteste Weg, mich meiner Lebensfrage zu nähern, nämlich der, was Sprache eigentlich ist. Sie ist dadurch Politikum, dass wir das Medium, in der sie stattfindet, für keinen Augenblick verlassen können – nicht einmal, um sie zu diskutieren.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
RE: Es ist als Wienerin sicherlich eine schändliche Antwort, das zu sagen, aber: für meinen Schreibprozess gar keine. Privat liebe ich diese Stadt und damit ihre Kaffeehauskultur innigst – wenngleich man das diskursive Element, für das sie in der Vergangenheit berühmt war, stärker fördern sollte.

Warum hast du Café Kriemhild ausgewählt?
RE: Meine Freundin Jana Volkmann, die auf dem Bild unverkennbar neben mit sitzt, hat es ausgewählt.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
RE: Schreiben, rudern und Videospiele sind meine Säulenheiligen.

 

BIO

Raphaela Edelbauer wurde 1990 in Wien geboren. Für ihre Bücher wurde sie u.a. mit dem Bachmann-Publikumspreis, dem Rauriser Literaturpreis, und dem Theodor Körner-Preis ausgezeichnet, sowie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt gewann sie den Österreichischen Buchpreis für „DAVE“ (2021).