Schlagwortarchiv für: Café

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Kaśka Bryla, Obenauf Kaffeemanufaktur, Leipzig

Kaśka Bryla | Obenauf Kaffeemanufaktur, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Kaśka Bryla, Auszug aus „Die Eistaucher“ (erscheint im März 2022 im Residenz Verlag)

 

Es war ein altes Kaffeehaus, das von Kristalllustern und Tischlämpchen erhellt wurde. Untertags drang durch drei Fensterfronten Sonnenlicht hinein. Vereinzelt hingen an den Wänden Schwarz-Weiß-Fotografien berühmter Schriftstellerinnen, Komponistinnen, auch das Foto einer Dirigentin hatte Iga eines Tages entdeckt. Cremeweiße Wände, pastellgrüne Sofa-Überzüge und ein Parkettboden schufen eine Atmosphäre, die sich für Geschäftsessen, Verabredungen ebenso wie für das Lesen von Zeitungen und Büchern eignete. Letzteres war Igas Hauptbeschäftigung, wenn sie ihre Vormittage hier verbrachte. Die Kellnerinnen und Kellner kannten sie und ließen sie stundenlang bei einem kleinen Espresso einen der beliebten Fenstertische für vier Personen belegen, auf dem sie Mathematikbücher und Notizhefte ausbreitete, um gelegentlich einen Rechengang aufzuschreiben, aber die meiste Zeit aus dem Fenster zu sehen. Niemand fragte sie je, ob sie nicht in der Schule oder an einer Lehrstelle sein sollte.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Kaśka Bryla: Erkenntnis, Genuss, Rückzug, Debatte, Alles.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
KB: Cafés sind für mich Orte des Austausches und des Alleinseins gleichsam. Sie begleiten mich seit ich 13 Jahre alt bin. Egal wo ich gelebt habe.

Warum hast du die Obenauf Kaffeemanufaktur ausgewählt?
KB: Weil es ein junges Café ist, an dem etwas ausprobiert wird. So wie für mich auch Leipzig eine Stadt ist, in der stets Ungewöhnliches stattfindet. Weil es dafür Platz gibt.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
KB: Nichts anderes. Mich austauschen oder allein sein.

 

BIO

Kaśka Bryla in Wien geboren, zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor*innennetzwerk „PS – Politisch Schreiben“ mitbegründete und seitdem Teil der Redaktion ist.
Sie erhielt 2013 das STARTStipendium und 2018 den Exil-Preis für Prosa. 2020 erschien ihr Debütroman „Roter Affe“. 2021 wurde ihr Theaterstück „Das Verkommene Land“ in Leipzig uraufgeführt. Im März 2022 erscheint ihr zweiter Roman „Die Eistaucher“ im Residenz Verlag.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Sabine Gruber, Café Engländer, Wien

Sabine Gruber | Café Engländer, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Sabine Gruber

 

Glücklicherer August
Millstättersee

                                    für KH zum 5. Todestag

Das Leben ist da, so lange unsere Hände
Sprechen und die Zunge in einem anderen
Mund schweigt. Es ist da, so lange keine
Wörter dazwischengeraten, unsere Fragen
Uns nicht entblößen. Es ist noch immer
Da, wenn es zu nichts führt, außer zu uns,
Wenn wir im anderen wohnen bleiben
Atemlos mit Augen, die verschlossen
Begreifen. Es ist da, wenn du nie mehr
Kommst und nichts mehr weißt, vom feinen
Feuer, von meinem wüsten Wanderleben,
Vom Flug über den See, mit den geretteten
Flügeln. Das Wasser trägt uns, die Barsche
Sammeln deine Bilder an ihrem Leib, und
Was vorher war, bevor etwas entstand,
Das wunde Niemandsland, die Spur im
See, die hinter uns zerrann, ich fühle
Es jeden Tag. Ich kann Dich in der Tiefe
Des Grunds, in jeder Welle wieder hören,
Sehen.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Sabine Gruber: Schreiben ist meine Art zu atmen. Lesen gibt mir das Gefühl, ich könne mit den literarischen Texten der anderen mein eigenes Leben verlängern und intensivieren. Das ist natürlich ein Anachronismus, weil die Zeit bei der Lektüre vergeht.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
SG: Die Kaffeehäuser sind für mich vor allem Lese- und Schreiborte, wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf fällt.

Warum hast du das Café Engländer ausgewählt?
SG: Das Café Engländer ist eines meiner Stammcafés, es ist nicht weit von meiner Wohnung entfernt, hat eine exzellente Küche, liebenswürdige Kellner, und meistens wird es von interessanten Gästen besucht.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
SG: Wenn ich nicht im Kaffeehaus bin, träume ich von weit entfernten Kaffeehäusern, zum Beispiel vom Caffè Meletti in Ascoli Piceno, das auf einer mit Arkaden eingefaßten Piazza im Zentrum der Stadt zu finden ist und meiner Ansicht nach zu den schönsten Kaffeehäusern Europas zählt.

BIO

Sabine Gruber, geboren 1963 in Meran, lebt in Wien. Sie schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays. Zuletzt erschienen: „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ (C.H.Beck, 2016, dtv 2018); „Am Abgrund und im Himmel zuhause“ Gedichte Haymon 2018. Im Februar 2022 erscheint „Am besten lebe ich ausgedacht. Journalgedichte“ als bibliophile Ausgabe ebenfalls beim Haymon-Verlag. www.sabinegruber.at

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Linda Achberger, Café Puschkin, Leipzig

Linda Achberger | Café Puschkin, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Text: Linda Achberger

 

shorebird

hier riecht es nach salz, nach kleinen tieren in roten panzern und muscheln, die an felsen kleben, als wurden sie sich an etwas halten wollen. auf klippen legen vögel eier, klein und grau. Ich halte den tag, als würde er bald brechen, ich halte ihn behutsam wie feuchte forellen am marktstand, zitternde kiemen, offene münder. abends schneidest du mit dem messer die kleinen augen aus den fischen, hältst sie mir mit offener hand hin. sie schimmern.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Linda Achberger: Literatur ist für mich Schreiben. Und Schreiben ist ein einziges Scheitern. Ein Versuch, ein Fallen, stetig, immer. Es ist ein Wollknäuel, das ich zu entwirren versuche, Faden für Faden, Bild für Bild, Wort für Wort. Literatur ist nur eine Annäherung an die Wirklichkeit – oder zumindest an das, was wir unter der Wirklichkeit verstehen. Literatur ist also immer auch eine Lüge. Eine kleine Lüge, mit der ich mich meiner Wirklichkeit anzunähern versuche.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
LA: Ein essentieller Teil des Erzählens ist für mich Beobachtung. Gerne sitze ich stumm da und beobachte. Es sind Momente, kurze Bilder, Gesichtsausdrücke, die sich bei mir einschreiben und fortschreiben. Cafés bieten das für mich – eine Fläche, auf der ich stumm sein und beobachten kann.

Warum hast du Café Puschkin ausgewählt?
LA: Die Atmosphäre des Café Puschkins ist es, die mich fasziniert. Sie ist warm & dunkel und es schwingt eine Nostalgie mit, die von alten Zeiten und Erinnerungen erzählt. Außerdem war das Café Puschkin das erste Café, in dem ich in Leipzig war. Ich weiß noch, es war kalt und ich verlor einen meiner Pulswärmer. Er war aus dunkelroter Wolle.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
LA: Ich spaziere im Auwald und sammle Samen, Eicheln und Hölzer, aus denen ich nur selten etwas bastle.

 

BIO

Linda Achberger, geboren 1992 in Bregenz (AT), Studium der Germanistik und Geografie in Innsbruck. An der Universität Leipzig schloss sie den Master in Germanistik, Schwerpunkt Literaturwissenschaft ab, seit 2015 studiert sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie veröffentlicht in Zeitschrift und Anthologien, zuletzt in Prosser / Szalay (Hg.): „wo warn wir? ach ja: Junge osterreichische Gegenwartslyrik“ (2019). 2018 Erhalt des Startstipendiums für Literatur des Bundeskanzleramt Österreich.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Patricia Malcher, Pension Schmidt, Café, Münster

Patricia Malcher | Pension Schmidt, Münster

Foto: Alain Barbero | Text: Patricia Malcher, Auszug aus dem aktuellen Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Nachkoloriert“

 

Wie soll man zurückfinden in den Alltag nach solch einem Ereignis? Man kann nicht einkaufen gehen, schwimmen, man klebt am Fenster, die Gedanken lassen es nicht zu. Es wäre nicht richtig, den Tagesablauf wieder aufzunehmen, als sei er nur durch einen kurzen Plausch unterbrochen worden. Weiter den Garten sprengen? Nachdem ein Kind mit Sirenengeheul vor der eigenen Tür abtransportiert wurde?
Immerhin, Hermann meistert diese Hürde, die Irma einen kurzen Augenblick lang unbezwingbar erscheint.
„Komm“, sagt er und führt sie weg vom Fenster, hinaus aus dem Wohnzimmer und hinein in die Küche.
Irmas Gang ist wackelig, die Beine zittern bei jedem Schritt. Ein neuer Zustand. Man müsste es besser unter Kontrolle haben. Dem Gefühl zeigen, wo es langgeht.
Hermann brüht einen Kaffee auf, stark und schwarz, auch wenn die Uhrzeit dagegenspricht.
Als sie an der Tasse nippt, merkt sie, dass er nicht schmeckt, dieser Kaffee. Trotz jahrzehntelanger Zubereitung direkt vor seinen Augen bleiben Hermanns Kaffeekochkünste mangelhaft.
Und der Effekt? Bei ihm funktioniert es, er selbst trinkt Tee, entspannt bei jedem Schluck und schaltet den Kopf aus. Können, was er kann, das wäre eine Befreiung. Hermanns Lösungen sind schlicht und vorhersehbar, aber funktional. Es gibt nichts, was sich nicht wieder in Ordnung bringen lässt. Man müsste es ihm gleichtun, Probleme mit einem heißen Getränk wegnippen.
Irma schiebt ihre Tasse auf die andere Seite des Tisches und setzt sich neben ihn auf die Eckbank. Wieder legt er den Arm um sie. Knochig fühlt er sich an, hart und alt, aber trotzdem bekannt. Sie schließt die Augen und konzentriert sich auf den erdigen Geruch seines Körpers. Man kennt jede Falte, jede Bewegung, jede Sehne, jeden Muskel dieses Mannes.
Auch wenn der Kaffee nicht schmeckt, tut die Wärme des Getränkes gut.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Patricia Malcher: Wahrheit. Mich fasziniert Sprache. Ich kann mich tagelang über einen Satz freuen, der so schnörkellos wie präzise eine Wahrheit ausdrückt.
Die intensivsten Momente beim Lesen sind, wenn ich denke: „Ja, genau auf den Punkt gebracht. Hier ist mein Innerstes von einem Außenstehenden in Worte gefasst.“

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
PM: In einem guten Café hat das gewohnte Leben einen kurzen Augenblick lang Pause. Entweder verschnaufe ich, komme zu Atem, z.B. nach einer intensiven Schreibphase. Oder ich putsche meinen Alltag mit guten Freunden, Klatsch und Tratsch und einem großen Milchkaffee auf, wenn die Wochentage sich kaum voneinander unterscheiden und drohen, eintönig zu werden.

Warum hast du das Café Pension Schmidt ausgewählt?
PM: Die Pension Schmidt unterscheidet sich zu anderen Cafés in Münster durch die Nähe zur Literatur. Es werden Lesungen und Buchvorstellungen organisiert und so wird zusammengebracht, was zusammengehört: Kaffee und Kultur.
Bei geöffneter Fensterfront sind die Stunden in der Pension Schmidt wie Cabrio-Fahren bei lauen Sommertemperaturen – ohne den schädlichen CO2-Ausstoß.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
PM: Ich sammle Situationen, Gespräche und ausgefallene Charaktere für meine nächsten Schreibprojekte.

 

BIO

Patricia Malcher, 1970 in Recklinghausen geboren, wohnt und schreibt in Lüdinghausen, einer deutschen Kleinstadt im Münsterland. Im Jahr 2012 beginnt sie mit dem Schreiben zeitgenössischer Prosa. Bereits ihre ersten Texte werden in Anthologien und Literaturzeitschriften sowie als Audio-Dateien veröffentlicht. Ihr Debütroman „Lieb Kind“, ein psychologisches Kammerspiel, erscheint 2020 im Wiener TEXT/RAHMEN-Verlag und wird als Kandidat für die Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen 2021 nominiert.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Barbara Peveling, Café la Coopérative, Café, Paris

Barbara Peveling | Café la Coopérative, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Barbara Peveling

 

stein sein

wenn ich sagen könnte,
steine wandern in der nacht
& wer ihren weg weist
hat einen wunsch frei.

was für eine vergeudung
an erdoberfläche wo
nebelwände schwebend blühen,
aller anziehungskraft zum trotz.

in dieser verschwommenen perspektive
erkenne ich ein leben,
das nicht mir gehört.

wolken ziehen vorüber
ich winke, es wird
ein langer abschied.

die steinzeit ist
die längste
periode unserer geschichte.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich? 
Barbara Peveling: Literatur ist die Luft, die mein Gehirn zum Atmen braucht.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BP: Cafés sind eine gute Sache. In Cafés kann man schreiben, lesen, Leute treffen und leckere Sachen verzehren, das Beste: man muss nicht aufräumen.

Warum hast du Café La Coopérative ausgewählt?
BP: La Coopérative steht für mich für die Vereinbarkeit von Literatur und kreativer Elternschaft. Hier gehen mein Partner und ich hin, wenn wir unsere Kinder in dem wunderbaren Musée en Herbe für einen Besuch oder ein Atelier abgegeben haben. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BP: Muttersein und Schreibe

 

BIO

Dr. Barbara Peveling, Autorin und Anthropologin. Ihr Roman „Wir Glückpilze“ erschien 2009 im Verlag Nagel und Kimche, der Roman „Rachid Rebellion“ 2017 im Goldegg Verlag. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien. Zusammen mit Nikola Richter gab sie 2021 die Anthologie „Kinderkriegen“ in der Edition Nautilus heraus. Barbara Peveling ist Redaktionsmitglied des Blogs otherwriters.de und des Podcast Medusa spricht.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Johanna Rieger, Alain Barbero, Café Wirr, Café, Wien, Vienne

Barbara Rieger | Wirr, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Barbara Rieger, Auszug aus „Das Natürlichste der Welt“ (erscheint im August 2021 in der Anthologie „Mutter werden. Mutter sein“ bei Leykam)

 

Wir werden sofort TOTAL in die Mutterrolle hineinkippen oder langsam hineinwachsen oder für immer damit hadern, wir EGOISTINNEN, werden wir heimlich denken und verzweifeln, weil wir nie, fast nie, nie mehr, in zehn, zwanzig Jahren dann wieder, in Ruhe etwas zu Ende machen können, zumindest solange wir stillen, EINE SYMBIOSE, haben wir gehört, wir werden nach anderen Müttern Ausschau halten, wir werden uns dann natürlich! vor allem mit anderen Müttern befreunden, es wird dann wirklich? vor allem ums Muttersein und um Babys gehen. Wir werden überall Frauen mit Kinderwägen sehen, Männer mit Tragetüchern, wir werden unseren Kinderwagen mit den anderen Kinderwägen vergleichen, wir werden unser Baby mit den anderen vergleichen, schon so groß!, so wie früher den Bauch, so klein!, wir werden überall nur mehr Jungeltern sehen, aber wir werden nie, wirklich nie eine andere stillende Mutter in der Öffentlichkeit entdecken, auf keiner Parkbank, in keinem Café, keinem Restaurant, in keinem parkenden Auto, wir werden uns Nischen suchen, in denen es nicht zieht (die Brustentzündung!), wir werden uns Nischen suchen, in denen man uns nicht sieht (das Natürlichste der Welt), wir werden hören: Wir könnten ein Tuch über das Baby und unsere Brust legen, ich sage (ich übertreibe kaum): Mit der Geburt habe ich jegliche Scham verloren.

 


BIO

Barbara Rieger ist gemeinsam mit Alain Barbero Gründerin und Herausgeberin von cafe.entropy.at. Bisher erschienen bei Kremayr & Scheriau die zwei Romane „Bis ans Ende, Marie“ (2018) und „Friss oder stirb“ (2020), sowie das kollaborative Projekt „Reigen Reloaded“ (2021). Im August 2021 erscheint bei Leykam die Anthologie „Mutter werden. Mutter sein“.
barbara-rieger.at

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Raoul Eisele, Café Weingartner, Café, Wien, Vienne

Raoul Eisele | Café Weingartner, Wien

Foto: Alain Barbero | Text: Raoul Eisele

 

blick nicht an den Grund, blick doch einfach nur zu mir

der Muschelgrund ein Bienenstock
aus Surren, Summen des Ozeans –
eingefangene Gesänge dunkler
Buckelwale, wie sie doch erklingen
mir versprechen, hier ein Blick
dem Grund herausgenommen, atemlos
und gar so wundervoll, so in die enge
meiner Kammer, meiner
Wohnung, wie sie daraus tönt als
Hafen griechischer Nächte, die mir
manchmal so geflüstert, so geflüchtet
an den Ohren hängen, Undine

für Charlotte

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Raoul Eisele: Literatur ist Sprache und Sprache ist alles, was der Mensch je wusste und erlebte. Somit ist alles Geschriebene ein notwendiger Teil des menschlichen (Über)Lebens – ohne diesen hätten wir nichts, woran wir uns orientieren, woran wir festmachen könnten, was, wo und wann geschah, wüssten nichts über unsere Vergangenheit, über uns selbst. Es sind Geschichten, Gedichte und Schriften, die wir heranziehen, um eine vergangene Welt nachzuempfinden, um Gefühlen Ausdruck zu geben, sie erneut zu durchleben und aus ihnen zu lernen. Literatur ist somit ein Ausleben und Ausprobieren, ein Aufzeigen und Aufmerksammachen auf Missstände, sowie ein Erforschen des eigenen Innenraums, um sich und seine Umwelt besser zu verstehen.

Welche Bedeutung haben Kaffeehäuser für dich?
RE: Kaffeehäuser waren für mich lange Raum der Entfaltung, der Ruhe und des gleichzeitigen Umtriebs, einem Flanieren gleichend, Menschen Kommen und Gehen sehen, sich Auszutauschen. Mittlerweile haben Kaffeehäuser für mich etwas an Raum verloren – heute sind sie mir viel seltener Arbeitsplatz oder Inspirationsraum.

Warum hast du das Café Weingartner ausgewählt?
RE: Es war eines der ersten Kaffeehäuser, die ich noch vor meiner Wien-Zeit kennenlernte – es war also irgendwo der Anfang meiner Kaffeehaus-Liebe.

Was machst du, wenn du nicht im Kaffeehaus bist?
RE: Allerlei Aktivitäten mit Menschen, die mir wichtig sind, aber auch viel ganz für mich allein wie Lesen, Schreiben, die Arbeit am Theater, sofern dies denn gerade möglich ist.

 

BIO

Raoul Eisele, geboren 1991, wohnhaft in Wien, studierte Germanistik und Komparatistik. 2017 debütierte er mit seinem Lyrikband „morgen glätten wir träume“, Graz: Edition Yara. 2021 erscheint sein Lyrikband „einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“, Berlin: Schiler&Mücke.
2019 wurde er mehrfach preislich ausgezeichnet und erhielt 2020 das Startstipendium für Literatur der Stadt Wien, sowie eine Residency im Salzburger Künstlerhaus. Im Herbst 2021 ist er Stadtschreiber in Stuttgart. Seit 2020 ist er, neben Martin Peichl, Mitbegründer der Lesereihe „Mondmeer & Marguérite“.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Patrick Wilden, Combo Café, Dresde, Dresden

Patrick Wilden | Café Combo, Dresden

Foto: Alain Barbero | Text: Patrick Wilden

 

Ich weiß nicht wohin

„die Voraussetzung, ein Gedicht zu schreiben ist, dasz du verrückt bist und dasz du es ohne Absicht beginnst“
Friederike Mayröcker

Der unsichtbare Coffeetable-Mops hockt
neben mir auf der Sitzbank und legt
die Stirn in Fellfalten

Ich raschele subtil mit der Zeitung
und recke bedeutsam den Kopf nach der Kellnerin
die sich bewegt, ihr eigenes Leben lebt
und Geräusche macht mit der Kaffeemaschine

Ich weiß nicht, wohin ich meine Gedanken führen soll
oder wer mir die Hand geführt hat
im fast vergessenen Kaffeehaus
diese leicht zitternde Hand:

das Auge schaute tief hinein
ins von Aussichten trübe, halbgeleerte Glas
und der Mops mit dem doppelten Kopf
– ruhendes Ufer im Fluß der Gedanken –
schnaufte neben mir auf der Sitzbank –
irgendwann rutschten wir unter den Tisch

… das ist jetzt sehr weit hergeholt:
  Blicke Gerüche Selbstverständlichkeiten
  unbeachtete Vormittage voller Erwartung
  Abende mit schwerer lederner Zunge

Der unsichtbare Mops (der vom Foto!) kotzt ab
denn ich kann für uns beide die Rechnung nicht mehr begleichen
und die Uhr tickt und die Kellnerin lebt
ihr eigenes, nicht in Worte zu fassendes Überleben…

Ich bin traurig unterhalb des Bewußtseins

(April / Mai 2021)

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Patrick Wilden: Als Wort ist es mir zu groß, zu exklusiv. Literatur ist bestenfalls das, wofür Lesende das Geschriebene hinterher halten. Fernando Pessoa, habe ich kürzlich gelesen, betrachtete Literatur als das Ziel aller menschlichen Bestrebungen. Schöner kann man es wohl kaum sagen, zumal es für uns Schreibende immer um alles geht. Oder mit Pessoa: „Sich bewegen heißt leben, sich in Worte fassen heißt überleben.“

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
PW: Cafés in einem weitgefassten, ‚französischen‘ Sinn, der Bars, Kneipen, generell Gaststätten einschließt, in denen vor allem getrunken, gequatscht, auch geschrieben wird, sind Orte der Möglichkeit – für menschlichen Austausch: für sich sein können und zugleich mittendrin. Dass sich das nicht von selbst versteht, wird einem erst dann schmerzlich bewusst, wenn Cafés unerreichbar sind. Etwas zutiefst Menschliches fehlt.

Warum hast du Combo Café Bar ausgewählt?
PW: Nach dem ersten Lockdown kam ich zum ersten Mal dorthin, um mich mit einer Redakteurin der Dresdner Zeitschrift „Der Maulkorb“ zu treffen, die in der Nähe wohnt. Der Retro-Look in den schrillen Farben und Formen der 70er Jahre, die ich als Kind noch gekannt habe, erschien mir passend. Es war eines der letzten Cafés, das ich vor dem zweiten, über ein halbes Jahr andauernden Lockdown besucht habe.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
PW: Zur Zeit darauf warten, dass wieder eines öffnet.

 

BIO

Geboren 1973 in Paderborn, Schulzeit im Raum Kassel und Studium in Tübingen. Lebt seit 2004 in Dresden, wo er viele Jahre in einem Antiquariat gearbeitet hat und zur Zeit in einer großen Bibliothek jobbt. Schreibt Gedichte, Kurzprosa, Rezensionen und ist Redakteur der Zeitschrift „Ostragehege“. Zuletzt erschien als „Raniser Debüt“ der Gedichtband „Alte Karten von Flandern“ bei Lese-Zeichen in Jena 2019.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Lisa-Viktoria Niederberger, Teesalon Madame Wu, Linz

Lisa-Viktoria Niederberger | Madame Wu Teesalon, Linz

Foto: Alain Barbero | Text: Lisa-Viktoria Niederberger

 

Schau hin und reflektiere. Vergiss alles sofort wieder, oder nimms dir mit für ewig. Sag mir später gerne, dass du dich wiedergefunden hättest in einem Text, oder eben nicht. Sag beim nächsten Spaziergang zu deiner Begleitung: die Niederberger, die vergleicht in einer Erzählung die Rinde von Platanen mit Dinosaurierhaut. Und dann greif die Rinde an, schau wie knallgelb und quietschgrün der Baum, die Flechten, und überhaupt Quietschen: hast du schon einmal junge, hungrige Falken gehört? Wie sie schreien, wie sie quietschen dabei. Dass sie klingen wie eine rostige Kurbel, eine rostige Kurbel für Markisen. Du weißt schon, diese braun-orange- gestreifte Markise, die alle kennen. Spekulier mit mir: Murakamis Aufziehvogel, er muss Falke sein. Ich mag, dass du dich fragst: stimmt das alles, was sie erzählt? Dass die Niederberger sich echt stundenlang auf Bäume setzt, wenn sie über Baumbesetzung schreibt, stundenlag Notizen abtippt und dann drei Viertel vom Text wieder löscht? Merk dir Fakten, finde Buchtipps durch Intertextualität. Hab Gefühle, sei wütend mit mir. Wir sollten alle wütender sein. Irgendwann reden wir darüber, ob wir an den selben Stellen meiner Texte heulen müssen. Dass du innehältst will ich. Dass du genau hinschaust, genau hinliest. Aber auch, dass du mit mir Pause machst, vom Alltag. Dass du was lernst. Dass ich was lerne mit der Recherche und von meinen Figuren und ihren Entscheidungen. Dass sie die Fehler machen dürfen, die ich mich selber nicht lass. Dass sie unsere was-wäre-wenns sein könnten.  Und dass wir mitgestalten, verändern, fließen, inspirieren. Fabuliere: wenn dir mein Ende nicht gefällt, denk dir dein eigenes aus und erzähl mir davon. 

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich? 
Lisa-Viktoria Niederberger: passiv: Bildung, Abtauchen, Ausblenden, aber auch: die Lebenswelten anderer verstehen lernen dürfen. Aktiv: ein Privileg, primär. Dass es Menschen gibt, die ihre Zeit (und ihr Geld) dafür verwenden, das zu lesen, was ich geschrieben habe, ehrt mich, macht mich manchmal stutzig.  Es bringt aber auch Verantwortung mit. Ein Privileg ist natürlich auch, überhaupt die wirtschaftlichen Voraussetzungen zu haben, künstlerisch arbeiten zu können. Weil:  besonders am Anfang ist das nur prekär.  

Welche Bedeutung haben Cafés für dich? 
L-VN: Sie sind mir der liebste Arbeitsplatz, schon seit der Schulzeit. Was wir Physikstunden in Kaffeehäusern verbracht haben, mit Tschick und Büchern und Tratschen. Ich mag die Geräuschkulisse, das Beobachten und Zuhören. Aber auch: das Belohnen nach dem Schreiben/ Lernen mit Getränken oder Kleinigkeiten zum Essen, die’s zuhause halt einfach nicht gibt. 

Warum hast du den Madame Wu Teesalon ausgewählt?
L-VN: Ich wohne noch nicht sehr lange wieder in Linz, ein wirkliches “Stammcafe” wo ich zum Arbeiten hingehe, hab ich noch gar nicht. Mit der Madame Wu verbinde ich eine sehr schöne private Erinnerung. 

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
L-VN: Derzeit zuhause arbeiten. Es geht eh, halbwegs. Lesen. Zu viele Zoom Calls. Und natürlich Spazierengehen:  mit täglich sinkender Begeisterung. Mich zu Lesungen oder ins Kino träumen. 

 

BIO

Lisa-Viktoria Niederberger, geboren 1988 in Linz, hat in Salzburg Kunstgeschichte und Germanistik studiert und als Redakteurin der Literaturzeitschrift erostepost und beim freien Radio gearbeitet. Das literarische Debüt „Misteln“ ist im März 2018 in der edition.mosaik erschienen. Talentförderungsprämie des Landes Oberösterreich für Literatur 2019. Gegenwärtig Studium der Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz und freiberufliche Arbeit an diversen literarischen Projekten.

Blog Entropy, Barbara Rieger, Alain Barbero, Nina Panholzer, Café Bar Stern, Café, Linz

Nina Panholzer | Café Bar Stern, Linz

Foto: Alain Barbero | Text: Nina Panholzer

 

Es ist kurz nach 11 Uhr. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Krankenbett und warte auf meine Entlassung. Wie unpräzise ich einmal auf die Frage, was ich an meinem Körper mag, geantwortet habe, fällt mir ein: Meinen Busen, mein Handgelenk und die Schultern, sagte ich damals. Wie leichtfertig ungenau, denke ich heute. Ich mochte beide meiner Handgelenke, meinen gesamten Schultergürtel und beide meiner Brüste. Namen habe ich meinen Brüsten zwar keine gegeben und ich schenkte ihnen auch sonst wenig Beachtung. Aber sie waren schön geformt, sie waren fest und sie lagen gut in der Hand, fand ich.

Ich lege meine rechte Hand auf die Stelle meiner linken Brust, dabei fühle ich, wie sich mein Handgelenk der Wölbung meiner rechten Brust anpasst und meine Finger den freigewordenen Platz auf der linken Seite ausfüllen. Eine Linie bilden sie: meine übriggebliebene Brust, mein Handgelenk, meine fehlende Brust und meine Schulter.

Zwei Stunden später werden mir die Entlassungspapiere gereicht. Ich verabschiede mich vom Team der Onkologie 5, nehme meinen Trolley und gehe Richtung Aufzug.

Im Lift nehme ich die Maske ab. Auch wenn mein Jeanshemd den Unterschied kaschiert, ist er wahrnehmbar. Ich spüre die Tränen und lege zum Schutz meine rechte Hand erneut auf die linke fehlende Brust. Ich beiße mir auf die Lippen und schlucke die Tränen hinunter. Dann richte ich mich auf und drehe mich zum Ausgang. „Fuck you“, sage ich und platziere den Mund-Nasen-Schutz.

Beim Erreichen der Ausgangstür fällt mir ein, ich könnte meine Liste erweitern. Ich mag meine Nase – das Seitenprofil meiner Nase, um genau zu sein.

 


Kurzinterview mit der Autorin

Was bedeutet Literatur für dich?
Nina Panholzer: Arbeit und Auszeit – immer gut.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
NP: Ditto.

Warum hast du das Café Stern ausgewählt?
NP: Erinnerungen. Früher haben wir hier noch geraucht. Und wie wir geraucht haben.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
NP: Daran denken, wie gerne ich es wäre.

 

BIO

Nina Panholzer, 1981 in Linz geboren, Sozialmanagement-Studium. Arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Kommunikationsberaterin. Zudem ausgebildete Supervisorin und Coach. Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur 2016/17, Arbeitsstipendium des Landes OÖ 2017.