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Bernd Lüttgerding | Café De Kat, Antwerpen

Foto: Alain Barbero | Text: Bernd Lüttgerding

 

Gesang für die Katz‘
Ich trete in den Blick des Zapfers,
der mich von der Theke her taxiert
und stoße gegen einen Hundenapf, der
scheppernd meinen spitzen Tritt pariert.

Gesehen sein ist mir willkommener
Beweis, dass es mich gibt, dass ich
hier wirklich bin und kein verschwommener,
in Zeit sich lösender Gedankenstrich.

Ich greife den Stuhl am Rande bei der
von vielen Fingern gefetteten Lehne,
doch auf ihm sitzend finde ich leider
nicht gleich Haltung. Dies die Szene.

Jetzt werden Stunden eingestampft,
und was sie füllen kann, verdampft.
Was hab ich heut getan geschafft?
Ich trags beschwingt mit halber Kraft,

mir ausgemalt in Gold, gekrönt mit Schaum
nun hin und wieder zum Pissoir
und denke, noch so ein verlornes Jahr
wie die zwei vorigen, doch stört das kaum.

Denn meinen Heimweg kenne ich, ich weiß,
wo Gleise nach den Fahrradreifen schnappen,
ich kenn die Straße vor mir, flirrt und peitscht
sie nicht wie ein nervöser Katzenschwanz?

Erlösung, schön. Ich kenn auch deren Preis,
und ohne Jammern will ich ihn berappen,

wenn Tagesanbruch mir die Brust zerfleischt
und grunzend dort nach meinem Herzen heischt;
mit blutverschmiertem Maul setzt er es in den Glanz
von Gold und Schäumen seiner himmlischen Monstranz.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was bedeutet Literatur für dich?
Bernd Lüttgerding: Literatur ist die Brücke, die mich mit den Dingen des Lebens verbindet; sie ist mein Fahrzeug (oder „Weg“, im Sinne des yāna im Buddhismus, falls das ein zulässiger Vergleich ist), auf dem ich denke und versuche, mich mir selbst, meinen Mitmenschen, der Erde vielleicht, dem Universum oder Gott, wenn man den in diesem Rahmen bemühen will, anzunähern. Leider klingt das ein bisschen aufgeblasen. Ich finde schlichtweg, Literatur ist eine große Sache.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich?
BL: Das Café ist ja eine Illusion. Als sozialer Raum tut es so, als wäre es eine Kreuzung aus Wohnzimmer und Welt, obwohl es auch eine aus Filterblase und Einzelhandel ist. An den traditionelleren belgischen Cafés gefallen mir die großen Fenster, die ersteres betonen. Ich sitze da, ausgestellt (wie in einem Aquarium), aber gleichzeitig beschützt (wie in einem Gewächshaus) und kann mich im Wechsel aufs Sehen und auf meine Sichtbarkeit konzentrieren, wenn mir danach ist. Ich schreibe nicht in Cafés, oder nur, wenn sich meine Arbeit am Schreibtisch festgefahren hat und ich Störung brauche, Widerstände von außen, die meine inneren Widerstände aufwiegen und bestenfalls aufweichen. Am wichtigsten finde ich Cafés für Gespräche. Dort, in diesem schützenden und störenden Raum einem Freund oder einer Freundin gegenüber zu sitzen und zum Beispiel die Darstellung des Hintergrunds im Bild, den Hexameter als Lokomotive einer Erzählung, die Schmerzpunkte der Weltlage zu verhandeln, oder gemeinsam gesprächlich die seltsamen Gärten von Liebe und Trauma zu durchwandeln, davon kann ich meistens ein paar Tage lang zehren.

Warum hast du das Café De Kat ausgewählt?
BL: Als ich noch in Brüssel gewohnt habe, mochte ich das Café Au Daringman mit seiner sublimen Holzvertäfelung mit feuerroten Einlagen und den ebenso feuerroten Tischplatten und hinter der Theke Martine, die, glaube ich, mit ihrer erstaunlichen Kraft auf ihre Gäste einen gleichzeitig belebenden und tröstenden Einfluss hatte. Aber den Daringman gibt es nicht mehr. Außerdem wohne ich wieder in Antwerpen, wo ich zwischen mehreren Cafés wählen kann, die mir gefallen. In De Kat saß ich vor vielen Jahren mal spät abends, als eine Gruppe von Leuten hereinkam und zu schreien und zu poltern begann. Der Wirt hat sie umgehend rigoros beruhigt, denn in De Kat ist nicht Der Kunde König, sondern Die Kunden sind alle zusammen König. Das mag ich.

Was machst du, wenn du nicht im Café bist?
BL: Schreiben, lesen, mein praktisches Leben bewältigen, spazierengehen, trödeln, Unfug treiben. Das meiste ist aber doch in einem teils höheren, teils niederen Sinne Arbeit.

 

BIO

Bernd Lüttgerding, 1973 in Peine geboren, lebt seit 2008 in Belgien (Antwerpen, Brüssel). Er schreibt Romane (Gesang vor Türen, Berlin 2020), Gedichte (Stäubungen und Der rote Fuchs beider parasitenpresse in Köln) und gelegentlich Rezensionen. Seit 2020 arbeitet er an dem epischen Gedicht Im Wartesaal, in dem sich die Geschichte der Menschheit im Prisma eines müden Einzelmenschen bricht.

Heike Fiedler | Café Gavroche, Genf

Foto: Alain Barbero | Text: Heike Fiedler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Ich bin hier wegen der köstlichen hausgemachten Limonade, wegen der herzlichen Atmosphäre, wegen der engagierten Diskussion junger KünstlerInnen am anderen Tisch, wegen der Sonne, die ihr Licht durch die Glasfassade wirft, wegen des Regens, der fällt, wenn es regnet. Das Café Gavroche ist nach einer Figur aus Victor Hugos Roman „Les Misérables“ benannt. Dieser habe sich, sagt man, von dem Gemälde „La Liberté guidant le peuple“ (Die Freiheit führt das Volk) von Eugène Delacroix inspirieren lassen.
Da hinten ein farbiges Fresko: darauf sieht man eine multikulturelle Demonstration gegen den Krieg, wie das einzige Transparent im Vordergrund zeigt, wenn man es nicht schon beim bloßen Betrachten errät: stop war. An der Wand der kleinen Nische hinter der Bar ein nüchternes Poster im A4-Format, neunzehn goldene Buchstaben auf schwarzem Grund: kein mensch ist illegal.
An einer der anderen Wände, das Gedicht Liberté von Paul Eluard, illustriert von Fernand Léger, natürlich als Reproduktion. Vor einigen Tagen arbeitete ich hier mit Maryam Jafari Azarmani, eine Dichterin aus dem Iran, es ist nicht unbedeutend, es in diesem Kontext zu erwähnen. Da ist auch die Erinnerung an zwei Lesungen, an denen ich im Gavroche teilgenommen habe, von denen die früheste auf die Einführung des Sammelbandes an deiner statt/ à ta place, herausgegeben und organisiert von Les Editions d’en bas, zurückgeht. Rund um meinen Tisch herum unser Kommen und Gehen in der Welt, die, trotz allem, atmet, allem zum Trotz, weitergehen, kreieren, andere Orte und andere Realitäten entdecken, Bücher lesen, vor allem schreibe ich. Im Wort „schreiben“ (écrire) steckt der Schrei (le cri), das Lachen (rire)*; auf der ständigen Suche nach unseren Freiheiten, die Felsen ritzen, gavrocher/ felsritzen** gegen Macht und Herrschaft. Danke an das Café Gavroche, danke an Devrim, seit 20 Jahren die leitende Kellnerin, für diesen Ort der Ruhe in der herrschenden Unruhe. Ich verlasse das Café, um ein türkisches Wort reicher: Devrim bedeutet „Revolution“.   

 

* Wortspiel funktioniert nur im Französischen (Anm. Übers.)
** gavrocher: von der Autorin des Textes beigesteuertes Wort (gavrer – (ein)ritzen und rocher – Felsen, Anm. Übers.)

 


Interview mit der Autorin

Deine Arbeit liegt zwischen Textseite, Stimme, Performance. Hast du schon die Szene im Kopf, wenn du schreibst, denkst du schon an die Stimme und den Körper, oder kommt die performative Dimension erst im Nachhinein?
Heike Fiedler: Ich denke nicht an die Stimme und den Körper, ich schreibe mit der Stimme und mit dem Körper. Mein Schreiben entsteht in dieser Interaktion, die verschiedene Formen annehmen und generieren kann. In diesem Sinne ist Schreiben an sich ein performativer Akt. Der Klang der Wörter, der Klang der Sätze und der Buchstaben ist auch sehr wichtig: diese sonore Materialität der Sprache ruft oft die Fragmente hervor, die in einem bestimmten Text präsent sind. So sind zwischen Klang und Sinn zum Beispiel meine Gedichte, in denen verschiedene Sprachen nebeneinander existieren, entstanden. Was die Bühne betrifft, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass die zu füllende „leere Seite“ selbst eine Bühne darstellt, auf der sich der Text entfaltet. Ich nehme den Raum der Performance als eine Art Verlängerung der Seite wahr, oder aber als „Schreib-Szene“, ein Konzept, das ich aus der Literaturforschung entlehne. Aus dieser Perspektive heraus ist das Performen selbst für mich ein Akt des Schreibens, vor allem, wenn ich audiovisuelle Technik einsetze. Das Zusammenfinden der vorhandenen Elemente, die Gesten, die aufeinanderfolgen und sich überlagern, aber auch die Ko-Präsenz der sich im Performance-Raum befindenden Personen, lassen einen neuen Text entstehen, der (vielleicht) über den hinausgeht, der zu Beginn vorhanden war.     

Wie können wir angesichts der Weltlage noch gemütlich im Café sitzen?
HF: Diese Frage ist allgegenwärtig in einem weiteren Sinn: Wie essen, schreiben, ins Kino gehen, wie an einem warmen Ort schlafen, tanzen, feiern, wie weitermachen angesichts der Weltlage? All das tun, trotz allem, das ist ein Akt des Widerstandes, gewiss ein minimalistischer, dennoch nicht zu ignorieren. Versuchen dem Inaktiv-, Passiv-, Deprimiert-Werden zu widerstehen, während man die Wahl hat oder lernt, zu wählen; unsere täglichen Handlungen hinterfragen, im Bewusstsein neuer Herausforderungen, die sozio- und interkulturelle Forschungen und Praktiken erfolgreich entwickelt und thematisiert haben. Die Welt in die Cafés einlassen: sich treffen, diskutieren. Gemeinsam die kapitalistische und patriarchalische Kolonisierung des Denkens abbauen. Das ist nicht immer bequem, aber ach wie köstlich, wie ein guter Kaffee oder eine gute heiße Schokolade – hergestellt wo? Von wem, unter welchen Bedingungen, wie sind sie bis hierher gelangt, bis zu meinem Mund, in mein Inneres …

Wo fühlst du dich zuhause?
HF: Ich fühle mich in den Räumen wohl, in denen ich ein Fließen, ein Zirkulieren der positiven Energien spüre, also gewaltfreier, einladender und nicht ausgrenzender, horizontaler Energien, um es anders auszudrücken. Die Vorstellung, die ich mit dem Begriff assoziiere, sei es „bei mir“ oder „bei dir“ oder oder einfach „zuhause“, spiegelt diese Aspekte wider. Die Vorstellung vom Fluss verweist auch auf die Durchlässigkeit von Grenzen. Das ist auch ein Lebensprozess, mit Prüfungen, die manchmal schwer zu bewältigen sind. Jedenfalls habe ich es seit meinem jungen Erwachsenenalter vorgezogen, in kollektiven und gemeinschaftlichen Lebensstrukturen zu leben; angefangen damit, dass ich das erfahren habe, junge Student*innen, die wir waren, mit unseren Kindern in einem Chalet in Genf. Dort haben wir, zu mehreren in der gleichen Situation, unsere Freuden und Pflichten geteilt und strukturiert. Zurzeit ist meine Wohnung Teil einer Genossenschaft, mein erweitertes Zuhause. Es ist in diesen Extensionen, in diesen Zwischenräumen, wo Freiräume geschaffen werden.

 

BIO

Heike Fiedler (CH/D) – Schriftstellerin, Performerin, Laut- und visuelle Poetin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Genf, wo sie einen Masterabschluss in Literaturwissenschaft, sowie ein Zertifikat in Gender Studies erworben hat. Heike Fiedler schreibt auf Französisch, auf Deutsch und zwischen den Sprachen. Sie liest und performt ihre Texte auf Festivals international, sie ist in kollektive Projekte involviert, hat bisher acht eigene Bücher veröffentlicht und arbeitet z.Zt. an einer Lyrikübersetzung. Für ihr Schaffen erhält sie Förderungen von Pro Helvetia, der Stadt und dem Kanton Genf. https://heikefiedler.ch/

 

Dunia Miralles | Brasserie de la Fontaine, La Chaux-de-Fonds (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Dunia Miralles | Übersetzung aus dem Französischen: Yla von Dach

 

Oft verändern die Cafés diejenigen, die sie allzu eifrig besuchen. Ich gehöre zu den Veränderten. Mein erster Roman beginnt übrigens mit einer Bistro-Szene. 

Ob man hier von den AA geduldete Getränke oder alkoholisierte Tropfen konsumiert, die Bars, Brasserien und Pubs, sogar die Cafeterias und Tea-Rooms verändern uns, wenn wir uns auf ihren häufig wackeligen Stühlen den Hintern durchscheuern. Das erste Mal, als ich eine Kneipe betrat, ohne dass mich ein Erwachsener begleitete, war ich wohl etwa dreizehn. Es war nach der Schule und ich habe einen «Perroquet» (Pastis mit grünem Minzsirup) getrunken. Na ja, das verändert das Dasein und das Verhältnis zur Welt. Im Laufe der Zeit, nachdem ich gesehen hatte, wie viele Freunde ihr Leben an den Grund eines Glases versenkten, ja darin verloren, kam ich, vom Kneipenstuhl zum Bürostuhl, dazu, ein ganzes Buch zu schreiben, während ich in aller Herrgottsfrühe schon einen mit Mineralwasser begradigten Wodka pichelte. 

Gegenwärtig gehe ich selten in ein Café. Zuhause beneble ich mir vor dem Computer nicht mehr die Birne. Dennoch bewahre ich eine gewisse Zärtlichkeit für diese Orte, an denen man zuhören, Menschen treffen, sich austauschen, träumen, erzählen, beobachten, schreiben kann… Die Brasserie de la Fontaine ist der authentische, gesellige Ort, der am nächsten bei der Buchhandlung liegt, die an jedem beliebigen Werktag jedes beliebigen Jahres alle meine literarischen Veröffentlichungen verkauft. Da komme ich nach den Signierstunden hin und manchmal, um etwas Kleines zu essen. Und ja, selbst wenn ich einen Verveine-Orangentee schlürfe, kann ich nur feststellen, dass solche Orte uns verwandeln. Nicht bloss wegen der Flüssigkeiten, die unsere Wahrnehmung verändern, sondern weil man, wenn man genug Zeit dort verbringt, schliesslich seine Seele entblösst oder die von jemand anderem stiehlt. Ob man nun einen Schoppen trinkt oder kalte Milch.

 


Interview mit der Autorin

Was vermag Literatur?
Dunia Miralles: Ich teile die Literatur in drei Kategorien ein: Jene, die lehrt, jene, die entführt, jene, die einen Spiegel vorhält. Letztere ist Balsam für Menschen, die mit misslichen Situationen konfrontiert sind. 

Welche Bedeutung haben die Cafés für dich? 
DM: Ohne den beachtlichen Platz, die die Cafés auf meinem Weg ins Erwachsenenleben eingenommen haben, würde ich wohl anders schreiben. Ich verdanke ihnen – zum Teil – meinen literarischen Stil. Gegenwärtig sind sie für mich bloss noch Orte, an denen ich zwischen zwei Verabredungen an der Wärme warte. Dank Bistros im alten Stil, wie die Brasserie de la Fontaine, mit Gästen jeden Alters und aus allen sozialen Milieus, kann man der wachsenden Einsamkeit widerstehen, die die überhandnehmende Digitalisierung mit sich bringt. 

Wo fühlst du dich zuhause?
DM: Ich habe melancholische Anwandlungen, die mich aus heiterem Himmel vereinnahmen und daran hindern, mich irgendwo zuhause zu fühlen, egal wo. Doch trotz des Niedergangs der Welt und des Pessimismus, der mir anhaftet, ist es für mich lebenswichtig, Freude zu empfinden, ohne Schuldgefühle zu haben. Die durch depressive Zustände oder Anflüge von Verbitterung hervorgerufene Lähmung hat nicht die Kraft, die Menschheit positiv zu verändern. Im Gegenteil. Es ist wichtig, in Momenten einfachen Glücks neue Kraft zu schöpfen, auch wenn diese flüchtig sind. Man braucht weder einen Guru noch ein Selbsthilfebuch, um das zu schätzen, was uns kostenlos geschenkt wird: ein Stück blauer Himmel, das Zwitschern eines Vogels oder das Lächeln eines Kindes.

 

BIO

Dunia Miralles lebt in der Schweiz. Im Jahr 2000 hat der Pariser Verlag Editions Baleine ihren ersten Roman veröffentlicht: Swiss Trash. 2015 wird Inertie mit dem Bibliomedia Preis ausgezeichnet. 2023 bringt sie in Le Baiser d’Anubia die Borderline-Persönlichkeitsstörung zur Sprache, und in Le Gouffre du Cafard das Mobbing in der Schule. 
Dank eines Stipendiums der Association Neuchâteloise pour la Création Littéraire (ANCL) erscheint 2024 Caravelles du Seyon (Alphil-Verlag). Die Erzählung beleuchtet hoffnungsvoll und hoffnungsfroh die spanische Einwanderung der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Autorin hat zudem an mehreren kollektiven Publikationen mitgewirkt. Website: www.dunia-miralles.info

Linda Bühler | Atomic Café, Biel (Schweiz)

Foto: Alain Barbero | Text: Linda Bühler | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Sie wartet
Auf eine Nachricht?
Das Lächeln des Kellners?
Ihren Matcha? 
Die Rückkehr des Frühlings? 
Dass der Regen endlich aufhört?

Zwischen Komplizenschaft und Lachanfällen
Warten sie
Das richtige Licht
Damit das Paar nebenan sich aus dem Blickfeld ziehen kann
Dass der schöne Tisch hinten frei wird
Der Matcha ist schon kalt
Aber da vor der Bar wird es sehr schön sein du wirst sehen
Im Vertrauen
Sie tut so, als würde sie noch warten
Er fängt den Moment ein

An diesem Ort so oft besucht
Bekannte Gesichter
Andere neue
Die besten Tische sind besetzt
Im Hintergrund Jazzmusik
Die Diskussionen
Das Wasser, das in der Kaffeemaschine kocht
Nehmen Sie Zucker?
Hier
Werden Projekte geboren
Trennen sich Paare
Man gibt Französischkurse
Das macht sechs Franken fünfzig
Sie schreibt sie korrigiert sie träumt sie flieht
Man spricht Französisch oder Schweizerdeutsch
Oder Spanisch oder
Der Marmor des Tisches ist rissig
Die anderen aus Resopal
Das Alte zum wieder gefragten Vintage geworden
Danke schönen Tag
Ein Lächeln

In ihrer Lieblingsbar
Wartet sie

 


Interview mit der Autorin

Warum noch Lesen und Schreiben?
Linda Bühler: Mehr denn je hat Lesen und Schreiben einen Sinn für mich in diesen unruhigen Zeiten. Schreiben, um da frei zu bleiben, wo man noch das Recht hat, selbstständig zu denken. Schreiben, um nicht die Hände in den Schoß zu legen, Schreiben, um Ungerechtigkeiten anzuprangern, oder zum Vergnügen. Und Lesen, Lesen um zu entfliehen, um an etwas anderes zu denken. Um sich eine bessere Welt vorzustellen. Meine dreijährige Tochter ist mir ein Vorbild dabei; wenn ich auf sie hören würde, würden wir den ganzen Tag damit verbringen Geschichten zu lesen. Ich finde das schön.

Welche Bedeutung hat das Café für dich?
LB: Es ist ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen kann, so wie hier. Ich habe dort meine Gewohnheiten; das ermöglicht es mir, aus dem Haus und weg von Hausarbeiten oder Verwaltungssachen zu kommen, die meine Kreativität behindern. Cafés bieten eine Auszeit; sich diese Zeit zu nehmen ist ein Luxus, den man nicht jeden Tag hat. Ich beobachte auch gerne Menschen, manchmal höre ich mit einem Ohr zu und fange Gesprächsfetzen auf, die mich verzaubern. Cafés ermöglichen auch eine tolerierte soziale Einsamkeit, die weniger schwierig zu ertragen ist, als wenn man zu Hause bleibt. Und andere Menschen zu sehen, die arbeiten oder so tun als ob, motiviert mich auch zum Schreiben.

 

BIO

Linda Bühler schloss 2024 ihren Bachelor am Literarischen Institut Biel ab. Ausgefüllt von Mutterschaft und Alltag, erforscht sie mit ihrem Schreiben die generationsübergreifenden Zusammenhänge zwischen Weitergabe und Abstammung – Themen, die ihr sehr am Herzen liegen. Außerdem unterrichtet sie. Allein oder mit AJAR* schreibt sie gerne in Cafés – zu Hause nehmen die Wäsche und das Alltagsleben zu oft überhand.

*AJAR : Association des Jeunes Auteurices Romand-e-s

Emmanuelle Bayamack-Tam | Le Pacha, Villejuif (Frankreich)

Foto: Alain Barbero | Text: Emmanuelle Bayamack-Tam | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

In  Cafés  zu  schreiben  ist  eine  besondere  Sinneserfahrung,  denn  jeder  Ort  besitzt  seine  sonore  Struktur,  seine  Gerüche und  sein  eigenes  Stimmengewirr,  das    Geräusch  der  Kaffeemaschine,  Gläser,  die  aneinanderstoßen,  Gespräche an  den  Tischen  drumherum,  die  Rufe  der  Wettenden,  die  das  Pferderennen  live  verfolgen … 
In Cafés zu schreiben ist manchmal der beste Weg, um den Puls einer fremden Stadt zu fühlen. Ich komme an, ich richte mich ein mit meinen Heften und meinem Computer. Es gibt Orte, wo man mich offen fragt, was ich da mache, andere, an denen ich mich willkommen fühle, ohne dass irgendetwas gesagt wird. An einem Tag fand ich mich mit Unbekannten singend in einer Bar in Cadiz wieder. Ich war bei einer Luftgitarren-Probe in einem Bistrot in Namur dabei — die Instrumente waren unsichtbar, aber ich habe die Musik dennoch gehört.
In Cafés zu schreiben, das heißt in die Stadt, ins Leben einzutauchen, ohne dabei auf das Alleinsein zu verzichten. 
Als ich „Ein Zimmer für mich allein“ wieder las, kam mir der Gedanke, dass ich diesen intimen Raum, den Woolf als Voraussetzung sine qua non für ihr literarisches Schaffen sieht, nicht brauchte, oder genauer, dass ich fähig war, diesen Raum da zu schaffen, wo ich bin. 
In Cafés zu schreiben bedeutet draußen zu sein, ohne aufzuhören drinnen zu sein.

 


Interview mit der Autorin

Wechselst du das Café je nachdem, ob du ein Buch unter dem Namen von Emmanuelle Bayamack-Tam schreibst, oder unter dem von Rebecca Lighieri? Welchen Platz nimmt Le Pacha ein? 
Emmanuelle Bayamack-Tam: Ich entscheide schon lange im Vorhinein, ob ein Buch unter meinem richtigen Namen oder unter meinem Pseudonym veröffentlicht wird, da diese Entscheidung die gesamte Arbeit am Text, seine Themen, seine Struktur beeinflusst. Bei Lighieri weiß ich in der Regel, wo ich hin will, die Handlung ist in Szene gesetzt und die großen Wendungen bereits geplant. Bei Bayamack-Tam tritt die Handlung sehr in den Hintergrund und ich arbeite eher auf poetische Weise. Die Energien sind unterschiedlich, auch der Schreibrhythmus. Dennoch schreibe ich in den gleichen Cafés, welcher Text auch immer gerade in Bearbeitung ist. Le Pacha ist das erste Café, in dem ich geschrieben habe, als ich vor 20 Jahren in Villejuif ankam. Natürlich werde ich ihm auch mal untreu, aber ich komme immer wieder zurück. Dies ist auch ein neuralgischer Punkt der Stadt, ein Ort, an dem sich Menschen aus allen Bereichen und Herkunftsländern kreuzen — manchmal sehr kaputte Menschen, die wissen, dass sie hier mit Menschlichkeit empfangen werden. 

Kann Literatur noch die Welt retten? 
EBT: Wenn die Literatur imstande wäre, die Welt zu retten, wüsste man das seitdem wir Gedichte deklamieren und Geschichten erzählen. Dennoch haben wir Grund, ihr Kräfte zuzuschreiben, denn noch ist sie ein Raum der Freiheit, ja sogar der Überschreitung. Schreiben und Lesen bedeuten zwangsläufig, das Anderssein zu erfahren, und diese Erfahrung ist wertvoll in Zeiten, die zu Intoleranz und ängstlichem Selbstrückzug anleiten, auf das was uns gleicht und in unseren Vorurteilen bestärkt. Als Autorinnen und Autoren haben wir die Möglichkeit und vielleicht sogar die Pflicht, die Randbereiche, die Räume des Widerstands zu erkunden, als auch die Gebiete, die es durch Fiktion, Poesie und Hinterfragen der Sprache zu verteidigen gilt. Anstatt die Welt zu retten, kann Literatur die Gesellschaft aufrütteln, sie zu mehr Bewusstheit und weniger Intoleranz führen. Allerdings darf das Buch kein Nischenprodukt sein, das einer gebildeten und kultivierten Elite vorbehalten ist …

 

BIO

Emmanuelle Bayamack-Tam wurde 1966 in Marseille geboren. Sie lebt aktuell in Villejuif. Seit 1996  veröffentlicht sie bei POL Romane und Theaterstücke, mal unter ihrem Namen, mal unter ihrem Pseudonym Rebecca Lighieri. Arcadie erhielt 2019 den prix du Livre Inter, und La Treizième Heure 2022 den prix Medicis.

Laurent de Sutter | Life is Beautiful, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Laurent de Sutter | Übersetzung aus dem Französischen: Kersten Knipp

 

Die Kunst des Cocktails ist die Kunst des Mischens. Oder besser: Es ist die Kunst, durch Mischen etwas zu schaffen, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile. Es handelt sich um einen paradoxen Überschuss, der nicht nur auf dem Ergebnis gründet, sondern auch auf dessen Voraussetzungen. Denn ein gelungener Cocktail ist mehr als die Summe seiner Zutaten: Er hebt auch die Zutaten selbst über sich hinaus. Der Cocktail ist die Kunst, alle in einem Glas enthaltenen Elemente auf eine neue Ebene zu heben – nämlich auf die Ebene ihrer Möglichkeiten und nicht auf die Ebene ihrer bloßen Realität. Diese Möglichkeit ist auch die Kunst, die Wirklichkeit zu entschärfen. Sie macht das Untrinkbare trinkbar, nämlich den absurd starken Alkohol, der in einem Whisky, Gin oder Mezcal enthalten ist. Die Kraft des Alkohols neigt dazu, alles zu vernichten, und diese Kraft hat er im Überfluss. Doch der Cocktail erlaubt, diese Kraft zu zähmen, indem er sie in etwas Mögliches verwandelt – in etwas Trinkbares, etwas Berauschendes. Denn Alkohol ist niemals nur stark, er ist immer zu stark. Das erlaubt dem Cocktail, dieses Übermaß zu bändigen – wenn auch nur, um ein neues Übermaß zu erzeugen. Die Trinker der Lost Generation, von Raymond Chandler bis Ernest Hemingway, von William Faulkner bis Francis Scott Fitzgerald, haben es bewiesen: Der Cocktail ist nicht dazu da, allein zu bleiben. Der Cocktail ruft nach Vermehrung, ruft nach einer weiteren Mischung: der Mischung von Gläsern, der Mischung von Gesprächen, vielleicht auch der Mischung von Körpern. Man weiß nicht, wozu ein Körper fähig ist, schrieb Spinoza. Cocktail-Liebhaber würden entgegnen: Wenn man es nicht weiß, so hat man doch einen Weg, es herauszufinden: indem man diese Unwissenheit gegen eine andere eintauscht, nämlich die, wozu ein Cocktail fähig ist. Die Hypothese der Cocktail-Liebhaber lautet: Der Cocktail kann alles, denn er ist zu allem fähig. So kann er auch den Körper schlicht alles tun lassen, denn er hat unbegrenzte Verfügungskraft über ihn. Er lädt ein zum Besten und zum Schlechtesten. Darum ist die Kraft des Cocktails so gefährlich: Er ist die höchste, fast tödliche Manifestation des Lebens.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten? / Warum noch schreiben und lesen?
Laurent de Sutter: William Burroughs sagte, dass Literatur alles kann, weil nichts sich dem Einfluss des „Wortes” entziehen kann. Sie kann Welten zerstören und wieder aufbauen. Lebende vernichten und wieder auferstehen lassen. Alle Utopien entwerfen und alle Albträume verwirklichen. Unabhängig davon, wie sie heute genutzt wird: Diese Macht wird die Literatur immer behalten.

Wie können wir angesichts der Lage der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
LdS: Was sollen wir denn sonst tun? Jammern?

Hat das Café heute noch eine gesellschaftspolitische Bedeutung, und wenn ja, welche?
LdS: Die Vorstellung, das Café sei ein letzter Überrest der Aufklärung oder der letzte Avatar jenes Ortes, an dem sich das Volk versammelt, ist eine ermüdende Illusion. Eigentlich hätten die Porträts der Wirte aus der Literatur des Ancien Régime sie längst zerstreuen müssen. Wenn das Café noch eine Bedeutung hat, dann verdankt es sie nicht sich selbst, seiner fast transzendentalen Form, sondern denen, die es frequentieren. Cafés lassen sich nicht auf eine vorgegebene Art nutzen, im Gegenteil: Sie ergibt sich erst aus der Präsenz derer, die sie besuchen. Das beginnt damit, dass man sich für ein Café entscheidet, man dort ein Getränk wählt, die Entscheidung trifft, wiederzukommen. Ein Café, das sich als militant versteht, dann aber Industrieprodukte serviert, würde mich als Kunden verlieren.

 

BIO

Laurent de Sutter ist Essayist und Verleger. Er lehrt Rechtstheorie an der Vrije Universiteit Brussel und an der Universität Sciences Po Paris. Er ist Autor von rund dreißig Büchern, die in mehr als fünfzehn Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Er leitet die Reihen „Perspectives Critiques” bei den Presses universitaires de France und „Theory Redux” bei Polity Press.

Angelo Vannini | Bistrot littéraire Les Cascades, Paris

Foto: Alain Barbero | Text: Angelo Vannini  | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Das Literaturcafé Les Cascades ist ein Ort, den ich sehr mag, weil ich hinter ihm ein politisches Projekt des Widerstands gegen die Gentrifizierung sehe, eine einfache und entschiedene Ablehnung der kapitalistischen Ausbeutung. Caroline, die Besitzerin, hält die Preise bewusst niedrig. Der Ort wird vor allem von Leuten aus der Nachbarschaft und von jungen Schauspielern frequentiert, die in einer Theaterschule gleich nebenan studieren. Für mich ist es ein wertvoller Ort. Auch wenn die Atmosphäre sehr lebhaft ist, schaffe ich es immer wie durch Zauberei, mich in meine Arbeit zu vertiefen: lesen, schreiben, übersetzen. Gibt es wirklich Grenzen zwischen diesen drei Tätigkeiten? Vor einigen Tagen las ich in Les Cascades und versuchte, die Gedichtsammlung eines in Tokio lebenden Freundes aus dem Japanischen ins Italienische zu übersetzen. Und ähnlich wie Fortini mit Brecht kamen mir Verse in den Sinn, die von seinem Schreiben inspiriert waren:

dato che fotografavi la bella crudeltà
con un filo di formicolio

rinasceva un senso di museo 
dopo Richter Pasolini Nakagami

cercando vicoli perduti
per la penisola di Kii

tutto il dolore del pensare
senza smalti né cammei ti fingo

ogni fine di genealogia
dal paesaggio non più mobile

da du die schöne Grausamkeit fotografiert hast
mit einem leichten Prickeln

wurde ein Sinn für Museen wiedergeboren
nach Richter Pasolini Nakagami

auf der Suche nach verlorenen Gassen
auf der Halbinsel Kii

all der Schmerz des Denkens
ohne Emaille und Kameen forme ich dich

jedes Ende einer Genealogie
aus einer Landschaft, die nicht mehr beweglich ist


Interview mit dem Autor

Kann Literatur noch die Welt retten?
Angelo Vannini: Du sagst „noch”, und ich frage mich, ob sie das jemals getan hat. Wahrscheinlich nicht. Aber ich kenne Menschen, die durch Literatur gerettet wurden, ich glaube, ich habe in meinem Leben mindestens drei oder vier davon getroffen. Das reicht mir.

Wie können wir angesichts der Lage in der Welt noch gemütlich in einem Café sitzen?
AV: Das können wir nicht. Jedenfalls nicht „gemütlich“. Ich muss sagen, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr gemütlich tun kann, und vielleicht ist das auch besser so.

Wo fühlst du dich zu Hause?
AV: Nirgendwo. Aber ich komme langsam zu der Überzeugung, dass genau das vielleicht die eigentliche Voraussetzung dafür ist, irgendwo zu Hause zu sein. Lange Zeit habe ich in Worten gelebt, weil ich nicht in der Welt leben konnte; heute sehe ich, dass sogar Worte manchmal unbewohnbar werden. Das ist ein Glück. Denn genau das ermöglicht es uns, gerecht zu sein – oder zumindest danach zu streben –, ohne in dem einzuschlafen, was wir zu sein glauben. Weißt du, mit der Zeit habe ich gelernt, dass man auch mit den Augen schreiben kann, dass die Menschheit zugleich grausam und sanft ist und dass wir alle gleichermaßen – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für diese Grausamkeit und diese Sanftheit verantwortlich sind.

 

BIO

Angelo Vannini ist ein italienischer Schriftsteller, der in Paris lebt. Er ist Autor des Gedichtbands Fogli di sosta (2023), des Romans Stoffe da Shiga (2022) und der poetischen Meditation L’intermissione dei cigni. Cinquantanove giorni alla frontiera della letteratura (2017). Seine Theaterstücke, die er auf Italienisch, Französisch und Englisch verfasst hat, wurden in Mailand (La Triennale), Paris (Centre Pompidou, Panthéon, Mairie du 5e arrondissement) und New York (La MaMa Theatre) aufgeführt. Er leitet die Gedichtsammlung „la lumière obstinément” für den italienischen Verlag Affinità elettive.

Serge Deruette | Le Ropieur, Bergen (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Serge Deruette | Übersetzung aus dem Französischen: Daniela Gerlach

 

Das Bistrot Le Ropieur auf dem Grand-Place von Mons, aber an einer Ecke. Oder wenn man will, auch an einer Ecke, aber auf dem Grand-Place. Im Herzen der Stadt, aber etwas abseits. Einfach und diskret: das Antidot zum hochtrabenden und pharaonenhaften Bahnhof von Mons. Zufluchtsort einer bunt gemischten Fauna, bescheiden und urwüchsig zugleich. Ein Schlupfwinkel für Künstler, Faulenzer, Schwätzer, Studierende, Mann und Frau, Jung und Alt, die alle miteinander verkehren und sich vermischen. Und von morgens bis abends gehört „der Mann mit dem Hut voller Federn und den Sandalen voller Zehen“ zum Inventar. Kupfertische mit seinen eingravierten Zeichnungen, sowie denen von Poliart und anderen lokalen Künstlern. Auch ein Wandgemälde von Marat. Der Geist von Batia schwebt hier: Batia moûrt soû (tot betrunken – „Das trunkene Schiff“, im guten Französisch Rimbauds), die Satire-Zeitschrift der Gegend!
In Mons ist es mein „Stamm-Café“. Ein Schlupfwinkel ohne allzu viele Markierungen, wo alles auch sein Gegenteil ist. Man findet sich dort unter Kumpeln wieder und man findet sich selbst. Wenn man dort zufällig jemandem begegnet, der in der Nachbarschaft sitzt, begegnet man sich selbst. Sich dort einzuschließen ist eine Befreiung. Ein Ort ohne Überraschungen, aber nicht ohne Entdeckungen. Man hat hier seine Gewohnheiten, doch sind sie immer mit dem Unvorhergesehenen besiedelt, so dass es zur Gewohnheit wird, dort auf das Unvorhergesehene zu warten.
Raum der Ruhe schafft Unruhe, aus reger Betriebsamkeit wird Gelassenheit; man geht hinein, um besser herauszukommen, aus sich selbst und aus der Routine. Man setzt sich dort hin, lässt alles sich setzen, setzt sich aus. Und wenn man dort Ideen austauscht, dann um die eigenen zu verfeinern – obwohl … Man tankt dort Energie, aber nicht mit Wasser: man berauscht sich. Und wenn man benommen wird – manchmal, oder oft, je nachdem –, dann schwebt man auch.
Und dann gibt es den Orval – keinen gelagerten*, übertreiben wir nicht, der ist sehr schwierig zu finden –, aber wenigstens den gut temperierten, wie es für diejenigen, die das zu schätzen wissen, sein muss. 

* l’Orval vieux, der Orval – spezielles, auch teureres Bier, das mindestens 6 Monate, bis zu 20 Jahren gelagert wird.

 


Interview mit dem Autor

Welche Bedeutung hat Geschichte für dich?
Serge Deruette: Normalerweise würde man antworten, dass sie hilft, die Gegenwart zu verstehen. Aber welche Geschichte? Die der „großen Männer“ oder die der breiten Masse? Und welche Gegenwart? Die der guten Werte, so befriedigend für die Demokratie (welcher?), der Freiheit (für wen?), der Menschenrechte (welche und für wen?) …, oder die  der Machtverhältnisse, der Gewalt, der Unterdrückung, der Kriege, die diese guten Werte umso mehr verdecken, je lauter sie beschworen werden 

Und die Geschichtslehre?
SD: Unterrichten bedeutet für mich, meine Studenten dafür zu rüsten sorgfältig zu sein, nicht Intellektuelle, die über allem, sondern im Dienste der Massen stehen. Zeigen, dass Geschichte nicht die der Werte noch der Ideen ist (mein Kurs über die Geschichte des politischen Denkens ist einer der Geschichte der materiellen Bedingungen, ihrer Emergenz und ihrer Evolution), sondern die der Klassen und ihrer Kämpfe untereinander.

Wo fühlst du dich zu Hause?
SD: In der Welt der einfachen Leute, die der Armen und Unterdrückten, die Welt, aus der ich komme und der ich treu bleibe. Im Kampf um eine bessere Welt, die der Arbeitermassen, und in der Solidarität mit den Völkern, die man niederschlägt, unterdrückt und demütigt. 

 

BIO
Serge Deruette geboren und aufgewachsen in La Louvière, Arbeiterstadt im belgischen Kohlebergbau-Gebiet. Er lehrt an der Universität von Mons (UMONS) Zeitgeschichte und Geschichte der politischen Ideen, und zwar als resilienter Kritiker des Mainstream-Denkens: Geschichte aus der Perspektive von unten/ der unteren Schichten, die der Arbeitermassen, die sie schreiben. Er trägt auch dazu bei, die Ideen von Jean Meslier bekannt zu machen, diesem guten atheistischen Priester, Materialisten, Kommunisten und Revolutionär aus den Anfängen der Aufklärung. 

Philippe Marczewski | Le Kleyer, Lüttich (Belgien)

Foto: Alain Barbero | Text: Philippe Marczewski | Übersetzung aus dem Französischen: Kurt Ryslavy

 

Ich gehe im Winter gerne vormittags ins Kleyer, wenn das schwache Sonnenlicht durch die kleinen grünen Fenster fällt und auf die Tische scheint – abgenutzte Tische, die schon seit Ewigkeiten dort zu stehen scheinen. Das gefällt mir vielleicht am besten. Um diese Zeit sind nicht viele Leute da, man hat das Gefühl, den Raum für sich allein zu haben. Es ist eine gute Zeit zum Lesen oder um nichts zu tun und einfach nur die Wintersonne zu genießen.

Gegen 17 Uhr ist es anders. Ich komme herein, es herrscht ein Höllenlärm, meine Brille beschlägt sich. Ich muss mich mit einer Tischecke begnügen, die mir Fremde überlassen. Seltsamerweise ist das meine Lieblingszeit zum Arbeiten. Wenn ich beispielsweise bei einem Text nicht weiterkomme oder mich mehr als sonst schwer tue, mich aus den unergründlichen Zweifeln zu befreien, die das Schreiben mit sich bringt, reicht eine einstündige Arbeitssitzung, umgeben vom Trubel im Kleyer am Ende des Tages, um mich wieder aufzurichten. Um die Maschine anzukurbeln. Ich kann es mir nicht erklären.

Das Kleyer liegt am Rande des bourgeoisesten Viertels der Stadt. Dennoch ist es ein beliebtes Café, und je nach Tageszeit kann man dort sehr unterschiedliche politische Gespräche hören. Alte Konservative sitzen neben progressiven Aktivisten. Außerdem ist es ein Café der Fans des Royal Football Club Liégeois, in dem sich auch viele Fans des anderen Clubs, Standard de Liège, treffen. Kurz gesagt, es ist das, was ich einen Ort der Reibung nenne: ein nicht sehr großer Raum, in dem die Wäsche sozusagen wie in der Trommel einer Waschmaschine durchgeschüttelt wird.

Ich habe viele Freunde, die das Kleyer besuchen, aber ich treffe sie fast nie zufällig. Das ist für mich ein weiteres großesRätsel.

 


Interview mit dem Autor

Was kann Literatur bewirken?
Philippe Marczewski: Eine Form der Sprache suchen, um auszudrücken, wer wir sind.

Cafés: Orte der sozialen Interaktion oder des reinen Konsums?
PM: Selbst die wenigen reinen Konsumenten, die ich gekannt habe, suchten ein wenig soziale Interaktion. Es sind Orte, an denen man mit der Welt in Berührung kommt, mit Freunden wie mit Fremden.

Wo fühlst du dich zu Hause?
PM: Bei den Menschen, die ich liebe; in einer offenen Landschaft mit einem riesigen Himmel; und in einigen Städten, mit einem Buch und etwas zum Schreiben.

 

BIO

Philippe Marczewski ist Schriftsteller und Lehrer. Seine ersten beiden Bücher wurden vom Verlag Inculte veröffentlicht: Blues pour trois tombes et un fantôme (2019), eine melancholische Erzählung, die die Stimmungen seiner Heimatstadt Lüttich erkundet, und Un corps tropical (2021), ein bissiger Roman über zeitgenössische Abenteuer (Prix Victor Rossel, besondere Erwähnung der Jury des Prix Senghor). Im März 2024 veröffentlichte der Verlag Éditions du Seuil seinen Roman Quand Cécile (besondere Erwähnung beim European Union Prize for Literature, 2025), der ohne Traurigkeit von Abwesenheit, Trauer, Erinnerung und Vergessen handelt. Er schreibt eine Rubrik über die Erkundung des Territoriums in der Zeitschrift Imagine Demain le monde und veröffentlicht verschiedene Artikel und Chroniken in der Zeitschrift Wilfried.

 

 

Kurt Ryslavy | À la Mort Subite, Brüssel

Foto: Alain Barbero | Text: Kurt Ryslavy

 

1987 habe ich diese typische Brüsseler Brasserie entdeckt und zu schätzen gelernt, mehr als zehn Jahre vor ihrer Klassifizierung als kulturelles Erbe. Es gab immer freie Sitzplätze, die Wände ein angenehmes (Nikotin-)Kolorit, die beeindruckende Raumhöhe machte Raucher cubanischer Zigarren ohne Begleitung nicht zu Besucher-störenden Blickfängern. Die grosszügige Dekoration aus sich gegenüberliegenden Spiegeln locken die Aussicht in die Ewigkeit, innenarchitektonisch raffiniert nicht zu niedrig an den Wänden angebracht. Wo ich herkomme, ist der Stil der grossen Cafés meist älter als dieses Brüsseler Juwel, was dort hingegen den Konservativismus zu pflegen hilft, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

Wie viele Künstler in der Geschichte benutzte ich eine derartige Atmosphäre um sich von den engen eigenen Wänden lösen zu können, sich mit anderen intellektuellen Welten (Büchern) aueinandersetzen zu können, die Wartezeit (vor/ nach) cinemathek zu überbrücken und Heizkosten zu sparen. Heute bin ich weniger da, mehr Touristen sind zu sehen.

Neuankömmlingen in Brüssel zeige ich gerne À la Mort Subite, es ist für mich immer noch ein Ort der geistigen, atmosphärischen Ruhe, mit professioneller, atmospärischer Bedienung und Humor, beschränktem Essen und lokalen Getränken, ein positiver Aspekt, der den Tourismus nicht überborden lässt.

 


Kurzinterview mit dem Autor

Was kann die Literatur (machen)?
Kurt Ryslavy: Die Literatur kann Interesse erwecken und zum Lesen verführen. Mehr nicht.

Das Café (bzw. Das Café, das du ausgewählt hast) ist eher ein Ort des Rückzugs, der Andacht oder eher ein Ort der Versammlung?
KR: Weder noch. Wie der Name schon sagt, ist die Brasserie ein Ort der Überraschung, oder nicht einmal das, denn wenn man plötzlich stirbt, hat man keine Zeit mehr überrascht zu sein. Aber ich würde sagen ein Ort der Inspiration, der Entdeckung, der Befreiung, des Tief Luft holens. Hin und wieder jemanden zu Treffen ist auch gut. Dazu muss ich sagen, dass dieser Ort früher für mich wichtiger war als heute – weil ich mir so einen Ort inzwischen bei mir zu Hause schaffen konnte. 1987, als ich nach Brüssel kam hatte ich das nicht zu Hause.

Wo fühlst Du Dich zu Hause?
KR: Dort wo mich nichts belastet. Das ist weder Österreich noch Belgien. Das ist keine Kirche, keine Synagoge, keine Moschée. Das ist auch kein Fussballstadium oder Menschenmenge.

 

BIO

Kurt Ryslavy ist Österreicher und lebt seit 1987 in Brüssel, der Heimat des Surrealismus. Die Originalität seines Ansatzes liegt darin, dass er seine künstlerische Tätigkeit mit einer trockenen geschäftlichen Tätigkeit verbindet. Er interessiert sich für Philosophie, Literatur und Kunst (er schätzt Montaigne, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Paul Feyerabend, u. a.) und widmet sich seit 1991 dem Handel mit österreichischem Wein (um nicht an der Akademie der Schönen Künste unterrichten zu müssen), mehr aus Leidenschaft für die philosophischen als für die technischen Aspekte des Weins. Er ist dennoch Mitglied der Königlich-Flämischen Akademie Belgiens für Wissenschaft und Kunst.