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Linda Bühler | Atomic Café, Biel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Linda Bühler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Sie wartet
Auf eine Nachricht?
Das Lächeln des Kellners?
Ihren Matcha? 
Die Rückkehr des Frühlings? 
Dass der Regen endlich aufhört?

Zwischen Komplizenschaft und Lachanfällen
Warten sie
Das richtige Licht
Damit das Paar nebenan sich aus dem Blickfeld ziehen kann
Dass der schöne Tisch hinten frei wird
Der Matcha ist schon kalt
Aber da vor der Bar wird es sehr schön sein du wirst sehen
Im Vertrauen
Sie tut so, als würde sie noch warten
Er fängt den Moment ein

An diesem Ort so oft besucht
Bekannte Gesichter
Andere neue
Die besten Tische sind besetzt
Im Hintergrund Jazzmusik
Die Diskussionen
Das Wasser, das in der Kaffeemaschine kocht
Nehmen Sie Zucker?
Hier
Werden Projekte geboren
Trennen sich Paare
Man gibt Französischkurse
Das macht sechs Franken fünfzig
Sie schreibt sie korrigiert sie träumt sie flieht
Man spricht Französisch oder Schweizerdeutsch
Oder Spanisch oder
Der Marmor des Tisches ist rissig
Die anderen aus Resopal
Das Alte zum wieder gefragten Vintage geworden
Danke schönen Tag
Ein Lächeln

In ihrer Lieblingsbar
Wartet sie

 


Interview mit der Autorin

Warum noch Lesen und Schreiben?
Linda Bühler: Mehr denn je hat Lesen und Schreiben einen Sinn für mich in diesen unruhigen Zeiten. Schreiben, um da frei zu bleiben, wo man noch das Recht hat, selbstständig zu denken. Schreiben, um nicht die Hände in den Schoß zu legen, Schreiben, um Ungerechtigkeiten anzuprangern, oder zum Vergnügen. Und Lesen, Lesen um zu entfliehen, um an etwas anderes zu denken. Um sich eine bessere Welt vorzustellen. Meine dreijährige Tochter ist mir ein Vorbild dabei; wenn ich auf sie hören würde, würden wir den ganzen Tag damit verbringen Geschichten zu lesen. Ich finde das schön.

Welche Bedeutung hat das Café für dich?
LB: Es ist ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen kann, so wie hier. Ich habe dort meine Gewohnheiten; das ermöglicht es mir, aus dem Haus und weg von Hausarbeiten oder Verwaltungssachen zu kommen, die meine Kreativität behindern. Cafés bieten eine Auszeit; sich diese Zeit zu nehmen ist ein Luxus, den man nicht jeden Tag hat. Ich beobachte auch gerne Menschen, manchmal höre ich mit einem Ohr zu und fange Gesprächsfetzen auf, die mich verzaubern. Cafés ermöglichen auch eine tolerierte soziale Einsamkeit, die weniger schwierig zu ertragen ist, als wenn man zu Hause bleibt. Und andere Menschen zu sehen, die arbeiten oder so tun als ob, motiviert mich auch zum Schreiben.

 

BIO

Linda Bühler schloss 2024 ihren Bachelor am Literarischen Institut Biel ab. Ausgefüllt von Mutterschaft und Alltag, erforscht sie mit ihrem Schreiben die generationsübergreifenden Zusammenhänge zwischen Weitergabe und Abstammung – Themen, die ihr sehr am Herzen liegen. Außerdem unterrichtet sie. Allein oder mit AJAR* schreibt sie gerne in Cafés – zu Hause nehmen die Wäsche und das Alltagsleben zu oft überhand.

*AJAR : Association des Jeunes Auteurices Romand-e-s

Emmanuelle Bayamack-Tam | Le Pacha, Villejuif (Frankreich)

Foto: Alain Barbero | Text: Emmanuelle Bayamack-Tam | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

In  Cafés  zu  schreiben  ist  eine  besondere  Sinneserfahrung,  denn  jeder  Ort  besitzt  seine  sonore  Struktur,  seine  Gerüche und  sein  eigenes  Stimmengewirr,  das    Geräusch  der  Kaffeemaschine,  Gläser,  die  aneinanderstoßen,  Gespräche an  den  Tischen  drumherum,  die  Rufe  der  Wettenden,  die  das  Pferderennen  live  verfolgen … 
In Cafés zu schreiben ist manchmal der beste Weg, um den Puls einer fremden Stadt zu fühlen. Ich komme an, ich richte mich ein mit meinen Heften und meinem Computer. Es gibt Orte, wo man mich offen fragt, was ich da mache, andere, an denen ich mich willkommen fühle, ohne dass irgendetwas gesagt wird. An einem Tag fand ich mich mit Unbekannten singend in einer Bar in Cadiz wieder. Ich war bei einer Luftgitarren-Probe in einem Bistrot in Namur dabei — die Instrumente waren unsichtbar, aber ich habe die Musik dennoch gehört.
In Cafés zu schreiben, das heißt in die Stadt, ins Leben einzutauchen, ohne dabei auf das Alleinsein zu verzichten. 
Als ich „Ein Zimmer für mich allein“ wieder las, kam mir der Gedanke, dass ich diesen intimen Raum, den Woolf als Voraussetzung sine qua non für ihr literarisches Schaffen sieht, nicht brauchte, oder genauer, dass ich fähig war, diesen Raum da zu schaffen, wo ich bin. 
In Cafés zu schreiben bedeutet draußen zu sein, ohne aufzuhören drinnen zu sein.

 


Interview mit der Autorin

Wechselst du das Café je nachdem, ob du ein Buch unter dem Namen von Emmanuelle Bayamack-Tam schreibst, oder unter dem von Rebecca Lighieri? Welchen Platz nimmt Le Pacha ein? 
Emmanuelle Bayamack-Tam: Ich entscheide schon lange im Vorhinein, ob ein Buch unter meinem richtigen Namen oder unter meinem Pseudonym veröffentlicht wird, da diese Entscheidung die gesamte Arbeit am Text, seine Themen, seine Struktur beeinflusst. Bei Lighieri weiß ich in der Regel, wo ich hin will, die Handlung ist in Szene gesetzt und die großen Wendungen bereits geplant. Bei Bayamack-Tam tritt die Handlung sehr in den Hintergrund und ich arbeite eher auf poetische Weise. Die Energien sind unterschiedlich, auch der Schreibrhythmus. Dennoch schreibe ich in den gleichen Cafés, welcher Text auch immer gerade in Bearbeitung ist. Le Pacha ist das erste Café, in dem ich geschrieben habe, als ich vor 20 Jahren in Villejuif ankam. Natürlich werde ich ihm auch mal untreu, aber ich komme immer wieder zurück. Dies ist auch ein neuralgischer Punkt der Stadt, ein Ort, an dem sich Menschen aus allen Bereichen und Herkunftsländern kreuzen — manchmal sehr kaputte Menschen, die wissen, dass sie hier mit Menschlichkeit empfangen werden. 

Kann Literatur noch die Welt retten? 
EBT: Wenn die Literatur imstande wäre, die Welt zu retten, wüsste man das seitdem wir Gedichte deklamieren und Geschichten erzählen. Dennoch haben wir Grund, ihr Kräfte zuzuschreiben, denn noch ist sie ein Raum der Freiheit, ja sogar der Überschreitung. Schreiben und Lesen bedeuten zwangsläufig, das Anderssein zu erfahren, und diese Erfahrung ist wertvoll in Zeiten, die zu Intoleranz und ängstlichem Selbstrückzug anleiten, auf das was uns gleicht und in unseren Vorurteilen bestärkt. Als Autorinnen und Autoren haben wir die Möglichkeit und vielleicht sogar die Pflicht, die Randbereiche, die Räume des Widerstands zu erkunden, als auch die Gebiete, die es durch Fiktion, Poesie und Hinterfragen der Sprache zu verteidigen gilt. Anstatt die Welt zu retten, kann Literatur die Gesellschaft aufrütteln, sie zu mehr Bewusstheit und weniger Intoleranz führen. Allerdings darf das Buch kein Nischenprodukt sein, das einer gebildeten und kultivierten Elite vorbehalten ist …

 

BIO

Emmanuelle Bayamack-Tam wurde 1966 in Marseille geboren. Sie lebt aktuell in Villejuif. Seit 1996  veröffentlicht sie bei POL Romane und Theaterstücke, mal unter ihrem Namen, mal unter ihrem Pseudonym Rebecca Lighieri. Arcadie erhielt 2019 den prix du Livre Inter, und La Treizième Heure 2022 den prix Medicis.

Laurent de Sutter | Life is Beautiful, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Laurent de Sutter | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp

 

Die Kunst des Cocktails ist die Kunst des Mischens. Oder besser: Es ist die Kunst, durch Mischen etwas zu schaffen, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile. Es handelt sich um einen paradoxen Überschuss, der nicht nur auf dem Ergebnis gründet, sondern auch auf dessen Voraussetzungen. Denn ein gelungener Cocktail ist mehr als die Summe seiner Zutaten: Er hebt auch die Zutaten selbst über sich hinaus. Der Cocktail ist die Kunst, alle in einem Glas enthaltenen Elemente auf eine neue Ebene zu heben – nämlich auf die Ebene ihrer Möglichkeiten und nicht auf die Ebene ihrer bloßen Realität. Diese Möglichkeit ist auch die Kunst, die Wirklichkeit zu entschärfen. Sie macht das Untrinkbare trinkbar, nämlich den absurd starken Alkohol, der in einem Whisky, Gin oder Mezcal enthalten ist. Die Kraft des Alkohols neigt dazu, alles zu vernichten, und diese Kraft hat er im Überfluss. Doch der Cocktail erlaubt, diese Kraft zu zähmen, indem er sie in etwas Mögliches verwandelt – in etwas Trinkbares, etwas Berauschendes. Denn Alkohol ist niemals nur stark, er ist immer zu stark. Das erlaubt dem Cocktail, dieses Übermaß zu bändigen – wenn auch nur, um ein neues Übermaß zu erzeugen. Die Trinker der Lost Generation, von Raymond Chandler bis Ernest Hemingway, von William Faulkner bis Francis Scott Fitzgerald, haben es bewiesen: Der Cocktail ist nicht dazu da, allein zu bleiben. Der Cocktail ruft nach Vermehrung, ruft nach einer weiteren Mischung: der Mischung von Gläsern, der Mischung von Gesprächen, vielleicht auch der Mischung von Körpern. Man weiß nicht, wozu ein Körper fähig ist, schrieb Spinoza. Cocktail-Liebhaber würden entgegnen: Wenn man es nicht weiß, so hat man doch einen Weg, es herauszufinden: indem man diese Unwissenheit gegen eine andere eintauscht, nämlich die, wozu ein Cocktail fähig ist. Die Hypothese der Cocktail-Liebhaber lautet: Der Cocktail kann alles, denn er ist zu allem fähig. So kann er auch den Körper schlicht alles tun lassen, denn er hat unbegrenzte Verfügungskraft über ihn. Er lädt ein zum Besten und zum Schlechtesten. Darum ist die Kraft des Cocktails so gefährlich: Er ist die höchste, fast tödliche Manifestation des Lebens.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? / Warum noch schreiben und lesen?
Laurent de Sutter: William Burroughs sagte, dass Literatur alles kann, weil nichts sich dem Einfluss des „Wortes” entziehen kann. Sie kann Welten zerstören und wieder aufbauen. Lebende vernichten und wieder auferstehen lassen. Alle Utopien entwerfen und alle Albträume verwirklichen. Unabhängig davon, wie sie heute genutzt wird: Diese Macht wird die Literatur immer behalten.

Wie können wir angesichts der Lage der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
LdS: Was sollen wir denn sonst tun? Jammern?

Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
LdS: Die Vorstellung, das Café sei ein letzter Überrest der Aufklärung oder der letzte Avatar jenes Ortes, an dem sich das Volk versammelt, ist eine ermüdende Illusion. Eigentlich hätten die Porträts der Wirte aus der Literatur des Ancien Régime sie längst zerstreuen müssen. Wenn das Café noch eine Bedeutung hat, dann verdankt es sie nicht sich selbst, seiner fast transzendentalen Form, sondern denen, die es frequentieren. Cafés lassen sich nicht auf eine vorgegebene Art nutzen, im Gegenteil: Sie ergibt sich erst aus der Präsenz derer, die sie besuchen. Das beginnt damit, dass man sich für ein Café entscheidet, man dort ein Getränk wählt, die Entscheidung trifft, wiederzukommen. Ein Café, das sich als militant versteht, dann aber Industrieprodukte serviert, würde mich als Kunden verlieren.

 

BIO

Laurent de Sutter ist Essayist und Verleger. Er lehrt Rechtstheorie an der Vrije Universiteit Brussel und an der Universität Sciences Po Paris. Er ist Autor von rund dreißig Büchern, die in mehr als fünfzehn Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Er leitet die Reihen „Perspectives Critiques” bei den Presses universitaires de France und „Theory Redux” bei Polity Press.

Angelo Vannini | Bistrot littéraire Les Cascades, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Angelo Vannini  | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Das Literaturcafé Les Cascades ist ein Ort, den ich sehr mag, weil ich hinter ihm ein politisches Projekt des Widerstands gegen die Gentrifizierung sehe, eine einfache und entschiedene Ablehnung der kapitalistischen Ausbeutung. Caroline, die Besitzerin, hält die Preise bewusst niedrig. Der Ort wird vor allem von Leuten aus der Nachbarschaft und von jungen Schauspielern frequentiert, die in einer Theaterschule gleich nebenan studieren. Für mich ist es ein wertvoller Ort. Auch wenn die Atmosphäre sehr lebhaft ist, schaffe ich es immer wie durch Zauberei, mich in meine Arbeit zu vertiefen: lesen, schreiben, übersetzen. Gibt es wirklich Grenzen zwischen diesen drei Tätigkeiten? Vor einigen Tagen las ich in Les Cascades und versuchte, die Gedichtsammlung eines in Tokio lebenden Freundes aus dem Japanischen ins Italienische zu übersetzen. Und ähnlich wie Fortini mit Brecht kamen mir Verse in den Sinn, die von seinem Schreiben inspiriert waren:

dato che fotografavi la bella crudeltà
con un filo di formicolio

rinasceva un senso di museo 
dopo Richter Pasolini Nakagami

cercando vicoli perduti
per la penisola di Kii

tutto il dolore del pensare
senza smalti né cammei ti fingo

ogni fine di genealogia
dal paesaggio non più mobile

da du die schöne Grausamkeit fotografiert hast
mit einem leichten Prickeln

wurde ein Sinn für Museen wiedergeboren
nach Richter Pasolini Nakagami

auf der Suche nach verlorenen Gassen
auf der Halbinsel Kii

all der Schmerz des Denkens
ohne Emaille und Kameen forme ich dich

jedes Ende einer Genealogie
aus einer Landschaft, die nicht mehr beweglich ist


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten?
Angelo Vannini: Du sagst „noch”, und ich frage mich, ob sie das jemals getan hat. Wahrscheinlich nicht. Aber ich kenne Menschen, die durch Literatur gerettet wurden, ich glaube, ich habe in meinem Leben mindestens drei oder vier davon getroffen. Das reicht mir.

Wie können wir angesichts der Lage in der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
AV: Das können wir nicht. Jedenfalls nicht „gemütlich“. Ich muss sagen, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr gemütlich tun kann, und vielleicht ist das auch besser so.

Wo fühlst du dich zu Hause?
AV: Nirgendwo. Aber ich komme langsam zu der Überzeugung, dass genau das vielleicht die eigentliche Voraussetzung dafür ist, irgendwo zu Hause zu sein. Lange Zeit habe ich in Worten gelebt, weil ich nicht in der Welt leben konnte; heute sehe ich, dass sogar Worte manchmal unbewohnbar werden. Das ist ein Glück. Denn genau das ermöglicht es uns, gerecht zu sein – oder zumindest danach zu streben –, ohne in dem einzuschlafen, was wir zu sein glauben. Weißt du, mit der Zeit habe ich gelernt, dass man auch mit den Augen schreiben kann, dass die Menschheit zugleich grausam und sanft ist und dass wir alle gleichermaßen – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für diese Grausamkeit und diese Sanftheit verantwortlich sind.

 

BIO

Angelo Vannini ist ein italienischer Schriftsteller, der in Paris lebt. Er ist Autor des Gedichtbands Fogli di sosta (2023), des Romans Stoffe da Shiga (2022) und der poetischen Meditation L’intermissione dei cigni. Cinquantanove giorni alla frontiera della letteratura (2017). Seine Theaterstücke, die er auf Italienisch, Französisch und Englisch verfasst hat, wurden in Mailand (La Triennale), Paris (Centre Pompidou, Panthéon, Mairie du 5e arrondissement) und New York (La MaMa Theatre) aufgeführt. Er leitet die Gedichtsammlung „la lumière obstinément” für den italienischen Verlag Affinità elettive.

Serge Deruette | Le Ropieur, Bergen (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Serge Deruette | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Das Bistrot Le Ropieur auf dem Grand-Place von Mons, aber an einer Ecke. Oder wenn man will, auch an einer Ecke, aber auf dem Grand-Place. Im Herzen der Stadt, aber etwas abseits. Einfach und diskret: das Antidot zum hochtrabenden und pharaonenhaften Bahnhof von Mons. Zufluchtsort einer bunt gemischten Fauna, bescheiden und urwüchsig zugleich. Ein Schlupfwinkel für Künstler, Faulenzer, Schwätzer, Studierende, Mann und Frau, Jung und Alt, die alle miteinander verkehren und sich vermischen. Und von morgens bis abends gehört „der Mann mit dem Hut voller Federn und den Sandalen voller Zehen“ zum Inventar. Kupfertische mit seinen eingravierten Zeichnungen, sowie denen von Poliart und anderen lokalen Künstlern. Auch ein Wandgemälde von Marat. Der Geist von Batia schwebt hier: Batia moûrt soû (tot betrunken – „Das trunkene Schiff“, im guten Französisch Rimbauds), die Satire-Zeitschrift der Gegend!
In Mons ist es mein „Stamm-Café“. Ein Schlupfwinkel ohne allzu viele Markierungen, wo alles auch sein Gegenteil ist. Man findet sich dort unter Kumpeln wieder und man findet sich selbst. Wenn man dort zufällig jemandem begegnet, der in der Nachbarschaft sitzt, begegnet man sich selbst. Sich dort einzuschließen ist eine Befreiung. Ein Ort ohne Überraschungen, aber nicht ohne Entdeckungen. Man hat hier seine Gewohnheiten, doch sind sie immer mit dem Unvorhergesehenen besiedelt, so dass es zur Gewohnheit wird, dort auf das Unvorhergesehene zu warten.
Raum der Ruhe schafft Unruhe, aus reger Betriebsamkeit wird Gelassenheit; man geht hinein, um besser herauszukommen, aus sich selbst und aus der Routine. Man setzt sich dort hin, lässt alles sich setzen, setzt sich aus. Und wenn man dort Ideen austauscht, dann um die eigenen zu verfeinern – obwohl … Man tankt dort Energie, aber nicht mit Wasser: man berauscht sich. Und wenn man benommen wird – manchmal, oder oft, je nachdem –, dann schwebt man auch.
Und dann gibt es den Orval – keinen gelagerten*, übertreiben wir nicht, der ist sehr schwierig zu finden –, aber wenigstens den gut temperierten, wie es für diejenigen, die das zu schätzen wissen, sein muss. 

* l’Orval vieux, der Orval – spezielles, auch teureres Bier, das mindestens 6 Monate, bis zu 20 Jahren gelagert wird.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung hat Geschichte für dich?
Serge Deruette: Normalerweise würde man antworten, dass sie hilft, die Gegenwart zu verstehen. Aber welche Geschichte? Die der „großen Männer“ oder die der breiten Masse? Und welche Gegenwart? Die der guten Werte, so befriedigend für die Demokratie (welcher?), der Freiheit (für wen?), der Menschenrechte (welche und für wen?) …, oder die  der Machtverhältnisse, der Gewalt, der Unterdrückung, der Kriege, die diese guten Werte umso mehr verdecken, je lauter sie beschworen werden 

Und die Geschichtslehre?
SD: Unterrichten bedeutet für mich, meine Studenten dafür zu rüsten sorgfältig zu sein, nicht Intellektuelle, die über allem, sondern im Dienste der Massen stehen. Zeigen, dass Geschichte nicht die der Werte noch der Ideen ist (mein Kurs über die Geschichte des politischen Denkens ist einer der Geschichte der materiellen Bedingungen, ihrer Emergenz und ihrer Evolution), sondern die der Klassen und ihrer Kämpfe untereinander.

Wo fühlst du dich zu Hause?
SD: In der Welt der einfachen Leute, die der Armen und Unterdrückten, die Welt, aus der ich komme und der ich treu bleibe. Im Kampf um eine bessere Welt, die der Arbeitermassen, und in der Solidarität mit den Völkern, die man niederschlägt, unterdrückt und demütigt. 

 

BIO
Serge Deruette geboren und aufgewachsen in La Louvière, Arbeiterstadt im belgischen Kohlebergbau-Gebiet. Er lehrt an der Universität von Mons (UMONS) Zeitgeschichte und Geschichte der politischen Ideen, und zwar als resilienter Kritiker des Mainstream-Denkens: Geschichte aus der Perspektive von unten/ der unteren Schichten, die der Arbeitermassen, die sie schreiben. Er trägt auch dazu bei, die Ideen von Jean Meslier bekannt zu machen, diesem guten atheistischen Priester, Materialisten, Kommunisten und Revolutionär aus den Anfängen der Aufklärung. 

Philippe Marczewski | Le Kleyer, Lüttich (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Philippe Marczewski | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Ich gehe im Winter gerne vormittags ins Kleyer, wenn das schwache Sonnenlicht durch die kleinen grünen Fenster fällt und auf die Tische scheint – abgenutzte Tische, die schon seit Ewigkeiten dort zu stehen scheinen. Das gefällt mir vielleicht am besten. Um diese Zeit sind nicht viele Leute da, man hat das Gefühl, den Raum für sich allein zu haben. Es ist eine gute Zeit zum Lesen oder um nichts zu tun und einfach nur die Wintersonne zu genießen.

Gegen 17 Uhr ist es anders. Ich komme herein, es herrscht ein Höllenlärm, meine Brille beschlägt sich. Ich muss mich mit einer Tischecke begnügen, die mir Fremde überlassen. Seltsamerweise ist das meine Lieblingszeit zum Arbeiten. Wenn ich beispielsweise bei einem Text nicht weiterkomme oder mich mehr als sonst schwer tue, mich aus den unergründlichen Zweifeln zu befreien, die das Schreiben mit sich bringt, reicht eine einstündige Arbeitssitzung, umgeben vom Trubel im Kleyer am Ende des Tages, um mich wieder aufzurichten. Um die Maschine anzukurbeln. Ich kann es mir nicht erklären.

Das Kleyer liegt am Rande des bourgeoisesten Viertels der Stadt. Dennoch ist es ein beliebtes Café, und je nach Tageszeit kann man dort sehr unterschiedliche politische Gespräche hören. Alte Konservative sitzen neben progressiven Aktivisten. Außerdem ist es ein Café der Fans des Royal Football Club Liégeois, in dem sich auch viele Fans des anderen Clubs, Standard de Liège, treffen. Kurz gesagt, es ist das, was ich einen Ort der Reibung nenne: ein nicht sehr großer Raum, in dem die Wäsche sozusagen wie in der Trommel einer Waschmaschine durchgeschüttelt wird.

Ich habe viele Freunde, die das Kleyer besuchen, aber ich treffe sie fast nie zufällig. Das ist für mich ein weiteres großesRätsel.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur bewirken?
Philippe Marczewski: Eine Form der Sprache suchen, um auszudrücken, wer wir sind.

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
PM: Selbst die wenigen reinen Konsumenten, die ich gekannt habe, suchten ein wenig soziale Interaktion. Es sind Orte, an denen man mit der Welt in Berührung kommt, mit Freunden wie mit Fremden.

Wo fühlst du dich zu Hause?
PM: Bei den Menschen, die ich liebe; in einer offenen Landschaft mit einem riesigen Himmel; und in einigen Städten, mit einem Buch und etwas zum Schreiben.

 

BIO

Philippe Marczewski ist Schriftsteller und Lehrer. Seine ersten beiden Bücher wurden vom Verlag Inculte veröffentlicht: Blues pour trois tombes et un fantôme (2019), eine melancholische Erzählung, die die Stimmungen seiner Heimatstadt Lüttich erkundet, und Un corps tropical (2021), ein bissiger Roman über zeitgenössische Abenteuer (Prix Victor Rossel, besondere Erwähnung der Jury des Prix Senghor). Im März 2024 veröffentlichte der Verlag Éditions du Seuil seinen Roman Quand Cécile (besondere Erwähnung beim European Union Prize for Literature, 2025), der ohne Traurigkeit von Abwesenheit, Trauer, Erinnerung und Vergessen handelt. Er schreibt eine Rubrik über die Erkundung des Territoriums in der Zeitschrift Imagine Demain le monde und veröffentlicht verschiedene Artikel und Chroniken in der Zeitschrift Wilfried.

 

 

Kurt Ryslavy | À la Mort Subite, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Kurt Ryslavy

 

1987 habe ich diese typische Brüsseler Brasserie entdeckt und zu schätzen gelernt, mehr als zehn Jahre vor ihrer Klassifizierung als kulturelles Erbe. Es gab immer freie Sitzplätze, die Wände ein angenehmes (Nikotin-)Kolorit, die beeindruckende Raumhöhe machte Raucher cubanischer Zigarren ohne Begleitung nicht zu Besucher-störenden Blickfängern. Die grosszügige Dekoration aus sich gegenüberliegenden Spiegeln locken die Aussicht in die Ewigkeit, innenarchitektonisch raffiniert nicht zu niedrig an den Wänden angebracht. Wo ich herkomme, ist der Stil der grossen Cafés meist älter als dieses Brüsseler Juwel, was dort hingegen den Konservativismus zu pflegen hilft, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

Wie viele Künstler in der Geschichte benutzte ich eine derartige Atmosphäre um sich von den engen eigenen Wänden lösen zu können, sich mit anderen intellektuellen Welten (Büchern) aueinandersetzen zu können, die Wartezeit (vor/ nach) cinemathek zu überbrücken und Heizkosten zu sparen. Heute bin ich weniger da, mehr Touristen sind zu sehen.

Neuankömmlingen in Brüssel zeige ich gerne À la Mort Subite, es ist für mich immer noch ein Ort der geistigen, atmosphärischen Ruhe, mit professioneller, atmospärischer Bedienung und Humor, beschränktem Essen und lokalen Getränken, ein positiver Aspekt, der den Tourismus nicht überborden lässt.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann die Literatur (machen)?
Kurt Ryslavy: Die Literatur kann Interesse erwecken und zum Lesen verführen. Mehr nicht.

Das Café (bzw. Das Café, das du ausgewählt hast) ist eher ein Ort des Rückzugs, der Andacht oder eher ein Ort der Versammlung?
KR: Weder noch. Wie der Name schon sagt, ist die Brasserie ein Ort der Überraschung, oder nicht einmal das, denn wenn man plötzlich stirbt, hat man keine Zeit mehr überrascht zu sein. Aber ich würde sagen ein Ort der Inspiration, der Entdeckung, der Befreiung, des Tief Luft holens. Hin und wieder jemanden zu Treffen ist auch gut. Dazu muss ich sagen, dass dieser Ort früher für mich wichtiger war als heute – weil ich mir so einen Ort inzwischen bei mir zu Hause schaffen konnte. 1987, als ich nach Brüssel kam hatte ich das nicht zu Hause.

Wo fühlst Du Dich zu Hause?
KR: Dort wo mich nichts belastet. Das ist weder Österreich noch Belgien. Das ist keine Kirche, keine Synagoge, keine Moschée. Das ist auch kein Fussballstadium oder Menschenmenge.

 

BIO

Kurt Ryslavy ist Österreicher und lebt seit 1987 in Brüssel, der Heimat des Surrealismus. Die Originalität seines Ansatzes liegt darin, dass er seine künstlerische Tätigkeit mit einer trockenen geschäftlichen Tätigkeit verbindet. Er interessiert sich für Philosophie, Literatur und Kunst (er schätzt Montaigne, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Paul Feyerabend, u. a.) und widmet sich seit 1991 dem Handel mit österreichischem Wein (um nicht an der Akademie der Schönen Künste unterrichten zu müssen), mehr aus Leidenschaft für die philosophischen als für die technischen Aspekte des Weins. Er ist dennoch Mitglied der Königlich-Flämischen Akademie Belgiens für Wissenschaft und Kunst.

Brahim Saci | L’impondérable, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Brahim Saci | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Wenn es einen Ort gibt, der mir lieb und teuer, ja fast lebenswichtig, ist, dann ist es das Literatur-Café L’impondérable in Paris. Jeden Sonntag um 18 Uhr wird es zu einem Treffpunkt der Seelen, der Poesie, Musik, der Ideen. Es ist der Schriftsteller, Dichter, Journalist Youcef Zirem, der darin die Seele ist. Seine Energie, seine Menschlichkeit, machen aus diesem wöchentlichen Moment ein essentielles Atemholen, zusammen mit Mourad und Sofiane, den herzlichen Gastgebern des L’Impondérable, die uns mit besonderer Freundlichkeit empfangen. 

Die Atmosphäre da ist freundschaftlich, fast brüderlich. Der Austausch ist immer respektvoll, tiefgründig. Man redet dort über Literatur, die Künste, das Leben – und vor allem schreibt man dort. Es ist an diesem Ort, wo ich die Inspiration für den Großteil meiner zwanzig Gedichtbände gefunden habe. Oft bleibe ich spät in der Nacht am Tisch sitzen, einen kalt gewordenen Kaffee neben mir, und warte darauf, dass die Muse kommt und sich gegenüber setzt. Die Cafés sind für mich kreative Zufluchtsorte, Heimstätten des freien Denkens. 

Jeder Winkel des L’Impondérable scheint von wartenden Worten bewohnt zu sein.
Man hört dort Lachen, Verse, vielversprechende Stille.
Es ist ein Ort der lebendigen Erinnerung, aber auch der poetischen Zukunft.
Man begegnet dort den Stimmen, die von Woanders her kommen, gemischte Sprachen, sich vermischende Geschichten.
Es ist ein sanfter Widerstand gegen die Brutalität der Welt.
Eine Insel der Schönheit im Pariser Tumult.

In Paris, der Stadt der Dichter, haben die Cafés so viele Werke entstehen sehen. Verlaine, Aragon, Camus, Kateb Yacine …, alle haben an diesen belebten Orten geschrieben. L’Impondérable reiht sich in diese lebendige Tradition ein.
Es ist mehr als ein Café. Es ist ein Raum der Kreativität, der Freiheit, wo das Wort zirkuliert, wo die Stille inspiriert, wo die sich kreuzenden Blicke mehr als Worte sagen.
Dieses Café trage ich in mir. Es ist die Verlängerung meiner Stimme, meiner Texte, meines Seins. 

 


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? 
Brahim Saci: Ja, sie kann nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Sie wird die Welt vielleicht nicht in einem konkreten Sinn retten, aber sie rettet die Geister. Lesen bedeutet lernen zu denken, zu zweifeln, zu fühlen. Literatur hilft uns, die Welt und andere besser zu verstehen. Sie weckt das Bewusstsein und bildet kritische Geister. Kinder ans Lesen zu gewöhnen bedeutet, ihnen innere Freiheit zu vermitteln, eine stille Kraft, um eine gerechtere Zukunft aufzubauen.

Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
B.S: Ja, das Café ist nach wie vor ein Ort des freien Austauschs, ein Raum, in dem Ideen ungehindert zirkulieren können. Es ist ein Ort, an dem Masken fallen, an dem man diskutiert, teilt, zuhört. In einer zunehmend digitalen Welt sind Cafés nach wie vor physische Orte der sozialen Verbindung und des lebendigen Wortes. Sie bewahren sich ihre Funktion als Ideenschmiede, wie früher die literarischen Salons.

Wo fühlst du dich zu Hause? 
B.S: Ich fühle mich an Orten zu Hause, an denen ein Austausch stattfindet, da wo man ganz man selbst sein kann. Das kann in einem Café sein, in einem Buch oder in einem ehrlichen Gespräch. Es sind diese Freiräume, die mir das Gefühl geben, dazuzugehören.

 

BIO 

Brahim Saci ist ein französisch-kabylischer Schriftsteller, Journalist, Liedermacher. Geboren zwischen zwei Ufern, erforscht er in seinen Texten Exil, Liebe, Erinnerung und Freiheit. Als Autor von zwanzig Gedichtbänden ist er eine einzigartige und engagierte Stimme am Schnittpunkt der Kulturen. In der Pariser Literaturszene ist er sehr aktiv, er holt sich seine Inspiration in Cafés, vor allem im Literatur-Café L’Impondérable, wo er oft bis spät in die Nacht schreibt.  

 

Anicée Willemin | Brasserie Le Cardinal, Neuchâtel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Anicée Willemin | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach

 

Heute habe ich nichts getan. Aber Vieles hat sich in mir getan. Roberto Juarroz

Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Eines Tages im Februar 2024, eines Tages im Januar 2025. Raumzeitliche Verwerfung. Von Neuenburg nach Lausanne, dann zurück nach Neuenburg, ins Café, das ich ganz besonders mag, das *Cardinal*.
Jugendstil, barockes Ambiente, Lileengrün, Grünspangrün, minzgrüne Kacheln, goldkupfergondelnde Blumen, wundersame Landschaften, Vögel – fein ziselierte Kraniche und Pfauen. Eine Grafik, fast wie von Hokusai. 
Sich gut fühlen, sich hier gut fühlen. 
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist. 
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Café Auftakt zur Begegnung, Café Auftakt zu jeder Begegnung. 
Eine imaginierte, unvordenkliche, unbeschreibliche Begegnung. 
Moment der Gnade in sich selbst und ausserhalb von sich selbst.
Frenetische Beobachtung, getrennte Zeit.
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist.
Wenn der Geist da ist, wenn der Geist kommt.
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt 
Moment der Einberufung, Moment in der Schwebe.
Ein Anflug von «Der Himmel über Berlin», das Verlangen nach etwas Hörbarem, etwas Sagbarem, nach etwas, was man schreiben könnte. 
– Dieses Café gefällt mir ganz besonders gut, ich fühle mich von seinem Dekor repräsentiert. –
Anmutige Vögel, Wildblumen, imaginäre Blüten, grazile Sonnenblumen. 
Ich bin ganz durcheinander von all dem Kachelgrün. 
Ein Ort für Tagträumereien. 
Ein von Grün durchwirkter Ort wie eine bezaubernde Apnoe. 
Frenetische Beobachtung, gemeinsame Zeit.
Ich drehe mich um / der Flieder blüht. (Gilbert Trolliet)
Narcissus poeticus
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Wenn der Geist da ist, wenn der Geist kommt. 
Zu jeder Stunde, wenn die Zeit kommt, wenn die Zeit da ist. 
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt
Historisches Pastell, wie ein Bonbon von einst – neu belebtes Bonbon. Grün. Grün wie mein Traum.
Aus meinem Traum bin ich in deinen gekippt 

Als Begleitung im Hintergrund: La Grâce et la Rencontre von Colette Nys-Mazure, erschienen im Februar 2024 bei Éditions POESIS, in der Reihe Habiter poétiquement le monde. 

 


Interview mit der Autorin

Wie können wir uns angesichts der gegenwärtigen Weltlage noch gemütlich in ein Café setzen? 
Anicée Willemin: Um nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. In einer stillen und/oder lärmenden Dringlichkeit.

Warum noch schreiben und lesen?
AW: Schritt für Schritt dem goldenen Pfeil folgen, dem roten Faden. Demjenigen, den man sich für sich wünscht. Demjenigen, den unsere Schritte sich für sich wünschen. Die Schritte sind ein Gedanke. Die Schritte sind eine Schrift. Die Schritte sind eine Lektüre. Pfeil und Faden. Faden und Schritte. Diejenigen, die man gerne kommen sähe. Diejenigen, von denen man sich wünscht, sie kommen zu sehen. Kommen sehen. Sehen, was kommt. Faden und Pfeil. Schritte und Faden. Kommen sehen. 

Ist das Café (oder das Café, das du gewählt hast) eher ein Rückzugsort, ein Ort der Besinnung oder ein Ort der Versammlung? 
AW: All diese Facetten in verschiedenen Momenten. Manchmal bloß eine davon. Manchmal gerade die andere. Manchmal bloß die dritte. Manchmal noch eine andere. Manchmal all diese Facetten miteinander vermischt, in einer vollständigen Symbiose. Ich mag diese Idee einer aneinander, ineinander gefügten Pluralität, die so ein Ganzes bildet. Und sich erinnert. Und sich erhebt. Sich erhebt angesichts der Ungerechtigkeit der Welt. Der große Aufstand. Rückzug, Besinnung, Sammlung und Versammlung.  – Man kann das Gefühl haben, in sich hineinzusinken und einen Augenblick meditativer Besinnung erleben, während man zugleich in vielfältiger Begleitung ist und sich versammelt, seine eigenen Stücke zusammensammelt. – Das Café ist ein Schritt an sich. Das Café ist Schritte in sich. Und aus sich hinaus.

 

BIO

Anicée Willemin ist a-ni-c. Sie ist und wird, was sie gerade wird. Getragen vom dröhnenden Atem des Absoluten hat sie den Blick vor allem auf poetisch-fragmentierte Räume gerichtet und ihre Musik genährt, während diese sie nährte. Sie kommt aus einem kleinen Juradorf und ist eine frische Vierzigerin, die sich durch Feld und Wiesen tollt und tummelt und ohne Unterlass das Leben ausprobiert, desgleichen das Leben des grünenden Schreibens. Ihr erster Gedichtband, Les balcons étaient comme des roses d’eau entêtantes (Die Balkone waren wie betörend duftende Wasserrosen) ist im März 2023 bei den Editions du Griffon in Neuenburg (Schweiz) erschienen.  

Bénédicte Vidaillet | Tok’ici, Lille

Foto: Alain Barbero | Text: Bénédicte Vidaillet | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Im Tok’ici  („Hier klopfen“)

In dieser Welt der großen Machtverrückten – toqués au pouvoir – gibt es glücklicherweise das Tok.

Kochmützen – toques – sind hier zu finden. Keine mit Sternen übersäte, aber solche, die uns Sterne in die Augen treiben. Gefüllte Bao, Tahchin, Won-Ton-Suppe und Tarator-Sesamsauce, Cromesquís oder flämischer Waterzooi-Eintopf. Gib´s zu: dir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. 

Klopf-klopf – toque –, tritt ein. Kein Kamin, aber Lächeln, Begrüßung, ein Gläschen, ein paar Worte und oft mehr.

Und wenn du einen Fimmel hast – ein bisschen toqué bist –, kannst du deine Ticks, deine tocs, mit ins Tok schleppen. Richte deinen Barhocker genau über die Fugen der Bodenfliesen aus, überquere die Schwelle eher zweimal als einmal, bekreuzige dich vor jedem Schluck: Das verleiht dir nur Stil, man macht nicht viel Aufhebens davon.

Und aus – et tok!

 


Interview mit der Autorin

Aktivismus und Literatur – wie geht das bei dir zusammen?
Bénédicte Vidaillet: Mir gefällt nicht, was aus dieser Welt wird. Anstatt zu heulen oder allein wütend zu sein, bin ich aktiv und gründe Vereine, um zusammen mit anderen einen Park im Vorort und dann eine große Brachfläche im Zentrum von Lille vor einer verrückten Urbanisierung zu schützen, die uns und unsere Geschichten, unsere Erinnerungen und unsere sensiblen Bande mit unserem Lebensraum enteignen. Und die jeden Tag die lebendige Welt, tierische und pflanzliche, ein Stück mehr zerstört. Und ich schreibe: Manifeste, lautstarke Appelle, Essays. Schreiben und Handeln sind für mich eng miteinander verknüpft.

Was sind deine Ziele?
BV: Als Aktivisten versuchen wir, etwas anderes zu verteidigen und zu erfinden als die Stadt und das Leben, die die Vorschriften dieser Experten, die „zu unserem Wohl“ urbanisieren, uns zuweisen. Wir drücken unsere Suche nach einer Welt aus, die unseren Bestrebungen, Wünschen, unserem Bewusstsein, mehr entspricht. Eine Welt, die uns Lust auf das Leben macht, das wir mit unseren Körpern, unseren Sinnen und unserer Sensibilität bewohnen können.  

Wie soll die aussehen? 
BV: Im Grunde wollen wir die einfachen und wesentlichen Dinge: Luft zum Atmen, langfristig sauberes Trinkwasser, verschonte Böden, die uns ernähren, Schönheit; wir wollen in Reichweite unserer Schritte oder Fahrradreifen den Rhythmus der Natur spüren, einen Kohlkopf oder einen Baum wachsen sehen, staunen, uns treffen, diskutieren, lernen, Erfahrungen machen, in Bewegung sein. 

Uns lebendig fühlen. 

 

BIO

Ich liebe Wörter. Kein Wunder, dass ich Psychoanalytikerin geworden bin. Auch dass ich schreibe, Artikel, Bücher. Einige sind ins Italienische oder Englische übersetzt worden. Das letzte heißt: Pourquoi nous voulons tuer GretaNos raisons inconscientes de détruire le monde (Warum wir Greta töten wollen – Unsere unbewussten Gründe, die Welt zu zerstören, érès, 2023)